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Yung Hurn ist der deutschsprachige Based God

Was Hype? Das ,Krocha Tape‘ ist das erste Deuschrap-Highlight 2016.
4.1.16

Zunächst ein Disclaimer: Wenn du Autotune hasst und Laas Unltd. für den besten Battlerapper Deutschlands hältst, dann bitte lies diesen Text nicht. Er ist nicht für dich bestimmt. Falls das nicht der Fall ist: Krocha Tape ist ein Traum von einem Mixtape.

Seit 22 und unserer ersten Abfeierei zum Thema Yung Hurn ist eine Menge passiert. Da war eine aufgeregt geführte Debatte über ein kurioses bis unheimliches Facebook-Phänomen, dem der Hurn einen seiner älteren Songs gewidmet hatte. Dann waren da die vielleicht infektiösesten Songs des vergangenen HipHop-Jahres und schließlich im Dezember durfte der junge Wiener, über dessen Privatexistenz das Internet (ein Glück!) bisher sehr wenig in Erfahrung bringen konnte, bei Arte kundtun, seine Texte seien nur dann gut, wenn er sie in weniger als zehn Minuten in sein iPhone eintippt. Zum Abschluss des Tracks-Beitrags folgte schließlich ein zweiter, schelmisch vorgetragener Affront: „Richtige HipHopper so, die so abhaten und sagen: ,Hey, das ist kein HipHop', finde ich auf jeden Fall geil. (…) Aber ich glaub', solche Leute haben auch nicht wirklich Musik verstanden.“

Wie Yung Hurn wiederum Musik versteht, dass offenbart er auch auf Krocha Tape freimütig: Als spontanes Ausspucken kreativer Energie, die genau deshalb so „zeitgeistig“ wirkt, weil der hier agierende Künstler einem das Gefühl gibt, sich gar keine Gedanken darüber zu machen, was er mit seiner Musik sagen will. Auch auf seinem zweiten Mixtape wirkt jede Zeile wie morgens um vier dahingschissn und die Tracklist wie wahllos zusammengewürfelt. Krocha Tape ist genau deshalb ein Traum von einem Mixtape—weil es dem Hörer einiges zumutet.

Hier ist nicht jeder Moment à la How To Pimp a Butterfly dramaturgisch perfekt platziert. Im Gegenteil: gerade die ersten drei Stücke sind nach herkömmlichen Maßstäben ziemlich dreister Unfug. Wobei man Hurn hier durchaus eine Intention unterstellen könnte: Nämlich jene zu verwirren, die nach „Opernsänger“ dachten, der Junge aus dem 22. Gemeindebezirk wäre nun nur noch melodisch unterwegs. Wie um das zu widerlegen lallt, ächzt und albert er sich mit zahllosen Adlibs unterlegt über eine handvoll verstrahlter Südstaaten-Beats, als wäre Lil B sein Lehrer. Das erste echte Higlight auf dem Mixtape ist „HALLO HALLO HALLO HÜPFMAN“, natürlich eine Antwort auf das süchtig machende „Jumpman“ von Drake und Future. Einen Song, über den im Übrigen auch bereits besagter Based God gefreestylet hat. Überhaupt beweist das Tape an diversen Stellen, dass Yung Hurn natürlich nicht der deutschsprachige Yung Lean, sondern—wenn überhaupt—der deutschsprachige Based God ist.

Dass Yung Hurn viel Lil B gehört haben muss, lässt sich kaum bezweifeln. Daneben scheint er auf seiner mittlerweile dritten Veröffentlichung überdies Chief Keef zu zitieren (auf „BIBABUTZELMANN LOCO FREESTYLE“), vor allem aber emanzipiert er sich stärker als auf 22 von möglichen Vorbildern wie Bones und Black Kray. Und wie: Neben seiner Rolle Realitäts-skeptischer Nihilist, präsentiert er sich auf Krocha Tape immer häufiger als schwärmerischer Romantiker, der melancholische Liebeslieder für Lieblingsfrauen und Lieblingsdrogen schreibt. So sind „Pillen“, „Chill mit meim Bae“ und „Molly Pt. 3“ ausufernd kitschige Autotune-Balladen, die sich einem unumwunden in die Hirnwindungen schrauben.

Der größte Hit ist aber „Online“, das sich zunächst als Ironie-freies, Floskel-beladenes Liebeslied präsentiert. Der Bruch mit der R'n'B-Balladen-Tradition folgt erst nach zwei Minuten kitschiger Litanei: „Baby komm', bitte geh' einfach on in dem Scheiß-Chat!“ Es ist dieser eine Satz, der den Unterschied macht, der das Stück textlich vom heiligen Pathos von Radio-Rap à la „Astronaut“ abhebt. Weil er dir vorher gesagten Eindeutigkeiten fix uneindeutig macht: Ist das hier nun das schlichte Eingeständnis eines Wehleidigen, der weinend Zuhause sitzt, weil sein Schwarm die letzte Snapchat-Nachricht nicht beantwort hat, oder ist das ganze Stück vielleicht doch ein klug beobachteter Kommentar dazu, wie wir Smartphone-Natives uns in unserer emotionalen Abhängigkeit von diesen zwei blauen Häkchen immer lächerlicher machen? Momente wie dieser sind es, wegen derer man Krocha Tape schlicht hören muss, wenn man etwas mit Kampfbegriffen wie Exzess und Selbstzerstörung anfangen kann.

So aufregend und unvorhersehbar wie bei Yung Hurn wird HipHop 2016 nur selten klingen.