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Wo sind die ganzen schwulen, muslimischen Punk-Bands hin?

Ist Taqwacore in den USA wirklich eine Musikrichtung oder nur die Erfindung eines Autors?
Jamie Clifton
London, GB
22.7.12

Der Roman Taqwacore vom zum Islam konvertierten Michael Muhammad Knight erzählt die Geschichte eines muslimischen Punk-Hauses in Buffalo, NY. Die Shi'a-Skinheads, Burka tragenden Riot Grrrls, offen schwulen Muslime und sudanesischen Rudeboys, die diesen Ort ihr Heim nennen, interpretieren die Lehren des Koran so, dass in einer Punk-Band zu spielen und sich bis zur Besinnungslosigkeit abzuschießen, die beste Art ist, Allah zu huldigen. Ein Auszug lautet zum Beispiel: „Du kannst einen Hadith finden, in dem steht, dass Mohammed Kiefernzapfen als Dildos benutzt hat.“

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SCHOCKIERENDE MELDUNG: Überraschend wenigen Imamen gefiel Knights Geschichte und das Buch wurde weitgehend zensiert und boykottiert, was es natürlich nur noch populärer machte. (Ernsthaft, wann lernen die Leute endlich, dass sie sich mit Boykottaktionen nur in den eigenen Schwanz schießen?) Die Kontroverse verlieh auch einer real existierenden Islamo-Punk-Subkultur quer durch die USA enormen Auftrieb. Faule Journalisten fingen bald an, jede muslimische Punk-Band in die „Taqwacore“-Schublade zu stecken, wovon viele Menschen schnell ziemlich angepisst waren. Inmitten des ganzen Hypes drehte der Regisseur Omar Majeed eine unglaubliche Dokumentation über die Szene, Eyad Zahra verstümmelte den Roman ganz hervorragend in eine lange Episode von Skins und Fotograf Kim Badawi veröffentliche einen Bildband mit Tour-Fotos—dann verschwand die Kultur scheinbar wieder von der Bildfläche.

So viele Frage blieben unbeantwortet. Wo sind all die Bands hin? Wie sehr gleicht die Szene dem Roman? Was ist der Unterschied zwischen Taqwacore und Islamo-Punk? Wer denkt sich die Genrebezeichnungen wie Islamo-Punk aus? Ich habe mit Kim Badawi gesprochen, um mehr über die Szene und seine Fotos herauszufinden.

VICE: Erklärt mir mal bitte eine Sache: War Taqwacore ein Buch, das zu einer Subkultur wurde, oder eine Subkultur, die zu einem Buch wurde?
Kim Badawi: Na ja, ein bisschen von beidem. Michael Muhammad Knight hat den Begriff definitiv geprägt und den muslimischen Punks, die es damals schon gab, ein Banner gegeben, unter dem sie sich zusammenrotten können. Aber eigentlich waren viele der Leute, die bei den frühen Taqwacore-Shows dabei waren, ganz einfach typisch amerikanische Kids—mit Eltern, die aus vornehmlich muslimischen Ländern immigriert waren—, die eben Punk, Ska, Reggae und Rock liebten.

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Woher kommt es denn, dass Punk-Bands, die ganz muslimisch waren, als „Taqwacore“ gelabelt wurden? Sie haben doch nicht plötzlich alle angefangen, sich selbst als Taqwacore zu bezeichnen, oder?
Nein, auf gar keinen Fall. Ich schätze, es war viel zu verwirrend für die meisten Medien. Sie haben es einfach vorgezogen, die ganze Szene nach einem Roman eines muslimischen Konvertiten zu benennen, der letztlich dann doch einen echten Zusammenhalt unter muslimisch-amerikanischen Jugendlichen inspirierte. In gewisser Weise hat er die Leute motiviert, dass sie sich selbst Taqwacore nennen, aber amerikanisch-muslimische Punk-Bands, wie Fearless Iranians From Hell, gibt es schon seit den 80ern.

Ich wette, diese Jungs hatten genial Band-T-Shirts. Wann hat sich die erste Band selbst Taqwacore genannt?
Definitiv erst nach dem Buch. Vote Hezbollah war an sich der erste Taqwacore-Künstler. Seine Musik war Punk, weil sie vielleicht um zwei oder drei Akkorde kreiste. Aber sie hatte auch einen guten Garage-Anteil, weil er alles in seinem Elternhaus aufnahm.

Warum war das Taqwacore? War es mehr als einfach nur ein muslimischer Typ, der Punk machte?
Er hat sich selbst Taqwacore genannt, ganz einfach. Aber das Genre ist nicht einfach nur Punk—es gibt auch Einflüsse aus dem Hip-Hop oder Techno. Auch Bollywood und nordafrikanische Musik spielen eine Rollen; eigentlich alles.

OK, OK. Also, Taqwacore ist also eher ein Sammelbegriff als ein bestimmtes Genre?
Ja. Der Begriff Taqwacore kommt von „taqwa“, ein islamisches Konzept, das die Furcht vor und die Liebe zu Allah ausdrückt, und eben Hardcore, wie in Hardcore-Punk. Der Begriff beinhaltet also irgendwie die Anerkennung des Islams, aber gleichzeitig werden auch die traditionellen Ansichten zurückgewiesen und der Wunsch ausgedrückt, nach eigener Interpretation des Korans zu leben. Viele Bands haben sich selbst also Taqwacore genannt, um zu zeigen, dass sie sich so fühlen.

Wie ähnlich ist die Taqwacore-Interpretation des Islams zu dem des Buches? Glaubt irgendjemand, dass Gras-Rauchen im Islam erlaubt ist, weil es im Koran steht?
Ich meine, ich weiß nicht, ob all diese Kids da draußen ihre eigene Interpretation des Islams haben, aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass keiner wegen Wissenslücken oder einer persönlichen Neuinterpretierung des Islams verurteilt wird. Egal, wie anders die auch sein mag. Deswegen ist Taqwacore mehr als nur eine Subkultur, es ist eine Gemeinschaft und ein sicherer Ort der Diskussion und des Gedankenaustausches.

OK. Wann hat die Szene begonnen, nach Punk auszusehen?
Wenn wir von Punk im Sinne von Aussehen reden, dann meinst du vielleicht Basim Usmani, den Sänger von The Kominas. Der kam eigentlich eher aus der Goth-Szene, fing aber etwa 2005 an, bei Punk-Shows in Cambridge und Boston einen Iro zu tragen.

Interpretieren manche Anhänger die traditionelle islamische Kleidung neu, damit sie zu Taqwacore passt?
Ja. Also ich glaube, dass es das Recht eines Künstlers ist, eine Assemblage kultureller Referenzen zu erstellen, um sich davon inspirieren zu lassen. Wenn du noch bedenkst, dass die meisten Künstler aus gemischten Verhältnissen kamen, ist die Verschmelzung von Stilen und Verhaltensweisen zu erwarten. Es gibt also definitiv eine Schnittmenge zwischen einem bestimmten Punk-Look und ein paar nahöstlichen Kleidungsstücken, die mit Symbolen von Rebellion und Kampf zusammenhängen.

Zum Beispiel?
Na ja, die Kufiya wird im Westen als Palästinensertuch betrachtet. Das schwarz-weiße Muster bedeutet aber, dass es mit den Beduinen zusammenhängt, die sich zu keinem Staat zugehörig fühlen, was ja schon ziemlich Punk ist. Auch die Jalabiya, der Tschador, die Burka, der Hidschab und das Kopftuch—weibliche Gewänder aus verschiedenen muslimischen Ländern—könnten alle als ein Ausdruck des Kampfes und der Rebellion betrachtet werden, von der ich rede.

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Wäre es nicht eher eine Rebellion, wenn die Leute in diesen Ländern aufhören würden, diese Gewänder zu tragen? Hat Taqwacore muslimische Frauen dazu animiert, das zu tun?
Wie bei jedem Trend macht ein Verbot das ganze nur zu interessant. Es ist nachgewiesen, dass das Verbot von Taqwacore-Musik oder -Literatur in einigen Fällen genug war, um die Leute dazu anzustiften zu rebellieren. Das Kopftuch abzunehmen, ist eine der Methoden, wie sie das gemacht haben.

Wo war das?
In Sugarland, Texas, wurde das Buch an einer islamischen Mädchenschule verboten. Das hat es natürlich für die Schülerinnen noch interessanter gemacht. Einige von ihnen haben deswegen auf irgendeine Art rebelliert. Viele haben auch ihr Kopftuch abgelegt.

Cool. Als letzte Frage: Warum wird nicht mehr von euch berichtet? Haben sich alle Bands aufgelöst, oder was?
Nein, aber du weißt doch, wie das ist: Die Medien spielen eine Sache hoch und dann ist sie überall. Anschließend vergessen sie alles komplett, aber die Mehrheit der Bands gibt es immer noch. Sie touren auch immer noch.

Glaubst du, dass Taqwacore weiterhin die Welt erobern wird?
Definitiv.