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Pratersauna: Sag zur Eröffnung leise "Servus"

Gestern hat die neue Pratersauna eröffnet. Ein erstes Fazit.

von Isabella Khom
30 April 2016, 10:19am

Dance, dance, nah

In meinem zweiten Interview mit Martin Ho, dem neuen Besitzer und Herrscher über die Pratersauna im zweiten Bezirk, habe ich den beinahe schon viral gegangenen Satz "Die Pratersauna ist tot" in der Einleitung bestätigt. Wie recht ich damit hatte, habe ich aber erst gestern erfahren. "Heute wie damals" ist ein schlecht überlegter Slogan, denn zumindest die Seele der alten Pratersauna hat sich in Hochglanz-Luft aufgelöst. Das Gebäude an der Waldsteingartenstraße 135 wird jetzt nunmehr von Perfektionismus beatmet, von handgesteckten Strohhalmen an der Decke überwacht und einer Bunker-Boulangerie-Isolation hierarchisiert. Das ist per se nicht schlecht, das ist aber—traue ich mich jetzt zu sagen—kaum etwas für die Leute, die sehr gerne in der Pratersauna unter Hennes Weiss und Stefan Hiess waren.

Queue with a view

Aber, ja, let's start at the beginning. Irgendwann vor ein paar Wochen bekam ich die Einladung, um "in exklusivem Rahmen" die Auferstehung des Clubs zu feiern. Beginn um 21:00. Um 23:00, wenn die Sauna ihre von den nicht besonders gut gelaunten Türstehern bewachten Türen auch für die anderen Gäste öffnen sollte (ja, sollte), sollte dieser Exclusive-Shizzle dann auch enden. So weit, so gut. Um 21:30 waren wir dann vor Ort, denn bekanntlich hat das Nachtleben ja eine cum tempore mal zwei. Wir kamen direkt in den Stillstand. Die Sauna hatte noch nicht geöffnet und wir kamen in den Genuss von Parfumwölkchen, hysterischen Frauen (für Mädchen waren sie definitiv zu alt), aber eh gut gelaunten Menschen. Zu der guten Laune komme ich später nochmal, keine Sorge.

Gut, warten—ein Delay soll der Sauna am ersten Tag ja wirklich gegönnt sein, da sich Ho und sein Team einen doch sehr knappen Zeitplan auferlegt hatten. Dass sie dann tatsächlich gestern eröffnet haben, verdient wirklich Lob. Gegen 21:40 plus/minus bewegte sich dann was und jeder fuchtelte den wirklich ruhigen, gut gelaunten Gästelisten-Damen euphorisch die Einladungen in die perfekt geschminkten Gesichter. Der erste Eindruck der Besucher? Definitiv nicht das alte Publikum. Vereinzelt sah man im Laufe des Abends bekannte Gesichter, von denen manchen "Was mache ich hier" ins Gesicht geschrieben war, andere wiederum happy um die Bar hüpften.

Dann der Schock eines jeden Menschen, der halbwegs im Jahre 2016 angekommen ist: Drinnen gibt es keinen Empfang für niemanden. Was ich persönlich gut finde, es geht ja um die Party und nicht darum, ständig auf sein Smartphone zu starren. Ho sagte im letzten Interview auch, dass "socialisen" durchaus ein Schlagwort der neuen Sauna sein soll. So gesehen ist Nocializing nicht möglich, yay, Party, Konfetti, Mund auf.

Das Bar-Personal war trotz der regelrechten Attacke unsererseits bester Dinge, freundlich, lächelnd und gaben dir fast schon das Gefühl, dein Buddy zu sein. Das Versprechen, den Preis der Getränke zu senken, wurde auch eingehalten, also an dieser Front ist alles gut. Die Uniform des Personals war funny: Die Bar-Dompteure hatten Bademäntel an und die Gläserabräumer und Ordnungshalter Puber-T-Shirts. Welch Statement—wobei, wait, was für eines? Wie dem auch sei: Mit diesen Menschen hat Ho alles richtig gemacht. Die Bar selbst lässt sich nicht anders beschreiben als ein Raumschiff. Oder als ein invertierter Explosionskrater. Das Teil ist riesig und nimmt irrsinnig viel Platz ein.

Dieser Fakt lässt zwar niemanden verdursten, jedoch nimmt es viel Dance, Dance, Dance-Platz weg. Der Mainfloor ist gefühlt auch etwas kleiner, das DJ-Pult ist jetzt auf der anderen Seite. Wenn man vom DJ-Pult sehnsüchtig Richtung Ex-Bunker-Floor blickt, fällt das Augenmerk auf den Schriftaufzug der "La Boulangerie". Dem Member-Club, den man wie im X auch mit einem Schlüssel betreten kann. Beim Versuch, dorthinein zu gehen, wurden wir mit den Worten "Des is no net offn" darauf hingewiesen, uns doch noch zu gedulden. Zugegebenermaßen haben wir es nicht nochmal versucht, also kann ich darüber nichts sagen. Ein flüchtiger Blick hinein hat aber einen gewissen Chill-Modus vermittelt. Vielleicht lag das aber auch an dem 60-jährigen Mann, der recht entspannt auf einem Sofa saß.

Der Mainfloor wird von der Toilette von so einem Plastikvorhang getrennt, der auch den Indoor- vom Outdoor-Bereich in Thermen trennt. Man kennt die Teile auch von Schlachthöfen. Ich persönlich finde ja, dass das Teil Potential dazu hätte, eine zukünftige Bakterienschleuder zu werden, aber da man im Dots-Haus viel Wert auf Sauberkeit und Hygiene setzt, wird meine Vision eh nicht eintreffen. Der Toiletten-Floor, der auch mit einem DJ-Pult und dem Captain ausgestattet ist, ist recht hübsch, nur das Schwarzlicht macht jedem Bleach-Gebiss gelbe Zähne. Heartbreaking. Hier werden sich wohl keine zukünftigen Liebespaare finden, außer es ist eh schon egal. Captain hat übrigens ein Baguette gegessen. Er findet die neue Pratersauna toll und hat sogar das Wort "Begeisterung" in den kauenden Mund genommen.

Auf meine Frage, ob er froh ist, dass die Toiletten noch wie früher sind, meinte er: "Ja, die müssen weiterschwimmen." Ganz viel Liebe für diesen Satz. Als ich ihn dann noch fragte, was bis jetzt sein schönster Moment des Abends war, meinte er, dass dieser noch käme—ein bisschen später. Aber er hat schon zwanzig Stammgäste gesehen, das hätte ihn glücklich gemacht. Von allen Räumen der Sauna ist der Pipi-und-was-nicht-alles-Floor dennoch irgendwie am hübschesten. Diese bunten Strohhalme überzeugen durch ihre Fancyigkeit. Für alle Narzissten und Freunde des Festhaltens des Augenblicks: Den Fotoautomaten gibt es auch noch. Jazz Hands.

Als ich irgendwann kurz raus wollte, um einerseits einen Freund zu holen, der schon seit einer Stunde angestand und andererseits, um ein Video zu machen, war die Stimmung eher mau. Die Leute standen schon ewig lange an, das Magistrat war auch schon da. Wenn ich sage, dass der Einlass tröpfelnd war, dann schmeichle ich glaube ich noch. Natürlich sind einem die Hände gebunden, wenn es mal so weit ist, aber Ho war wohl mit der Aussendung der Einladungen zu großherzig. Schon als lediglich die Menschen, die kein Vorverkaufsticket hatten, in der Sauna waren, war es ziemlich voll. So sollte das nicht sein, dass die Leute, die sich ein Ticket gekauft haben, dann im schlimmsten Falle umsonst oder ewigst lange anstehen. Dass nicht alles wie am Schnürchen laufen würde, war aber abzusehen. Schönheitsfehler passieren auch einem Martin Ho und, mit Verlaub, das dürfen sie auch. Beschissen ist es dennoch.

Als ich beginnen wollte, mein Video zu drehen, kam der Security zu mir und meinte, ich müsse "den Raum cleanen". Den Raum cleanen. Lovely. Da ich also nicht dazu kam, die Geburtsstunden des Clubs als Bewegtbild festzuhalten, habe ich mich dazu entschlossen, ein paar Menschen nach ihrer Meinung zu fragen. Zum Beispiel Christoph. Christoph meinte, dass die Pratersauna damals schon cool war, jetzt aber noch cooler sei. Christoph war immer schon Masters of Dirt-Fan und da er auf der Facebookseite der Sauna gesehen hat, dass die jetzt damit was zu tun haben, findet er die Sauna für sich jetzt noch interessanter. Die Raumaufteilung findet er jetzt auch besser. Früher habe man lange gebraucht, um seine Freunde zu finden und jetzt sei der Club viel transparenter.

Dann war da noch Mumu, ein Typ, den ich dann natürlich fragen musste, ob er wirklich Mumu wie die Muschi heißt. Er bejahte. Auch er findet die Pratersauna, wie sie jetzt ist, "genial". Der Beach-Club gefällt ihm besonders—auch der dazugehörige Fitness-Bereich mit seinen Fitnessgeräten. "Das ist so Miami", meinte er. Carina fand die Sauna sauberer, das Licht genial und ja, Wien hat wieder mal was anderes. Auch die anderen Leute hatten nur Positives zu sagen. Zum Teil waren es Leute, die auch früher oft in der Sauna waren, zum Teil nicht. Um ehrlich zu sein, hat es mich fast ein bisschen gewundert, nicht einem Hauch von Unmut oder Zweifel zu stoßen, aber hey, good for Ho.

Fazit: Für mich persönlich war das Publikum etwas befremdlich, aber ich habe selten so viel gut gelaunte Menschen auf einem Haufen gesehen. Die Leute, die es tatsächlich in den Club geschafft haben, hatten zum Großteil ein Lächeln auf den Mac-Lippen. Befremdlich deshalb, weil ich ein anderes Publikum an diesem Ort gewöhnt bin. Aber, und das hat auch Martin Ho wiederholt versucht zu vermitteln: Es geht um Offenheit neuen Dingen gegenüber.

Mein erster Eindruck war ein für meinen Geschmack beinahe zu artifizielles Etablissement, das ziemlich sicher noch ein bisschen Zeit braucht, um von mir weniger als Fremdkörper wahrgenommen zu werden. Wobei es vielleicht treffender wäre, "neuer Körper" zu sagen. Die Wiener Seele braucht nunmal seine liebe Zeit mit Veränderung. Die soll man aber auch zulassen.

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