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Nathan Gray von Boysetsfire ist auf Facebook der Inbegriff von Peinlichkeit

Wenn ich durch sein Profil scrolle, fühle ich mich an den 80-jährigen Lebenspartner meiner Oma erinnert.

von Susanne Siegert
24 März 2016, 2:56pm

Fragwürdige Diskussionen zur Asylpolitik, der Durchmarsch der AfD und ein unerwarteter Siegeszug von Donald Trump: Bei einem Blick in die Nachrichten, beziehungsweise in die Facebook-Timeline muss man sich gerade einfach nur an den Kopf fassen. Doch einen „Vorteil“ dieser Tragödie gibt es: In solchen Momenten erkennt man, wie viele Idioten sich eigentlich in unseren Freundeslisten tummeln. Bei meinem letzten Ausmisten musste unter anderem ein Tätowierer fliegen, der neben schlechten Tattoo-Fotos vor allem durch Likes bei Frauke Petry oder „Zeig Flagge—Deutschland“ auffiel (und der übrigens auch nicht den Satire-Charakter der „Tattoofrei“-Seite durchschaute). Bei einem Profil brachte ich es allerdings nicht gleich übers Herz, den „Als FreundIn entfernen“-Button zu klicken. Der Grund: Das Profil gehört zu Nathan Gray, dem Sänger meiner Lieblingsband Boysetsfire. Denn auch wenn es mir schwer fällt, diesen Gedanken auszusprechen: Nathan Gray ist auf Facebook der Inbegriff von Peinlichkeit.

Wenn ich durch sein Profil scrolle, fühle ich mich an den 80-jährigen Lebenspartner meiner Oma erinnert. Vor Familientreffen kloppt sich die ganze Familie darum, NICHT neben ihm sitzen zu müssen, aus Angst vor ausufernden Gesprächen nach der ersten Smalltalk-Frage „Wos sogst zu de Bayern?“ (immer dieser FC Bayern). Genauso wie ich beim nachmittäglichen Kuchenessen mit Hans zusammenzucke, wenn er anfängt, im fließenden AfD die aktuelle Asylpolitik zu kommentieren, würgt es mich mittlerweile auch, wenn ich einen Post von Nathan Gray in meiner Timeline sehe. Beispiele gefällig?


Nathan Gray vs. Facebook

Mitte Februar hatte sogar Facebook genug von Nathan Gray und sperrte seinen Account für 24 Stunden. Der Grund: dieses Bild, das er im Rahmen seines #trapezoidthursdays von einem Freund repostete:

Ok ok... So stop me if you've heard this one before: a gentleman of mixed ethnicity (black and white), and a gentleman...

Posted by Nathan Gray on Saturday, February 13, 2016

„Trape-was?“ Na Trapezoid Thursday! Denn Nathan Gray tritt auf Facebook auch als eine Art Satanismus-Botschafter auf und widmet sich jeden Tag anderen teuflischen Symbolen: Es gibt den Schlangen-Sonntag (#serpentsunday), Ziegen-Dienstag (#goattuesday, mein Lieblingstag da Baby-Ziegen) und eben den Trapez-Donnerstag. Und während sich mir die Zehennägel aufrollten, als ich das Foto des trapezförmigen Nazi-Abzeichens in meiner Timeline gesehen habe, feierten ihn seine Fans als Revoluzzer gegen die Zensur—#jesuisnathan-Hashtag inklusive (kein Scherz). Sie forderten seine Befreiung aus dem „Facebook Jail“, als wäre er ein Blogger in Saudi-Arabien, der für seine kritischen Texte mit 1000 Peitschenhieben bestraft wurde. Und sie posteten Hitler-Memes, weil witzig.

Nathan Gray vs. Bernie Sanders

This is one of those Bad Lip Reading things... Right? Seriously, I'd love to get some context. Am I not hearing this...

Posted by Nathan Gray on Monday, March 7, 2016


Es war ein Zitat, das durch die Medien ging. US-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders sagte im Rahmen einer CNN-Debatte: „Weiße haben keine Ahnung davon, wie es ist, arm zu sein“. Und nicht nur für Nathan Gray war dieser Satz Grund für einen wütenden Rant gegen Bernie „you dick“ Sanders, obwohl er ansonsten lieber gegen Donald Trump schießt. Doch was nur kurz darauf mindestens genauso durch die Medien ging: Das Zitat war aus dem Zusammenhang gerissen, Sanders hatte lediglich eine Aktivistin der „Black Lives Matter“-Bewegung zitiert. Ups. Nachdem Nathan von Followern auf diesen Fehler aufmerksam gemacht wird, rudert er allerdings nicht zurück, sondern wütet in den Kommentaren munter weiter. Denn warum sollte Sanders das denn bitte zitieren, wenn er nicht der Aussage voll und ganz zustimmt! Den „Seriously, I'd love to get some context“-Teil seines Posts sollte man also nicht zu ernst nehmen...

Nathan Gray vs. Islam

I would like to make right a severe misunderstanding. If you come to my page, and say something stupid like "fuck...

Posted by Nathan Gray on Friday, March 4, 2016


Diesen Post habe ich bestimmt fünf Mal gelesen und sorgfältig Wort für Wort übersetzt—einfach, weil ich nicht glauben konnte und wollte, dass Nathan Gray so etwas wirklich sagen würde. In dem Text wehrt er sich gegen Fans, die auf seiner Seite gegen Muslime haten. So weit, so gut, allerdings sagt er im selben Atemzug auch: „My distaste for Islam, terrorism and the Qur'an is NOT an excuse to ramble on like a Jackass about Muslims in general“. Islam, Terrorismus und Koran in einem Atemzug—hat das nur für mich einen bitteren Beigeschmack? Aber immerhin, so schreibt er in einem anderen Post: „Yeah, I know...not all Muslims are assholes“. Na dann...

Nathan Gray vs. Nathan Gray

Doch jetzt die plötzliche Kehrtwende: Denn noch während ich für diesen Text Nathan Grays beste Post-Perlen recherchiert habe, überraschte unser aller Lieblingssatanist mit diesem Post:

Sometimes it's good to take a break from things...distance a little and reevaluate. Nope, nothing's wrong, just a little...

Posted by Nathan Gray on Sunday, March 20, 2016


Eine Woche Facebook-Pause! … Dass er die angekündigte Facebook-Pause nicht durchgehalten hat, muss ich an dieser Stelle wohl nicht erwähnen. Er durchbrach die Stille mit einem lauten Bildpost zu den Anschlägen in Brüssel und macht inzwischen munter weiter wie zuvor. Zum Beispiel, indem er auf einen zugegeben sehr beleidigendem Post zu seinem „Shoot your local heroin dealer“ mit einer Drohung reagiert, dass der Beleidiger lieber beten sollte, nicht bald auf Nathan persönlich zu treffen.

Ich bin nicht mehr mit Nathan Gray befreundet. Es wird eine Weile dauern, bis ich von dem Trauma vollständig geheilt bin, immerhin begleitet mich dieser Mann schon sehr lange. Ich bewunder(t)e ihn nicht nur wegen seiner unfassbaren Stimme (für mich die beste im Post-Hardcore), sondern mochte auch seine unpolitische Art und Weise auf der Bühne. Obwohl es bestimmt keine positive Eigenschaft ist, unpolitisch zu sein, für mich war es erfrischend, unter all den Prediger-Bands diesen Mann zu sehen, der sich live weitestgehend darauf beschränkte, über tiefgehende und wichtige Themen zu SINGEN.

Aber: Ich kann Nathan Gray aus meiner Freundschaftsliste kicken und muss mich abseits seiner Musik nie wieder mit seiner politischen Meinung auseinandersetzen. Bei meinem „Stief-Opa“ geht das leider nicht so einfach...

Worth the quick break from my sabbatical.. Talk to you guys this weekend.

Posted by Nathan Gray on Tuesday, March 22, 2016