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Gehobene Black Metal-Küche in New York

An einem Amuse-Bouche ist wirklich nichts düster.

von Wyatt Marshall
25 März 2014, 10:00am

Wenn du deine nächste Reise nach New York planst, dann merk' dir schon einmal das Clinton Hill-Viertel in Brooklyn. Clinton Hill ist eine Gegend für Erwachsene, dort wohnen diese Leute über die du nur liest, solche die richtig in den Urlaub fahren und ein zweites Schlafzimmer haben, das nicht von Mitbewohnern belagert wird. Meine Freundin und ich gingen begrünte Straßen entlang, in denen freistehende Häuser mit schönen Eingangstüren stehen—davor Flaneure, die den Verkehr lahmlegen. Schließlich kamen wir an unserem Ziel an: dem Restaurant Three Letters, einem französisch-amerikanischen Bistro, bei dem es an dem Abend ein „nach Black Metal schmeckendes Menü“ geben sollte.

Die Veranstaltung trug den Namen „Es bedarf einer Plünderung: ein Menü, das nach Black Metal schmeckt.“ Das Restaurant hatte ein Menü mit sechs Gängen für 45 Dollar zusammengestellt, bei dem die Gerichte von Black Metal-Themen oder Songtiteln inspiriert waren und Namen trugen wie „Guardians of the Black Lake“ (Tintenfisch, Kohl, Stint) und „I Will Lay Down My Bones Among The Rocks And Roots“ (Kürbis, Karotten, Topinambur). Das Essen selbst war nordisch inspiriert und während des Dinners lief eine ziemlich gute Auswahl an Black Metal-Bands der zweiten Welle. Die Karte war in Runen geschrieben und das Restaurant hatte für die Veranstaltung sogar ein Poster machen lassen, auf dem die brennende Fantoft-Kirche zu sehen war.

Noisey Black Metal Dinner 2014 Poster

Der Laden sah gut aus—was an sich natürlich schon mal überhaupt nicht zu Black Metal passt. Die an den spärlich gefüllten Speisesaal angrenzende war kunstvoll geschwungen, es gab dezente futuristische Akzente und farblich dominierte tiefes Türkis. Einige andere Gäste arbeiteten sich ebenfalls durch das Menü. Unsere Bedienung—eine nette, blonde Dame—trug ein T-Shirt, das das Restaurant extra für diesen Anlass hatte machen lassen. In Black Metal-typischer Schrift stand „Three Letters“ darauf. Ich bin relativ sicher, dass sie kein Black Metal-Fan war. Beim Barkeeper sah das jedoch anders aus: Er hatte einen halbrasierten Kopf, trug das T-Shirt des Events, Piercings, schwarzen Lippenstift und eine Lederweste. Ein paar Metalheads nahmen am Ende der Bar Platz. Die Bedienung sagte uns, dass es für diesen Anlass spezielles Bier gebe. Wir wendeten uns aber direkt etwas hochprozentigerem zu und bestellten ein paar Cocktails. Das erste Gericht—„Cut Their Grain and Place Fire Therein“, nach einem Song von Weakling benannt—wurde uns zu Darkthrones „As Flittermice As Satans Spys“ gereicht. Den ersten Gang nach einem Song von Weakling zu benennen, schien sagen zu wollen: „Wir haben Ahnung“. Das Gericht war ein Salat aus geräuchertem Dinkel mit Löwenzahn und einem cremigen Zitronen-Dressing. Der gehaltvolle Dinkel verlieh dem Gericht eine Herzhaftigkeit, die vom leichten und bitteren Grün betont wurde. Hat mich das Essen an den rasenden und eisigen Krach des Namensgebers denken lassen, bedrohlich und dennoch erhaben? Nicht wirklich, aber es war trotzdem lecker.

Als nächstes gab es „Guardians of the Black Lake“, ein Gericht mit Tintenfisch und Sprossen. Es war wirklich eine düster aussehende Angelegenheit: Der Tintenfisch lag in einer schmackhaften und salzigen Bouillon aus Tintenfischtinte. Dazu boten die hellen Sprossen einen schönen Ausgleich, sie hatten eine angenehme Frische und haben etwas von der Tinte aufgesogen—du musstest mit dem Löffel zu Werke gehen, um wirkliche alle einzufangen. Ich weiß nicht, auf welchen Song sich der Name des Gerichts bezog—„Black Lake Nidstång” von Agalloch könnte es vielleicht sein—aber auch das war sehr lecker, A+, 7/10, usw. usf. …

Beim dritten Gang—„I Will Lay Down My Bones Among the Rocks and Roots“—hatten wir uns bei unserer ersten Karaffe Rotwein (vom Fass!) bereits ein wenig vorangearbeitet. Das Gericht war nach einem Song von Wolves In The Throne Room benannt, es bestand aus knackigen Karotten und Topinambur, zubereitet mit Knochenmark. Knochenmark ist so etwas wie das Mononatriumglutamat der gehobenen Küche und verleiht einem Gericht eine gewisse Fülle, Rundheit und das gewisse Etwas. Die Karotten und der Topinambur wurden schonend gegart und waren somit noch schön knackig. Die Mischung aus Mark, Topinambur und Karotten passte thematisch sehr gut zum von der Natur inspirierten Black Metal von Wolves In the Throne Room. Es schien alles in die Richtung zu gehen, die die vermutete Referenz zu Agallochs „Black Lake Nidstång“ bereits angedeutet hatte: Agalloch hätten mit ihrem Album Marrow of the Spirit auch gut zu dem Gericht gepasst. Was jedoch aus den Boxen schallte war The Body, was uns von Black Metal zu Doom brachte. Minuspunkte.

Noisey Black Metal Dinner 2014 Speisekarte

Eine weitverbreitete Annahme besagt, dass kein mehr zu Metal passt, als Fleisch—und es wurde ziemlich schnell ziemlich fleischig. „Beyond the Great Vast Forrest“ (ein Song von Emperor) bestand aus einem riesigen Haufen rohen Wildfleischs, besprenkelt mit Speck und mit einem sauren Solei serviert. Es war genug Wild, um einen kleinen Wild-Burger daraus zu machen. Ich muss zugeben: Es war hart sich durchzukämpfen, denn es war wirklich mehr als genug—außerdem von einer zähen Konsistenz, die mich an das Ceviche aus Rinderherz erinnerte, das ich vor ein paar Wochen hatte (frag besser nicht). Während wir das Wild verdrückten, kam eine Frau in einem selbstgemachten, ärmellosen Emperor In the Nightside Eclipse-Shirt rein und bewies einmal mehr, dass das Schicksal auf mysteriöse Weise arbeitet.

Wir blieben bei ungewöhnlichem Fleisch: Als nächstes wurde uns „In the Hall With Boar and Mead“ vorgesetzt. Zwei riesige Wildschweinkoteletts, die in Honigwein gekocht waren und eine schöne Kruste, aber eine zartes, trotzdem gares, Inneres hatten. Das Dessert, „My Blood Is Made of Sap“, bestand aus gebratener Rote Beete, Ahorn und Sahne. Es war sehr lecker. Wir haben am Honigwein des vorherigen Gangs festgehalten und uns noch ein Glas dieses Tropfens aus dem Norden New Yorks genehmigt, der wie ein Wein aus der Wüste schmeckte. Ich war etwas enttäuscht, dass die Rote Beete zwar ein bisschen Saft abgaben, aber keinen blutigeren Eindruck machten. Meine unerschrockene Begleitung, die mehr von dem rohen Wild aß als ich, fand jedoch heraus, dass die Rote Beete eine satte, blutrote Farbe abgeben, wenn man sie in der Sahne herumschubst. Wie wir alle.

Noisey Black Metal Dinner 2014 Teller

Es liegt ziemlich nah jetzt „Untrue“ zu schreien und es dabei zu belassen. Die ganze Idee, teure und exquisite Küche mit Black Metal zu verbinden, dem düstersten und bösesten Metal-Genre überhaupt, ist eigentlich ein No-Go. Selbst in Brooklyn! Was würde Fenriz davon halten? Wie Sargeist es so schön gesagt haben, geht es bei Black Metal ausschließlich ums „böse gucken, existieren“—nicht um eine schöne Buttersauce oder eine geschickt angerichtete Entenkeule. An einem Amuse-Bouche ist nichts düster. Das Ganze stinkt eher nach der Vereinnahmung von Black Metal durch die sozio-ökonomischen Gruppierungen, die Black Metaller in vielerlei Hinsicht lieber auslöschen würden, ähnlich wie das Hipster-im-Burzum-Shirt-Phänomen. Es hilft, dass die Organisatoren gesagt haben, dass sie die Idee schon eine Weile im Hinterkopf hatten, sich aber nicht sicher waren, ob es eher ein Witz oder tatsächlich eine gute Idee ist. Aber das hält die 99% der Black Metal-Fans nicht davon ab, den Daumen nur bei der Erwähnung so einer Sache zu senken. So oder so war es ein netter Anlass, gut zu essen, Ignoranz und gute Küche zu zelebrieren und dir ein bisschen guten Black Metal vorzustellen.

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