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Ich liebe Emmure, aber es ist kompliziert

Emmure ist die wohl meist verhöhnte Band im Metal. Unser Autor berichtet, warum er trotzdem immer noch hinter ihrem kontroversen Sänger steht.

von Marcel Azeroth
19 Mai 2016, 8:46am

Das Leben als pseudointellektueller Musikblogger bringt so seine Annehmlichkeiten mit sich. Eine davon ist, dass man tagtäglich Snapchat-Dickpics, aber auch unzählige Briefe und Mails erhält, in welchem Menschen nach den eigenen Lieblingsbands fragen. Eine meiner Antworten lautet hierbei „Emmure“, was bei meinem Gegenüber meist nervöses Gekicher auslöst, weil man sich nicht so ganz sicher ist, ob das nur so ein arrogant-sarkastischer Witz war, oder der Typ das wirklich ernst meint. Ja, der Typ meint das wirklich ernst.

Die Metal-/Deathcorer Emmure gehören zu den erfolgreicheren Bands ihrer Zunft. Sie spielen Shows auf dem gesamten Planeten und schafften es, ihre letzten beiden Alben in den Staaten auf Platz 58 und 57 der US Billboard 200 Charts zu platzieren. Das wird finanziell vermutlich nicht für einen exzentrischen Lifestyle und ein ausgeprägtes Drogenproblem reichen, jedoch steht die Combo weitaus besser da als ein Großteil der Core-Bands. Es scheint also genügend Fans zu geben, die mit Freude ihr Geld für die Band hergeben. Glaubt man jedoch dem Internet, dann sind Emmure das musikalische Äquivalent zum Strafbestand „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.

Die Band und insbesondere Frontmann Frankie Palmeri gehören zum selbsterklärten Feindbild einiger amerikanischer Blogs, unter anderem Metalsucks und Metal Injection. Mit ihren gesammelten Rants gegen die Gruppe könnte man mittlerweile gut ein durchschnittliches Telefonbuch füllen. Doch die Feindseligkeit besteht nicht nur auf der Seite der Medien, auch Facebook-Kommentatoren, besser bekannt als die Nationalgarde des Internets, hegen eine gewisse Abneigung gegen die Band. Während sich Blogs meist mit den problematischen Aussagen des Frontmanns beschäftigen, schießen die Cyber-Krieger oftmals nur gegen die einfache Spielart der Band. Das erkennt man dann an Kommentaren die so aussehen: „00010001100“—eine Anspielung auf die simplen Gitarrengriffe der Band.

Natürlich ist Emmures Sound extrem einfach und streckenweise vielleicht sogar etwas stumpf. Jedoch war mir nie bewusst, dass Core jemals einen übereifrigen Anspruch an sich selbst hatte, außergewöhnlich facettenreich oder vielfältig zu sein. Core ist einfach nur kanalisierter Krach, der mich live gespielt dazu animieren soll, aus meinem gesellschaftlichen Normenkonstrukt auszubrechen, mein T-Shirt vom Leib zu reißen und kurz zu vergessen, dass das Leben eine Aneinanderreihung von Enttäuschungen ist und jeder es irgendwann seinen Träumen gleichtut und stirbt. Dazu muss der Sound einfach nur ballern und die Vocals sollten klingen, als ob Satan mal wieder eine Runde Fifa verloren hat und sich nun in einem Tobsuchtsanfall die nicht vorhandene Seele aus dem Leib schreit. Genau das liefern Emmure ab.

Darüber hinaus bringen sie noch einige charmante Extras mit, die in den Diskussionen oftmals unter den Tisch fallen. Die Musik lebt von einfachen Strukturen, bietet aber gleichzeitig einen unheimlich eingängigen Groove und eine gewisse Einzigartigkeit. Es gibt tausende Bands, die irgendwas mit „Core“ machen und am Ende einfach nur klingen wie jede andere Band. Emmure sind noch nie in dieses Raster gefallen und haben nun seit ihrem Debüt 2007 einen unverwechselbaren Sound. Das kann man ihnen einfach nicht abstreiten.

Was sich jedoch auch nicht abstreiten lässt, sind die kontroversen Aussagen von Frontmann Frankie Palmeri. Zwar ist der lyrische Output der Band um die Jahre wesentlich erwachsener geworden, doch auch auf der aktuellen Platte Eternal Enemies fällt noch das Wort „Faggot“. In Zusammenhang mit früheren Lyrics, die man durchaus als sexistisch bezeichnen kann, ist es also nicht verwunderlich, dass Frankie in die Schusslinie gerät. Selbst als Fan der Band fällt es einem schwer, solche Aussagen einfach zu ignorieren. Diese Kritik hat eben ihre Daseinsberechtigung und macht es mir nicht gerade leicht, weiterhin die Musik zu feiern.

Man sollte nicht so weit gehen und Emmure bzw. Frankie als sexistisch und homophob zu bezeichnen, genausowenig wie man den Durchschnittsrapper als sexistisch und homophob bezeichnen sollte. Es ist vielmehr ein unreflektierter Umgang mit Sprache und verkorkste kulturelle Sozialisierung, die zu solchen Statements führt. Das macht Lyrics, in denen Frauen degradiert werden oder homophobe Wortphrasen fallen, nicht besser oder relativiert das Ganze. Es hilft lediglich, die Kritik differenzierter zu formulieren. Doch egal wie viele schwierige Wörter man hier verwendet, am Ende des Tages gibt die Band diskriminierende Lyrics von sich. Wie kann man also immer noch behaupten, davon Fan zu sein?

Indem es einem beispielsweise einfach egal ist. Sucht man die Lyrics nicht explizit im Internet, bekommt man nicht unbedingt mit, was Frankie da ins Mikrofon brüllt. Was vermutlich auch funktioniert, ist, es wie Proll-Rap-Fans zu machen und einfach zu lernen, die dümmlichen Aussagen des Idols auszublenden und sich auf die positiven Dinge zu konzentrieren. Das klappt als Teenager problemlos und auch mit Anfang bis Mitte 20 lässt sich das Ignorieren noch gut mit dem eigenen Gewissen vereinbaren. Wird man jedoch älter, dann sollte man irgendwann an einen Punkt kommen, wo man genau solche Dinge hinterfragt. Du bist, was du hörst und obwohl Musik heutzutage mehr ein „All you can eat“-Buffet ist, gab es keinen Zeitpunkt, in denen wir uns stärker mit den Bands und Künstler identifiziert haben. Unsere Spotify-Historie trägt einen nicht unwesentlichen Teil zum Selbstbild und Selbstverständnis bei. Deshalb ist es auch ganz normal, Menschen zu verachten, die Radio hören.

Da stellt sich nun die Frage, ob man sich wirklich mit einer Band identifizieren will, die das Wort „Faggot“ als angemessene Beleidigung sieht, oder ob man nicht einfach den harten Schritt geht und sie aus seiner Playlist verbannt. Letztes Jahr habe ich schweren Herzens Suburban Scum aus meiner Musikbibliothek verbannt, nachdem bekannt wurde, dass Frontmann Ryan Taylor zusammen mit Ian Adams den Drummer von Crosscheck ins Krankenhaus geprügelt hat. Natürlich haben danach alle in Statements beteuert, dass alles anders war, aber ganz ehrlich: Fick auf die Typen, solche Menschen will ich unter keinen Umständen supporten und mich schon gar nicht mit ihnen identifizieren. Nun bin ich auch keine Anfang 20 mehr und mittlerweile wäre ich auch an einem Punkt, wo ich Emmure aus meiner Playlist verbanne. Jedoch hat sich in letzter Zeit Einiges getan.

Letztes Jahr musste die Band einige Shows absagen, da Frankie sich eine Verletzung an den Stimmbändern zugezogen hatte. Nachdem sich die Situation für den Frontmann wieder gebessert und die Combo einige Gigs gespielt hatte, platze jedoch die Bombe. Vier Mitglieder von Emmure schmissen geschlossen das Handtuch und machten Frankie Palmeri zum einzigen verbleibenden Mitglied der Band. Zwar floß kein böses Blut, jedoch war sehr schnell klar, dass der Frontmann keinen unerheblichen Anteil an diesem Radikalschnitt hatte. Statt es einfach wie Fler zu machen, scheint Frankie in sich gegangen zu sein, um dort das zu tun, was jeder erwachsene Mensch tun sollte: Er hat über seine Taten und Aussagen reflektiert. Es wurden neue Bandmitglieder gefunden und kurz vor ihrem ersten Auftritt auf dem Impericon Festival äußerte sich Frankie in einem Statement zu der ganzen Situation und zu seinem kontroversen Verhalten.

Er beteuerte, dass er in den vergangenen zehn Jahren—ungefähr so lange gibt es Emmure—alles daran gesetzt hatte, sich als egoistisches, psychopathisches und dämliches Arschloch darzustellen. Weiterhin behauptet er, dass er einen Großteil seiner Taten bereut und sich für diese schämt. Er habe sich in der letzten Zeit so stark weiterentwickelt und hofft, dass andere Menschen verstehen, dass jeder unterschiedlich schnell erwachsen wird. So eine Art Statement erfordert nicht nur eine ordentliche Portion Selbstreflektion, sondern auch Mut. Man muss seine vergangenen Aussagen scharf kritisieren, aber man muss ihm auch hoch anrechnen, dass er nun vermutlich eingesehen hat, dass dies ein Fehler war.

Die „neue“ Band hat mittlerweile ihre ersten Shows hinter sich und hat gezeigt, dass Emmure immer noch hart abreißen können und im Core-Bereich weiterhin ganz vorne mitspielen. Es bleibt abzuwarten, wie Emmure und insbesondere Frankie in Zukunft auftreten werden. Bleibt er das unreflektierte Arschloch mit homophoben und sexistischen Lyrics oder ist er endlich aufgeklärt genug, um zu begreifen, dass man Hass auch ohne Diskriminierung kanalisieren kann? Als Fan gebe ich ihm die Chance sich in Zukunft zu beweisen.