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Der Filmriss – Warum er entsteht und was du dagegen machen kannst

Wir haben für euch mit einem Experten gesprochen – vieles davon wussten wir noch nicht.
20.3.16

Auf dem Badezimmerboden deiner Eltern aufwachen, sich nackt auf einer Wiese wiederfinden, in einem fremden Bett, in der Polizeistation – ich erspare euch jetzt mal weitere Filmrissgeschichten. Ihr kennt sicher alle mehr als genug davon und habt sie vielleicht schon selbst oft genug erlebt oder erzählt bekomen – diese Geschichten sind soziales Schmiermittel in unserer Gesellschaft.

Statistisch gesehen hat jeder Mensch mindestens einmal im Leben schon ein Blackout gehabt, weil er irgendwie seine körperlichen Grenzen übersehen hat. Filmrisse sind also ein gesellschaftliches Massenphänomen. Also hier mal unter uns: Niemand muss sich schämen, weil er mal die Kontrolle verloren hat und Entscheidungen getroffen hat, die nicht mal von Lindsay Lohan in ihrer Absturzzeit übertroffen werden konnten.

Jeder, der mal eine Jugend hatte, sammelt früher oder später ein paar Lücken im Gedächtnis. Unnütze Informationen werden eben gelöscht. Unnütze Informationen, die dich deine ganze Persönlichkeit infrage stellen lassen, werden umso lieber gelöscht. Genau das passiert bei nach einem Rausch. Es ist wie einer Art Selbstschutz. Dein Hirn schützt dich vor dir selbst und den Abgründen deiner Seele. Besser du hast keine Ahnung mehr davon, wie du im Werk versucht hast, mit drei Zigaretten deinen weißen Spritzer zu bezahlen und dann freundlich gebeten wurdest, den Club zu verlassen, weil du es nicht einsehen wolltest.

Foto via Flickr I Laura Barberis I CC by 2.0

Der erste Filmriss ist wie eine Art Einführungsritual ins Erwachsenenleben. Ein Zeichen, dass deine Kindheit definitiv beendet ist. Und ja, eine Ära zu beenden tut nun mal meistens weh. Hier geht’s drum, die Verantwortung für dein peinliches Gegröle und deine offensichtliche und beschämende Anbiederung ans andere Geschlecht, zu übernehmen. Und dein Konsequenzmanagement zu verbessern. Überraschung, du bist nicht perfekt.

Natürlich können alkoholinduzierte Blackouts sehr unangenehm und auch gefährlich sein. Deine Entscheidungsfähigkeit ist nämlich verlangsamt und die Risikobereichtschaft stark erhöht. YOLO ist nicht nur ein leeres Wort. Darin steckt die Erfahrung und Selbstrechtfertigung einer ganzen Generation. Wie sollten wird sonst mit solchen Exzessen fertig werden?

Forscher der „University School of Medicine“ in den USA sind übrigens zu dem Ergebnis gekommen, dass du das Blackout nicht hast, weil deine Gerhirnzellen zerstört werden – sondern, weil die Nervenzellen durch Alkohol geschwächt werden und die eingehenden Information nicht mehr gespeichert werden können. Die Zellen kommunizieren nicht mehr richtig miteinander. Die Folge: Im Suff triffst du oft sehr spontane und wenig durchdachte Entscheidungen. Übrigens ist es laut Studien ein Mythos, dass übermäßiges Trinken Gehirnzellen beschädigt oder absterben lässt.

Aber warum hat man dann einen Filmriss? Und kann man ihn mit irgendwelchen Tricks vermeiden? Wir haben einen Experten dazu befragt und das Geheimnis eines Alkoholblackouts entschlüsselt. Prim. Dr. Roland Mader hat uns Antworten auf unsere Fragen gegeben. Er ist Neurologe und Referent im Anton-Proksch Insitutut in Wien, in dem Abhängigkeiten behandelt werden.

Foto via Flickr I Anna Sprellner I CC by 2.0

Gibt es bestimmte Alkoholsorten, die einen Filmriss begünstigen? Besonders billiger Alkohol vielleicht?
Prim. Dr. Mader: Mit der Qualität des Alkohols hat das nichts zu tun. Prinzipiell gilt: umso konzentrierter, umso gefährlicher. Also harte Getränke begünstigen einen Filmriss. Aber ob Vodka oder Gin ist hier egal und sehr individuell. Die Qualität des Alkohols beeinflusst aber die Folgeschäden. Die Hirnaktivität wird nämlich vorübergehend beeinträchtigt. Nach einem Entzug bildet sich das aber wieder zurück.

Warum hat man einen Filmriss?
Prim. Dr. Mader: Die Wirkung von so viel Alkohol ist massiv sedierend fürs Gehirn, weil es ein Zellgift ist. Die Hirnzellen kommunzieren nicht mehr so schnell und präzise miteinander. Dadurch kann weniger Information weitergegeben werden.

Hängt die Chance, einen Filmriss zu bekommen, mit dem psychischen Zustand der Person an dem Abend zusammen?
Prim. Dr. Mader: Ja, die Wirkung von Alkohol auf die Psyche ist immer unterschiedlich. Und jede Person reagiert anders. Erschöpfung und großer Stress beeinflussen das Endergebnis negativ. Auch mit leerem Magen ist ein Blackout wahrscheinlicher, weil der Körper die gleiche Alkoholmenge schneller aufnimmt.

Welche Faktoren begünstigen einen Filmriss?
Prim. Dr. Mader: Ungünstig ist vor allem zu schnell trinken, weil der Körper mit einer hohen Alkoholanflutung konfrontiert wird. Am schlimmsten ist es, wenn der Alkohol stark ist, nichts gegessen wurde und man zu schnell trinkt. Ab einem Blutalkohol über 1,5 Promille wird die Wahrscheinlichkeit für einen Filmriss groß.

Ist die Wahrscheinlichkeit, öfter einen Filmriss zu haben vielleicht auch genetisch bedingt?
Prim. Dr. Mader: Ja, es gibt genetische Unterschiede in der Verträglichkeit. Die ist sehr individuell. Japaner oder andere, vor allem asiatische Völker zum Beispiel, haben eine genetische Ausstattung, durch die sie Alkohol weniger gut vertragen. Bei ihnen sind die Enzyme, die für den Alkholabbau zuständig sind, wenig oder nicht vorhanden. Mehr als 50 Prozent sind genetisch bestimmt. Auch zwischen Männern und Frauen gibt es Unterschiede, wie gut sie Alkohol vertragen. Frauen zum Beispiel vertragen im Schnitt eigentlich nur ein Drittel weniger Alkohol, als Männer. Bei ihnen sind diese Alkoholenzyme nicht so ausgeprägt vorhanden und sie haben einen geringeren Körperfettanteil und ein niedrigers Körpergewicht – das spielt alles eine Rolle bei der Alkoholverarbeitung. Auch wenn die Mütter während der Schwangerschaft Alkohol trinken, haben die Kinder eine höhere Anfälligkeit für Blackouts.

Macht es einen Unterschied, wenn man mehrere Alkoholsorten mischt?
Prim. Dr. Mader: Es kommt nur auf die Konzentration des Alkohols an. Das Durcheinandertrinken hat keine Bedeutung bei Filmrissen. Viel Zucker in den Getränken kann aber auch zu einem Problem werden. Bei Cocktails zum Beispiel. Weil da der Alkohol noch rascher ins Blut aufgenommen wird.

Wie kann man einem Filmriss vorbeugen?
Prim. Dr. Mader: Man sollte unbedingt auch nicht-alkoholische Getränke zwischendurch trinken. Am besten nach jedem Glas Alkohol ein Glas Wasser nachtrinken. Außerdem sollte man bei weniger konzentrierten Alkoholsorten bleiben und sich mehr Zeit lassen. Aber das Wichtigste, auch wenn es abgedroschen klingt: Einfach nicht zu viel trinken.

Auch wenn du vor Scham im Boden versinken willst, wenn du am Tag nach deinem Filmriss von deinen Freunden alle Horrorstorys hörst: Irgendwann wirst du drüber lachen. Und wenn dir das Leben einen Grund zum Lächeln schenkt, dann solltest du ihn verdammt nochmal annehmen. Du bist gerade dabei über dich selbst zu lernen und deine Grenzen auszutesten. Also YOLO – aber nicht zu viel.

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