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Mein Musikjahr 2015: Isabella

Ich habe es geschafft, nicht einmal Kendrick Lamar zu erwähnen.

Grafik: VICE Media | Das Jahr war hart und dramatisch. Dieses Foto ist ein Symbolbild für meine Fertigkeit.

Die besten Songs, die besten Alben, die besten Phänomene, die besten Momente: Noisey-Autoren blicken zurück auf das, was 2015 richtig gut war. Oder auch nicht. Nach Antonia und Fredi ist heute Isabella dran.

Es kommt mir vor, als hätte ich dieses Jahr in einer Sphäre verbracht, in der jegliches Zeitgefühl ausgelöscht wurde. Vielleicht liegt das an der Intensität der letzten zwölf Monate, vielleicht daran, dass das eh jedes Jahr so ist und ich es nicht realisieren will. Der Rückblick auf das eigene Jahr ist immer wieder eine nostalgische Skizze, in der man je nachdem, wie viel Zeit vergangen ist, etwas anderes sieht. Mit dem Abstand wird alles ein bisschen blurry, verfärbt sich und irgendwann ist die Erinnerung ein Ort, den man sich so geschaffen hat, weil er bequemer, schöner ist oder ganz schlicht: Weil man es so will.

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Was schwer schönzureden ist, weil Tatsache, ist die Musik, die einen begeleitet hat. Ich kann euch gleich sagen, dass ich nicht auf die Wiener Clubkultur eingehen werde, weil dies meine Kollegen gemacht haben beziehungsweise machen werden. Wie dem auch sei, hier der Versuch eine persönliche Bilanz aus dem verblassenden Musik-Jahr zu ziehen.

Das Jahr fängt gut an, weil die Hoffnung nicht zerstört wurde

Wie erhofft waren sowohl Panda Bear Meets The Grim Reaper als auch das selbstbetitelte Album von Viet Cong auf ihre Art und Weise großartig. Was ich im Jänner also gemacht habe, kann man sich vorstellen. Ich habe versucht, den Weihnachts-Exzess in Noah Lennox´ Stimme zu erlischen und mich in diese tiefe, fancy, aber wohlige Panda Bear-Tiefe ziehen zu lassen. Das Album ist ein verschwommenes Echo und voll von vertrackter Psychodelic. Harmonien, die sich selbst hypnotisieren und die Seele eines Lizards haben. Eine LP, die gehört und gemocht gehört. Viet Cong, deren Konzert in Wien ich aus Idiotie verpasst habe, haben ein starkes Debüt herausgebracht. Das war so gut, dass jedem aufgefallen ist, wie sie heißen. Die Band hat angekündigt, ihren Namen aus Respekt zu ändern, bisher ist diesbezüglich aber noch nichts passiert (korrigiert mich, wenn ich falsch liege). Aber abseits von dem Namens-Shitstorm haben Viet Cong ein starkes Indie-Album herausgebracht.

Die „anderen“ Alben 20fifteen

Glorifizieren kann man das bald vergangene Jahr nicht, aber zumindest aus musikalischer Sicht war es doch ein gutes. Geschichte wird wohl außer To Pimp A Butterfly keines der Alben schreiben, dennoch wurde einiges an musikalischer Damage Control betrieben. Oneothrix Point Never hat mit Garden of Delete eine Tragödie herausgebracht, die einen in Hyperventilation und ins flirrende Tiefdruckgebiet bringt. Dieser Garten ist kein gemütlicher, aber deshalb umso liebenswerter. Dann haben A Place To Bury Strangers mit Transfixiation alles niedergerissen, was einmal Puls hatte. „Straight“ war der Song für eine Nacht im Schnee und für winterbedingte Gefühlsausbrüche („I wanna feel so lucky but my heart is on the wall“).

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Ein Album zwischen Erinnerung an die Nine Inch Nails und Erotik aus Eisen. Genre- und Farbenwechel: Battles. La Di Da, die dritte LP der Band blutet Lebensmittelfarbe. Überschäumendes Gequietsche, das sich schon mit der Eröffnungsnummer „The Yabba“ in die Nervenbahnen schießt. „Dot Net“ ist eine Chausee aus Plastik, eine Liebeserklärung ans Selbstbewusstsein. Außerdem haben Battles mit „Flora > Fauna“ das Weihnachtslied des Jahres rausgebracht. Alles klar? Gut, dann können wir ja mit Tame Impala und Currents weitermachen. „Let It Happen“ wurde retrospektiv irgendwie das Motto des Jahres, was mitunter wohl der Grund ist, warum ich ihn seit März nicht mehr loslasse. Es ist auch unmöglich ihn kaputt zu hören—„It's always around me, all this noise“.

Currents ist das Gefängnis, in dem man freiwillig ist. Ausbrechen ist unmöglich, dafür ist es „eventually“ zu gut gesichert. Es hat bewiesen, dass 13 keine Unglückszahl ist und dass man durch Musik eine Epiphanie haben kann. Aus Österreich hat es mir vor allem ein Werk angetan: Trialog von HVOB. Was Anna Müller und Paul Wallner da geschaffen haben, findet zu Recht international Anklang. „Windows“, „Ghost“ oder „Oxid“ heilen jede Wunde, die jemals durch immer gleiche elektronische Musik entstanden ist.

Wären wir jetzt bei irgendwas mit Sport, würde ich sowas wie „Weiter so, Burschen und Mädels“ sagen. Grimes mit Art Angels darf auch nicht fehlen. Nach „Go“ war ich kurz daschircht (wie wir Kärntner das sagen) und hatte Schiss, dass Grimes völlig an den Mainstream verloren geht. Was sie dann aber mit Art Angels herausgebracht hat, grenzt an einem modernen Meisterwerk. Als ich das Album das erste Mal hörte, wollte ich ein bisschen vor Glück weinen und habe verstanden, dass Veränderung scheiße gut sein kann. Ricky Martin hat übrigens auch ein Album rausgebracht. Wo wir auch schon beim nächsten Punkt wären:

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Justin Bieber ist immer noch scheiße

Fix nicht.

Ehrlich, wann hört es endlich auf, dass mir dieses amerikanische Kind auf die Timeline gespült wird? Und warum findet Purpose so viel Anklang? Was verstehe ich nicht? Mark my words: Justin Bieber ist immer noch ein weinerliches Häufchen Pop. Ich könnte jetzt ein Centipede an Fäkalwörtern niederschreiben, aber ich versuche es möglichst nüchtern zu formulieren: Purpose fängt mit einem Stück Musik an, das seichter ist, als ein Gespräch über das Wetter mit deiner Nachbarin. Ich kann dem Album nichts abgewinnen—da hilft auch Travi$ Scott nicht viel. Bieber, den plötzlich alle als „cool“ bezeichnen (wobei dieses Wort doch eh schon alles sagt), hat schlicht das Glück, dass sein Album scheiß gut produziert wurde. Wenn dir Namen wie Jason Boyd, Diplo oder Skrillex zur Seite stehen, kann nicht mehr allzu viel passieren. Das macht ihn für mich aber noch nicht erwachsen. Ein einsames Herz kann auch nicht erwachsen sein, das geht sich nicht aus. Außerdem: Was haben religiöse Symbole auf einem Albumcover des Jahres 2015 zu suchen. Aber hey, ich lasse euch euren Mainstream—ist eh ein „happy“ place.

Songs

Eines vorweg: Ich war nie ein Fan der Editors. Nie. Nicht mal heimlich. Aber „In Dream“ hat das geändert. Die Editors freiwillig anzuhören, wäre mir niemals eingefallen—ich bin durch Zufall auf den Solomun-Remix von „Our Love“ gestoßen. Ab Minute 5:50 offenbart sich ein Musikmoment, von dem du nicht willst, dass er aufhört. Es ist der erste Kuss, nur immer wieder und in Musik. „No Harm“ ist der zweite Song des Albums, bei dem ich mich nicht schäme zu sagen, dass ich ihn anbete. „Black“ von The Soft Moon war mir auch eine Offenbarung, so schön dark und scheiß drauf. The Soft Moon waren ja immer schon gut, 2015 haben sie mit dem Song ein gutes Stück besser gemacht. So auch „LSD“ von A$AP Rocky oder „Pretty Pimpin“ von Kurt Vile. Den Song, den ich sicher mit Abstand am öftesten gehört habe war „Play Out“ von Zola Blood. Warum kann ich nicht mal sagen, irgendwann im Sommer bin ich bei einem Musikblog auf ihn gestoßen und seitdem mag ich nicht mehr ohne ihn.

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Paris, Flucht und Schweigen

Foto: Sebastian Rossböck

Dieses Jahr war durchaus ein emotionales für die Musikwelt. Le Bataclan wurde aus einem traurigen Grund zur berühmtesten Konzerthalle der Welt. Am 13. November hörte man dort Schüsse statt der Musik der Eagles Of Death Metal. Ihr kennt den Verlauf dieses Abends, ich muss ihn nicht nochmal zerkauen. Zahlreiche Musiker haben sich mit EoDM solidarisiert, die Band selbst hat VICE ein sehr emotionales Interview gegeben und irgendwie kann man nicht aufhören, daran zu denken. Generell standen einige musikalische Ereignisse 2015 im Zeichen der Solidarität. Am Nuke Festival in Graz haben in etwa 25.000 Menschen den ein paar Tage zuvor auf der A4 erstickten Flüchtlingen gedacht und eine Schweigeminute abgehalten. Ich war vor Ort (warum wird immer der emotionalste Mensch der Redaktion auf solche Sachen geschickt, hm?), wie auch am Heldenplatz bei Voices For Refugees. Auch dort wurde geschwiegen und die Toten Hosen mussten nach Campinos Aussage „Wien, ihr seid so eine tolle Stadt. Lasst euch diese Stadt nicht wegnehmen von diesem Karl-Heinz-Christian Strache. Würde unter ihm so ein Abend möglich sein?“ mit einem Rant der Rechten auskommen.

Festive und well

Für mich waren die Festivals überschaubar, aber intensiv. Zum einen war da das Rock Werchter in Belgien. Dort habe ich angefangen, die Liebe gegenüber Alt-J zu verstehen, habe FKA Twigs und (endlich) die Chemical Brothers sehen dürfen und das Konzert der Band zu sehen, das ich 2015 nicht versäumen wollte: The War On Drugs. Außerdem: Werchter bekommt den Fließend-Wasser-Oscar für besondere Leistungen in Toilettenangelegenheiten.

Dann war da noch das Nuke in Graz. Dort habe ich den Stolz Österreichs dann auch endlich live gesehen: Bilderbuch und Wanda. Und etwas viel Wichtigeres, aber dazu komme ich beim nächsten Punkt. Ich bin schon gespannt, wie die Festivallandschaft kommendes Jahr in der Realität aussehen wird. Die Umrisse kennen wir ja schon und ich glaube, dass Festivals nächstes Jahr noch wichtiger werden und das genauer auf sie geschaut wird.

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John Maus, mein Lieblingsmusiker, folgt mir seit heuer auf Twitter

Ihr könnt das auch machen, müsst ihr aber nicht: @isaykah.

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