Wenn die Dekadenz am größten ist, steht das Imperium kurz vor dem Zerfall, so sagt man. Und die Dekadenz im Deutschrap ist vermeintlich groß, mag man als Außenstehender meinen. Wohin man auch blickt, Fotos von Shopping-Touren in Mailand, Yachten vor St. Tropez und Videoclips, in denen der giftgrüne Lamborghini bis auf Anschlag durch die Straßen irgendeiner Ruhrpott-Metropole gepeitscht wird. Dicke Goldketten und heiße Weiber—ihr kennt die Klischees. Läuft bei denen, hätte man 2014 im ZDF gesagt.Und eben weil es so gut läuft, bemühen die ein oder anderen Kommenatoren in letzter Zeit immer häufiger das Bild der „Blase“. Bald schon, so behauptet die eine Fraktion, wird der heimatliche Rap vor einem Scherbenhaufen stehen. Die Plattenfirmen werden abspringen, so wie sie es schon einmal taten. Erfolgreiche Rapper werden verkünden, dass sie jetzt „richtige Musik machen“ (Hallo Chakuza!) oder entdeckt haben, dass Musik an sich Teufelszeug ist. „Halt, Stopp!“ schreien dann die anderen. So weit kommt es nicht, das Kolchose/Eimsbush-Trauma der 00er Jahre wird sich nicht wiederholen, denn jetzt besitzt die Szene eine nie da gewesene Vielfalt. Wenn Cro neben Xatar und Alligatoah neben Marsimoto existieren kann, dann wird hier nichts mehr schief laufen. Wollen wir es hoffen.Es gehört aber leider zur Wahrheit dazu, dass wahrscheinlich 80 Prozent der vermeintlichen Millionäre in wenigen Jahren nicht mehr von ihrer Kunst werden leben können. Zumindest wenn die Blase doch platzen sollte. Der ein oder andere Künstler musste sich diesem Problem in der Vergangenheit bereits stellen. Curse ist bekanntlich zwischendurch Radio-Moderator geworden, aber auch er musste sich einst—nicht nur auf der Bühne—fragen: „Und was ist jetzt?“ Andere Rapper haben sich dazu entschieden, einfach nur noch mit der Bahn zu fahren. Also nicht, um irgendwo hinzukommen, nein, einfach so. Als Beschäftigung. MC Rene hat sogar ein Buch darüber geschrieben. Raptile (das ist dieser Typ für den Bass Sultan Hengzt mal das schönste Video-Statement im Rap-Game aufgenommen hat) tourt inzwischen als 2Unlimited-Verschnitt durch die weite Welt. Und Torch…Ja, Torch. Was macht der eigentlich? Torch, bitte melde dich.„Manchmal fragen alte Fans bei Macces, ob ich Tarek K.I.Z bin / Und ich frag welches Getränk sie zu dem Spar-Menü denn möchten“, hieß es einst, als die Platinscheibe noch nicht abzusehen war. Und genau deshalb sollten wir alle versuchen, die Deutschrap-Blase nicht platzen zu lassen. Kauft Freunde, kauft. Guckt euch bitte jedes überflüssige Interview an, bestellt die Boxen mit den Selfie-Sticks und geht in die Shisha-Bars der Ruhrpott-Rapper. Denn genauso wenig, wie man sich freut, wenn Jazzy von TicTacToe einem die Pizza bringt, oder die ehemalige Frontfrau von NuPagadi einem das Bier auf den Tisch stellt (Realtalk!), wünscht man sich von Olson, im H&M beraten zu werden oder mit Sierra Kidd zusammen auf dem Arbeitsamt zu sitzen.Denn zur bitteren Wahrheit gehört ja auch: Wenn die Künstler nicht mehr erfolgreich sind, ist der Kommunikator arbeitslos. Und das will ja wirklich niemand.**Folgt Noisey bei Facebook und Twitter.
Anzeige
An sich kann man dem nur beipflichten. Deutschrap an sich wird nicht sterben, auch nicht, damit wir leben können (*SlimeVoice*). Aber was, wenn doch? Was passiert eigentlich mit all den halbwegs erfolgreichen Protagonisten, die sich auf Instagram und Snapchat tagtäglich mit ihrem angeblich unermesslichen Reichtum brüsten? Es dürfte dem ein oder anderen ja aufgefallen sein: Künstler, die in den letzten Jahren wirklich Geld gemacht haben, verzichten eher darauf, ihre Statussymbole der Allgemeinheit zu präsentieren. Bushido postet lieber ein paar Fitness-Drinks (Wer benutzt die eigentlich im Hause Ferchichi?), Sido fotografiert gern seine Mütze und seinen Bart, Marteria zeigt sich bevorzugt beim Angeln, Cro zeigt sich lieber gar nicht, außer in zerissenen Hemden.
Anzeige