Anzeige
Szenenwechsel

Wir haben einen Metalhead ins Battle bei 'Rap am Mittwoch' geworfen

"Ich stelle mir das ein bisschen wie in dem Film '8 Mile' vor" – Wir haben einem Iron Maiden-Fan die Battlerap-Kultur Berlins gezeigt.

von Moritz Götz
06 Juni 2016, 12:32pm

Update vom 20.04.2018: In einem Interview mit Watson hat Ben Salomo das Ende der Battlerap-Veranstaltungsreihe Rap am Mittwoch angekündigt. Demnach werde im Mai die letzte Show stattfinden. Das restliche Team mache allerdings mit einem anderen Konzept weiter. Als Begründung nannte der jüdische Rapper den anhaltenden Antisemitismus in der Rap-Szene, der trotz seiner Bemühungen in den letzten Jahren auch innerhalb der Gesellschaft sogar noch zugenommen habe.

Ich habe 20 Jahre lang versucht, das Problem in der Szene von innen zu bekämpfen. Und habe hier und da auch einiges erreicht. Aber ich bin gegenüber der Anzahl an sehr populären Rappern machtlos, die ihren Antisemitismus durch Texte oder in Musikvideos zeigen, privat oder backstage. Dagegen komme ich als Rapper nicht an, als Privatmensch nicht und auch nicht als Moderator von 'Rap am Mittwoch'.


Christian ist so ein richtiger Metalhead. Während er am Anfang der Grundschule noch aus kindlicher Unwissenheit irgendwo zwischen Kelly Family, Scooter und Bravo-Hits in der CD- Sammlung seiner Schwester rumirrte, bemerkte er ein paar Jahre später auf dem Gymnasium, dass die Metal-Schiene eher der richtige Soundtrack für sein komplettes Restleben ist. Da ist er nämlich auch das erste Mal durch Freunde auf das S&M-Album von Metallica gestoßen, das ihn dazu brachte, sich die klassische Headbanger-Metal-Matte wachsen zu lassen und sich weiter durch die unzähligen Sub-Genres des übergroßen Metalluniversum zu arbeiten. Er fand seinen Platz zwischen Iron Maiden, Judas Priest und Twistet Sister. Aber kann das wirklich schon alles gewesen sein? Eigentlich spart Christian momentan seine komplette Kohle für das diesjährige Wacken Open Air und wäre deswegen heute nur in die Fitte gegangen, um seinen Bizeps ein bisschen in Form zu bringen, doch wir haben ihn stattdessen überredet, mit uns ins Berliner Bi Nuu zu Rap am Mittwoch zu kommen, um sein erstes HipHop-Battle zu erleben.

Christian hatte vorher keine Bedenken. Im Gegenteil, er freute sich sogar auf die Show: „Eigentlich bin ich nur neugierig. Ich kenne lediglich ein paar Leute, die ab und zu Rapmusik hören, aber das war es dann auch schon. Ich stelle mir das ein bisschen wie in dem Film 8 Mile vor. Für viele Teilnehmer ist das bestimmt auch ein Sprungbrett.“ Zumindest hat Christian schon einen HipHop-Film gesehen und liegt mit seinen Vermutungen gar nicht mal so verkehrt. Die Berliner Battlereihe Rap am Mittwoch ist die bekannteste Cypher Deutschlands und definitiv auch die beste Möglichkeit, vor einem großen Publikum die eigenen Rap-Skills zu präsentieren. Hier weißt du direkt, ob dein vermeintliches Talent nur Produkt deiner Wahnvorstellung ist und du dir vielleicht doch einen richtigen Job suchen solltest. Es kann leider nicht jeder rappen. Und es kann leider auch nicht jeder so eine Erfolgsstory wie Karate Andi hinlegen und sich mit beeindruckender Schlagfertigkeit und asozialer Eleganz von Rap am Mittwoch in die erste HipHop-Liga hochsaufen. Aber genau das ist der Reiz: Hier trennt sich die Whack- von der Dopeness!

Es ist Mittwoch, wir treffen uns überpünktlich am Bi Nuu und schlendern erstmal gemeinsam zur Bar, um die Zeit bis zu Show mit einem kühlen Bier zu überbrücken. Christian checkt dabei das anwesende Publikum und wundert sich: „Die Leute sehen überhaupt nicht wie klassische Hip-Hop-Fans aus und ich falle hier auch nicht mit meinem Black Sabbath-Shirt auf.“ Die Zeiten sind ja auch schon ewig vorbei, als HipHop-Fans nur überdimensionale Ecko-Baggy-Pants oder ultra breite Osiris D3 trugen. Heutzutage ist der Style wahrscheinlich vielfältiger als auf so einigen Metal-, Hardcore- oder Punkrock-Konzerten. Da sich der Klamotten-Kodex in Grenzen hält, wird Christian nicht unbedingt als Szene-Newbie wahrgenommen.

Die ersten lauten Mikrofon-Ansagen im Nebenraum sagen uns, dass es langsam losgeht. Christian gesteht mir nebenbei, dass er wirklich keine Ahnung hat, wer jetzt überhaupt spielt, während wir uns einen guten Platz in der Crowd suchen. Na dann, lass dich überraschen.

Wie üblich steht Moderator Ben Salomo auf der Bühne und pusht die Crowd, bevor es in eine lockere Cypher geht. Ein paar Typen aus dem Publikum kommen freiwillig nach vorn, um sich auszuprobieren und ihre Freestyles zu präsentieren. Gute Lines werden mit Applaus belohnt, weniger gute Lines mit dürftigem Applaus und vereinzelt auch ein paar Buh-Rufen. Trotzdem wird jeder Rapper größtenteils mit Respekt behandelt und keiner von der Bühne gejagt. Auch die zuvor ausgeloste Fege-Fee, die eigentlich alle whacken Rapper mit dem Besen von der Bühne fegen soll, kommt nicht zum Einsatz. Aber vielleicht kommt das ja noch.

Schon nach ein paar Minuten beobachte ich bei Christian ein dezentes Kopfnicken, dass stetig zunimmt: „Sehr unterhaltsam, aber mich nervt, dass ich von manchen Leuten einfach den Text akustisch nicht verstehe, weil sie zu undeutlich rappen. Aber vielleicht liegt es auch einfach nur an den Mics oder unserem Platz neben der Tontechnik.“

Nach einer kurzen Bierpause kämpfen wir uns noch ein paar Meter weiter nach vorn und Christian schaut sich gespannt die Battlemania an, bei dem es dann auch endlich zum verbalen Schlagabtausch kommt. Die offensichtlichsten Schwächen des Gegenübers werden jetzt bis zum Erbrechen ausgeschlachtet. Christian macht schon nach ein paar Minuten große Augen: „Wow, die Auseinandersetzungen kommen teilweise so überzeugend rüber, dass ich denke, manche Rapper würden sich privat auch hassen und nicht nur eine Show daraus machen.“ Klar, dass nicht unbedingt jeder Rapper darauf klarkommt, wenn man seine Mutter und den Rest der Familie aufs Übelste diffamiert, um dem Publikum ein paar Jubel-Rufe zu entlocken—aber so ist das Game eben. Dennoch gibt es Grenzen, die immer wieder von Ben Salomo und seiner Gang aufgezeigt werden, um die wilden Wortgefechte wenigstens einzugrenzen und die Situation zwischen den aufgeheizten Gemütern nicht eskalieren zu lassen. Vor allem, wenn mal jemand mit irgendwelchen Gaskammer-Lines über das Ziel hinaus schießt.

Nach ein paar Runden Battlemania steht Christian mit einem breiten Grinsen im Publikum und genießt sein Bier. Cashisclay bearbeitet seinen Rapper-Kollegen auf der Bühne, der ganze Raum feiert, alle Hände gehen nach oben und bewegen sich auf und ab—auch Christians. Jetzt will ich aber nochmal genauer wissen, ob sich der Metalhead wirklich so wohlfühlt, wie es momentan aussieht. Ich frage ihn, ob es ihm gefällt. „Ja, auf jeden Fall, aber ich kann mir keinen einzigen Namen merken.“ Und wie findet er die Texte? „Naja, es gab vorhin einen Rapper, der hat wirklich alle Klischees erfüllt und nur Ich-ficke-deine-Mutter-Sprüche gebracht, das fand ich einfach langweilig und überhaupt nicht abwechslungsreich. Außerdem würde ich sowas wahrscheinlich auch noch hinbekommen.“

Ein richtiger Metalhead in der Cypher? Das wäre doch was. Aber bei so einem Battle vor ausverkaufter Hütte seine Lines zu spitten—dazu gehört Mut. Ich hake nach, ob er sich ernsthaft anmelden würde, wenn er die Skills hätte? „Wenn ich wirklich die Fähigkeiten dafür hätte und sowas könnte, würde ich nochmal wochenlang üben und mich danach anmelden, weil es schon eine sehr coole Chance ist, vor so vielen Leuten aufzutreten.“ Christians Bier ist leer. Irgendein Typ vor uns dreht sich um und fragt ihn, ob er ihm ein Bier von der Bar mitbringen soll und er dafür seinen Platz freihält. Christian nickt, dreht sich zu mir und fragt mich mit runzelnder Stirn: „Der gibt mir doch jetzt nicht wirklich ein Bier aus, weil ich seinen Platz freihalte?“. Fünf Minuten später kommt der Typ mit zwei Bier in den Händen zurück und reicht eins an Christian. Ich schüttle ungläubig meinem Kopf und blicke traurig auf meinen leeren Becher. Bis zum Ende bleibt Christian in der Crowd und feiert die Veranstaltung.

Am nächsten Tag telefoniere ich mit ihm und frage, wie es ihm noch gefallen hat. Dabei kommen wir nochmal auf die Skills der ganzen unterschiedlichen Mcees zu sprechen: „Was mir im Laufe des Abends noch besonders aufgefallen ist, ist dass die qualitativen Unterschiede zwischen den Rappern schon echt krass sind. Bei manchen Leuten merkst du einfach, dass sie schon sehr lange in der Szene sind.“ Da ist es für einen Nicht-Berliner-Newbie sicher doppelt so schwer, sich bei der lokalpatriotischen Fanbase durchzusetzen. Hat es denn seine Einstellung zu Rap ein bisschen mehr geöffnet? „Eigentlich ist es nicht meine Musik, aber das war echt eine interessante Veranstaltung. Ich habe mir heute sogar schon auf YouTube ein paar Battles angesehen. Darunter war auch ein Battle zwischen SSYNIC und Cashisclay. Ich fand SSYNIC auch echt gut.“ Naja, vielleicht heißt der nächste Anwärter dann The Trooper und räumt mit ein paar mystischen Metal-Punchlines à la Iron Maiden die Cypher auf. Mission erfüllt.

Folge Noisey auf Facebook, Instagram und Snapchat.