Anzeige
Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
pro contra

PRO: Warum wird ausgerechnet Robin Thicke als Perversling bezeichnet?

Wo sind diese bösen Zungen, wenn Juicy J Geldscheine auf Stripperinnen wirft? Oder wenn Jay-Z über sein Zuhälter-Dasein rappt, in einem Song, der tatsächlich „Big Pimpin“ heißt?

von Joe Bishop
30 Juli 2013, 10:20am

Lasst mich mit einer deutlichen Ansage beginnen: Ich verstehe, dass das Video zu „Blurred Lines“ widerlich ist. Ich verstehe, dass einem die Kotze hochkommt, wenn man drei lüsternen älteren Herren zusieht, wie sie von dümmlich wirkenden Mädchen angemacht werden, die wenig mehr tragen, als Socken und hautfarbene Höschen. Ich verstehe, dass die Lyrics über „something big enough to tear (an) ass in two“ auf anschaulichste Weise sexuell gewaltverherrlichend sind und die Erwähnung von „Blurred Lines“ im Zusammenhang mit Sex eine ziemliche Laissez-Faire-Einstellung gegenüber der freien Entscheidung einer Frau, an Sexualverkehr teilzunehmen oder eben nicht, offenbart. Ich denke, ich kann auch nachvollziehen, wie man das als „vergewaltigend“ bezeichnen kann. Ich verstehe das, wirklich.

Aber auf der anderen Seite bin ich verwirrt, warum ausgerechnet dieses Video, dieser Song, mit diesem Text so sehr in der Kritik steht.

Man könnte sagen, dass der Song wegen seiner immensen Popularität und natürlich wegen Pharrells Status als Sex Symbol sehr viel Bedeutung in einer jungen Zielgruppe erlangt. Ich vermute, dass manche Eltern sich einfach sorgen, dass ihre zwölfjährigen Töchter sich wünschen, von T.I. ihren Arsch in zwei zerreißen zu lassen und dadurch in einem sehr frühen Alter Analsex verherrlichen. Aber wie oft haben diese Kids schon viel schlimmere Dinge in Songs gehört? Wenn Rihanna in „S&M“ zu Beispiel darüber singt, wie „Ketten und Peitschen sie erregen“ oder Gyptians Sommerhit „Hold You“, in dem es darum geht, wie er Frauen mit einer engen Vagina fickt—haben diese Songs eine Flut von Artikeln über BDSM und Vaginaloperationen ausgelöst?

Natürlich sind es nicht wirklich die Zwölfjährigen, die sich über Thicke beschweren, es sind die Erwachsenen und es wirkt als hätten manche von ihnen noch nie Sex gehabt. Habt ihr eurer/eurem Geliebten noch nie etwas maßlos übertrieben Dreckiges ins Ohr geflüstert? Falls ja, wie oft habt ihr euch dabei gedacht, dass es albern und erregend war und nicht gemein und widerwärtig? Ich habe das Gefühl, dass ein Teil der Entrüstung über dieses Video auf dem falschen Vorurteil entsteht, dass Frauen schmutzigen Sex nicht so genießen wie Männer.

Die Empfindlichkeit, die ich um diesen Song herum beobachte, ist unfassbar. Ich habe Menschen gesehen, die öffentlich ihren Ekel über dieses Video zum Ausdruck bringen und sich gleichzeitig über Daggering Videos weglachen und erklären, dass sie Dancehall über alles lieben. Menschen, die sich Lieder von Frauenschlägern und Pädophilen anhören, von ehemaligen und erklärtermaßen noch aktiven Zuhältern. Die Scheinheiligkeit ist erstaunlich.

Es ist außerdem erwähnenswert, dass Robin Thicke weiß ist, kein Rapper und dass die Mädchen im Video spindeldürre Supermodels sind. Die meisten (ebenfalls weißen) Kritiker vermeiden es, Rap-Videos als Vergleich heranzuziehen, weil sie sich nicht in der Position wähnen, eine größtenteils schwarze Communitiy anzugreifen, weil sie nicht als rassistisch gelten wollen. Wo sind sie, wenn Juicy J mit Geldscheinen nach Stripperinnen wirft? Wenn Jay-Z über sein Zuhälter-Dasein rappt, in einem Song, der tatsächlich „Big Pimpin“ heißt?

Wenn solche Dinge im Pop/Rap/R‘n‘B aufkommen, erinnert mich das immer an meine Jugend. Ich habe jede Menge Metal gehört, als ich ein leicht zu beeindruckender Teenie war, manches davon war weich wie warme Gummibären, anderes war beißender als Bleiche. Ein paar der Songs hatten die frauenfeindlichsten, brutalsten Lyrics, die ich jemals in meinem Leben gehört habe. Zum Beispiel „Welcome to Sludge City“ von Annotations Of An Autopsy.

Der Song beginnt mit der Zeile „She bled from every fucking hole“ und nach einer heftigen Dosis Schweinsquieken kommt der Refrain: „ when I’m done with you / you won’t have a cunt left“. Jetzt müsstet ihr ausrufen: „Joe, du dummes Arschloch, Annotations Of An Autopsy sind völlig irrelevant, es gibt auf der ganzen Welt vielleicht fünf Menschen, die sich das anhören!“ Nun gut, ich würde euch empfehlen, mal euren Horizont zu erweitern. Ich habe von dieser Band damals erfahren, weil ich, wie Tausend über Tausend andere Jugendliche auch, Kerrang gelesen habe. Kerrang ist für viele Jugendliche eine Art Bibel und ihr Ansatz über Bands wie AOAA oder die noch viel bekannteren Cannibal Corpse zu schreiben (Autoren der Songs „Addicted to Vaginal Skin“ und „Stripped, Raped and Strangled“) ist nichts, über was man sich sorgen müsste, es ist etwas, über das man nur lachen kann. Diese Musiker wollen nicht anderes als schocken und Ekel auslösen—aber wieso sollte das diese Songs und Texte irgendwie mehr oder weniger angenehm machen? Und warum ist ihr (riesiges) Publikum weniger bedeutsam?

Im vergangenen Jahr haben die Softpop-Girls von Stooshe den Song „Black Heart“ veröffentlicht. Eine traurige Geschichte über Misshandlungen in einer Beziehung. Statt mit der Person abzurechnen, singen die Damen darüber, dass er „das Beste war, was sie je hatten“, auch wenn er sie „zu Tode erschreckt hat“ und sie ihn als „Monster“ bezeichnen, der ein „black heart“ hätte. Ich google mich hier halb tot, aber ich finde nichts und niemanden, der sich darüber beschwert, keine Anklage weit und breit. Frauen, die den „Bad Boy“ als eine nicht zu widerstehende Kraft promoten, eine Kraft, die dich zugleich anzieht und in Angst und Schrecken versetzt? Dieser Song ging hoch in die UK Charts, warum ist er nicht so schlimm wie „Blurred Lines“?

Was ich sagen will ist, dass mir die Ungerechtigkeit bewusst ist, dass Frauen darüber nachdenken müssen, ob sie sich in Gefahr begeben, wenn sie nachts allein durch eine dunkle Straße gehen, dass sie kaum einen Club betreten können, ohne Belästigung befürchten zu müssen, dass sie sich kaum für etwas einsetzen können, ohne dass ihre Sexualität gegen sie verwendet wird—dass all das sie manchmal schwach, kraftlos und klein fühlen lässt. Aber all diese Dinge lassen Robin Thickes Video für mich ziemlich klein aussehen. Wie viele Songs über Bitches, die Schwänze lutschen, Pussys zeigen, strippen und ficken habt ihr schon gehört? Unzählige.

Zu sagen, dass Robin Thickes Song „vergewaltigend“ ist, banalisiert beinahe die Vergewaltigung an sich. Aus meiner Sicht ist das ein unfaires und gefährliches Label, das man jemanden gibt. Ich finde es ziemlich gewagt, die Anzeichen einer Frau, wenn sie mit dir Sex haben will, aber es nicht zugibt, damit zu vergleichen, sie festzuhalten und deinen Penis in sie reinzuzwingen. Behauptet nicht von euch, Vergewaltigung zu verurteilen und gleichzeitig geht ihr so locker und freizügig mit diesen Anschuldigungen um.

CONTRA: Was hat sich Robin Thicke bei dem Scheiß gedacht?

Folgt Joe bei Twitter @Joe_Bish

**

Folgt Noisey bei Twitter und Facebook für tägliche Updates über eure Lieblingsmusiker:


MEHR VON NOISEY

CONTRA: Was hat sich Robin Thicke bei dem Scheiß gedacht?
Es muss noch mal über das neue Robin-Thicke-Video gesprochen werden, denn es ist übertrieben sexistisch. Ich rege mich hier nicht ohne Grund auf.Online-Dating mit K.I.Z.
Die Songtexte von K.I.Z. eignen sich wirklich hervorragend, um dein Profil für's Online-Dating zu füllen. Hier kommt der Beweis.Miley Cyrus will den „schwarzen Sound“ treffen
Das ehemalige Disney-Starlet Hannah Montana verwandelt sich in einen sexistischen, grasrauchenden, weißgewaschenen Rihanna-Abklatsch.
Tagged:
Music
video
Features
Noisey
Robin Thicke
sommerhit
perversling