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Die Evolution des J Dilla

J Dilla gilt als einer der meist geschätzten HipHop-Produzenten weltweit. Sieben Jahre nach seinem Tod ist es langsam Zeit für eine Retrospektive: die Evolution von J Dilla.
18 September 2013, 10:00am

Illustration by Dan Evans

Es ist mittlerweile sieben Jahre her, dass James Yancey Dewett, einer der meist geschätzten Musikproduzenten der letzten zwanzig Jahre, gestorben ist. Seine Bedeutung bei Fans und Kollegen hat sich, seit J Dilla 2006 gestorben ist, kein bisschen verändert. Und auch seine Musik und der Einfluss, den er auf andere hatte und immernoch hat, sind unermesslich. Dilla arbeitete mit Künstlern wie Madlib, Erykah Badu und The Pharcyde zusammen—und das ist nur eine kleine Auswahl. Mit der Zeit wurde er einer der angesehensten und meist respektierten HipHop-Produzenten weltweit.

Keine Retrospektive über Dilla und seinen musikalischen Erfolg würde diesem je vollständig gerecht werden. Wir haben trotzdem versucht für euch ein paar wichtige Schritte seines Lebens, interessante Projekte, die Arbeit als Producer und eine kleine Auswahl seiner Solo-Alben zusammenzustellen.

Die „Amp“ Fiddler Ära

1974 in Detroit geboren, bekannte sich der junge Yancey schon sehr früh zur Musik. Als Kleinkind saß er bestimmt mit einem Fisher Prince-Plattenspieler im Park und legte die alten Platten seiner Mutter Maureen auf. Maureen, oder wie er zu sagen pflegte, Ma Dukes, kaufte ihm natürlich auch seine erste Platte. Zu Schulzeiten wurde HipHop schnell zu einem wichtigen Teil in seinem Leben. Er lernte die beiden Rapper T3 und Baatin kennen und gründete mit ihnen die Rap Crew H20. Die Drei wurden schon bald zu engen Freunden und später unter dem Namen Slum Village bekannt.

Als er sich dann 1984 mit Whodini aus Brooklyn zusammentat, für die er seinen ersten Beat zum Track „Big Mouth“ schrieb, inspirierte das Yancey sehr. Daraufhin begann er, mit mehreren Musikern aus Detroit zusammenzuarbeiten und seine Karriere geriet langsam ins Laufen. Sehr wichtig war seine frühe Freundschaft mit Joseph „Amp“ Fiddler, der ihm zeigte, was es heißt, ein richtiger Musikproduzent zu sein. Durch seine Stunden im „Camp Amp“ (so wurde Fiddlers Studio genannt), wurde Yancey mit der Kunst digitaler Programmierung vertraut, die man später in vieler seiner Stücke wiederfinden konnte. Fiddler brachte ihm das alles ohne Bücher oder vorgegebene Regeln bei, so dass Dillas komplette Technik größtenteils selbst erlernt ist.

Amp spielte ihm ein paar Sachen vor, aber sagte immer: „Ich werde dir nicht zeigen wie du das nachmachst. Das musst du schon selbst lernen.“ Er sagte ihm auch, er solle auf keinen Fall Bücher benutzen. „Seitdem las ich mir kein einziges Buch zu bestimmten Samples durch, ich versuchte es einfach selbst zu lernen…Die meisten Leute sagen: 'Oh, Amp hat dir alles beigebracht?' Nein, nicht wirklich."

Slum Village und frühe Projekte

Yancey engagierte sich in seiner Anfangszeit als Producer in zahlreichen musikalischen Projekten in Detroit, lernte über Amp Fiddler viele neue Freunde und Kollegen kennen und mischte oft bei Rap Battles der Detroiter Musikszene mit. Eines der sehr frühen Projekte war die Zusammenarbeit von Jay Dee (unter diesem Namen wurde Yancey langsam bekannt) und Rapper MC Proof. Zusammen gründeten sie die Funky Cowboys und Yanceys Talent für Drumcomputer und Sampler wie dem Akai MPC60 und E-mus SP-12 wuchs weiter. „The Fizzo“, der in Zusammenarbeit mit T3 entstand, ist ein Track aus dieser Zeit. Er blieb lange unveröffentlicht.

Jay Dees erster Plattenvertrag kam mit 1st Down—einer Produktion mit Phat Kat MChing, der auch aus Detroit kam. Sie unterzeichneten bei Pay Day Records, ihr Erfolg war allerdings aufgrund einiger Komplikationen eher kurzweilig. Die einzig wirklich erfolgreiche Single „A Day With The Homiez“ wurde 1995 veröffentlicht. Nach dem Ende von 1st Down, setzte Yancey all seine Hoffnungen wieder auf Slum Village, die Gruppe, die er noch zu Schulzeiten gegründet hatte. Früher noch unter dem Namen Ssenepod bekannt, feierte das Trio bald seine ersten großen Erfolge in der HipHop Szene von Detroit. Mit Fantastic Vol. 1, feierten Slum Village 1996 ihr Debütalbum. Hier eine Notitz mit der Ahmir „Questlove“ Thompson von The Roots seine Meinung dazu äußerte:

„I mean this ‘tape’. The ‘tape of all tapes’ NEVER left my side. I loves this tape so much I copped a high end walkman for it...I loved this tape so much I did my first ‘stage walkoff faking a piss break’ during Hub’s bass solo just to sneak a peak at a song or two. I loved this tape so much I swear I was gonna break the Roots up when I discovered Black Thought took my tape without my permission.“

Nächste Seite: Der Einfluss von Q-Tip, Dillas Arbeit als Producer und der Werdegang von Slum Village.

Einfluss von Q-Tip

Das erste Album von Slum Village, wurde—durch Yanceys Kontakte—von einer Musikproduktionsfirma namens The Ummah aufgenommen, die schon Künstler wie Q-Tip und Ali Shaheed Muhammed unterstützt hatte. Es war Jay Dees erstes Zusammentreffen mit Q-Tip, das seine Karriere wieder einen Schritt weiter in Richtung des großen Erfolgs trieb.

„Ich traf Tip 1994…Meine Band (früher Detroit Piston) wurde gerade von John Salley gemanagt. Deswegen habe ich Tip die Platte zum Hören gegeben. Noch am selben Tag rief er mich zurück. Er fragte, woher zum Teufel ich diese Beats hatte. Danach lief es einfach.“

Jay Dee durfte kurz danach selbst Tracks für Labcabinacalifornia produzieren, ein sehr erfolgreiches Album der HipHop Gruppe The Pharcyde aus Los Angeles. Das Album beinhaltete den Track „Runnin“ und wurde 1995 veröffentlicht. Es ist das perfekte Beispiel für Yanceys Gabe aus den verschiedensten Genres einen stimmigen und einzigartigen Sound zu kreieren. Ein vollkommen perfektionierter Mix aus 60er Jazz Parts, gemixt mit „Rock Box“ von Run D.M.C.

Dillas Arbeit als Producer

Nach dem Erfolg mit Labcabincalifornia konnte er sich vor Anfragen für Remixe kaum mehr retten. Es folgten viele weitere Produktionen mit großen Künstlern und die Musikszene wurde bis Ende der 90er Jahre nachhaltig von seinem wachsenden Erfolg als Producer geprägt. Jay Dees Sound wurde vor allem für seine Spannungsbögen und Abneigung zu Wiederholungen gefeiert. Bis 1997 gab es eine stets wachsende Zahl sogenannter Dilla heads, einer kleinen Fanbase aus Verehrer und Producer, die nach Yanceys Regeln den HipHop aufmischten.

Unter dem unübersehbaren Einfluss von Jay Dee und The Ummah, erschienen in den späten 90ern viele bemerkenswerte Remakes. Großes Aufsehen erregte damals „Got ‘til It’s Gone” von Janet Jackson, ein Track der eindeutig Joni Mitchells „Big Yellow Taxi“ sampelte. Und obwohl hinter der ganzen Sache die Produzenten Jimmy Jam und Terry Lewis standen, behauptete Yancey in einem Interview, dass in Wahrheit er die Idee zu dem Song hatte.

„Ich sage euch was passiert ist: Tip, Ali und ich haben alle zusammen an dem Track gearbeitet (gemeinsam als The Ummah). Ich werde jetzt keine Namen nennen, aber als der Track dann rauskam, hieß es von eben diesen, dass sie den Song produziert hätten. Dabei hatten wir die Idee. Schaut ruhig auf die Namen, ihr werdet dort keinen Jay Dee oder Q-Tip finden…”

Soulquarians und Distanzierung von Slum Village

Zusätzlich zu The Ummah war Jay Dee Gründungsmitglied der HipHop-Gruppe Soulguarians. Außer ihm bestand diese aus Questlove, James Poyser von The Roots, Common, Erykah Badu und Talib Kweli. Und obwohl es nie eine offizielle Veröffentlichung der Gruppe gab, schien jedes Mitglied an den Produktionen des anderen beteiligt zu sein. Es war zum Beispiel Yanceys Einfluss zu Erykah Badus „Didn’t Cha Know“, der ihr 2001 die Grammy Nominierung für den besten R'n'B-Song des Jahres verschafft hatte.

Dieses Ausmaß an musikalischem Erflog trug zur weiteren Distanzierung Yanceys von Slum Village bei. Trotzdem veröffentlichte die Band 2000 ihr zweites Album Fantastic, Vol. 2. Der britische Dj, Toddla T, erinnert sich noch heute an seine erste Bewegnung mit Dilla und Slum Village:

„Als ich noch in Sheffield lebte und eines Tages in den Plattenladen ging, da war ich 13 oder 14 Jahre alt, war das die erste Platte, die ich jemals gekauft habe. Ich war zwar überzeugt davon, dass Dilla Fantastic, Vol. 2 war, hatte aber keine Ahnung wer oder was er eigentlich war. Ich erinnere mich noch, ich legte die Platte im Laden in den Plattenspieler ein, fand sie erstaunlich gut und kaufte sie sofort. Erst ein paar Jahre später erkannte ich, dass viele meiner Lieblings-HipHop-Tracks von Dilla waren.“

Yancey kündigte allerdings kurz nach der Veröffentlichung des zweiten Albums seinen endgültigen Ausstieg bei Slum Village an, produzierte aber noch ihre nächsten zwei Alben. Sein Ruf als gefragter Produzent ließ ihm in diesem Fall keine andere Wahl, als die Band zu verlassen.

Eine zweite Grammy Nominierung als Ergebnis seiner Mitarbeit, gab es im selben Jahr für Commons Album Like Water For Chocolate. Bei zehn der 21 Tracks hatte Dilla seine Finger im Spiel. „Complex“ und „The Light“ finden sich sogar auf dieser Liste der 50 besten Dilla Songs ever. Zur Jahrhundertwende schaffte Dilla dann endgültig den Sprung und festigte seinen eigenen Stil. Mit „The Light“ befand er sich dann auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Der Track ist übrigens Platz Nr.1 auf der Dilla-Liste.

Nächste Seite: Seine Solokarriere, Jaylib und das Vermächtnis von Dilla.

Solokarriere und die Geburt von J Dilla

Inspiriert von der Homebase Detroit veröffentlichte Yancey sein erstes Soloalbum unter dem Titel Welcome 2 Detroit. Auf dieser sehr abwechslungsreichen Platte kann man Dilla sowohl singen als auch rappen hören. „Think Twice“ zeigt Yanceys Stimme weich und subtil, ganz im Gegensatz zu den harten Worten auf Tracks wie „Give It Up“. Gleich nach Welcome 2 Detroit legte er noch eine separate Single hinterher, nämlich „Fuck The Police“. Sie sollte einer seiner größten Erfolge werden. Vor allem aufgrund der konkreten Thematisierung von Problemen durch Rassenunterschiede, unter denen Dilla sein ganzes Leben sehr litt, wird dieses Lied bis heute von all seinen Solo-Projekten am meisten geschätzt.

Geballtes Talent: Jaylib entsteht

Es war nur eine Frage der Zeit bis sich das kreative Genie Yancey jemanden seinesgleichen suchte. Dieser jemand sollte Otis Jackson Jr., besser bekannt als DJ und Rapper Madlib, sein. Dilla gewährte ihm den Zugang zu bisher unveröffentlichten Instrumental-Tracks und er begann zu Dillas Beats zu rappen. Das Ganze wurde vom Label Stones Throw und langjährigem Unterstützer von Madlib und Dilla herausgegeben. Peanut Butter Wolf, Gründer von Stones Throw, erinnert sich noch gut an den Moment, als er Dillas Aufnahmen zum ersten Mal hörte.

„Dilla rief mich gleich, nachdem ich es gehört hatte, an und meinte: 'Yo, was geht jetzt mit dem Bootleg?' Ich war mir nicht sicher, ob das ein 'Hey, was geht, ich bin sauer auf dich' oder ein normales Dilla 'Hey, was geht?' war. Dann sagte er: 'Yo Man, lass uns die Scheiße offiziell machen!'

Nach dieser Anweisung ging es für die beiden mit Campion Sound los, das 2003 auf Stones Throw veröffentlicht wurde. 50/50: Dilla als Produzent, Madlib als Rapper und umgekehrt, hatte dieses Album einfach alles. Dj Rhettmattic beschrieb das geballte Talent der beiden einmal als „Yin und Yang“. Trotz der ersten Anzeichen von Dillas gesundheitlichen Problemen, war er musikalisch immernoch so heiß wie eh und je. Als Jaylib gaben Madlib und Dilla unzählige Liveshows und waren zusammen schier unschlagbar.

Donuts und das Vermächtnis von Dilla

In den frühen 2000er Jahren begann sich sein Zustand dann ernsthaft zu verschlechtern, und der Kampf mit seiner Krankheit Lupus (Schmetterlingsflechte) wurde ein sehr harter. Obwohl er krankheitsbedingt stark einegschränkt war, hörte Dilla im Krankenhaus immer Musik—religiöse Musik. Während dieser Zeit brachten ihm seine Mutter und Freunde Platten ans Krankenbett; ein kleines Detail, das ich Ma Dukes Erzählungen und dem Crate Diggers Dokumentarfilm über seine umfangreiche Plattensammlung entnehmen konnte.

Trotz seines lähmenden Zustands produzierte Dilla in dieser Zeit noch ein weiteres Soloalbum, Donuts. Es wurde am 7. Feburar 2006 veröffentlicht—drei Tage vor seinem Tod. Fast alle Tracks auf dem Album wurden wirklich während seines Krankenhausaufenthalts produziert. Die meisten Einzelheiten aus dieser Zeit sind allerdings bis heute privat geblieben. Donuts, ganz einfach nach Yanceys Lieblingssnack benannt, wurde zu einem der besten HipHop-Alben allerzeiten. Mit einer gigantischen Tracklist von 31 Songs (die übrigens alle unter drei Minuten liegen) wurde es wie gehabt auf Stones Throw veröffentlicht und von einigen engen Freunden als Abschiedsbrief interpretiert. Tracks wie „Stop!“ lösen bei vielen bis heute schmerzliche Erinnerungen an Dilla aus.

Aus vielen kleinen Samples zusammengefügt wurde Donuts eine instrumentale Aufzeichnung, die alte Beats in neue Zukunftsmusik verwandelt und Yancey jedes Mal wenn sein Name erwähnt wird, ehrlichen Respekt und Ehre verschaffen sollte. Nicht umsonst sind viele der Tracks die offiziellen Lieblingslieder von bekannten Künstlern aus der ganzen Welt. „Workinonit“ wurde von The Horrors gewählt, Ma Dukes Lieblingslied war immer „Lightworks“.

Auch wenn in den sieben Jahren seit seinem Tod so viele unveröffentlichte Dilla Tracks aufgetaucht sind, sind sich alle Fans einig darüber, dass das volle Ausmaß seiner Titel wohl niemals enthüllt werden wird. Inspiriert von ihrem Sohn und in der festen Annahme, dass die besten Talente nur schwer gefunden werden, begann Maureen Yanceys unermüdlicher Kampf um das Erbe ihres Sohnes und dessen Aufrechterhaltung. In diesem Zuge rief sie die J Dilla Foundation ins Leben, die mittlerweile viele innerstädtische Musikprojekte für Schüler und Studenten anbietet und fördert. 2008 beschreibt Busta Rhymes in einem Interview die Natur eines Mannes, der in jedem seiner Solo-Alben eine Rolle gespielt hat: J Dilla.

„Meistens, wenn ich mal wieder die Möglichkeit bekommen habe, J Dilla zu treffen, war er sehr ruhig und etwas vorbehalten. Es gab nie eine lange Diskussion oder Gespräche mit ihm. Er war auch nie die ganze Nacht in Clubs oder anderen Hotspots unterwegs. Für ihn war nur die Musik wichtig."

Jay Dee als Mensch mag zwar gestorben sein, aber sein Vermächtnis lebt weiter und wird niemals von all den Kollegen, Freunden, Fans und Nachahmern vergessen werden.

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