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Wien und seine Plattenläden: Rave Up Records

In unserer Serie stellen wir euch die besten Läden der Stadt mitsamt den Menschen dahinter vor. Dieses Mal: Rave Up Records in der Hofmühlgasse 1.

von Nicole Schöndorfer
21 Januar 2015, 10:38pm

Es braucht in Wahrheit keinen Anlass, um immer wieder einmal über Wiens Plattenläden zu schreiben. Keinen Welttag der Schallplatte (12. August), keinen Record Store Day (18. April), kein großartiges Jubiläum. Platten kann man jeden Tag feiern, Musik sowieso. Deshalb stellen wir euch die besten Läden der Stadt mitsamt den Menschen dahinter vor. Dieses Mal: Rave Up Records in der Hofmühlgasse 1.

Man kennt sie gut, diese quadratischen grasgrünen Sackerl mit dem schreienden Typen, dem die Haare zu Berge stehen. Über seinem Kopf steht in Grusel-Psychobilly-Schrift „Rave Up Records“, darunter alle anderen Informationen, die man braucht. Inhaber Werner „Shorty“ Schartmüller hat das Logo für seinen Laden selbst zusammengebastelt. Dazu hat er das Cover der Single „Jack The Ripper/I’m A Hog For You“ von Screaming Lord Sutch mit dem Logo einer seiner Lieblingsbands, nämlich dem der Cramps kombiniert. Copyright-Probleme gab es keine, Screaming Lord Sutch hat sich damals angeblich ein Bein ausgefreut.

Shorty hat Rave Up Records im Jahr 1987 mit seiner Frau Doris gegründet. Obwohl ihm damals alle davon abgeraten haben, einen Plattenladen aufzusperren, weil ein solcher doch nur den Bach hinuntergehen könnte, stehen die beiden nun schon das 28. Jahr hinter der Theke. Seitdem hat sich einiges verändert. So brachen die Verkäufe mit dem Aufkommen der CD in den Achtzigern und der MP3s später Ende der Neunziger ein, mittlerweile geht es wieder bergauf. Vinyl ist ja bekanntlich wieder cool. Wegen Nostalgie und Haptik und Klangvolumen und so. Mittlerweile ist das nichts Neues mehr. Auch die pseudo-malerische Bezeichnung „schwarzes Gold“ kann man sich nach Jahren des Revivals schon wieder sparen. Platten halt.

Laut einem Bericht des IFPI Austria, dem Verband der Österreichischen Musikwirtschaft, gab es im Jahr 2013 wieder einen Vinyl-Umsatzanstieg von 25 Prozent. 2,5 Millionen Euro macht das Marktvolumen in Österreich mittlerweile aus. Die CD verlor zehn Prozent ihres Umsatzes. Das tut dem Medium zwar bei 77,5 Millionen Euro Gesamtumsatz nicht weh, spannend ist es trotzdem. Immerhin wurden bereits vor einigen Jahren Rufe laut, dass das Vinyl die CD überleben würde. Im Rave Up werden insgesamt deutlich weniger CDs als Platten verkauft, es gibt aber trotzdem jede Menge davon im Sortiment.

„Ohne die Stooges und Velvet Underground hätte es Punk nie geben können“, sagt Shorty überzeugt und legt dabei eine seiner Neuanschaffungen (LP „Spite“ von Sonny Vincent) auf. Es gibt wahrscheinlich keinen größeren The Stooges- und Iggy Pop-Fan als ihn. Auf der ganzen Welt könnte man glauben. Ihn hat immer schon die härtere, die ruppigere Musik interessiert – Proto-Punk, New Wave, aber auch Blues in Tom Waits-Manier sind seine Favoriten. Seine allererste Platte war die Single „Born To Be Wild“ von Steppenwolf. Mittlerweile zählt seine private Sammlung um die 10.000 Exemplare, er wisse es aber wirklich nicht genau, viele habe er ja auch wieder verkauft, weil er sie doppelt hatte. „Meine Frau fragt mich immer, wann ich denn endlich vernünftig werde“, erzählt der 61-Jährige schulterzuckend. „Was ist schon Vernunft? Das hier ist Vernunft.“ Er zeigt auf seine Theke, auf der die feinsäuberlich handgeschriebenen Rechnungsblöcke liegen. „Früher hat sie ja noch viel ärgere Sachen gehört als ich. Sie hat mir damals The Birthday Party nähergebracht. Heute dreht sie in der Früh Ö3 auf. Da hau’ ich dann die Tür zu und leg’ irgendwas Gescheites auf zum Munterwerden auf.“

Shorty hat zu den meisten seiner Platten eine Geschichte zu erzählen. Die Melvins und Sonic Youth waren zum Beispiel schon einmal bei ihm, die Beasts Of Bourbon haben sich in seinem Laden betrunken, und so weiter. Auf den knapp 50 Quadratmetern unweit der U4-Station Pilgramgasse ist jedenfalls viel Legendäres passiert. Die Konkurrenz interessiert ihn nicht. „Man kennt sich natürlich. Aber ich stehe nur mit mir selbst in Konkurrenz, ich will jeden Tag besser sein als am Vortag“, sagt er lachend. „Das hat mir alles mein Großvater beigebracht, der war ein schlauer Mann.“

Auf die Frage, welche Schätze seine private Sammlung sowie das Sortiment im Laden birgt, hält sich Shorty eher bedeckt. Er könnte aber durchaus auch den Überblick verloren haben. „Zu den besten Zeiten hatten wir hier zwischen 20.000 und 30.000 Exemplare“, sagt er. „Wir haben schon einige rare LPs, wie etwa eine von Nick Drake, die mittlerweile über 100 Euro wert ist. In London wird das Ding sogar um 300 Pfund verkauft“, erzählt er kopfschüttelnd. Die selteneren Singles und älteren Alben sind im Hinterzimmer verstaut. Stammkunden holt er regelmäßig nach hinten, um ihnen besondere Pressungen zu zeigen. „Letzte Woche war ein Typ da, der hat 600 Euro ausgegeben. 50 Euro habe ich ihm dann nachgelassen, ich bin ja nicht so.“

Seit 17 Jahren im Rave Up-Team ist auch Rainer „Rayna“ Reutner, Shortys „rechte Hand“, wie er sagt. Er ist „der, der alles weiß.“ Neben Punk, Blues und Indie gibt es im Rave Up auch eine gut sortierte Auswahl an Soul, Hip Hop und Reggae. Letztere sind jene Genres, bei denen der Chef dann auf Rayna verweist. Auf meine Frage, was ich mir denn derzeit unbedingt zulegen sollte, sagt dieser schnell: „Die Neue von D’Angelo, aber da haben wir nur die CD, die LP kommt erst im Februar. Das haben die unklug gemacht.“ Er holt aber zielgerichtet die neuesten LPs von Ras-G, Kelis und den Mercury Prize-Gewinnern Young Fathers aus dem Hip Hop-Fach. Ich gehe mit letzterer in einem dieser quadratischen grasgrünen Sackerl hinaus.

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