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Noisey Blog

#JeSuisAxel—Bushido macht wieder (ein) Stress ohne Grund

Same Shit, Different Day.
5.6.15

Am Mittwoch entschied ein Gericht, dass Bushidos skandalöser Rundumschlag „Stress ohne Grund“ zu Unrecht auf dem Index stand, da sich die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien damals nicht ausreichend damit beschäftigt hatte, ob das, was Bushido macht, Kunst ist. Ein Grund für die schnelle Stressreaktion des BPjM waren vermutlich auch die Ziele seines Disses: Politiker.

Ob Bushido nun gleich wieder auf dem Index landet, steht noch in den Sternen. Denn auf dem heute erschienenen Album seines Kumpels Ali Bumaye hat Bushido wieder ein paar Lines ausgepackt, die mindestens so viel Stress machen, wie jene auf NWA, dem damals indizierten Album von Shindy. Die Situation ist also ähnlich, same shit, different day, könnte man sagen. So auch der Titel des neuen Stressmachers, auf dem außerdem Shindy vertreten ist: „Same Shit, Different Day“. Zur Zielscheibe wird diesmal allerdings jemand anderes. Auf Fette Unterhaltung rappt Bushido:

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„Rest in Peace, Springer
Denn ich weiß jetzt, wie man bastelt
Am 5. Juni schreit ihr alle ,Je suis Axel’
Und trotzdem wünsche ich kein Beileid
Es lebe Deutschland und die künstlerische Freiheit“

Ein kurzer Rückblick: Anfang des Jahres erschien Bushidos letztes Album Carlo Cokxx Nutten 3, auf dem er unter anderem BILD-Chefredakteur Kai Diekmann disste, dessen Blatt nicht nur einmal einen unangebrachten Artikel über den Rapper veröffentlichte. Kai Diekmann reagierte, aus bisher nicht erklärbaren Gründen, mit einem eigenen Disstrack, den Noisey kurz darauf leakte. Bushido reagierte gelassen beziehungsweise gar nicht—bis jetzt.

Das ist die eine Sache. Aber wie immer gibt es bei Bushido noch diese andere Sache: Kurz zuvor hatte er im Zuge seiner CCN3-Promophase ein Foto auf Instagram gepostet, auf dem er einen Paris-Pullover trug und das Bild mit der Ansage „Bald gehts wieder rund… #ccn3kommtundzerficktsoeinige“ versehen hatte—kurz nach dem grausamen Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo. Eine Provokation, die er erst leugnete, dann aber mit den Worten „Ich wollte einfach mal wieder Stress machen“ zugab. Sein neuer Part auf „SSDD“ ist seine Reaktion auf diese zwei Ereignisse. Wäre Letzteres nicht passiert, der Beigeschmack, den seine Lines jetzt haben, wäre bestimmt etwas weniger bitter.

Die großen, empörten Reaktionen auf den Track blieben bisher aus, sind aber genau wie Bushidos Provokationen eigentlich schon vorprogrammiert. Ein Großteil wird sich wahrscheinlich aufregen, Bushidos Pietätlosigkeit verurteilen, ihm Geschmacklosigkeit attestieren, und eine Strafe fordern. Dieser Großteil wird in erster Linie die Medienöffentlichkeit oder Politik sein, zufälligerweise Bushidos neue Spielwiese. Auf seiner alten Spielwiese—die Rapgemeinde—werden die meisten mit dem Kopf schütteln und sich denken „Ach Bushido, er will doch nur provozieren“, gefolgt von einem kurzen Unwohlsein, das schnell zu einem Schulterzucken wird.

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Eben das ist der Grund dafür, dass Bushido sich überhaupt eine neue Spielwiese gesucht hat. Auf der alten haben die Leute nicht etwa weniger Mitgefühl oder sind härter im Nehmen, wenn es um geschmacklose Anspielungen gibt. Bushido hat diese Wiese einfach schon durchgespielt. Man kennt ihn, Provokationen ziehen nicht mehr so. Hier gilt: Same shit, different day. Auf der neuen Spielwiese dagegen könnte er noch Spielraum haben, da die Wiese aber größer ist, muss lauter geschrien werden.

Während man sich bei seiner „Je suis Axel“-Line natürlich die gewohnte Schwarzer Humor-Frage stellen kann—„Zu früh?“—, sollte man sich aber auch fragen, was hier eigentlich impliziert wird. Natürlich läuft Bushido heute, am 5. Juni, nicht im Springer Verlagshaus ein, um um sich zu schießen, vermutlich (und hoffentlich) wünscht Bushido dem Axel Springer-Verlag und seinen Angestellten auch nur den wirtschaftlichen Tod und eigentlich sollte die BPjM genau wegen dieser metaphorischen Ebene die Lines eher als Kunst bewerten als die Zeile „Ich schieß auf Claudia Roth und sie kriegt Löcher wie ein Golfplatz“. Allerdings bedient sich Bushido hier eines Attentats, das den Tod vieler Menschen nach sich zog, die Pressefreiheit schändete und weltweit Hass schürte. Es ist eine Grenze, die er noch nie überschritten hat, und die sicher in den meisten ein mulmiges Gefühl hervorruft.

Gleichzeitig ist es eine Grenze, die er gerade jetzt bewusst überschreitet. Nachdem er bei dem Paris-Pullover scheinbar noch verwirrt von den heftigen Reaktionen war und zurückruderte, weiß er jetzt, was ihm blühen wird und überschreitet sie absichtlich. Schließlich ist die Spielwiese größer und das Ziel weiter weg. Sein Schießstand ist immer noch die Rap-Musik, die Zielscheiben auf der anderen Seite sind Springer und Kai Diekmann. Dass dabei auch die Opfer von Charlie Hebdo getroffen werden, wird wohl als Kollateralschaden verbucht.

Auch dass sein Kollege Ali, der diese Lines auf seinem Album hostet, nicht begeistert ist, liegt sicherlich nicht nur daran, dass er noch auf der anderen Seite steht. Als Ali uns vor ein paar Wochen sein Album vorspielte, sagte er zu „Same Shit, Different Day“: „Ich finde es ein bisschen viel, aber ist sein Bier. Er meinte nur: ‚Ist der Ruf erstmal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert‘.“ Eine Tatsache, die sich Bushido zwar selbst zu verschulden hat, die von Springer aber gern untermauert wird. Kai Diekmann, der offenbar genug Zeit hat, um den ganzen Tag lang auf Twitter den Fler raushängen zu lassen, hat bereits mit einem gelassenen Tweet reagiert. So wird es wohl immer weitergehen; vielleicht ist der Tag sogar schon gekommen, an dem die Provokationen nicht mal mehr die Medienöffentlichkeit stören. Dann heißt es wirklich: Same shit, different day.

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