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Auch der Wiener Untergrund hat ein paar Schließungen zu verbuchen

Queen Club, Trummelhof, Kulturzentrum „Schmelze" und der Ragnarhof. You will be missed.

von Fredi Ferkova
23 Februar 2016, 2:00pm

Foto via Facebook.

Ganz groß besprochen und (Abschied-)gefeiert wurden in letzter Zeit die Pratersauna und die Kantine. Beide gibt es nicht mehr, die Tränen sind vertrocknet, wir haben den Alltag wieder aufgenommen. Die Nachfolger stehen ja auch schon in den Startlöchern. Mit Martin Hos angekündigten Pratersauna-Plänen und dem edlen Hades scheint es so, als würden wir uns weg von räudigen WCs und angeschmierten Wänden bewegen. Classy statt messy scheint die neue Devise in Wien zu sein. Classy reiht sich dann halt aber auch irgendwo in die Schiene der Auslage, des Sass, des Volksgartens, des Chaya Fueras und der Grellen Forelle ein. Messy hat nachwievor seine drei Clubs—das Fluc, Flex und das Werk sind bekannte Vertreter der angeschmierten Klo-Wände.

Doch es gibt auch Schattierungen und kleinere Lokale, die sich aus der Clubszene verabschiedet haben. Die sind meistens ohne viel Trara gegangen—obwohl sie länger da waren. Und wenn man sich das Ganze momentan so ansieht, bekommt man den Eindruck, dass mit Thermo-Leggins fortgehen, unter 2 Euro für einen Spritzer zu zahlen und seltsame Gestalten zu treffen zusehends schwieriger wird. Das kann man gut finden, aber man kann auch—wie in meinem Fall—diese kleinen Lokale beweinen. Die kleinen Lokale haben nämlich eine wundervolle Aufgabe erfüllt, die eigentlich selten erfüllt wird: Nicht Hawis und sich selbst spielen zu lassen, sondern tatsächlich für musikalische Vielfalt zu sorgen und neue Veranstaltungsreihen zu unterstützen. Oder auch: Einfach mal leiwand sein.

Der Undergrund hat nämlich auf eine „musikalische Leitlinie des Clubs“ immer geschissen—und sich so wundervoll sympathisch gemacht. Grundsätzlich wurde auf viel geschissen—während die Big Player der Clubszene 2015 alle mehr oder minder rote Zahlen geschrieben haben, haben die meisten hier genannten Lokale wahrscheinlich nicht einmal wirklich Buch geführt (OK, das sagen wir nur, weil wir die Vorstellung romantisch finden). Und sie haben auch ein ganz anderes Ende gefunden—Underground eben. Hier ein paar R.I.P.s.

R.I.P. Queen Club

Geschlossen seit: Dezember 2015.
Diente: Dem wahren Wiener-Underground, zwielichtigen Gestalten und verwirrten Afterhour-Studenten.
Schließt weil: Der rote Heinzi gestorben ist.

Mit dem Queens Club (das „s“ wird im Straßenslang angehängt) ging etwas sehr Spektakuläres und Einzigartiges in Wien zu Ende. An die Geschichte des Queen Clubs kommt so schnell kein Lokal mehr ran: Vor 40 Jahren wurde er eröffnet—ein Puff am Gürtel. Um einen Puff am Gürtel eröffnen zu können, war mehr als „Knedl“ notwendig. Du musstest damals—und wohl auch heute—ein richtiger O.G. sein. Heinz Bachheimer war eben so ein Wiener Hustler—er war sogar der Wiener Hustler. Seine Vita liest sich wie ein guter Mafia-Schinken, hier hat der Kurier angeteasert wie der „Indianer“ lebte. Laut Medienberichten erkrankte er an Krebs und beging daraufhin im Herbst Selbstmord.

Der Queen Club war bis zum Schluss für Afterhours, Nachtveranstaltungen und aber auf für den „Normalbetrieb“—also als Puff—offen. Das Besondere am Lokal war nicht nur die Location—also das Puff—sondern auch die zwielichtige, aber immer nette Besatzung, sowie die buntgemischten Gäste. Die meisten heulen Discos mit dem „Es hat alle zusammengeführt“-Argument nach. Hierzu: Kein Club wird es jemals schaffen, was der Queens Club jedes Wochenende geschafft hat. Gangster, Prostituierte, Polizisten, Alkoholiker, Jus-Stundeten und Party-Gänger trafen jeden Sonntag Früh im Queens Club aufeinander um friedlich zu koexistieren.

Obwohl Heinz Bachheimer selbst kaum im Queens Club anzutreffen und die Organisation des Ladens in anderen Händen war, gab es eine letzte Nacht im Queen Club. Ab jetzt kommen Gerüchte: Die Besatzung plünderte daraufhin den ganzen Laden und verschwand. Und somit geht die Geschichte des Puffs zu Ende. Angeblich folgt kein Nachtbetrieb mehr. Schade um die Location, schade um den Zauber. Danke Queen(s) Club!

R.I.P. Trummelhof

Foto via Facebook.

Geschlossen seit: 16.1.2016
Diente: Der wohlstandsverwahrlosten Jugend des 19. Bezirkes
Schließt weil: Anrainer in Grinzing

Wahrscheinlich würde ich niemals vom Trummelhof erfahren, wenn ich nicht zwei Jahre meines Lebens in Grinzing gewohnt hätte. Habe ich aber und so habe ich geborene Grinzinger kennengelernt, die alle vom Trummelhof schwärmten. Das, was für die übrigen Wiener das Loco oder der Ride Club war, war für sie der Trummelhof. Der erste Sturzschuppen, in den man am liebsten zu Weihnachten wiederkehrte. Obwohl es dort mehr classy als messy war—wir sind hier noch immer in 1190 Wien—herrschte drinnen alkoholgeschwängerte Anarchie. Trummelhof war ein Fixtstern am Döblinger Himmel: Die 30-jährigen und die 20-jährigen waren sich da einig. Sturz ja, aber am liebsten in diesem Laden. Trotz des teuren Spritzers und der Radio-Musik zählt der Trummelhof zum Underground. Halt so gut eben underground in 1190 geht. Oder schon mal was von dem Schuppen gehört?

Aber der Standort hat so seine Tücken—nach dem Ausbau der Anlage und der gesamten Technik meldeten sich die Anrainer zu Wort. Man ist ja nicht 75 Jahre alt und zahlt seit 50 Jahren 300 Euro Miete für sein 100 Quadratmeter Domizil, um da diese schrecklichen Geräusche in der Nacht zu hören. Was also tun? Anzeigen. Das dürfte so oft passiert sein, dass der Trummelhof vor der Entscheidung stand, unheimlich viel Geld in eine Schalldämmung zu investieren oder eben zu schließen. Jetzt ist er zu. Zur Verteidigung der Anrainer: Angeblich wurde das Publikum immer lauter und hat sich gerne vor dem Lokal geschlagen.

R.I.P. Kulturzentrum „Schmelze“

Foto via Facebook

Geschlossen seit: Anfang April 2016.
Diente: Allen seltsamen Kreaturen der Nacht.
Schließt weil: Auflagen.

Das Kulturzentrum „Schmelze“ war noch nicht so lange aktiv, wie die vorherigen Lokale—dennoch verirrte sich so mancher in die Autokaderstraße in 1210 Wien. Richtig. So weit weg. So weit weg war aber richtig gut. In einer ehemaligen Werkstätte fand das Kulturzentrum sein Zuhause. Unter der Woche wurden Konzerte geboten, man konnte sich einfach reinsetzen und die Wochenenden wurden relativ schnell für lange Partys bekannt.

Obwohl alles irgendwie an das ganz viel frühe Werk erinnert—samt einer provisorischen Bar und keiner vorhandenen Garderobe—war es doch ganz anders. An der Bar konntest du in der Früh Kaffee oder Chai bestellen, alles war spottbillig und alle waren und sind immer sehr freundlich gewesen. Während zusehends am Nachmittag Queen Club-Gestalten auftauchten, waren die Nachtpartys geprägt von netten Kollektiven, einer super Crowd und einem Ur-Sinn für den Underground. Unter der Woche fanden Bandproben, Besprechungen und kleine Konzerte, sowie Shows statt. Dazu musste man nur anmerken, dass man gerne mal was machen würde. Und voilá, es wurde auch gemacht.

Ich wurde die ganze Zeit über gebeten, niemals einen Artikel zu schreiben oder sie zu erwähnen—während andere Lokale es mit den Medien ganz anders halten, war die Schmelze mit ihrem Nischendasein zufrieden. Ich entschuldige mich also für diesen Absatz, aber ich brauche ihn zur Schmerzbewältigung.

R.I.P. Ragnarhof

Foto via Facebook.

Geschlossen seit: 6.2.2016
Diente: Kunstinteressierten Freigeistern.
Geschlossen weil: Wissen wir ehrlich gesagt nicht so genau, obwohl wir nachgefragt haben.

Der Ragnarhof hat erst diesen Monat geschlossen und mit einer großen Party mit dem Titel „Ragnars letzter Tanz“ die Bombe platzen lassen. Entrüstung machte sie breit, genauso wie Verwirrung. Der enge Umkreis wird schon wissen, was passiert ist. Wir sind nicht der enge Umkreis. Also haben wir ihnen geschrieben, aber keine Antworten erhalten. Irgendwie auch sympathisch. Wir werden die Vernissagen und die Raves vermissen, vor allem aber den offenen Geist der Location. Mittlerweile sind da zwei Wohnungen zu vermieten. Familien mit Kindern willkommen. Tja.

Fredi ist auch auf Twitter: @schla_wienerin

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