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Interviews

„Rockmusik hat keine Antworten mehr“—Billy Corgan im Interview

Irgendwie ist Billy Corgan, der Frontmann der Smashing Pumpkins, in den letzten 15 Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer Witzfigur verkommen. Zeit, sein Erbe gerade zu rücken.
1.12.14

Alle Fotos @ Scarlet Page

Farin Urlaub verarbeitet in seinem Lied „Sumisu“ seine melancholische Teenie-Zeit: „Immer wenn wir traurig waren—und traurig war'n wir ziemlich oft—gingen wir nach Hause und dann hörten wir The Smiths.“ Was bei Farin aus Spandau in den 80ern The Smiths waren, waren bei den Kids der 90er The Smashing Pumpkins. Die Band um Frontmann Billy Corgan allerdings erweiterte das Spektrum der jugendlichen Gefühle noch um Wut. Das war es, was die bestimmende Musik der Neunziger von Nirvana über Pearl Jam zu den Pumpkins ausmachte: Sie zeigte Gefühle, Angst, Verletzlichkeit, aber sie zeigte auch Wut und zerkloppte Gitarren. Sie nahm Drogen, lebte hedonistisch und zerstörte sich selbst.

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Das Gute an dieser letzten großen Phase der Rockmusik war, dass man noch richtig Geld verdienen konnte, ohne Mainstream- bzw. Popmusik machen zu müssen. Das Schlechte an dieser Phase war, wenn man sie überlebte. Billy Corgan ist in den letzten 15 Jahren zu einer Witzfigur verkommen, über die man sich jederzeit lustig machen kann, wenn einem kein besserer Witz einfällt. (Übrigens ergeht es ihm da ganz ähnlich wie seiner Ex, einer gewissen Courtney Love.) Angefangen hat alles mit dem Release von Adore 1998, dem Flop-Album. Dem Verriss-Album. Dem Billy-Corgan-ist-ein-Idiot-Album. Danach trennte sich die Band. Dann kam das Internet und zerstörte die Musikindustrie. Ach und die Bedeutung der Rockmusik starb auch noch irgendwo zum Ende des Jahrhunderts. Billy Corgan versuchte viel, um sich von den Pumpkins und seiner 30 Millionen verkaufte Platten-Biographie zu emanzipieren, macht Solo-Alben, gründete andere Bands, aber er blieb ein Dinosaurier, der Letzte seiner Art.

Irgendwann wollte er seine Band wiedervereinen—Billy rief die verbliebenden Mitglider der Smashing Pumpkins in zwei Zeitungsannoncen dazu auf, die Band wieder auferstehen zu lassen. Nur Drummer Jimmy Chamberlain sagte zu. Was für eine Blamage. Noch peinlicher war dann das 2007er Album Zeitgeist, das nicht mal mehr gehasst, sondern einfach nur ignoriert wurde. Billy blieb also der viel belächelte Witz—eine Menge abgedrehter Aktionen trugen dazu bei, dass kaum noch jemand an ihn und sein Talent glaubte. Und jetzt? 2014 ist Billy Corgan das letzte verbliebene Gründungsmitglied der Pumpkins und scheint endlich seinen Frieden gefunden zu haben. Sein neues Album Monuments To An Elegy ist vielleicht nicht die Rettung der Gitarrenmusik, aber es ist ein ziemlich gutes Smashing Pumpkins-Album. So gut, dass uralte Zuneigungen wieder erwachen. Nebenbei erntet der Dinosaurier so langsam aber sicher auch die Anerkennung, die ihm als einem der herausragendsten Songwriter und Künstler der 90er Jahre zusteht—man lese nur mal die überall erschienenen Rezensionen zur Re-Issue von Adore.

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Es gibt also viel zu bereden und so kommt nach einer langen Einleitung nun ein langes Gespräch mit dem großen Billy Corgan. Er hat es verdient.

Noisey: Das neue Smashing Pumpkins-Album soll mit dem danach so etwas wie ein Doppelalbum bilden.
Billy Corgan: Ja, das ist die Idee. Weil viele der Songs zur selben Zeit geschrieben wurden. Wir haben einen Satz für Monuments geschrieben und jetzt arbeiten wir an einem etwas anderen Satz. Die Alben gehören zusammen, weil sie gleich entstanden sind. Aber das Ergebnis wird sehr unterschiedlich sein.

Wo sind die Unterschiede?
Das erste Album ist irgendwie fröhlicher, aufregender und spaßiger. Ich glaube, das Zweite wird eher introspektiv, tiefer und vielleicht etwas schöner..?

Warum teilst du sie auf und packst sie auf zwei Alben?
Die einfache Antwort ist, dass ich nicht glaube, dass die Zuhör-Kultur, die wir heute haben, ein Doppelalbum vertragen würde. Die Wahrscheinlichkeit, dass meine Songs gehört werden ist viel höher, wenn ich sie auseinanderreiße und die Songs getrennt voneinander veröffentliche.

Interessant, dass diese Meinung ausgerechnet von dir kommt. Schließlich hast du mit Mellon Collie and the Infinite Sadness das erfolgreichste Doppelalbum der Musikgeschichte veröffentlicht.
Ich weiß nicht, ob es heute noch das Erfolgreichste ist—es war es mal. Aber es ist kürzlich allein in Amerika Diamant gegangen, das bedeutet 10 Millionen verkaufte Kopien.

Haha, ich wusste nicht mal, dass es Diamant gibt!
Ja, es gibt nicht viele Alben, die je den Diamantstatus erreicht haben. Das ist eine verdammt große Ehre.

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Also denkst du, dass so etwas heute nicht mehr möglich ist?
Ich weiß nicht… Es könnte vielleicht einer jungen Band passieren, aber es wird definitiv keiner … nicht mehr so jungen Band passieren. Man braucht Jugend, um so viel Kraft zu entwickeln. Ich denke nicht, dass das nochmal passieren könnte … (denkt kurz nach) Oder lass es mich anders sagen: Wenn ich den Willen hätte, fünf Jahre lang an einem Album zu arbeiten, könnte ich vermutlich ein sehr erfolgreiches Doppelalbum schreiben. Aber daran müsste ich fünf Jahre arbeiten, damit es so wertvoll wäre. Es wäre so amazing und so deep und was weiß ich, dass du es dir einfach anhören musst. Aber in den Zeiträumen, in denen wir normalerweise arbeiten, ist das unmöglich.

Du hast vorhin noch was sehr Interessantes gesagt, nämlich, dass die traurigen, introspektiven Songs schöner sind als die fröhlichen.
Ja, das ist wahr. Ich neige dazu, leicht melancholische Melodien schöner zu finden. Ich bin echt nicht so der Dur-Typ.

Das ist witzig, weil es ein uraltes Klischee ist: Dass deine Musik nur traurig und deprimierend ist. Ich finde eigentlich, dass sie traurig und schön und daher aufbauend ist.
Kennst du Fardo-Musik aus Portugal?

Nein.
Es ist portugiesischer Folk. Viele ihrer Songs sind in dur geschrieben, aber sie klingen traurig. Für mich ist das eine wunderschöne Sache, die da ab und zu passiert. Bist du selbst Musiker?

Ääh, naja. Also ich kann Gitarre spielen.
Gut. Also wenn du einen siebten oder neunten Akkord spielst, also sowas wie ein D9, D-A-E, das klingt leicht traurig, aber es ist ein Dur-Akkord. Solche Klänge begeistern mich. Auf die Art schreibe ich auch meine schönsten Lieder. Wenn du einen normalen G-Dur Akkord spielst, das klingt für mich wie Country! (lacht)

Was sollte ein Lied mit den Hörer machen?
Ich denke, dass gute Lieder so etwas wie eine Gefühlswelt erschaffen. Vielleicht nicht so etwas konkretes wie Trauer, sondern eher eine traurige Atmosphäre. Oder eine sehnsüchtige Atmosphäre. Oder eine verzweifelte. Oft entstehen im Leben eines Menschen solche Gefühle direkt vor der Erleuchtung. Wir haben alle dieses Phasen, in denen wir einer schwierigen Herausforderung gegenüberstehen und von den Aufgaben überwältigt werden. Aber irgendwas am Sonnenaufgang oder an den zwitschernden Vögeln am Morgen führt dir plötzlich vor Augen, was eigentlich in deinem Leben wichtig ist. Das sind entscheidende Momente in einem Leben. Ich bin nicht so sehr ein Goth, dass ich dauerhaft in Trauer oder Schmerz gefangen wäre. Ich denke, dass solche intensiven Gefühle vorübergehen, und nicht fortwährend da sind. Ich bewege mich durch diese Gefühle, um zu einem glücklicheren Ort zu gelangen. Aber es ist etwas sehr Ehrliches, diese Gefühle zuzulassen, insbesondere für einen Mann. Das ist sehr vielen Leuten unangenehm. In den 90ern war es noch viel schlimmer. Es war den Leuten sehr unangenehm, dass ein Mann diese gefühlvollen Lieder gesungen hat, sie fanden es seltsam.

Wurdest du oft damit konfrontiert?
Oh, ja. Insbesondere Journalisten hatten ein Problem damit.

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Woher glaubst du kam das?
Es widerspricht einfach dem typischen Bild von Männlichkeit. Männliche Rockstars von den 1950ern bis heute sind schroff, egozentrisch, grüblerisch. Es gibt nur wenige Beispiele für sensible Rockstars. Wenn, dann gelten sie als übertheatralisch, bemüht und verschüchtert. Diese Worte wurden häufig verwendet, um mich zu beschreiben, nur weil ich Gefühle zeige. Dabei würde ich behaupten, dass das eine gute Sache ist, als Mensch Gefühle zu zeigen. Weil es zeigt, dass du dich um deine Umwelt sorgst, und es eher unwahrscheinlich ist, dass du dem Hund von deinem Nachbarn eine Kugel in den Kopf jagst.

In den 80er war Hardrock riesig, dort wurden Standards für Männlichkeit gesetzt. Aber mit den 90er wurde das Bild komplett umgekehrt, weil Leute wie du oder Kurt Cobain oder Brian Molko von Placebo Gefühle, Weiblichkeit und vor allem Verletzlichkeit zeigten.
Ja, genau.

Ich frage mich, was mit der Rock-Szene heutzutage
(unterbricht) Was ist die Rockszene von heute?

Haha, genau das ist der Punkt!
(lacht) Kannst du es mir sagen?

Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung. Ich glaube, dass Männlichkeit heutzutage vor allem in Rap präsentiert wird, gleichzeitig ist aber gerade R’n’B und Rap auch ein Genre, in dem Männer Schwäche zeigen können. Denken wir an Drake oder Frank Ocean. Im Vergleich zu R’n’B- und Rap-Stars gibt es heute kaum noch große Rockbands, vor allem keine, die nach 2000 groß geworden sind.
Vielleicht könnte man Muse noch nennen, irgendwo zwischen Sehnsucht und Männlichkeit.

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Ja, aber Muse haben sich Ende der 90er gegründet, sie sind die letzte 90er Rockband.
Ja das stimmt. Ich weiß es auch nicht.

Was bedeutet das für Smashing Pumpkins im Jahr 2014?
Ich habe das Gefühl, Smashing Pumpkins sind heute eine Band wie ACDC oder Black Sabbath—wir machen halt Smashing Pumpkins-Musik. Es gibt ein vergangene Qualität, es gibt künftige Qualität und es gibt zeitlose Qualitäten unserer Musik. Und so lange wir Smashing Pumpkins-Musik machen, wird es auch ein Publikum dafür geben. Meine Idee ist, wenn ich großartige Smashing Pumpkins-Musik mache, werden sich mehr Leute dafür interessieren. Darum geht es mir auf diesem neuen Album. Aber es bleiben The Smashing Pumpkins. Zu versuchen, jemand zu werden, der man nicht ist oder so tun als wäre man 22 Jahre alt, wird nicht funktionieren. Ich mag ACDC, ich möchte überhaupt nicht, dass ACDC sich neu erfinden. Ich will, dass sie großartige ACDC-Musik machen. Das gilt auch für uns, Smashing Pumpkins haben genug musikalischen Spielraum, in dem sie sich verändern können und trotzdem sie selbst bleiben. Deswegen können wir ein Lied wie „Dorian“ auf dem Album haben, das gleichzeitig wie ein Demo aus den 80ern und total frisch und neu klingt. Wir müssen nicht mehr irgendwas sein und wir müssen nicht mehr vermeiden, irgendwas zu sein. Macht das Sinn oder ist das total weird, was ich erzähle?

Nein, das macht total Sinn. Wenn man sich vor Augen führt, wie groß Smashing Pumpkins in den 90er waren, wie viele Alben ihr verkauft habt—was zur Hölle ist passiert? Irgendwas hat sich um die Jahrtausendwende krass verändert, weil plötzlich die Relevanz all der 90er Rockbands total eingebrochen ist.
Meine persönliche Meinung ist, das Rock’n’Roll einfach die Antworten ausgegangen sind.

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Was bedeutet das?
Wenn du dir die Entwicklung von Rock’n’Roll anschaust, sagen wir mal, sie beginnt mit dem Aufstieg von Elvis Mitte der 50er, dann die Beatles in den 60ern, die BeeGees in den 70ern, in den 1980ern New Order oder The Cure in den 90ern Nirvana, Smashing Pumpkins oder Stone Temple Pilots—was hast du in den mittleren Nullerjahren? Green Day…

… 90er Jahre Band
… Richtig. Muse…

…späte 90er.
Richtig. Coldplay, auch späte 90er. Es gibt keine neue, dominante Rockband, bei der du sagst: das ist die Band dieser Zeit. Vielleicht The Killers, sie sind groß und erfolgreich, aber es ist nicht die Dominanz, von der ich rede. Als ich in den 70ern ein Kind war, waren die Bee Gees überall, du bist da nicht drum herum gekommen. Oder Nirvana—die waren überall! Wenn du das Radio angemacht hast: Nirvana. Immer. Das gleiche gilt für Elvis oder The Beatles. Warum haben wir das nicht mehr, was ist da passiert? Ich sage es dir: Rock’n’Roll hat keine Antworten mehr. Die Geschichte ist auserzählt. Was auch immer der nächste Schritt wäre, es gibt ihn nicht. Es wird keine neuen Antworten mehr geben. Zumindest nicht aus der westlichen Welt.

Glaubst du, dass etwas anderes die Leerstelle ausfüllt—sind Jay-Z oder Beyoncé die neuen Rockstars?
Nein. Das ist Popmusik. Die Leerstelle von Rock füllt niemand aus. In den letzten Jahren sind viele Journalisten auf mich zugekommen und haben gesagt: „Jetzt wo ich darüber nachdenke, komme ich zum Urteil, dass ihr das Ende einer Entwicklung wart.“ Ich glaube, das stimmt. Es bedeutet nicht, dass die Entwicklung wegen der Smashing Pumpkins zu Ende gegangen ist (lacht), sondern dass wir einfach am Ende dieser Entwicklung standen. Eine populäre Form des Rock’n’Roll, die den Mainstream erobert und die Kultur auf eine bestimmte Art beeinflusst.

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… Und die trotz des Mainstream-Erfolgs echt ist und das Außenseitertum pflegt. Also eben kein Pop ist.
Exakt, es geht um Kompromisslosigkeit. Populär aber kein Pop. Klar haben wir Popsongs geschrieben, „Tonight, Tonight“ oder „1979“, aber bei Liveshows haben wir dir schon immer drei Stunden lang Kopf zerfetzt und 30-minütige Songs gespielt. Wir haben nicht die Feuerzeuge rausgeholt und dem Publikum alle zwei Sekunden gesagt, wie fucking great sie sind. Es ist seltsam, dass da mit uns scheinbar eine Entwicklung zu Ende gegangen ist, und ich glaube, du hast Recht, wenn du sagst, dass da irgendwas passiert sein muss. Aber ich habe keine Ahnung, was. Ich vermute, dass dem Rock einfach der Antrieb ausgegangen ist—wie jeder großen Kunstbewegung irgendwann.

Was bedeutet das für deine Arbeit?
Sie ist sinnlos. (lacht)

Also machst du das nur noch für dich?
Nein, ich denke, es gibt da draußen noch immer ein Publikum, das diese Musik braucht. Es gibt eine Energie in der Kultur, die aus einer bestimmten Sicht verarbeitet werden muss—in diesem Fall meiner Sicht. Aber der Künstler—ich—muss verstehen, dass er die Welt nicht verändert. Wenn ich die Welt verändern will, muss ich was anderes machen. Was ich mache, hat einfach nicht die aktuelle kulturelle Bedeutung, die es bräuchte, um etwas zu verändern. 2014 in einer Rockband zu sein, ist wie in einem Zirkus zu arbeiten. Es gibt keine Überraschungen mehr. Wenn du in den Zirkus gehst, erwartest du die Clowns, die Tiere, was auch immer. Du weißt, was du bekommst und genau deshalb gehst du in den Zirkus. Es ist keine Geschichte mehr, die sich vor deinen Augen entfaltet, es ist eine Geschichte, die du schon kennst. Rock’n’Roll hat sich seit den 50er Jahren alle fünf Jahre komplett verändert und das hat Ende der Neunziger einfach aufgehört. Seitdem hat es keine radikale Veränderung mehr im Rock gegeben. Ich sage noch nicht mal, dass es da ein Problem gibt, ich sage nur: Es ist vorbei. Es wird sich nicht mehr entwickeln.

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Vielleicht kommt ein Messias und macht irgendwas anders, was wir uns gar nicht vorstellen können.
Ich glaube nicht. Wenn, dann kommt derjenige nicht aus der westlichen Kultur. In der westlichen Kultur passiert nichts radikal Neues mehr. Wenn du heute auf ein Festival gehst, machen alle Leute ständig Selfies. Es geht nicht mehr um die Musik, es geht nicht darum, wer auf der Bühne steht. Es geht darum, dass andere Leute sehen, dass sie auf dem Festival sind und die Bands sind nur der beschissene Hintergrund für ihre Selfies. Kannst du dir vorstellen, wie seltsam es sich anfühlt, auf einer Bühne zu stehen und die Leute unten machen Selfies? Du machst ein Selfie mit dem Eiffelturm im Hintergrund, nicht mit mir, verdammt!

Du bist der Eiffelturm.
Ich bin der Eiffelturm, what the fuck! Mein ganzes Leben bemühe ich mich, ein guter Songwriter und Musiker und eine politische Person zu sein und dann bin ich für die Leute nur noch eine beschissene Sehenswürdigkeit.

Hast du das Gefühl, dass du anerkannt wirst, für das, was du mit Smashing Pumpkins geschaffen hast?
Nein. Nicht mal annähernd.

Woran liegt das?
Ich denke, es liegt an mir. Ich schätze, ich bin das Problem.

Inwiefern?
Zum einen weigere ich mich, unsere Erfolge so zu feiern, wie es die Leute erwarten würden. Außerdem verwirre ich Leute und meine streitlustige Natur verkompliziert die Sache auch noch. Selbst wenn du ein Smashing Pumpkins-Fan bist, stellt dich das immer vor eine ziemlich große Herausforderung. Es ist zu einfach, die Medien anzuprangern, auch wenn da natürlich eine Teilschuld liegt. Aber letztlich bin ich das Problem.

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Wenn man es als Problem sehen will.
Sieh mal, ich habe 1998 Adore veröffentlicht. Fast nur schlechte Reviews, unterirdische Verkäufe, 25% von dem, was wir mit dem Vorgängeralbum verkauft haben. Bei einem Hollywood-Film wäre das ein Desaster. Die Hälfte wäre schlimm gewesen, aber ein Viertel—Desaster! Mir wurde gesagt, ich sei ein Idiot, was auch immer. Jetzt, 16 Jahre später, bekommt dieses Album plötzlich die Reviews, die es damals verdient hätte. Es wird als seiner Zeit voraus gefeiert und so weiter.

Wieso haben die Leute Adore nicht verstanden?
Die Leute wollten damals, dass du als Rockstar einen Charakter entwickelst und dann diesen Charakter spielst. Du wurdest von Journalisten in eine Schublade gesteckt, und die hattest du dann auszufüllen. Ihnen war vollkommen egal, ob das eine Phantasie war oder nicht, sie wollten über diese Phantasie schreiben. Und wenn du bereit warst, mitzuspielen, waren sie bereit, darüber zu schreiben, wie schön du die Phantasie spielst. Scheißegal, wie dumm du dich dabei fühlst, wenn du ihre Vorstellungen darstellst, belohnen sie dich. Meine charakterlichen Veränderungen, meine Schwingungen, das sich konstant ändernde Bild von mir in der Öffentlichkeit—damit habe ich eigentlich der Social Media-Ära vorgegriffen. Der Ära, in der alles gleichzeitig passieren kann, in der alle Moden und Szenen verwischt werden. So war ich schon immer.

Courtney Love hat neulich gesagt, dass „alle guten Smashing Pumpkins-Songs von ihr handeln“.
Ich weiß nicht genau, was ich dazu sagen soll. Es ist noch nicht mal so, dass es nicht stimmen würde, eher… (denkt nach) Viele Dinge haben Einfluss auf einen Song. Es ist seltsam, dass sie Anerkennung für etwas haben will, was keine Anerkennung verdient. Sie will, dass man sie dafür feiert, was ich geschrieben habe. Wenn ich jetzt sagen würde, es stimmt nicht, würde sie sagen, es stimmt. Ganz ehrlich: Wen interessiert, wo der Song herkommt? Jeder hat doch eine eigene Erinnerung oder verbindet etwas eigenes damit. Wenn du einen Smashing Pumpkins-Song hörst, denkst du nicht an Courtney Love. Sie kann doch nicht darüber entscheiden, was die Leute mit den Songs verbinden.

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Ich schätze, sie macht sich Sorgen um ihr Erbe. Ich meine, sie war mit zwei der größten Rockstars der Geschichte zusammen und heute ist sie in der Öffentlichkeit nur noch diese Witzfigur.
Dann sollte sie sich besser an wem anders hochziehen, die Welt interessiert sich doch gar nicht dafür, über wen ich Lieder geschrieben habe.

Als sie es gesagt hat, hat die halbe Musikwelt berichtet.
Seltsam, oder?

Die Leute lesen sowas gern. Vor zwei Jahren hat Lana del Rey Nirvana’s „Heart Shaped Box“ gecovert, und Courtney twitterte, dass das Lied von ihrer Muschi handelt, und sie nicht will, dass Lana del Rey Lieder über ihre Muschi singt.
Aber siehst du, das ist doch ein perfektes Beispiel dafür, wie Courtney tickt. Ich weiß, dass dieses Lied nicht von ihrer Muschi handelt. Als dieses Lied geschrieben wurde, habe ich mit Courtney darüber gesprochen und ich weiß, dass es nicht davon handelt.

Warum sagt sie dann sowas?
Weil sie behaupten kann, was sie will. Ich kann auch behaupten, was ich will. Und du kannst auch behaupten, was du willst. Der Fakt, dass ich an dem Tag mit Courtney telefoniert habe, an dem Kurt das Lied „Heart Shaped Box“ geschrieben hat, und dass ich die Geschichte hinter diesem Song kenne, ist vollkommen irrelevant. Wenn ich die Geschichte in der Öffentlichkeit erzähle, ändert das gar nichts. Niemanden interessiert die Wahrheit.

Weil niemand weiß, was die Wahrheit ist.
Richtig, das ist der Punkt. Ich weiß natürlich, dass es die Wahrheit ist und eventuell glaubst du mir, weil du das Gefühl hast, dass wir hier ein ehrliches Gespräch führen.

Würdest du mir die Geschichte erzählen?
Nein! (lacht) Dafür kenne ich dich nicht gut genug.

Aber wenn es eh egal ist, ob sie wahr ist oder nicht, kannst du sie auch erzählen.
Nein, lass mal.

Das neue The Smashing Pumpkins-Album Monuments to an Elegy erscheint am 5.12. bei BMG Rights Management/Rough Trade. Bestellt es bei Amazon oder iTunes vor. Folgt Ayke bei Twitter: @suethoff

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