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Wie Flying Lotus und Co. den Leuten Jazz näher bringen

Das Label Brainfeeder macht Jazz für Leute interessant, die sonst keinen Jazz hören—ein unerreichbarer Traum für die meisten Jazz-Labels. Wie kam es dazu?

von Natalie Weiner
06 August 2015, 2:40pm

Du hörst dir ein Jazzalbum an. Da ist das hektische, leicht unregelmäßige Schlagzeug, das weiche Surren des Kontrabasses, virtuose Akkordfolgen auf einem unsichtbaren Steinway und alles wird von dem bekannten Summen eines Tenorsaxophons durchzogen. Die Melodie, die sich bewusst von den altbekannten Standards des Genres abgrenzt, könnte auch einfach als neue Komposition durchgehen. Das ist sie aber nicht. Es ist eine Akustikversion von „Never Catch Me“, der ersten Single von Flying Lotus’ 2014er Album You’re Dead!, bei der auch Kendrick Lamar dabei ist. Der Schlagzeuger Kendrick Scott hat diesen genreübergreifenden Song als einzige Coverversion für sein kommendes Album We Are The Drum ausgewählt, das im September auf dem legendären Jazz-Label Blue Note erscheinen wird. „Es ist eine Bearbeitung von Lamars Rap, es orientiert sich an dem Flow und dem Rhythmus“, sagt Scott im Pressetext zu dem Album. „Raps sind eine Erweiterung von dem, was wir als Schlagzeuger tun ... Eine Art Suche nach einer neuen Form.“

„Wo wird Flying Lotus einfach als Jazz-Künstler angesehen?“, hat ein geplagter Reddit-User kurz nach der Veröffentlichung von You’re Dead! gefragt, das trotz der offensichtlichen Wurzeln im Jazz Fusion (und allgemeinem Lob von den Kritikern), beinahe ganz automatisch bei Jazz-Kritikern selbst keine Beachtung fand, die Flying Lotus als Elektro-Künstler sehen. Für die Reddit-Bevölkerung, die das Thema (natürlich) ausgiebig erörtert hat, war diese Grenze nicht so einfach zu ziehen: Kann man Jazzmusik machen, ohne ein Instrument zu spielen? Improvisiert Flying Lotus? Für jeden Befürworter der Spontanität gab es entsprechende Listen berühmter Jazzkomponisten (Charlie Mingus, Duke Ellington); für jedes scheinbar endgültige Argument ein wirkungsvolles Gegenbeispiel. Unter den Andersdenkenden war User billymcgee, der schlussfolgerte, dass es „jedes Mal ungefähr gleich klingen wird, wenn du ‚Never Catch Me‘ hörst“.

„Das ist eine interessante Frage“, sagt Saxofonist Kamasi Washington, dessen neuestes Album The Epic über Flying Lotus’ Label Brainfeeder veröffentlicht wurde. Das Album hat ihn schnell von einem Geheimtipp der L.A.-Szene zum heißesten neuen Act des Jazz gemacht. „Jazz ist nur ein Begriff. Für mich ist es ein sehr missbrauchter Begriff, weil er entweder zu eng oder zu weit ist. Was ist Jazz? Wenn Jelly Roll Morton Jazz ist und John Coltrane Jazz ist, wie kannst du dann sagen, dass Flying Lotus nicht Jazz ist?“

Aficionados (also Jazz-Anhänger) ergreifen gerne die Chance, neue Mitglieder in den erlesenen Kreis aufzunehmen oder diese auszuschließen. Die Musiker, die sich darin befinden, ignorieren genauso gerne das Label, das mit hundert Jahre altem Ballast ausgestattet ist. „Black American Music“ ist für einen bestimmten Teil des Genres zum bevorzugten Begriff geworden, während andere in der Avantgarde gerne „Contemporary Art Music“ verwenden. Trotzdem hält Jazz sich—als Musik und als Bezeichnung—wahrscheinlich aus dem Grund, den Washington anbringt: „Wenn es nicht Jazz genannt wird, wie würdest du es nennen? Mir fällt kein anderer Begriff ein.“

Die Frage wird durch die Tatsache in den Fokus gerückt, dass Washingtons gefeiertes Album mühelos die oft unüberwindbare Mauer zwischen Jazz und, naja, Nicht-Jazz durchbrochen hat, was zu lobender Berichterstattung seitens derselben Webseiten und Publikationen geführt hat, die neue Singles von Future promoten. Debüt-Alben von Jazzmusikern werden normalerweise auch nicht vom Rolling Stone und von Pitchfork rezensiert. Die Wurzeln von Brainfeeder in der Underground-Beatmusic-Szene von L.A. bedeuten, dass es bereits ein junges und neugieriges Publikum hat, genau wie die Aufmerksamkeit der Presseorgane, die dieses liest. So war das Label, einfacher als es selbst erwartet hat, in der Lage, diesen Einfluss dazu zu nutzen, das Jazzhören wieder cool zu machen.

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Kamasi Washington, Foto von Mike Park mit freundlicher Genehmigung von Kamasi Washington

„Ehrlich gesagt, waren wir nicht vorbereitet“, sagt der Manager von Brainfeeder, Adam Stover. „Wir haben uns um alles gekümmert, aber wir haben eine bestimmte Anzahl Exemplare der Platte gepresst und die Nachfrage hat diese einfach komplett überstiegen. Wir mussten abertausende an CDs nachpressen.“ Zusätzlich zur Verbindung mit Brainfeeder (und natürlich der Musik) hat Washington sich dadurch von seinen Jazz-Kollegen abgehoben, dass er nur ein paar Monate vor der Veröffentlichung von Epic auf Kendrick Lamars Album To Pimp A Butterfly vertreten war. „Das hat es durch die Decke gehen lassen“, sagt Stover über das Timing, von dem er sagt, dass es unbeabsichtigt war. Zum meistdiskutierten Jazzmusiker 2015 zu werden, indem man auf einem der HipHop-Alben des Jahres in Erscheinung tritt, klingt wie ein recht unwahrscheinliches Szenario.

„Meiner Meinung nach lässt es die Industrie aufhorchen“, sagt der Trompeter und Grammy-Gewinner Terence Blanchard (ein weiterer Blue Note-Künstler) über den Erfolg von The Epic. „Die Leute sprechen darüber und er hat es auf Brainfeeder herausgebracht—und nicht auf einem der Majorlabels. Es gibt in diesem Land, auf der Welt, gerade einen großen Paradigmenwechsel. Ich denke, das Album repräsentiert einen großen Teil dieses Wechsels.“ Auch wenn das Album wie aus dem Nichts zu kommen schien (Washington hat als Bandleader bis jetzt kaum außerhalb von Los Angeles gespielt), ist es in Wahrheit die Frucht einer lange bestehenden und komplett eigenen musikalischen Community, die durch die Welten von HipHop, elektronischer Musik und Jazz verwoben ist—es brauchte einfach ein ähnlich eigenständiges Label, das die Klänge aus dieser Community unter die Leute bringt.

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„Das nächste Album auf Brainfeeder könnte auf den ersten Blick eine Art Richtungswechsel für das Label sein“, heißt es im Promomaterial zu Austin Peraltas Album Endless Planets von 2011, „aber nichts könnte entfernter von der Wahrheit sein.“ Peralta, ein 21-jähriges Ausnahmetalent, das bereits zwei Alben mit Jazz Standards auf Sony Music Japan veröffentlicht hatte, war der Mann, der laut Flying Lotus (aka Steven Ellison) verantwortlich war für „Brainfeeders Einführung in eine recht gradlinige Jazzband“. Aber Brainfeeder hat sich fast direkt mit seiner Gründung 2008 der Jazzwelt angenähert—eine Bewegung, die diejenigen, die Flying Lotus’ Background kennen, vielleicht lange vorhergesagt haben.

Der Großneffe von Alice Coltrane—ja, John Coltranes zweiter Frau, die selbst als innovative Musikerin bekannt war—sagt, er hat „von jungen Jahren an viel von diesen Sachen mitbekommen, neu und alt. Ich hatte immer viel Respekt für diesen Sound.“ Seine Familie hat das John Coltrane-Jazz-Festival in L.A. gesponsert, bei dem, wie er sich erinnert, „Thundercat (aka Stephen Bruner, Ronald (Bruner, Stephens Bruder) und Kamasi sogar gespielt haben, als sie Teenager waren. Wir kannten uns damals noch nicht.“ (Das war 1999 und die Gruppe, als Kamasi Washington and the Young Jazz Giants bekannt, hat in jenem Jahr den Wettbewerb gewonnen.)

Ellisons drittes Studioalbum, Cosmogramma, erschien 2010—nicht lange nachdem er und Bruner sich endlich getroffen hatten. „Das war im Prinzip, als die Dinge, was Jazz und FlyLo angeht, offensichtlich wurden“, sagt Stover über das Album, auf dem Thundercat, Ellisons Cousin Ravi Coltrane und Thom Yorke sowie weitere vertreten sind.

„Als ich anfing, mit Leuten wie Thundercat und Kamasi rumzuhängen, hatte ich das Gefühl, selbstbewusster zu werden, um [Jazz] zu verfolgen“, sagt Ellison. Trotz seiner genetischen Verbindungen zu der Jazz-Szene von L.A. hat es den Produzenten überrascht, als er vom der lange bestehenden Community der Stadt aus erster Hand erfahren hat. „Ich dachte nur: ‚Wie kann das passieren? Diese Leute sind so jung und sind so verdammt gut“, sagt er. „Niemand weiß davon, jeder beschwert sich darüber, wie schlecht Jazz ist und dann spielen diese Jungs jeden Mittwoch in der Piano Bar, dieser kleinen Bar mitten in L.A., und zerlegen einfach alles. Wie können wir dieses Zeug nicht kennen?“

Er war nicht der einzige, der die kleine, aber engagierte Gruppe Musiker übersehen hatte. „Meine Beziehung zu der [größeren Jazz-Szene] war eine anonyme Beziehung—es ist fast, als hätten sie keine Idee gehabt, was wir selbst machen“, sagt Washington.

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Thundercat, Foto mit freundlicher Genehmigung von Thundercat.

„L.A. steht nicht so im Rampenlicht, obwohl es natürlich einige Leute aus L.A. gibt, die über die Jahre groß geworden sind“, fügt Stover hinzu und spielt damit auf Jazz-Ikonen wie Dexter Gordon, Charlie Mingus, Roy Ayers und Billy Higgins an. „Größtenteils hatten sie die totale Freiheit, zu machen, was sie wollten, und das ist auch irgendwie der Ethos beim Label. Es gibt diese Freiheit und niemand hatte die Erwartung, dass du diesen großen Namen aus der Geschichte gerecht werden musst. Du kannst einfach zehn Freunde in einen Raum packen, die alle wissen, wie man richtig gut spielt, und sie werden einfach diese frische Sachen raushauen.“

The West Coast Get Down, wie die ehemaligen Piano Bar-Musiker heißen, spielen schon seit der High School zusammen—auch wenn sie in dieser Zeit einen viel zweckmäßigeren Namen trugen: Reggie Andrews’ Multi-School Jazz Band. Die Band (ein außerschulisches Programm für die damaligen Schüler) bestand neben Washington und den beiden Bruners aus Bassist Miles Mosley, Schlagzeuger Tony Austin, Keyboarder Brendon Coleman, Pianist Cameron Graves und Posaunist Ryan Porter und setzte die musikalischen Beziehungen fort, die begannen, als viele von ihnen zusammen in South Central L.A. aufgewachsen sind.

i-D: L.A. – Stadt der Träume oder der gebrochenen Versprechen?

„Ich hatte Glück, dass ich mit viel [Jazz] um mich herum aufgewachsen bin“, sagt Stephen. „Nicht auf abgedroschene Weise, bei der jemand von oben herab sagt: ‚Du hast keine Ahnung davon, du junger Bastard! Das ist Roy Ayers!‘ Wir haben vier oder fünf Songs von Gerald Wilson gelernt, die wir jedes Jahr mit Reggie Andrews beim Playboy Jazz Festival gespielt haben—[wir waren Teil] dieser ganzen Institution. Es war einfach einzigartig. Ich fühle mich beinahe gesegnet und verwöhnt, sagen zu können, dass ich aus dieser Art von Familie abstamme.“

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The West Coast Get Down, Foto von Mike Park mit freundlicher Genehmigung von Kamasi Washington

Viele Mitglieder der West Coast Get Down haben ihr Geld in L.A.s großer Studioszene verdient, aber sie haben ihre regelmäßigen Auftritte in der Piano Bar trotzdem beibehalten und so eine Veranstaltungsreihe erschaffen, die als eines der führenden Musik-Events der Stadt bekannt wurde (ein Verkäufer bei Amoeba Records sagte der Verfasserin dieser Zeilen während eines Aufenthalts in L.A. sogar, unbedingt dort vorbeizuschauen). „Wir haben immer vor Zuschauern gespielt, die sich selbst nicht als Jazz-Fans bezeichnet hätten“, sagt Washington über die Abende. „Manchmal haben sie gar nicht gemerkt, dass wir Jazz spielen. Es gefiel ihnen einfach. Die Leute kamen nach vorne und haben gefragt: ‚Was ist das für Musik? Ich sehe einen Kontrabass—ist das Jazz?‘“

Kurz nachdem sie sich getroffen haben, hat Ellison Kamasi gefragt, ob er eine Platte für Brainfeeder machen wolle. „Ich hatte vorher noch nie versucht, mit jemandem darüber zu sprechen, ein Album auf einem Label zu machen“, sagt er. „Als sie mich das erste Mal gefragt haben, ob ich ein Album für Brainfeeder machen wolle, habe ich [Ellison] gefragt: ‚Was für ein Album soll ich machen?‘ Er hat mir keinerlei Vorgaben gegeben—er hat nur gesagt: ‚Was auch immer du machen willst.‘“

„Ich habe Kamasi gesagt“, so Ellison: „Mach einfach ganz das, was du machst. Gib dein Statement ab, mach das, was nur du machen kannst. Mach, was auch immer du willst.“ Kamasi sagte Stover, dass es ein bisschen dauern könne, bis er die Platte fertig hat. Das war 2010.

Ungefähr zur gleichen Zeit hat Ellison durch den Audio-Visual-Künstler Strangeloop Austin Peralta getroffen (der für das hypnotische Bühnen-Setup von FlyLo verantwortlich ist): „Ich brachte [Peralta] mit und er kannte Thundercat bereits“, sagt Ellison. „Ich dachte: ‚Oh, das ergibt Sinn. Jeder hat irgendwie eine Geschichte.‘“

„[Austin] hat diese Platte abgeliefert, die straighter Piano-Jazz war, und sagte: „Ich will das rausbringen“, erinnert sich Stover. „[Steve] Ellison sagte nur: ‚Ich liebe es, lasst uns das machen.‘ Und als jemand, der größtenteils nur elektronische Musik herausgebracht hat, habe ich gesagt: ‚Was werden wir damit machen?‘ Ich war ein bisschen perplex, weil es so ein anderes Genre war.“ Das Album, ein suchendes, atmosphärisches Stück, hat Peraltas Können gezeigt, ohne sich zu sehr darauf zu stützen. „Ich denke, das ist, was [Jazz] braucht“, hat Peralta 2011 LA Record gesagt. „Jazz kann so spießig sein und das Publikum so aufgeblasen, dass es diese Art von Rezeption braucht, es braucht diese Art von Publikum, es braucht diese Art von Energie. Wer sagt, dass Punkrock härter ist als Jazz? Das stimmt nicht.“

Er wurde schnell ein fester Bestandteil des Brainfeeder-Kollektivs und hat zum Thundercat-Debüt The Golden Age of Apocalypse und zum 2012er Album Until The Quiet Comes von Flying Lotus beigetragen. Falls irgendjemand bei Brainfeeder Zweifel daran hatte, sich dem Begriff Jazz anzunehmen, haben Peraltas Virtuosität und Erfolg sie in Luft aufgelöst. „Ich bin Jazz-Musiker“, hat Bruner kurz nach der Veröffentlichung seines Albums gegenüber Passion of the Weiss gesagt. „Ich komme aus der Improvisation“. „Das ist ein Schritt in die Richtung, in die ich Brainfeeder gerne gehen sehen würde“, sagte Ellison damals über Peraltas Verbindung zum Label. Der Pianist starb unerwartet Ende 2012—er war erst 22 Jahre alt.

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„Ich sehe es als Jazz-Platte“, sagt Flying Lotus über You’re Dead!—das Album, das sich die einzigartige Auszeichnung erarbeitet hat, dass fast alle Rezensenten das Wort Jazz benutzt haben, ohne dass es wirklich als Teil dieses Genres angesehen wurde.

Es war von Ellisons Seite eine bewusste Entscheidung: eine Reaktion auf den Konservatismus der Jazzwelt. Über die meiste Musik, die heute veröffentlicht wird, sagt der Produzent: „Es klingt cool, aber ich weiß nicht, was es ist. Es gibt nicht viel Individualität und Vielfalt bei den Klängen. Es ist perfekt. Jeder hat 50.000 Takes gemacht, um nur den einen zu nutzen, der perfekt klingt.“

„Es ist fast, als hätte [Jazz] sich nach einer Zeit selbst isoliert“, fügt Bruner hinzu, dessen Musik ebenfalls oft die Grenze zwischen Jazz und Pop übertreten hat. „Ich wurde von ein paar von meinen Freunden als elitär bezeichnet.“

„Aber mehr noch habe ich das Gefühl, dass es eine Trennung oder einen Riss gab“, schlussfolgert er.

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Flying Lotus, Foto mit freundlicher Genehmigung von Flying Lotus

Auf den ersten Blick ergibt die allgemeine Abneigung, Flying Lotus als Jazz-Künstler zu bezeichnen, Sinn. Denn letztendlich sagt nur wenig an dem öffentlichen Image von Flying Lotus (außer vielleicht seine Familie) „Jazz-Musiker“. Während Jazz traditionell akustische Instrumente in gemütlichen Clubs und immer öfter auf den gehobenen Bühnen der Musikinstitutionen dieser Welt bedeutet, wird Lotus’ Musik meistens als Inspiration für eine erdbebenartige Dance-Party erlebt (bei der nie ein Steinway-Flügel in Sicht ist). Wenn du den Bass nicht bis ins Mark spürst, dann machst du es falsch. Trotzdem ist es, zumindest im Geiste, eine würdige Fortführung und ein erfrischender Energieschub des Erbes von Jazz als Grenzen sprengendes Genre.

Herbie Hancock, legendärer Teil dieses Erbes, hat sich durch Flying Lotus’ Wahl des Auftrittsortes (oder der Subwoofer) nicht abschrecken lassen. Der Jazzpianist und Komponist war nicht nur bei beim zweiten Miles Davis Quintet dabei, sondern hat auch ein paar der beliebtesten Standards des Genres erschaffen. Ellison wurde Hancock (laut dem Jazz Giganten selbst) mehrere Male als einer der „jungen Leute, mit denen es interessant wäre zu arbeiten“ empfohlen, also hat er Ellison und Bruner in sein Studio eingeladen. Die Kollaboration hat letztendlich zu den Tracks „Tesla“, den Ellison als „den Funken des Albums“ bezeichnet hat, und „Moment of Hesitation“ auf dem Album You’re Dead! geführt. Hancock hat danach angeblich über seine neuen musikalischen Partner gesagt: „Wenn Miles heute noch leben würde, dann würde er mit euch Jungs rumhängen.“

Währenddessen wurde am anderen Ende der Stadt, im Studio eines anderen musikalischen Titanen, eine weitere vom Jazz beeinflusste Platte aufgenommen: To Pimp A Butterfly. Die Gemeinsamkeiten, was das mitwirkende Personal der Platten angeht, sind bemerkenswert—neben Flying Lotus, Thundercat und Kamasi sind auf beiden Alben Snoop Dogg und Kendrick Lamar dabei.

„Ich habe beinahe zur gleichen Zeit am Album von Kendrick und Lotus gearbeitet“, so Bruner gegenüber Billboard. „Thunder [Bruner] hat fast zwei Jahre an [TPAB] gearbeitet“, fügt Stover hinzu. „Ich habe noch Demos auf meinem Computer, die der Kern dieser Tracks sind, bevor sie zu dem wurden, was sie sind, weil sie von älteren Demos sind, die Thunder gemacht hatte.“ Bruners Cousin Terrace Martin war ebenso entscheidend für die Platte. Dieser ist ausgebildeter Jazzmusiker, der in der West Coast Get Down Crew seine Erfahrungen gesammelt und sich einen Namen als HipHop-Produzent für Künstler wie Wiz Khalifa und Snoop Dogg gemacht hat (er hat auch die neueste Single von YG produziert, ein eigenwilliges Tribut an G-Funk). Martin wird bei fast jedem Track auf TPAB in den Credits aufgeführt.

Lamars Entscheidung, sich für sein Album Jazzmusiker ins Boot zu holen (auch die Helden der Jazz-Szene Robert Glasper und Ambrose Akinmusire tauchen auf), hat ihn an die Spitze einer kleinen Jazz/HipHop-Bewegung gebracht. Weniger als einen Monat nach der Veröffentlichung von Kendricks Album hat Tyler, the Creator (ebenfalls aus L.A.) Cherry Bomb veröffentlicht, bei dem Roy Ayers aus L.A. dabei ist. „Ich habe [Ayers] den Song geschickt, auf dem ich ihn dabei haben wollte“, sagte Tyler gegenüber Tavis Smiley, „und er sagte nur: ‚Tyler, diese Wechsel sind so cool, Mann!‘ Zu hören, wie jemand wie er, der das bereits seit Ewigkeiten macht, das anerkennt, was ich mache, war großartig.“ Rap-Legende Ghostface Killah hat zu den von HipHop beeinflussten Klängen des jungen Jazz-Trios BadBadNotGood auf ihrem aktuellen Album Sour Soul einige seiner Reime beigesteuert. Und Chance the Rapper hat mit dem Kollektiv Donnie Trumpet & the Social Experiment für deren neueste Veröffentlichung Surf einen Schritt aus dem Rampenlicht gemacht—einem Projekt, das nicht so eindeutig Jazz ist wie ein Solo von Herbie Hancock, aber das definitiv von den Empfindungen des Genres beeinflusst wurde.

VICE: L.A. ist ein Paradies—und die Hölle

Davon ist natürlich nichts wirklich neu. HipHop hat beinahe seit dem ersten Tag Jazz gesampelt und seit den Zeiten von Run-D.M.C. Live-Bands benutzt. Washington, Martin und Bruner waren alle in Snoops Tour-Band dabei (Bruner erinnert sich, dass dieser ihn einmal gefragt hat: „Mann, du musst diese ganzen Noten spielen?“). Miles Davis’ letzte Platte, das „Jazz-Rap“-Album Doo-Bop, wurde von Easy Mo Bee produziert, demselben Mann, der bei „Party and Bullshit“ hinter dem Mischpult saß.

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Foto von Mike Park, mit freundlicher Genehmigung von Kamasi Washington

Kamasi Washingtons The Epic ist weder HipHop noch Jazz-Rap. Es ist Jazz—mitreißender, kompromissloser Jazz in der Tradition von hochkonzeptionellen Bandleadern wie Sun-Ra. Der Name „The Epic“ ist auch kein Euphemismus: Das Projekt erstreckt sich über drei CDs und ist 173 erbarmungslose Minuten lang. „Die erste Chance hat er ergriffen, indem er so viel Musik veröffentlich hat“, sagt Terence Blanchard. „Ich weiß, dass einige Leute wahrscheinlich versucht haben, ihm das auszureden.“ Washington selbst hat gesagt, dass er nicht denkt „dass es veröffentlicht worden wäre“, wenn es Brainfeeder nicht gegeben hätte. „Schon aufgrund des Umfangs und der Argumentation, warum ich es veröffentlichen wollte.“

Auf einer bestimmten Ebene wäre die Abneigung eines Labels, ein Dreifach-Album von einem außerhalb L.A.s nahezu unbekannten Künstler—einem Jazz-Künstler—zu veröffentlichen, verständlich (wie Robert Glasper es einmal ausdrückte: „Ich muss mich jedes Mal mit Louis Armstrong messen, wenn ich in den Charts bin“). Aber indem Brainfeeder sich dem widersetzt hat, hat das Label den Jackpot geknackt.

„Du machst Musik, weil du denkst, dass sie cool ist—jeder, der dir sagt, dass er weiß, wie etwas aufgenommen werden wird, lügt dich an“, sagt Washington. „Ich könnte dir sagen, dass ich es für cool hielt. Aber ich hätte dir nicht sagen können, dass ich gedacht habe, dass es so aufgenommen werden würde.“

„Ich war überrascht, wie gut Kamasis Platte ankam und wie sehr sie es noch immer tut“, sagt Ellison. „Ich wusste nicht, ob die Leute sich davon angesprochen fühlen werden.“ Brainfeeders Status als Geschmäcker prägendes Label hat allerdings fast sicher zu dem unerwarteten Erfolg der Platte beigetragen. „Ich denke, meine Fans erwarten irgendwie so etwas wie [The Epic] von mir“, sagt er. „Da ich diese Jazz-Sache in meiner eigenen Musik etabliert habe, hat es ein wenig den Ton für mögliche Veröffentlichungen bestimmt.“

Brainfeeder bringt Jazz zu Leuten, die keinen Jazz hören—ein unerreichbarer Traum für die meisten Jazz-Labels. „Es findet den Weg in die Ohren vieler Leute, die es sich gar nicht angeschaut hätten, wenn es nicht in diesem Kontext passieren würde und diese Art von Begeisterung aufgebaut hätte“, sagt Stover. Jazz ist ein Genre, das schnell unter dem Gewicht seines beeindruckenden Erbes erdrückt wird, mit unzähligen Namen voller Geschichten und einer allgemeinen Atmosphäre der Ernsthaftigkeit, die Neulinge einschüchtern kann. Künstler wie Thundercat, Flying Lotus und Kamasi Washington verändern das Ganze mit ihrem unprätentiösen Ansatz, mit dem sie Jazz aus dem Elfenbeinturm holen und damit die Reichweite ihrer Musik erhöhen.

„Ich habe durch das Musikmachen zwei Pässe [mit Stempeln] gefüllt“, fügt Kamasi hinzu, der kurz vor seiner ersten Tour als Bandleader ist. „Aber irgendwie hat meine eigene Musik meine Heimatstadt nie wirklich verlassen.“ Das ändert sich gerade.

„Dieser Mann fliegt jetzt nicht mehr um die Welt, um die Musik anderer Leute zu spielen, sondern er fliegt um die Welt, um seine eigene Musik zu spielen“, sagt Ellison über Kamasi. „Das ist der Grund für mich, dieses Label zu machen. Das ist, warum ich es machen will, um Dinge wie diese passieren zu sehen.“ Aber es kommt noch mehr. „Diese Leute, die seit ungefähr 15 Jahren zusammen spielen, sie haben jetzt ein Zuhause“, sagt Ellison über die Zukunft von Brainfeeder im Jazz.

Was mit Kamasis Platte passiert ist, würde ich auch gerne bei vielen anderen Platten sehen, die wir beobachten“, fügt Stover hinzu, „bei denen unsere Fanbase dazu gefunden hat und es mittlerweile liebt. Sie wollen, dass wir Platten von diesem Kaliber und dieser Art veröffentlichen.“ Die nächste Jazz-Veröffentlichung des Labels? Es ist noch nichts bestätigt aber Ellison sagt, in typisch nonchalanter Weise, dass eine Idee, die herumschwirrt, ist, „Kamasi eine Jazz-Compilation mit all den Homies zusammenstellen zu lassen.“

Der furchtlose Optimismus von Brainfeeder und den vielen Musikern, die sich im Umfeld des Labels bewegen, belebt, so wie Kendrick Lamars Label TDE im HipHop, einen lange verkannten eigenständige Strömung an der Westküste der USA. Wie sonst könnte eine eng verbundene Community, von denen die meisten nicht auf ein Konservatorium gegangen sind und die traditionellen Kennzeichen für Erfolg in diesem Geschäft vermeiden, die (bis jetzt) meistbesprochenen Jazz- und HipHop-Alben des Jahres rausbringen?

„So machen wir das hier einfach“, schlussfolgert Kamasi. „Du gehst zur World Stage und es gibt dort eine Jam-Session mit all diesen Gospel-Musikern und HipHop-Produzenten. Vielleicht ist der einzige Song, den alle kennen, ‚Blue Bossa‘. Aber egal—dann spielen wir ‚Blue Bossa‘. Dreimal. Es wird wie „Gin and Juice" klingen.“

Natalie Weiner ist Autorin und lebt New York. Folgt ihr bei Twitter.