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Dich zu lieben, ist schwierig: Warum Kendrick Lamar der Künstler des Jahres ist

Kein Künstler hat 2015 allein durch seine Musik mehr Diskussionen angeregt.

von Craig Jenkins
30 Dezember 2015, 9:00am

„We gon be alright! We gon be alright!” Es ist Anfang November und ich stehe mitten im Terminal 5—einem mittelgroßem Konzertsaal in Manhattan. Kendrick Lamar und seine Band sind gerade nach einem fetten Set voller Hits und deeper Cuts von seinem Album To Pimp a Butterfly von der Bühne gegangen. Ein Song hatte allerdings gefehlt. Das über allem thronende Herzstück des Albums, „Alright“, hatten sie ausgelassen—ziemlich offensichtlich, um es als Zugabe zu bringen. Während das wartende Publikum anfängt, langsam den Chorus zu singen, und dabei immer lauter wird, passiert etwas Ungewöhnliches. Kendrick kommt auf die Bühne geschlendert, aber spielt keinen Song. Stattdessen springt er vergnügt durch die Gegend und dirigiert das Publikum. Als er und seine Band dann endlich mit der Zugabe loslegen, gibt es kein Halten mehr. In diesen sechs Minuten klingt das Publikum im Terminal 5 wie eine Demo bei der hunderte junge Menschen gemeinsam eine aufmunternde Durchhalteparole schreien. Seit der Veröffentlichung von To Pimp a Butterfly im März ist „Alright“ eine Art Schlachtruf geworden und sein Autor eine Art unfreiwilliger General.

Kendrick Lamar pflegt eine Persona, die der seiner pre-Internet Vorgänger sehr ähnlich ist: Er spricht fast ausschließlich durch seine Musik, durch Interviews und von der Bühne. Sein Ansatz unterscheidet sich krass von der uneingeschränkten medialen Präsenz, die von vielen Rappern in Zeiten von Snapchat und Vine an den Tag gelegt wird. Er ist nicht dazu bereit, sich häppchenweise durch Meme-freundliche Videoclips zu veräußern, wie Drake das tut. Im Gegensatz zu Meek Mill und Wale leidet er nicht unter ‚Twitterfingern’. Er hüllt sich nicht wie Rozary in einen Mantel kalkulierter Coolness, ist nicht wie Nicki Minaj ständig auf allen Kanälen präsent oder folgt dem von Lil Wayne inspirierten Release-Overdrive eines Young Thug. Paparazzi bekommen ihn im Gegensatz zu Jay nur selten bei Sportveranstaltungen zu Gesicht—oder bei Modeveranstaltungen wie Kanye. Viel mehr überkommt einen oft das Gefühl, dass es Kendrick Lamar gar nicht gibt. Trotzdem hat er sich beständig im Zentrum des diesjährigen HipHop-Dialogs gehalten—und das allein durch die schiere Wucht und Aussagekraft seines künstlerischen Statements. Die Komplexität von Kendricks Statement und die soziopolitischen Verweise, die wir darin immer noch neu entdecken, sind die Gründe, warum ein Künstler, der sich 2015 so sehr im Hintergrund gehalten hat, zu einem unserer Lieblingskünstler des Jahres werden konnte.

To Pimp a Butterfly ist von „Wesley’s Theory“ bis „Mortal Man“ eine radikale Predigt der schwarzen Selbstliebe in Zeiten des Krieges—ein Aufruf zur Mobilisierung zu einer Zeit, in der syrischen Flüchtlingen von amerikanischen Gouverneuren aufgrund von rassistisch motivierter Terrorangst das Asyl verwehrt wird und unerklärlich populäre Präsidentschaftskandidaten wie Donald Trump erschreckende, xenophobe Schutzmaßnahmen wie den Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko und die landesweite Überwachung aller Muslime versprechen. Butterfly verspinnt isolierte Stränge schwarzer Musik zu einem Faden von erstaunlicher Konsistenz, obwohl sich seine Komponenten von Jazz über G-Funk bis hin zu Soul erstrecken, die dann wiederum mit der Ästhetik von Los Angeles’ Beatszene vermischt werden. Sein Sound ist in seiner Eigenschaft, sich unglaublich altmodisch anzuhören, in gewisser Weise topaktuell. Währenddessen geht der Rapper mit sich selbst gnadenlos dafür ins Gericht, dass er in der Hitze des Scheinwerferlichts durchgedreht war, und, als wäre das alles schon nicht genug, beindruckt er obendrein noch mit innovativen Flows und Wortspielen. Lamar ist neben Seinesgleichen im Radio ein Denkmal an die alte Welt: Sein Königreich hat er sich mit seinen Worten erbaut und nicht mit einer übertriebenen Coolness. Für viele ist er deswegen in seiner Klasse den anderen voraus. Sie vergessen, wie viel Wert die Großen der Vergangenheit auf ihr Aussehen gelegt haben.

Als vom Handwerk besessener Anti-Celebrity hat Kendrick den schlimmen Moment schwarzen Daseins als sein Image gewählt. Wann immer er Gesicht zeigte, ging es darum, mit etwas abzurechnen. Die Butterfly Videos—eine ungekünstelte, hyperreale Behandlung für „King Kunta“, ein satirisches, ästhetisch irgendwo zwischen Spike Lee und Mel Brooks angesiedeltes „For Free“ und das monochrome und unterschwellig protestierende „Alright“—waren alle so atemlos und schwerelos wie die Musik. Bei seinem Auftritt bei den diesjährigen BET Awards lieferte der Rapper seine Verses vom Dach eines zerstörten Polizeiautos ab—eine Szenerie, die allen durch die Ereignisse in Baltimore und Ferguson nur allzu bekannt war. (Diese Aktion machte Lamar zum Gesprächsthema einer Fox News Kommentatorenrunde, in der Geraldo Rivera durch die Zeile „And we hate po-po, they wanna kill us dead in the strets fo’ sho’“ zu dem Schluss kam, „dass „HipHop mehr Schaden unter jungen Afro-Amerikanern angerichtet hat als Rassismus.“) Kendricks Kunst imitiert das Leben, das Leben wiederum holt seine Kunst ein und schließt so den Kreis: Bei vielen Protesten junger Menschen gegen Polizeigewalt wurde der Refrain seines Songs als Slogan verwendet—ein Mantra, das man in einer Bewegung, die es in diesem Land eigentlich gar nicht benötigen dürfte, gar nicht widerholen müssen sollte. Junge Menschen sollten sich nicht sagen müssen, dass alles gut wird; die Menschen sollten Amerika nicht daran erinnern müssen, dass auch schwarze Leben zählen.

Wenn To Pimp a Butterfly geradezu prophetisch die aufgeheizte Stimmung in der amerikanischen Bevölkerung anspricht, so hat Kendrick sichergestellt, dass seine Message über eine reine kulturelle Bedeutung hinausgeht. Ein Interview im vergangenen Januar mit Billboard, in dem es auch um den Tod von Michael Brown ging, schockierte Fans, die nicht mit einer derartigen Betonung von persönlicher Verantwortung in Kendricks vielschichtiger Kritik der Vorkommnisse gerechnet hatten. Er sagte: „Fangt nicht bloß mit einer Demo an, beginnt nicht mit dem Plündern—es beginnt von innen heraus.“ Oberflächlich betrachtet mutete das wie eine wenig subtile Andeutung an, dass Brown durch eigenes Verschulden im Fadenkreuz der Polizei geraten war. Wenn man aber diesen mühsamen Weg zum inneren Frieden auf Butterfly mit einbezieht—von „Loving you is complicated!“ bis zu „I love myself!“—verlieren seine Bemerkungen einiges an Bösartigkeit. Als bekennender Christ äußert sich Kendricks Religiösität anscheinend vor allem darin, dass er sich jenseits aller Ungerechtigkeiten der Welt vor allem mit emotionaler und spiritueller Selbstoptimierung versucht. Es geschieht nur selten, dass Rap, der derartig politisch aufgeladen ist wie Butterfly bisweilen, mit einer schwer verdaulichen Portion Selbstzweifel mittendrin daherkommt. Die Komplexität, Tiefe und Dunkelheit seines Unterfangens machen die Platte zu einem Schlag mit dem Fehdehandschuh für ihre Hörer.

Kulturkritiker und Rap-Journalisten gleichermaßen verbrachten das Jahr damit, über die Arbeit des Wortkünstlers aus Compton zu diskutieren, von denen einige suggerieren, dass Butterfly in seiner unerschrockenen Art der Sezierung von Rassenpolitik zu heiß ist, um es wie jedes andere Album zu behandeln, und andere dem schlagfertig entgegensetzen, dass die Probleme bloß der kurzen Halbwertzeit des Rapjournalismus geschuldet sind und so weiter und so fort. Es ist ein lächerliches Unterfangen, anderen vorzuschreiben, wie man herausfordernde Kunst am besten verarbeitet (oder einen bequemen Abstand dazu einhält). Die HipHop-Community im Internet stellt ständig die Vorzüge von Musik, die zum Denken anregt, den Vorzügen von Musik gegenüber, die zum Tanzen anregt, fast als wäre irgendwo mal beschlossen worden, dass man nicht länger beides zu den gleichen Songs tun kann—oder, dass Musik, die zuerst den Körper anspricht, irgendwie kulturell weniger bedeutend ist. (Passenderweise haben Kendrick Lamar und Pharrell in „Alright“ der Produktion einen schwarz-radikalen Puls verpasst, der gleichzeitig Atlanta Trap und Kammerjazz atmet—eine Tatsache, die vielleicht die andauernde Righteous/Ratchet-Debatte in ein unterhaltsames Chaos gestürzt hätte, hätte nur mal jemand lang genug damit aufgehört rumzuschreien, um sich einmal umzuschauen.) Insgeheim sind die Kritiker und Artikelschreiber nämlich am glücklichsten, wenn sie sich streiten können. Nicht ganz so insgeheim hat die komplette Diskussion aber kaum nennenswerte Folgen. Ein Album, das seinen vollen Charme erst mit der Zeit entfaltet, ist ein wahrer Segen, und die andauernden Zankereien zeigen nur, dass To Pimp a Butterfly die Menschen weiter beschäftigt—auch Monate nachdem das Interesse an Alben, die sich viel besser verkauft haben, schon wieder eingeschlafen ist. Kendrick bleibt präsent—auf unheimliche Weise dann aber auch irgendwie nicht.

Was die Künstler angeht, deren Alben sich dieses Jahr besser als Butterfly verkauft haben: Kendrick Lamar hat all das da oben erreicht, während er seinen kalten Krieg mit Drake weiter vorantrieb—eine passiv-aggressive Ansammlung aus Anspielungen und Seitenhieben, die über den Zeitraum von zwei Jahren über Alben, Fernsehauftritte und Guest-Verses ausgetragen worden war. Egal ob Kendrick das jetzt so beabsichtigt hatte oder nicht, die Veröffentlichung von Butterfly Anfang Frühling nahm etwas Dampf aus der Diskussion um Drakes If You’re Reading This It’s Too Late. Er hatte sichtlich Spaß daran, Drake so an der Nase herumzuführen: Das Ziel von Kendricks Anspielungen auf Butterfly wie auch Dr. Dres Abgesang Compton geriet beiden in den Fokus, nachdem Meek Mill ausgeplaudert hatte, dass Quentin Miller Drake beim Songwriting unter die Arme greift. Nur wenige Wochen nach OVOs unerbittlicher Kampagne gegen Meek konnte man sehen, wie Lamar die Line „A rapper with a ghostwriter, what the fuck happened?“ aus „King Kunta“ in der Sendung The Late Show with Stephen Colbert koboldhaft überspitzte. Drake hatte dem nicht viel entgegenzusetzen und man bekam zunehmend den Eindruck, dass der Despot aus Toronto durchaus eingeschüchtert ist. Manche fragen sich, ob das unerbittliche Nachstellen Meeks nur der Show wegen passiert war, um Drakes Dominanz zu festigen—was bei einem angemesseneren Gegner vielleicht nicht funktioniert hätte. Wenn Kendrick sich auch einen Großteil des Jahres wie ein zurückgezogener Mystiker aufgeführt haben mag, ließ er im Umgang mit seinem Rivalen eine draufgängerische Kapazität für allerlei Unfug durchblicken—eine Komplexität und Gewandtheit, die Seiten des vom ihm verehrten 2pac durchblicken ließen. Seine Message lautet zwar „Black Unity“, aber wenn du ihm im die Quere kommst, kannst du dich auf etwas gefasst machen.

Für ein Jahr, das er damit verbracht hat, das Trap-lastige HipHop-Radio mit prägnanten Klaviertönen und Blasinstrumenten zu füllen, die dort seit dem kommerziellen Scheitelpunkt von Questlove, J Dilla und Konsorten schmerzlich vermisst werden; dafür, dass er die Regeln des HipHop-Startums umgeschrieben hat, indem er sich an eine Zeit zurückerinnerte, in der Künstler vor allem für ihre Ideen und weniger für ihre pausenlose Medienpräsenz verehrt wurden; dafür, dass er dabei geholfen hat, Majorlabel-HipHop als wirkungsmächtige Protestmusik zu aktualisieren, ohne dabei die Qualität für die Reinheit seiner Message zu opfern oder einer entzweienden, umständlichen Hotep-Logik zum Opfer zu fallen; und dafür, Neokonservative, Liberale, Trap-Heads und Leute von der Lyrical Miracle-Fraktion in einem einzigen großen, mutigen Abwasch der Liebe durchzurütteln: Für all das ist Kendrick Lamar ohne Zweifel Künstler des Jahres. Selbst als er dem Rampenlicht aus dem Weg ging, kam der Dialog zu ihm zurück. Mit jedem Schritt schreibt er HipHop-Geschichte und auch in den folgenden Jahren wird es eine Freude sein, mit anzusehen, was für sonderbare Wellen sein Einfluss schlägt.

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