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Ich war auf der SIP-Afterparty in der Pratersauna

So ist es, als Nicht-Mediziner auf SIP-Afterpartys zu gehen.
4.7.16

Alle Fotos vom Autor. Das ist nicht der Autor.

Verantwortungsbewusst wie ich bin, habe ich mich nach meiner Matura dazu entschieden, etwas zu studieren, das jeder studiert, der keine Ahnung hat, was er im Leben machen will und das Teil einer Branche ist, die sich gerade in einer blutigen Revolution befindet. Ich habe mich für Publizistik entschieden, denn ich liebe die Gefahr. Freunde von mir waren klüger und studieren Jus oder Medizin, die alten Spießer.

Ich liebe euch, aber die Wochen vor euren FÜMs und SIPs und wie sie alle heißen, in denen ich euch so gut wie nie zu Gesicht bekomme, sind immer furchtbar für mich. Umso schöner ist die Zeit nach den Prüfungen, in der ihr euch, nach eurer mehrwöchigen Partyabstinenz, mal wieder richtig die Hirnzellen rausblasen wollt. Bei den Medizinern heißen diese Partys "SIP-Afterpartys" und die finden seit ein paar Jahren in der Pratersauna statt.

Wie oft dachte ich mir schon: Ich bin hier auf einer Party, aber welcher Bank sollte ich eigentlich vertrauen?

Dort kommen all die Leute hin, die nach ihrem Leben auf der Bib auf Licht so reagieren wie Brad Pitt in diesem einen Vampir-Film und eine Alkoholtoleranz von einem Neugeborenen haben. Beste Voraussetzungen also, interessante Bekanntschaften zu machen. Nach der Neueröffnung der Pratersauna im April, hatte ich aber nicht mehr so viel Lust darauf, dorthin zu gehen.

Komischerweise änderte sich meine Meinung auch nicht, nachdem ich jetzt zum dritten Mal in der Heute-wie-damals-Sauna war. Weil ich aber versuche, ein guter Freund zu sein und, wie schon gesagt, die Gefahr liebe, habe ich mich dazu bereit erklärt, meinem besten Freund Beistand bei seiner Resozialisierung zu leisten und ihn zur SIP-Afterparty zu begleiten. Ich bereue nichts.

Ewig schade um die Schmusemöglichkeiten.

Ich war also auf ein gewisses Pubilkum und eine gewisse Stimmung eingestellt. Alles wird ein bisschen nobler, elitärer und sauberer sein. So etwas brauche ich beim Fortgehen nicht. Ich will es dunkel mit einer Prise Scheißdrauf-Attitüde. Dann muss ich mir keine Gedanken darüber machen, ob ich jetzt eh in die Menge passe.

Umso mehr hat mich die Stimmung an diesem Abend überrascht. Viele lachende Gesichter, viele ausgelassene TänzerInnen und wenig bis gar kein Rempeln. Ich bin mir sicher, dass diese Glückseligkeit vom After-Prüfungs-Befreiungsschlag kommt. Nur beim Rumsitzen im Poolbereich, vermisse ich die große Wiese mit den Liegen. Da ist jetzt der Beachclub und ab 22:00 Uhr ist dort Menschenverbot. Dabei könnte man dort so gut schmusen. Schande, liebe Pratersauna, Schande.

Ich bin mittlerweile SIP-Afterparty Veteran und habe bisher erfolgreich vermieden, dort über meine Studienwahl zu sprechen und mich damit der Möglichkeit auszusetzen, als etwas Niederes abgestempelt zu werden. Zum Glück muss man dort nicht mit dem weißen Kittel auftauchen, den man als ordnungsgemäßer Mediziner ja immer anhaben muss (oder?).

Ich bin quasi Schrödingers-Student. Solange mich niemand fragt, bin ich Medizin-Student und Nicht-Medizin-Student. Das macht das Ganze weit weniger stressig. Auch, wenn für viele Besucher in den letzten Wochen das einzige Thema war, wie viele Altfragen nun kommen werden, wurde ich kein einziges Mal auf so etwas angesprochen. Es hatte wohl jeder genug davon und das finde ich sympathisch.

Worauf ich allerdings mehrmals angesprochen wurde, waren Drogen. Eh nicht ungewöhnlich in Wiener Clubs. Aber an diesem Abend waren sie immer sehr höflich. So auf: "Ich muss dich mal ganz dreist fragen, aber hast du vielleicht Drogen dabei?" Nachdem ich das verneinte, zogen sie leicht enttäuscht weiter. Ein anderer, sehr euphorischer Kollege, war sich sicher, dass wir uns vor vier Jahren auf der Viennale kennengelernt hatten und dass er mich liebt. Ich war zwar noch nie auf der Viennale, aber ich habe ihn nach dem Gespräch auch ein bisschen geliebt. Sein Bro-Kollege im Tanktop hat ihn dann weitergeschleppt, er dachte wohl, ich sei genervt.

Ich hab mich gefreut, auch über den Iren, der mir mit seiner krächzenden Stimme—er hatte sich zu sehr in die EM reingesteigert—erklärte, wie sehr er die alte Sauna vermisst. Ich konnte mich zwar nicht richtig auf das Gespräch konzentrieren, seine kaputte Stimme hat mich zu sehr fasziniert, aber ich bin mir sicher, dass wir uns in diesem Punkt einig waren.

Der Abend war harmloser als ich mir gedacht hatte. Die Leute hatten Spaß, ich habe nur einen Menschen gesehen, der nicht mehr stehen konnte und an die Duftzerstäuber an den Wänden gewöhnte ich mich auch ein bisschen schneller. Med&Law, die Veranstalter der SIP-Partys, und ich haben schon eine gemeinsame Vergangenheit und die diesjährige Afterparty hat unseren Bond wieder ein bisschen verstärkt.

Ich hatte eine gute Zeit, auch wenn wir uns eigentlich nicht verstehen dürften. Ein bisschen wehmütig bin ich schon, dass meine Freunde jetzt fertig studiert haben und ich wahrscheinlich nie wieder eine SIP-Afterparty besuchen werde. Andererseits werde ich langsam alt und meine Lust auf Gefahr wird zur Lust auf einen Abend, an dem ich mich nicht davor fürchten muss, gefragt zu werden, was ich studiere.

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Benji überdenkt seine Lebensentscheidungen auch auf Twitter: @lazy_reviews

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