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Als Frau auf Hardcore-Konzerte zu gehen, ist scheiße

„Seit Februar kann ich mich leider sehr gut mit den vielen Grabsch-Geschichten weiblicher Konzertbesucher identifizieren, die regelmäßig durch soziale Netzwerke geistern.“

von Susanne Siegert
09 Juni 2016, 9:08am

Nach meiner ersten Hardcore-Show wusste ich: Genau SO muss Live-Musik klingen. Und schon bald wollte ich dazugehören, zu dieser „Szene“, die viele Hardcore-Bands in ihren Liedern besingen. Wie eine Fußballmannschaft versprach sie mir vor allem eins: Zusammenhalt dank einer gemeinsamen Leidenschaft. Doch relativ schnell musste ich feststellen, dass dir als Frau in dieser Szene niemand den Ball zuspielen will. Du läufst ins Abseits und bleibst in der Mannschaft außen vor—egal wie hart du trainierst. Nach ein paar Wochen resignierst du, gehst nur noch zum Training, weil dir das Spiel an sich trotzdem Spaß macht. Es scheint, als müsstest du dich als Frau auf Hardcore-Konzerten mit der Auswechselbank abfinden. Aus fünf Gründen:


Grabsch-Alarm im Moshpit

Seit Februar kann ich mich leider sehr gut mit den vielen Grabsch-Geschichten weiblicher Konzertbesucher identifizieren, die regelmäßig durch soziale Netzwerke geistern. Denn obwohl ich Moshpits schon immer fernbleibe, musste ich während einer Show von Modern Life Is War erfahren, wie es ist, wenn dir jemand zu nahe kommt. Aus einem harmlosen „fremden Schritt im Rücken“, wie es manche (vor allem Männer) abtun, wurde schnell dieses Gefühl, dass die Berührung mehr war als nur ein Versehen. Es folgte die Angst, dass er mir hinterherlaufen wird, wenn ich den Platz wechsle. Und gekrönt wurde diese Angst von der Scham, das Unwohlsein anzusprechen. Zu groß die Bedenken, als „Dramaqueen“ abgestempelt zu werden, die in jede Berührung zu viel hinein interpretiert. Ich wechselte unauffällig den Platz und konnte den Rest des Abends in Ruhe genießen. Noch am selben Abend entdeckte ich eine Facebook-Nachricht in meinem „Sonstige“-Ordner. Sie war von dem „fremden Schritt“. Anhand eines Mini-Tattoos hatte er mich unter den Facebook-Zusagen der Show identifiziert und schrieb nun: „Vorzeitig gegangen oder nur Getränk nachgeholt?“ Mir lief ein Schauder über den Rücken, als ich die wenigen Worte las. Seitdem beurteile ich auf Konzerten jede Berührung umso kritischer.


Fashion- oder Hardcore-Show?

Egal wie oft Szenejünger H2Os „Passion Before Fashion“ als Maxime von Hardcore zitieren: Wenn du einmal auf einem Konzert warst, weißt du, dass das Bullshit ist—vor allem als Frau. Selbst wenn du nur auf Toilette gehen möchtest, fühlt es sich an, als würdest du vor Heidi Klum den Laufsteg rauf und runter laufen. Denn auf Hardcore-Konzerten scheint es so etwas wie einen Dresscode zu geben (Regel Nummer 1: „Trage unter keinen Umständen ein Bandshirt von der Band, die gleich spielt.“). Und für Frauen ist es unmöglich, den zu entschlüsseln. Band-Shirt? Abgestempelt als Fangirl, das damit nur versucht, den Merchtypen ins Bett zu bekommen. Kein Band-Shirt? Nur hier, weil der Freund sie mitgeschleppt hat. Präsentiert eine Frau ihr Chest Piece-Tattoo, ist geschminkt und trägt Tunnel, ist sie eine „Scenebitch“, kommt sie „in zivil“, ist sie pseudo und natürlich nur wegen ihres Freundes da. Um beim Fußballvergleich zu bleiben: Auch wenn mein Trikot dieselbe Farbe hat wie die vom Rest der Mannschaft, werde ich trotzdem gemustert, als würde ich zum Erzrivalen gehören.


Hardcore-Shows als Real-Life-Tinder

Männer dagegen fühlen sich auf Hardcore-Shows wohl. Und diese Komfortzone schafft anscheinend jede Menge Selbstvertrauen. Anders kann ich mir nicht erklären, dass viele männliche Fans Hardcore-Shows mit Real-Life-Tinder verwechseln und dort genauso „subtil“ vorgehen wie in der Dating App. Natürlich ist nichts Verwerfliches daran, auf einer Show zu flirten—auch wenn mich die Anzahl der „How to flirt at concerts“-Tutorials im Netz verblüfft hat. Doch im Unterschied zu „normaler“ Umgebung ist auf Hardcore-Konzerten ein „Nein“ wohl nicht einkalkuliert—und wird manchmal auch nicht akzeptiert. Denn die weibliche Intention, auf ein Konzert zu gehen, scheint ausschließlich mit dem männlichen Geschlecht zusammenzuhängen: weil sie entweder a) den Frontmann der Band heiß findet, b) von ihrem Freund mitgeschleppt wird oder c) den Typ in der ersten Reihe/an der Bar/im Auge des Moshpits etc. aufreißen möchte.

„Na? Dachte mir, ich spreche mal das schönste Mädchen auf dieser Show an.“

„Äh nein, sorry, ich muss zur Garderobe.“

„Bitch.“

(nach der Leipzig-Show von Stick To Your Guns/Wolf Down)

Frauen als „Fans zweiter Klasse“

Viele Hardcore-Bands schaffen irgendwann den Weg aus der Versenkung. Doch mit jeder Band, die den Schritt von Nischen- zu Massen-Hardcore schafft, entsteht auch eine Zweiteilung der Fan-Gemeinschaft: Es gibt auf der einen Seite die „wahren Fans“, die von Anfang an hinter der Band standen, den ersten Plattendeal kritisch verfolgt haben und die nie müde werden zu betonen, dass das erste Album das beste sei. Und dann wäre da noch die zweite Gruppe. Beim FC Bayern bezeichnet man sie als „Erfolgsfans“ (um wieder auf das Fußballpferd aufzuspringen). Sie sind erst durch den Release des „Hitalbums“ auf die Band aufmerksam geworden und haben noch nie etwas vom Hidden Track der B-Seite gehört, die 1996 in der Garage der Oma des Drummers aufgenommen wurde. In den Augen der wahren Fans sind das Fans zweiter Klasse—und gefühlt zu 99 Prozent weiblichen Geschlechts. Denn egal, wann eine Frau ihre Liebe für eine Band entdeckt; besucht sie ein Konzert erst, nachdem diese schon den Durchbruch geschafft hat, kann sie doch kein richtiger Fan mehr sein.

Konkurrenzkampf unter weiblichen Hardcore-Fans

Als ich mir zum ersten Mal eingestand, dass es vielleicht gar nicht so schlimm ist, nicht zu dieser Szene zu gehören, hatte ich eine Vision. Wenn es mehreren Frauen so ginge wie mir, dann könnten wir uns doch zu einer eigenen kleinen Gemeinschaft zusammenschließen. Eine Keimzelle des Widerstandes, die nicht gegen die Männer-dominierte Szene rebellieren will, sondern einen Platz für alle Frauen schafft, die sich auf Konzerten endlich wohlfühlen können. Doch das Traurige ist: Viele Frauen scheinen untereinander zu konkurrieren, als würde es um die letzten verbleibenden Startplätze in der Szene gehen. Es wird gelästert, wenn du dir auf der Toilette den Lidstrich zu dick nachziehst. Beklagst du öffentlich Grabsch-Vorfälle, bist du eine Lügnerin, die nur nach Aufmerksamkeit giert. Schießt du Selfies mit dem Frontmann der Lieblingsband, unterstützt du damit nur die sexistischen „Fangirl“-Ansichten männlicher Fans. Da Frauen leider selbst das Gefühl haben, Fans zweiter Klasse zu sein, scheinen sie ihre Leidensgenossinnen noch kleiner machen zu wollen. Sie schaffen „Fans dritter Klasse“, auf die sie hinabblicken können. Denn so muss das doch sein in der „Szene“, oder? (Je länger ich an diesem Text sitze, desto weniger kann ich guten Gewissens den Begriff „Szene“ gebrauchen.)

Ob Frauen oder Männer, ich weiß, welcher Satz in all seinen Abwandlungen den Weg in die Kommentarspalten zu finden sein wird: „Dann bleib doch zuhause, wenn es so schlimm ist!“ Solche Äußerungen sind auch der Grund, warum ich mich sehr lange dagegen gewehrt habe, das Problem als solches anzuerkennen und in einem Artikel anzusprechen. Werde ich weiterhin auf Konzerte gehen? Ja. Denn dafür ist Live-Musik ein zu wichtiger Teil meines Lebens geworden. Doch es ist wichtig, dass diese Szene nicht mehr so romantisiert wird. Auch wenn es schön ist, dass Bands noch von Zusammenhalt und diesem „Wir gegen alle anderen“-Gefühl singen: Das ist leider ungefähr so zeitgemäß wie eine Aufstellung mit Libero.