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Wie ein EDM-Großkonzern versucht, Elektro zu beherrschen

Dies ist die Firma, die gerade eine Milliarde Dollar für Clubmusik ausgegeben hat.
16.1.14

Eine der schrägsten Szenen war 2013 wohl, als Afrojack inmitten einer Gruppe von bebrillten Bankern und Spekulanten auf dem New Yorker Börsenparkett stand. Er klatschte beim Anblick der feuernden Konfettikanonen und dem Ertönen der Glocke, die den Handelstag beendet. Aber warum hat Afrojack als erster DJ die amerikanische Börse geschlossen? Um den Börsengang des Unternehmens SFX Entertainment zu feiern—der Firma, die große Unternehmen aufkauft, die mit elektronischer Musik zu tun haben. Könnte man 2013 als das Jahr bezeichnen, in dem Clubmusik komplett im Mainstream angekommen ist, dann könnte 2014 das Jahr sein, in dem Tanzmusik die Welt der Börse erreicht.

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Der Name SFX Entertainment dürfte vielen von euch kein Begriff sein, aber sie haben 2013 riesige Summen an Geld ausgegeben, um sich selbst als Marktführer in der Welt der elektronischen Tanzmusik zu positionieren. Ende des Jahres besaß SFX Entertainment bei folgenden Firmen entweder Anteile oder war sogar Eigentümer: Beatport, Tomorrowland Festival (Belgien), Stereosonic Festival (Australien), Electric Zoo Festival (USA), Creamfields Festival (Australien), Liv Festival (USA) und Nature One Festival (Deutschland).

Die 20 Millionen Anteile, die die Firma zum Verkauf frei gab, wurden mit 13 Dollar pro Stück gelistet und SFX Entertainments Wert mit 1,05 Milliarden Dollar beziffert. Seit Afrojack am ersten Tag die Glocke geläutet hat, hat die Aktie allerdings einen etwas holprigen Weg hinter sich. Der Preis hat es bis jetzt nicht mehr an das Niveau des ersten Tags herangeschafft und fiel zwischenzeitlich bis auf 7,80 Dollar, war zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Artikels aber immerhin wieder 10,97 Dollar wert. Das ist zwar nicht außergewöhnlich schlecht, aber auch nichts, was zukünftige Investoren, in der Hoffnung mit dem Geheimtipp Elektro reich zu werden, Schlange stehen lässt.

Darum geht es allerdings, wenn eine Firma heutzutage an die Börse geht—ums reichwerden. Entscheidungen werden davon abhängig gemacht wie rentabel sie sind und dienen dem Hauptziel, den Aktienwert des Unternehmens zu steigern. Zwar müssen alle Firmen rentabel wirtschaften, um überleben zu können—das nennt man übrigens Kapitalismus—wenn eine Firma jedoch an der Börse ist, kann jeder Fehler von allen gesehen werden. Seit dem Börsengang wird SFX nun für immer aufgrund ihres Aktienwerts beurteilt und das setzt die Firmen, die zu SFX gehören, gehörig unter Druck, gewinnbringend zu agieren.

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Genau das mussten eine Menge Beatport-Mitarbeiter auf schmerzhafte Weise erfahren.

Beatport wurde im Februar 2013 für 50 Millionen Dollar von SFX aufgekauft. Diese Übernahme schien anfangs ziemlich viel Sinn zu machen. Nachdem der Deal perfekt war, sagte SFX-Gründer Robert Sillerman: „Beatport ermöglicht uns den direkten Kontakt mit DJs und erlaubt uns, zu sehen, was gerade angesagt ist und was nicht. Aber am wichtigsten ist, dass es uns eine riesige Plattform für alles, was mit elektronischer Tanzmusik zu tun hat, bietet.“

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Anfang Dezember wurde bekannt, dass eine riesige Zahl an Beatport-Mitarbeitern gefeuert wurde, in einer Aktion, die laut der Online-Plattform Techcrunch, einem „Blutbad“ glich. Betroffen waren hauptsächlich Techniker und Entwickler; diese haben an Produkten gearbeitet, die zwar von der Firma angeboten wurden, aber nicht direkt mit dem Online-Store verbunden waren. Die Entlassung wurde nur halbherzig gerechtfertigt, außer dem üblichen Firmen-Geplänkel, „das Team umzustrukturieren und alle auf eine Vision einstimmen zu wollen“, kam nicht viel.

Es bedarf keinen großen analytischen Fähigkeiten, um zu sehen, dass diese Aktion die Folge davon war, dass Beatport es nicht geschafft hat, Profit zu machen. Nach dem Verlust von zwei Millionen Dollar im Jahr 2012 und nach der Übernahme von SFX hat Beatport im dritten Quartal 2013 immer noch ein Minus von einer Million gemacht. Diese Zahlen sind aus geschäftlicher Perspektive bestimmt nicht toll, aber die Rigorosität mit der SFX darauf reagiert und große Teile des Unternehmens umstrukturiert hat, zeigt, mit welcher Skrupellosigkeit solche großen Konzerne handeln.

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Wie sich die Veränderungen bei Beatport tatsächlich auf das Geschäftliche auswirken wird das nächste Jahr zeigen. Die Kürzungen haben unter anderem Entwickler getroffen, die seit der Firmengründung dabei waren und für sie wurden neue Mitarbeiter eingestellt, die der Umstrukturierung dienen sollen. Viele von ihnen sind von drei anderen Firmen, die SFX kürzlich übernommen hat, zu Beatport gewechselt: Arc90, Paylogic und Fame House. Tim Crowhurst hat die Umstrukturierung des Unternehmens mit folgendem Statement erklärt: „In der Branche, in der wir uns bewegen, gibt es bislang sehr viele Möglichkeiten für die Leute, an Neuigkeiten und Informationen zu gelangen, Inhalte zu entdecken, Musik zu hören, auf Veranstaltungen aufmerksam zu werden und Tickets zu kaufen. Unser Ziel ist es, das Ganze für den Fan zu bündeln und dafür spielt jeder Teilbereich eine signifikante Rolle.“

Es ist offensichtlich, dass Beatport nicht nur aufgrund seines Status als Online-Musikvertrieb gekauft wurde. Die Tatsache, dass so viele der früheren Mitarbeiter entlassen wurden, zeigt, dass SFX weniger an dem interessiert ist, was Beatport macht, sondern vielmehr daran, die Marke zu übernehmen und zu kontrollieren. Aus den Kommentaren von Crowhurst lässt sich herauslesen, dass die Marke Beatport als Plattform für etwas viel Größeres genutzt werden soll— unter dem Dach von Beatport sollen alle Firmen, die SFX übernommen hat, gebündelt werden, sodass ein zentrales Portal für alles, was mit elektronischer Musik zu tun hat, entsteht. Die mögliche Folge davon könnte sein, dass SFX große Teile der kommerziellen Elektro-Szene kontrolliert und alles von Ticketverkäufen, über Festivals, bis zur Frage, wie neue Musik online veröffentlicht wird, steuert.

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Die Tatsache, dass dieses eine Unternehmen quasi eine Monopolstellung einnehmen könnte, birgt auch das Risiko der Stagnation. Sollte SFX die Daten, die Beatport ihnen liefert, dazu nutzen festzustellen, welche DJs angesagt sind, könnte das im Umkehrschluss beeinflussen, wen sie für ihre Festivals und Clubs buchen—was neuen Talenten den Durchbruch erschwert. Die Geschwindigkeit mit der Beatport umstrukturiert wurde, zeigt, dass SFX wahrscheinlich auch für die kleineren Zweige ihrer Unternehmen nur begrenzt Geduld aufbringt. Auch wenn Sillerman vorher festgehalten hat, dass er daran interessiert ist, interessante Firmen aufzukaufen und sie in dem, was sie tun, zu bestärken, gibt es keinen Zweifel daran, dass SFX seine eigenen Pläne hat. Wenn ein neu übernommenes Unternehmen nicht so arbeitet, wie SFX es gern hätte, dann wird es Veränderungen geben, um es auf die Linie der übergeordneten Vision zu bringen.

Schnelle Gewinne und Kreativität ziehen sich nicht unbedingt gegenseitig an. Bobby Owinski macht dies in seinem Artikel über die SFX Strategie deutlich und stellt heraus, dass die Kreativität in der Musikindustrie oft leidet, wenn große Firmen einsteigen—ein Phänomen, das bereits öfter zu beobachten war. Eine Investition in dieser Größenordnung kann zwar auch als Erfolg für ein Musikgenre gewertet werden, diese Betrachtungsweise wäre jedoch sehr verkürzt. Die Firmen, die SFX übernommen hat, können zwar neuen Trends folgen, aber dafür, die Künstler oder riskante und kreative Ideen zu unterstützen, sind sie nicht da.

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Dies ist vielleicht das größte Missverständnis das aufkommen kann, wenn berichtet wird, dass Geld in Clubmusik investiert wird. Denn SFX Entertainment investiert nicht in Musik, sie investieren in das Geschäft.

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