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Interviews

A$AP Ferg ist ein tadelloser Kunst-Hustler

Ferg steht zwar immer noch in ASAP Rockys Schatten, dabei ist er einer der spannendsten Rapper überhaupt. 5 Minuten mit ihm haben gereicht, um diesen Eindruck zu bekräftigen.

von Toni Lukic
07 November 2014, 12:00pm


Alle Fotos: © Jason Bergman

Wir sind uns alle einig, dass Rap gerade eine wunderschöne Renaissance erlebt. Und zwar nicht nur der Deutsche. Amerikanischer Rap hat sich in den letzten Jahren weitgehend davon losgelöst, sich dem Mainstream anbiedern zu wollen, hat sich stattdessen auf musikalische Qualitäten besinnt und, wenn man sich das Klamottenverständnis der heutigen Teenager anschaut, sich selbst zum Mainstream gemacht. Trotzdem kann man zuversichtlich sein, dass bei Leuten wie Kendrick Lamar, Drake, Tyler the Creator, J. Cole, A$AP Rocky, Mac Miller, Schoolboy Q oder Chance The Rapper HipHop weiterhin in guten Händen liegt.

Aber da ist noch ein Pferd, auf das wir unser Geld setzen würden: A$AP Ferg. Die meisten werden Ferg wahrscheinlich nur als den Typen nach A$AP Rocky kennen. Oder von diesem einen Song, der immer gespielt wird, wenn Trap im Club läuft. Ihr wisst schon: Wenn um einem herum erwachsene Männer plötzlich mit lächerlichen Luft-Klimmzügen anfangen.

Auch wenn „Work“ anfangs vielleicht irritiert, weil das karibische Sample so surreal daherkommt, hat Ferg hier einen unvergleichlichen Song geschaffen. Dieses Instrumental wirst du nicht vergessen, ebenso wenig wie die Zeile „She like that COCAINA“...

Von Beginn an bündelte Rocky beim A$AP Mob die Aufmerksamkeit auf sich. Was Tyler für Odd Future und LA war, gab es in ähnlicher Ausführung mit Rocky und dem Mob in New York. Nur, dass sich von den anderen A$APs niemand wirklich anschickte, aus dem großen Schatten von Pretty Flacko zu treten. Nachdem dieser im Frühjahr 2013 sein kommerziell erfolgreiches Debütalbum Long.Live.A$AP herausbrachte, wurde der Druck auf das kommende Album des nächsten Mob-Mitglieds nicht kleiner. Als nächstes sollte Ferg dran sein, der zunächst ein Mixtape mit dem Titel „Trap Lord“ rausbringen wollte, sich dann aber entschied, daraus ein ganzes Album zu machen. Mutig ist da der wohl passende Ausdruck. Bis auf „Work“ und einigen Parts auf dem Mob-Mixtape Lords Never Worry gab es bis dahin so gut wie gar nichts von Ferg zu hören.

Ungefähr einen Monat vor Albumrelease kam im Sommer das ähnlich abgedrehte „Shabba“, das eine Hommage an den berühmten jamaikanischen Dancehall-Künstler Shabba Ranks ist. Das war zwar Trap, aber so weit über dem, was Gucci und Konsorten vorsetzen, dass man sich plötzlich fragte, wer dieser Typ mit den Tommy Hilfiger-Boxern eigentlich ist. Schaut man sich Ferg ein wenig genauer an, wird man schnell erkennen, dass da jemand ganz besondere Voraussetzungen hat. Fergs Vater, Darold Ferguson Senior, war Designer und Besitzer einer Boutique. Unter anderem entwarf er das ikonische Bad Bay-Logo. Der junge Ferguson wollte in die Fußstapfen des Vaters treten und ging auf die Kunsthochschule. Auf der High School drängte ihn sein Schulfreund Rocky immer dazu zu rappen, doch Ferg schien sich mehr für Designs und Mode zu interessieren. Was Rocky aber noch mehr als die Rapkünste seines Schulfreunds beeindruckte war das „tadellose Hustle Game“, dass Ferg am Start hatte. Nur waren es keine Drogen, die Ferg verkauft hat, sondern selbstdesignte Gürtel, deren Abnehmer unter anderem Chris Brown und Swizz Beatz waren.

Der große Erfolg bei Rocky inspirierte Ferg, doch an seinen Rapskills zu arbeiten. Bei dem künstlerischen Background war zu erwarten, dass sein musikalisches Debüt kein Schnellschuss sein könnte. Dass Trap Lord aber eines der stärksten Alben des letzten Jahres werden würde, hätte aber kaum jemand vermutet. Denn nach „Work“, „Shabba“ und im Internet auftauchenden Live Versionen von „Dump Dump“ hätte man leicht den Eindruck bekommen können, dass Trap Lord einfach nur ein clownesques Auf-die-Fresse-Album werden, dass irgendwo auf der Trap-Welle nach Käufern suchte. Doch offensichtlich hatten wir Ferg komplett unterschätzt.

Trap Lord kommt mit einer musikalischen Wucht daher, die sich nicht nur aus harten 808 Drums und weirden Samples speist. Vielleicht weil Ferg noch nicht so lange Musik macht, hört sich das Album ziemlich roh an, man könnte aber auch „unbekümmert“ sagen. Jeder Beat auf der Platte klingt kompromisslos und ehrlich und hat definitiv höchsten Wiedererkennungswert. Man nehme nur mal die eindrucksvollen Nummer wie „Hood Pope“ oder „Cocaine Castle“, die einen mit ihren Soul-Samples auf surrenden Snarerolls komplett rausbringen, aber thematisch und klanglich sowas von zurückholen. Der Titel Trap Lord ist übrigens nicht als dreiste Statusbehauptung in der Trap Musik zu verstehen, wie Gucci Mane es ihm vorwarf. „Ein Trap Lord zu sein, bedeutet zu struggeln und kämpfen“, erklärt Ferg den Titel. „Dafür musst du nicht aus einer Crack-Küche Drogen verkaufen. Du kannst auch Klamotten verkaufen, Uhren, Fake-Uhren, Goldzähne, Hüte, alles! Du bist am trappen. Und du bist der Lord davon!“

Ferg hat lange genug getrappt, um zu wissen, worauf die Kids stehen. Einzigartigkeit ist dabei das wichtigste Element. Dabei bedient er sich an Trap-Einflüssen, die aber dank der verschrobenen Samples nie austauschbar und zu synthetisch klingen, sondern einfach nur anders und eigen. Der 26-Jährige scheint sich vorgenommen zu haben, die Grenzen des Möglichen so weit wie möglich zu pushen. Auf seinem Album bittet er Legenden wie Bone Thugs-n-Harmony und B-Real an die Theke, macht aber wenig später einen Song mit den Folk-Mädels von Haim oder geht mit Skrillex auf Tour. Ferg scheint sich das Beste aus Tradtion und Moderne rauspicken zu wollen und weiß dieses, dank seiner Stilsicherheit, auch umsetzen zu können. Wie ein Künstlernerd, der immer genau weiß, was ankommt.

Ferg scheint der spannendere und verrücktere Künstler zu sein, allerdings ist klar, dass Rocky mit seiner Ausstrahlung der größere Star ist. Das merke ich auch, als ich mit anderen Medienvertretern vor dem A$AP Mob-Konzert in der Columbiahalle warte. Mit anderthalb Stunden Verspätung schlurfen Rocky und der Rest an mir vorbei. Lord Flacko trägt einen beigen Trenchcoat, an dem rotes Gaffa-Tape klebt. Ich habe selten ein Kleidungsstück gesehen, dass so laut „Rockstar“ geschrien hat... Ferg schlurft erst ein paar Minuten später hinterher, gibt aber allen wartenden Interviewpartnern freundlich die Hand. Statt der versprochenen zehn Minuten Interview bekomme ich fünf—dafür aber mit Ferg alleine, der nach den Interviews mit dem Mob noch sitzen bleibt.

Noisey: Die Leute sagen, du seist der Lord der Trap Musik.
ASAP Ferg: Wenn sie mich als Lord betiteln, wie kann ich dagegen wehren?

Aber eigentlich hast du mit dem Titel doch was anderes gemeint, oder?
Ich habe immer gesagt, dass meine Musik sich wahrscheinlich von Trap unterscheidet. Aber Trap ist mittlerweile vieles, vielleicht mache ich ja auch Trap. Oder die Leute wollen, dass sich Trap so anhört, wie ich ihn mache und nennen mich den Lord der Trap Musik. Wenn ich das für sie bin, dann soll das so sein. Gott hat sich auch nicht entschieden, Gott zu sein. Er ist es einfach. (grinst)

Du kommst aus einer künstlerischen Familie. Wie sehr hat das auf dich abgefärbt?
Mein Vater war selbst Künstler und Designer. Er hatte eine Boutique und hat viel für andere designt. Unter anderem hat er das Bad Boy-Logo designt. Er war mit sehr vielen Leuten in der Industrie befreundet und sowas wie der Grafikdesigner der HipHop-Zeit damals. Ich schätze, ich habe alles aufgesogen, wenn er mich zum Beispiel in die Druckereien mitnahm und ich sah, wie die T-Shirts gemacht wurden. Oder wenn ich gesehen habe, wie er mit einem Filzstift Logos gezeichnet hat. Ich bin mit all dem aufgewachsen, deswegen war es für mich ganz natürlich, mir einen Stift zu nehmen, etwas zu zeichnen und meine eigene Kunst zu kreieren.

Kannst du dich an deine erste Zeichnung erinnern?
Ja, sehr gut sogar. Es war ein Hund oder ein Wolf. Es war verrückt, weil ich ewig an dem Bild saß. Mein Pops hat mich im Auto gelassen und ist einen Laden gegangen um mit seinen Freunden abzuhängen. Ich saß die ganze Zeit im Auto und habe gezeichnet. Als er wiederkam hatte ich den Hund und alle seine Freunde mit Namen gezeichnet. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich komplett auf eine Sache konzentriert habe. Das hat mir damals unglaublich viel bedeutet.

Wie lange hast du für das Bild gebraucht?
Vielleicht so anderthalb Stunden. Es war unglaublich detailreich. Alles was ich im Auto an Farben oder Stiften finden konnte, habe ich benutzt.

Hast du das Bild noch?
Nein, leider nicht. Ich habe es meinem Vater geschenkt. Leider ist er vor einigen Jahren gestorben.

Wie hat sich das Bildermalen vom Rappen unterschieden, als du damit angefangen hast?
Früher habe ich einfach nur Gedichte geschrieben. Ich habe es immer geliebt, wie sich Wörter auf einander reimen. Ich wusste damals aber nicht, wie ich über einen Beat rappen sollte. Mit den Gedichten habe ich aber die Mädchen in der Schule gekriegt. Wir mussten in unserer Schule immer nach vorne kommen und unsere Journals vorlesen. Wahrscheinlich wollten sie sehen, was in unserem Kopf vorgeht. Meine waren immer in Gedichtform und damit habe ich angefangen zu rappen.

Leider ist meine Zeit vorbei. Ich hoffe, wir können uns das nächste Mal etwas länger unterhalten, wenn du wieder hier bist.
Sehr gerne, Mann. Das war ein dopes Interview. Ach, und sag der Welt bitte, dass mein Mixtape an Thanksgiving rauskommt.

Wirklich? Wann genau ist Thanksgiving? In Deutschland feiern wir das nicht.
(überlegt) Wenn das Tape rauskommt, werdet ihr wissen, wann Thanksgiving ist.


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