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“Wer nicht an uns glaubt, ist selbst schuld”—Mit Zuckerpapi auf Sightseeing-Tour im 42

Zuckerpapi hat heute sein erstes Tape "liebe gott danke dasses mi git amen" releast. Wir haben ihn während der Produktionsphase im Laufental besucht.
31.5.16
Alle Fotos von Claude Hurni

Zuckerpapi hat heute sein erstes Tape "liebe gott danke dasses mi git amen" releast. Das Tape gibt's hier als Free-Download. Hier haben wir bereits über seinen ersten Track "Primakov" berichtet. Während der Produktionsphase haben wir Zuckerpapi und seine 42-Leute im Laufental besucht. Unser Abenteurbericht:

Nichts geringerem als dem Internet habe ich es zu verdanken, dass ich um 18:03 Uhr in Basel auf den Zug in Richtung Laufen umsteige. Es ist wohl verantwortlich dafür, dass Künstler wie Lil B oder Yung Lean überhaupt erst existieren können. Sie haben das Internet in all seiner Nerdiness und seiner Ästhetik mit dem Hedonismus, der der Generation Y gerne mal zugeschrieben wird, gepaart, das Ganze vor einigen Jahren auf sphärische Beats gepackt und so eine weltweite Bewegung losgetreten. Von Russland über Japan, Österreich und Deutschland existieren Künstler, die mit einem ähnlichen Verständnis davon, was gute Popkultur ausmacht, Musik erschaffen.

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Nach Laufen treibt mich ein Schweizer, der sich zwar nicht in dieser Tradition, die gerne als Cloud Rap kategorisiert wird, sehen will, es aber wohl doch ist. Ohne Lil B, ohne Yung Lean, ohne Money Boy, ohne Yung Hurn würde Zuckerpapis Musik wohl nicht so klingen, wie sie klingt, sein Musikvideo zu "Primakov“ nicht so aussehen, wie es aussieht. Und so reiht sich Zuckerpapi in die Reihe der Künstler ein, die für Aussenstehende scheinbar planlos verbreiteten Nonsense zum programmatischen Teil ihrer Musik erheben, die Bild-, Sound- und Social Media-Ästhetik über eine triftige Botschaft stellen (später wird Zuckerpapi das so zusammenfassen: “Nichts von dem, was wir machen, hat einen Grund”. Oder: “Die Message von “Primakov” ist, dass Primakov prima ist. Warum müssen Leute immer nach einer Message in allem suchen?”).

Im Zug treffe ich den Fotografen für den heutigen Abend und gemeinsam steigen wir nach genau 17 Minuten Fahrt, vorbei an Dörfchen, deren Namen mir bislang unbekannt waren, am Bahnhof Laufen auf Gleis 2 von 4 aus dem Intercity in Richtung Biel. Bewusst verstosse ich gegen den von Zuckerpapi auferlegten Dresscode (“keine Socken”) und riskiere so, trotz seiner innigen Warnungen bezüglich der Sicherheitslage, von einem Lynchmob aus dem 5.500-Einwohner-Dorf vertrieben zu werden.

Screenshot von Twitter

Mit Socken an den Füssen, einem Fotografen an meiner Seite und einer Portion Spannung darauf, wie der "Primakov“-Typ sich geben wird, stehe ich also am Bahnhof. Kein Lynch-Mob weit und breit, keine Menschenmassen—aber auch kein Zuckerpapi. Ich hake via Twitter, dem Kommunikationsmittel unseres Vertrauens, nach, wo er denn bleibe. “Flug verspötig” lautet seine simple Antwort, die ich aber erst sehe, als der Abend im Laufental—Zuckerpapi nennt die Region 42 ("42 ist nicht nur der Anfang einer Postleitzahl. 42 ist der Anfang von etwas Grossem“)—in einer Waldhütte, die eine optimale Kulisse für einen Töfflibuben-Splatter-Film wäre, beim Golfen in einer Kiesgrube und beim Shisha-Rauchen in einer leerstehenden Bruchbude schon wieder vorbei ist.

Als Zuckerpapis "Flug“ schliesslich zu Fuss bei uns angekommen ist, führt er uns, ein blaues Powerade in der Linken, zu seiner Stammbeiz, einer Pizzeria, deren Name viel mehr nach Schweizer Dorfbeiz schreit, als auch nur ein wenig nach Italien zu klingen: Krone. Dort bestellen wir uns die nicht auf der Speisekarte stehende Spezialität des Hauses (mit französischer Salatsauce gefüllter Pizzateig), der Zuckerpapi sogar zwei Tracks gewidmet hat, treffen Zuckerpapis Musikcompadre St. Gucci und versuchen, so etwas wie ein Interview zu führen.

Versuchen, weil es sich als schwierig herausstellt, ein Interview-Gespräch mit Menschen zu führen, bei denen man nie weiss, was als nächstes kommt—aber letzten Endes ist es auch genau diese Überforderung in der Einordnung, die solche Künstler spannend macht. Also beschliesse ich, mich einfach mal treiben zu lassen und zu schauen, was zwischen Dialogen wie diesem noch passiert (Cloud Journalismus quasi, wie Zuckerpapi feststellt):

Gucci: Alles in der Krone ist gut, ausser die Calzone. Esst nie Calzone!
Zuckerpapi: Die Pizzas sind auch nicht gut.
Gucci: Die Pizzas sind gut, Brueder!

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Schlussendlich wird der Abend mehr zum Sightseeing-Trip durch die Lebenswelt der heutigen Landjugend in einem Tal, das man nur kennt, weil dort voriges Jahr ein Show-Flugzeug in eine Scheune gestürzt ist. Unsere Guides haben sich anscheinend vorbereitet, sich überlegt, welche Stationen die Route, die sie heute mit uns abklappern wollen, haben muss. Ihre 42-Leute, von denen wir an diesem Abend nicht nur den wohl lethargischsten aller Töfflibuben der Welt treffen, sprechen sich hin und wieder aus Versehen mit ihren bürgerlichen Namen an.

Zwischen dem Rasen über Dorf-, Feld- und Waldwege, dem Tanken bei einer Landi-Tankstelle und dem Einbrechen in "ihr“ leerstehendes Haus zeigen Zuckerpapi und Gucci, was ihre Herkunft ausmacht und wie diese ihre Musik prägt.

Zuckerpapi: “Usrüef” und das Zwitscherspiel [Übersetzung: Twitter] sind das wichtigste am Rapper-Sein. Du kannst noch so scheiss Musik raushauen, wenn du ein gutes Zwitscherspiel hast, bist du ein guter Rapper.
Gucci: Zwitscher ist die Verlängerung des Rapper-Daseins. Mit Zwitscher kannst du das Ausdrücken, was du nicht reimen kannst.
Zuckerpapi: Stimmt.
Gucci: Aber auch das, was du Reimen kannst.
Zuckerpapi: Aber nur gute Reime kommen auf einen Beat, der Rest kommt auf Zwitscher.

Noisey: Und das Facebook-Game ist einfach nicht wichtig?
Zuckerpapi: Facebook ist tot. Alle sagen mir: "Alte, mach doch eine Facebook-Seite." Aber Facebook ist tot, ich setze auf Zwitscher … und vielleicht auch Tinder. Findet mich auf Tinder!

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Das klingt erstmal nach Nonsense, ist wohl auch Nonsense—doch so genau kann man das nie wissen. Letzten Endes ist eben auch Nonsense der Ausdruck von etwas Realem. Vielen wird wahrscheinlich lieber sein, wenn ihre Kunst als Nonsense abgekanzelt wird, als wenn Journalisten versuchen, sie in den Rahmen eines Genres zu pressen.

Noisey: Was macht für dich denn eine Szene aus?
Zuckerpapi: Keine Ahnung. Ich mache mir keine Gedanken dazu. Nein, ich finde es etwas weird, diese Klassifizierungen, Alte. Ich mache auch nicht nur Hip Hop, Alte. Ich kann alles machen. Und jetzt mal ehrlich: Nenn mir mehr als fünf Schweizer Rapper, die man kennt. Ich kenn genau Stress … OK, ich kenne schon mehr als fünf. Aber es gibt keine Schweizer Hip Hop-Szene. Vielleicht noch in Winterthur und Zürich ein bisschen. Und es ist auch nicht Cloud Rap, Alte! Hört auf zu sagen, das sei Cloud Rap. Nur weil ich jung bin, alles selber mache, kein Label habe und alles kann, heisst das nicht, dass ich Cloud Rapper bin. Was ist eigentlich Cloud Rap?

Wie würdest du deine Musik denn nennen?
Zuckerpapi: Gar nicht. Bezeichnen ist für Pussys, Alte! Nein, ich weiss auch nicht … Bezeichnen ist nur für Leute, die überfordert sind, wenn etwas nicht bezeichnet und in einer Kiste verpackt zu ihnen kommt. Es ist doch egal, was meine Musik ist, das darf jeder für sich bestimmen … Was ist Cloud Rap? Definier das mal.

Das ist schwierig so aus dem Stegreif. Ich würde es vielleicht über die aktuelle Bewegung beschreiben, die von Yung Lean geprägt wurde …
Zuckerpapi: Nein, Alte! Wie vorhin gesagt: Cloud Rapper sind meistens Leute, die einfach übers Internet publizieren und kein Label im Rücken haben.
Gucci: Und keine echten Leute auf der Strasse!
Zuckerpapi: Ich meine, "Primakov“ ist vom Sound her überhaupt nicht Cloud Rap. Und darum ist das schon falsch.

Aber von der Ästhetik her geht’s schon stark in die Richtung.
Zuckerpapi: Ästhetik ist ein grosses Wort.
Gucci: Du bist aber schon ein Wolken-Mensch.
Zuckerpapi: Ich bin schon wolke, aber ich bin auch based, Alte. "Usrüef" an den basierten Gott!

Erst als Zuckerpapi den Fotografen und mich wieder zum Bahnhof begleitet, wird er ruhiger, erzählt, dass er ohne Probleme auch anderen Rap machen könnte (Reminder: "Ich kann alles machen“), ernsthafteren mit einer Botschaft—”aber über welche Probleme soll ich in einem der reichsten Länder der Welt rappen? Da mache ich lieber einen Banger.”

“Manche investieren extrem viel in das, was sie machen. Und ich mache alles, was ich mache, einfach so nebenbei”, ist auch eine der Bahnhof-Ansagen. Und das stimmt wohl. Wer auf dem Land aufwächst, weiss, dass einer der grössten Antriebe für vieles die Langeweile ist. Die Langeweile treibt einen zu Trinkorgien in Waldhütten. Die Langeweile treibt einen zu Shisha-Sessions in leerstehenden Häusern. Und die Langweile treibt einen wohl auch zu Autotune-Hymnen auf die lokale Pizzeria und mit Salatsauce gefülltem Pizzateig.

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Erst zwei Tage später, als Zuckerpapi ohne Text im Gedächtnis, dafür mit einem iPhone vor der Nase auf der Bühne des Zürcher Exil steht, merke ich, dass wohl tatsächlich einiges an Wahrheit hinter der Maskerade steckt. Auf Twitter schreibt er zwei Stunden später:

Screenshot von Twitter

Immerhin ist sein “Zwitscher-Spiel” stark. Denn das ist es ja, was einen guten Rapper ausmacht.

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Zuckerpapi findest du nicht auf Facebook, dafür aber auf Twitter und mit etwas Glück auf Tinder. Das Tape "liebe gott danke dasses mi git amen" gibt's hier als Free-Download.

Noisey Alps findet ihr auf Facebook und Twitter, wo sich Sebastian ebenfalls herumtummelt.