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Lieber Ensy, Frauen sind keine Gebärmaschinen

Nein, auch nicht die Frau eines Rappers.
23.9.15
Screenshot: YouTube

Ich frage mich, an was Ensy eigentlich denkt, wenn er seine Facebook-Page mit Inhalt füttert. Am Montag bin ich dort wieder mal über einen Post gestolpert, der so einfach nicht geht. Für einen miesen Chauvi-Sexisten-Witz hat der „Uslender Productions"-Rapper verdammt tief in den Kisten mit den Aufschriften „Privatleben" und „schlechter Geschmack" gegraben. Seine über 27'000 Facebook-Fans scheint das nicht zu stören—sie sind sich das gewohnt. Mittlerweile haben über 700 User, diesen Post geliked:

Ich liebe Rap. Ich pushe mich mit den In-die-Fresse-Tracks von Haftbefehl auf, bewundere die sarkastisch-zynischen On-Point-Gesellschaftsanalysen von Zugezogen Maskulin und Audio88, lache über die selbstironische bis selbstzerstörerische Fuck-Everything-Attitude von MC Bomber, Karate Andi und Money Boy und höre mich an den neusten Würfen aus der Cloud-Rap-Sphäre (LGoony und Crack Ignaz, ihr seid gemeint!) fast tot. Doch kann Rap nichts für meine Liebe.

Denn Rap an sich ist in erster Linie eine Möglichkeit, sich auszudrücken—etwas Neutrales. Wie ein Mund. Und nur weil jemand einen Mund hat, wissen wir noch nicht, ob diesen Bullshit oder Thesen für den nächsten Nobelpreis verlassen. Rap ist nur so toll oder scheisse, wie die Menschen, die ihn gebrauchen. Zum Glück gibt es bei uns sowas wie künstlerische Freiheit, die jedem ermöglicht, seine Gedanken zu äussern.

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Die möchte ich Ensy auch auf keinen Fall absprechen. Nur ist er es selbst, der die Grenze zwischen seiner Kunstfigur und sich selbst genau in dem Moment verwischt, wenn er seiner Kunstfigur mit Witzen über sein reales Privatleben ein paar Likes bescheren will—wohlgemerkt auf einem Promo-Tool wie einer Facebook-Page und nicht in einem Track. Und wie immer gilt natürlich auch bei Ensy: Wer mit Scheisse zum Star werden möchte, muss damit rechnen, dass das manchen Menschen zu krass stinkt—auch Menschen, denen Rap sonst viel bedeutet.

Als Konsequenz davon, dass jeder Rapper werden kann, gibt es also nicht nur rappende Neu-Nazis wie MaKss Damage oder rappende Homophobe wie G-Hot, sondern auch rappende Wenigdenker wie den „Migranten sind Gäste und haben sich zu benehmen"-Fler—oder eben Ensy.

Als ich Ensys Statement auf Facebook gelesen habe, sind mir ein paar Fragen durch den Kopf geschossen:

1. Was sagt wohl seine tatsächlich (!) schwangere Ehefrau dazu, dass er sich an der gewagten Gleichung „Schwangere Frau = Getränkeautomat" versucht?

2. Möchte er wirklich mit dieser Gleichung nach Fans fischen?

3. Wird sein Kind je erfahren, dass er statt ihm genauso gut eine Cola, Fanta oder Sprite hätte haben können?

4. Wurde er irgendwann genug aufgeklärt, um zu wissen, dass er nichts zur Schwangerschaft beigetragen hat, ausser seinen Penis in eine Vagina zu stecken?

5. Und vor allem: Wann startet er endlich seine Karriere als SVP-Stammtisch-Entertainer?

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Nur allzu gerne profiliert sich Ensy nämlich darüber, wie sehr er die SVP verabscheut. Gefühlt die Hälfte seiner Facebook-Postings sind Witze auf ihre Kosten. Im Februar schaffte er es sogar auf 20min.ch, indem er in einem Musikvideo inszenierte, wie er die SVP-Politiker Lukas Reimann und Oskar Freysinger sowie den SVP-Hofkomiker Andreas Thiel im IS-Style scheinbar hinrichtet. Das finde ich zwar eher dumm als witzig—aber: Kann man in einem Musikvideo schon mal machen.

Screenshot: YouTube

Problematisch wird es, wenn er in anderen Postings ohne den doppelten Boden der Ironie die öffentliche Steinigung von Pädophilen fordert. In diesen Kontext setzt er dann Statements wie das obige, in denen er eben mal im Vorbeigehen die Hälfte der Menschheit abwertet—da ist es egal, wie witzig das Ganze gemeint ist. Damit stellt er sich selbst in eine Ecke, in der er nie sein wollte. Dort, wo sich der SVP-Wahlhund Willy und sein Herrchen Christoph Blocher gemeinsam in den Schlaf kuscheln.

Mir ist klar, dass Ensy dabei bewusst provozieren will. Das ist schliesslich das Erfolgsmodell von „Uslender Productions" und grundsätzlich auch absolut nichts Neues im Rap. Ein paar dumme Sprüche reissen, ein paar Tabus brechen und sobald diese Statements ihren Weg aus dem Kreis der gleich tickenden Leute (die darüber lachen) rausfinden, ist man auch schon in der breiten Öffentlichkeit angekommen (die darüber nicht mehr lacht). Ensys Herrchen Baba Uslender hat diese Promo-Moves ja selbst perfektioniert. Und auch Label-Freund Effe fährt die gleiche Schiene. So postete er unter das Ensy-Statement den vielsagenden Schenkelklopfer (den er mittlerweile wieder gelöscht hat): „denk dra, du besch ned de einzig wo die 4.- dri grüert hed". Durch solche Sprüche—egal wie ernst sie gemeint sind—wird Ansichten der Geschlechter der Weg geebnet, die eher ins Mittelalter als ins Jahr 2015 gehören.

Natürlich ist Ensy nicht voll dafür verantwortlich, was für Fans er hat. Fans suchen sich eben jene Artists aus, die sie selbst cool finden. Und jeder Mensch interpretiert und kontextualisiert Songs und Statements schliesslich anders. Trotzdem kann sich Ensy nicht aus der Verantwortung ziehen, einen Teil seiner Karriere auf der Verbreitung von kruden Frauenbildern aufzubauen. Niemand ist schliesslich dafür verantwortlich, ob Ensy auf Facebook postet, wie toll er den sonnigen Tag findet oder wie scheisse seine schwangere Frau—ausser Ensy selbst.

Schlussendlich ist es ebenso Ensys alleinige Entscheidung, ob er diesen Weg weitergehen will. Eines kann ich ihm als Proviant auf diesen Weg schon mal mitgeben: Sollte dir irgendwann die Lust auf das Rap-Game vergehen, hier der Link zur Mitgliedschaft bei der SVP-Basel Stadt. Die freuen sich sicher, wenn auch mal einer dieser bösen Muslime auf ihrem Level über Frauen herzieht.

Diss-Tracks bitte direkt an Sebastian auf Twitter.

Alternativ auch an Noisey auf Twitter oder Facebook.