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Die vergessene Nazi-Vergangenheit von Ace of Base

Gründungsmitglied Ulf Ekberg war in seiner Jugend in so einige Dinge verwickelt, die gar nicht mit dem Saubermann-Image von heute d'accord gehen.

von Benjamin Shapiro
25 April 2013, 7:10am

Dem Internet ist es zu verdanken, dass die Idee der Unschuld nicht mehr ohne gehörige Skepsis betrachtet werden kann. Im Zeitalter von Eliot Spitzer und Anthony Weiner scheint es für eine Person des öffentlichen Lebens unmöglich zu sein, die eigenen Leichen im Keller unentdeckt zu lassen. Selbst von Reggae-infizierter schwedischer Freizeit-Musikbespaßung à la Ace of Base erwartet man heute ein dreckiges Geheimnis.

Nun ja, da gibt es in der Tat eins.

Ulf Ekberg, ein Gründungsmitglied von Ace of Base, startete seine Karriere als Neonazi-Skinhead.

Doch nicht nur das. Als Plattform für seine Ideale gründete er seine eigene Nazi-Punkband, Commit Suiside, die explizit rassistische Songtexte verwendete. Man mag fragen, wie explizit genau? Lass mich dir ein kleines Beispiel zeigen:

„Män i vita kåporna på vägen tågar. Vi njuter när vi huvudena av niggrerna sågar/ Svartskalle, vi hatar dig! Ut, ut, ut, ut! Nordens folk, vakna nu! Skjut, skjut, skjut, skjut!“

Übersetzung gefällig?

„Männer mit weißen Kapuzen marschieren die Straße hinunter. Wir genießen es, die Köpfe der Neger abzusägen. Einwanderer wir hassen dich. Raus, raus, raus, raus! Nordische Menschen, wacht auf. Schießt, schießt, schießt, schießt.“

Ekberg war darüber hinaus noch Mitglied der Schwedischen Demokraten, eine Partei, die offiziell jede Verbindung zum Neonazismus zurückgewiesen hat. Interessant, wenn man bedenkt, dass die Partei von Nazis gegründet wurde und aktive Mitglieder noch immer Verbindungen mit von Hass getriebenen Gruppierungen unterhalten. Nehmen wir Anders Klarström als Beispiel, den ehemaligen Kopf der schwedischen Demokraten. Schon mal lustig genug, dass er wie Ekberg auch Mitglied bei Commit Suiside war. Zu der Zeit um 1986, als sich die Band auflöste, wurde Klarström wegen illegalen Waffenbesitzes verurteilt. Rechtliche Konsequenzen zogen auch die Todesdrohungen an den jüdischen Entertainer und Theater-Intendanten Hagge Geigert mit sich, den Klarström als „Judenschwein“ beschimpfte und den er drohte zu verbrennen.


Ekbergs Antwort darauf war ziemlich verhalten. In einer Dokumentation aus dem Jahre 1997 sagte er: „Ich habe jedem gesagt, dass ich zutiefst bereue, was ich getan habe. Ich habe das Buch geschlossen.“

Im Jahre 1998 hat ein kleines schwedisches Plattenlabel, mit dem bezeichnenden Namen Flashback Records, Ekbergs kreative Ergüsse in einer limitierten Kollektion namens Uffe Was a Nazi! herausgebracht. Das Cover zeigt Ekberg mit Hakenkreuz auf dem T-Shirt und den rechten Arm zum Hitlergruß hebend. Obwohl nur 1.000 CDs gepresst wurden, war das ein schädigender Angriff auf Ekberg und seine Nazi-Vergangenheit. Auf Uffe Was a Nazi!, welche zu einem bedeutenden Sammlerstück wurde, befanden sich fünf Songs, darunter „Rör inte vårt land“ (zu Deutsch: „Rühre unser Land nicht an“) und „Vit makt, svartskalleslakt!“ („White Power, Gemetzel schwarzer Schädel“). Erstaunlicherweise findet sich auch eine umdenkende Referenz zur White Power Skinhead-Punk-Band Skrewdriver. Deren Song „Smash the IRA“ wurde kurzerhand ins Deutsche übersetzt und in „Smash the VPK“ umbenannt. Die VPK, oder die Linke Partei, ist die sozialistische und feministische Partei Schwedens:

Kommen wir nun dazu, wie Ekberg seinen Weg in die Band Ace of Base fand. Im August des Jahres 1990 spielte der Göteborger Musiker Jonas Berggren ein Konzert mit seiner Band, die sich wahlweise CAD, Tech-Noir oder Kalinin Prospect nannte. In der letzten Minute vor dem Konzert entschied sich der Bassist der Band, statt seiner eigenen Show lieber ein Konzert der Rolling Stones auf der anderen Seite der Stadt zu besuchen, so dass Berggren seinen Freund Ekberg einspringen ließ. Ein paar Wochen später gibt es endlich einen festen Namen für die neue Bandbesetzung: Ace of Base wird aus der Taufe gehoben und der Rest ist Geschichte. „All That She Wants“ geht durch die Decke, Happy Nation/The Sign wird über 23 Millionen Mal verkauft und die Gruppe wird zu einer der beliebtesten Pop-Acts der Dekade.

Es ist nicht geklärt, ob Berggren oder die anderen Mitglieder von Ace of Base zu dem Zeitpunkt, als sie Ekberg verpflichteten, von seinen vorherigen Machenschaften unter dem Deckmantel des Neonazismus wussten. Aus irgendeinem Grund wird bis heute nicht darüber gesprochen – wenn du deinen Freunden also davon erzählst, kannst du dich darauf gefasst machen, dass der ein oder andere Kiefer aus seiner Verankerung bricht. Ekbergs Antwort darauf war ziemlich verhalten. In einer Dokumentation aus dem Jahre 1997 sagte er: „Ich habe jedem gesagt, dass ich zutiefst bereue, was ich getan habe. Ich habe das Buch geschlossen. Ich möchte darüber nicht mehr sprechen, diese Zeit existiert nicht mehr für mich. Ich habe das Buch geschlossen und 1987 weggeworfen. Ich habe diese Erfahrungen gemacht und ich habe daraus gelernt. Aber das Leben ist nicht mein jetziges. Es war jemand anderes.“

Den Angaben seiner Website zufolge ist Ekberg heute eine „visionäre Führungsperson und ein angesehener Geschäftsmann“. Er ist noch immer Mitglied von Ace of Base, aber er arbeitet auch für eine Marketingfirma namens Result, die mit BMW, Fiat, IBM und LinkedIn zusammenarbeitet. Im Jahre 2002 gründete Ekberg eine weitere Marketingfirma in der Unterhaltungsbranche mit dem Namen Legion Network, die mittlerweile nicht mehr besteht, aber mit Partnern, wie Canon, Motorola oder Nokia zusammenarbeitete. In den Jahren 2002 bis 2005 war er auch in einer Beraterstellung für Nokia und ihre globale Musik- und Modekampagne tätig.

Aber das alles wird noch kryptischer. Ekberg ist derzeit aktives Mitglied des German Marshall Funds und seiner „Asia Program“-Kommission. Man sollte bedenken, dass der GMF im Geiste des Marshall Plans – dem US-amerikanischen Programm zur Unterdrückung des Sowjet-Kommunismus und zur Wiedereinführung der Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg – gegründet und nach diesem benannt wurde.

Was soll das alles bedeuten? Es ist einfach unglaublich, dass all diese Tatsachen nie an die Öffentlichkeit gelangten, zumal sie so deutlich im Sichtfeld lagen. Während ich für diesen Artikel recherchiert habe, habe ich mit vielen anderen Journalisten darüber gesprochen, doch niemand wusste etwas davon. Genau genommen habe ich bisher nie jemanden auf dieses offene Geheimnis Bezug nehmen sehen. Das soll jetzt nicht nach einer Verschwörungstheorie klingen, aber ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass man sich nach so viel Gehässigkeit von Grund auf bessern kann. Für mich ist es auch ziemlich erschreckend, dass Ekberg überhaupt in so eine Position extremer Autorität und großem Einfluss kommen konnte. Über viele Jahre hinweg war er direkt für die Art und Weise verantwortlich, wie Marken mit ihren Konsumenten in Berührung treten, und jetzt ist er in ein Subventions-Programm für geopolitische Ideologien involviert.

Hat Ekberg Ace of Bases Erfolg als ein Vehikel und Möglichkeit dafür genutzt, um sich von seiner Neonazi-Vergangenheit reinzuwaschen? Ich bin mir da nicht so richtig sicher und ein gewisser Teil in mir hegt Zweifel. Aber als Musikjournalist kann ich definitiv sagen, dass ich „The Sign“, „Don’t Turn Around“ oder „All That She Wants“ nie wieder auf dieselbe Weise hören kann, wie ich das zuvor getan habe.

Ben ist der Musikredakteur der amerikanischen VICE, sowie Chefredakteur von Noisey in den USA. Folge ihm auf Twitter - @b_shap

Danke an Ezra Marcus, der bei der Recherche geholfen hat, und Maggie Mustard für ihre Millionen Ideen.

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