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Wir waren beim Live-Debüt von Prophets of Rage dabei und natürlich wurde es verdammt politisch

Diese Woche haben drei Viertel von RATM, Chuck D und B-Real in L.A. gespielt und ihre Mission war eindeutig: Sie wollen, dass Amerika aufwacht.

von Daniel Kohn
02 Juni 2016, 2:56pm

Das Whisky a Go Go auf dem Sunset Strip in Hollywood erschien für das Live-Debüt der neu formierten Supergroup Prophets of Rage auf den ersten Blick etwas unpassend. Der Veranstaltungsort, mittlerweile hauptsächlich für seine Metal- und Pay-for-Play-Bookings bekannt, wirkte nicht wie die erste Anlaufstelle für das große Debüt einer Gruppe, die im HipHop verwurzelt ist. Doch als die Mitglieder von Rage Against The Machine, Public Enemy und Cypress Hill die Bühne betraten, die Leute wie Jim Morrison zum Star machte, verflüchtigte sich dieses Gefühl.

In den Wochen zuvor hatten mysteriöse Poster, Zeichen und Nachrichten mit dem Namen der Gruppe die Straßen L.A.s und das Internet überschwemmt. Gerüchte machten die Runde, dass Rage Against the Machine wieder zusammenfinden würden, um in diesem bizarren Wahljahr auf die Missstände aufmerksam zu machen. Diese Hoffnungen erfüllten sich zwar nicht, stattdessen erreichte uns jedoch die Nachricht, dass drei Viertel von Rage Against the Machine (Gitarrist Tom Morello, Schlagzeuger Brad Wilk und Bassist Tim Commerford) sowie Chuck D und B-Real sich zusammengetan hatten—angetrieben von dem gleichen Anliegen wie RATM in den 90ern: Sie wollen, dass Amerika aufwacht.

Nach einer intensiven Durchsuchung und mit einem Handy-Verbot belegt, betraten wir die mit 500 Leuten restlos gefüllte Halle, in der überall Poster mit dem Hashtag #MakeAmericaRageAgain hingen. An einem Merch-Tisch gab es rote Caps mit dem gleichen Slogan. Auf ein DJ-Set folgte mit Public Enemys „Prophets of Rage“ der erste Song des Quintetts, die sich in etwas unter 75 Minuten durch 22 Songs aus den Diskografien aller drei Gruppen arbeiteten. Im Laufe des Abends wurde auch der nicht anwesende Zach de la Rocha geehrt; der Cypress-Hill-Rapper sagte, dass sie nur „den Sitz warmhalten“, was vielleicht eher eine nette Geste denn eine Notwendigkeit darstellte—die beiden MCs haben seine Songs schließlich mit Leichtigkeit gemeistert.

Das letzte RATM-Konzert in Originalbesetzung vor mehr als 100 Mal so vielen Leuten beim LA Rising Festival 2011 war keine sonderlich inspirierte Angelegenheit, eher eine halbherzige Darbietung eines Greatest-Hits-Sets. In Zeiten von Trump, in denen jeder einzelne Tag einer Satire einer Präsidentschaftskampagne gleicht, schien die Zeit für Tom Morello und Co jedoch reif, wenn auch in etwas anderer Besetzung.

Die Band hatte ihre Gründung zuvor beim örtlichen Alternative-Rock-Sender KROQ offiziell bekanntgegeben, was für alle, die in den Wochen zuvor aufgepasst hatten, keine Überraschung mehr war. Trotzdem baute sich ein Gefühl der Spannung auf. Reunions und Supergroups—oder in diesem Fall von beidem etwas—sind riskant und klingen in der Theorie oft besser als in der Praxis. Rage Against the Machine hatten schon immer HipHop-Elemente, also war ihre Zusammenarbeit mit den beiden Rappern nicht sonderlich überraschend.

Morello, Wilk und Commerford wieder so mühelos zusammenarbeiten zu sehen, war wenig überraschend, dafür aber umso erfrischender. Rage-Favoriten wie „Guerilla Radio“, „Bombtrack“ und „Know Your Enemy“ wurden euphorisch aufgenommen. Chuck D. und B-Real heizten das Publikum an, das in einen wilden Moshpit ausbrach, der im Laufe des Abends noch größer werden sollte. Ein großer Teil des Abends wurde mit Rage-Songs gefüllt, Public Enemy und Cypress Hill waren jedoch ebenfalls angemessen vertreten. Eine überarbeitete Version von „Fight the Power“, die „No Sleep to Brooklyn“ von den Beastie Boys beinhaltete, „Bring the Noise“ und „Welcome to the Terrordrome“ waren ebenso im Set zu finden wie die Cypress-Hill-Klassiker „Rock Superstar“ und „Shut Em Down“.

„Diesen Song widmen wir Donald Trump“, verkündete B-Real gegenüber dem verschwitzten Raum, bevor er „The Party’s Over“ einleitete. Der einzige neu geschriebene Song des Kollektivs, der es in das Set geschafft hatte, bot einen Einblick in das, was in der nahen Zukunft kommen mag. Angefeuert von Commerfords Bass, Morellos charakteristisch heulenden Gitarrenlicks und B-Reals nasalen Vocals erinnerte der Song daran, wie kraftvoll ein angstbeherrschter sozialer Kommentar klingt, wenn es richtig gemacht wird.

Das Leitbild der Prophets of Rage wurde mit den beiden abschließenden Hymnen „Bulls on Parade“ und „Killing in the Name“ noch einmal unterstrichen. Als das finale „Fuck you, I won’t do what you tell me“ durch den Raum hallte, grinste sich die Band auf der Bühne an, denn sie wussten, dass der erste Test bestanden war.

Nachdem das Licht im Raum anging, stürmten die Fans nicht zum Ausgang, um sich ihre Handys wiederzuholen, sie rissen die Poster von den Wänden und Geländern und nahmen alles mit, was sie bekommen konnten. Für einen Moment herrschte Anarchie und die Ungewissheit und die Aufregung, die Prophets of Rages nahe Zukunft umgeben, erlaubte den Fans, in die Zukunft zu sehen, anstatt darauf zurück, wer nicht im Raum war.

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