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Vic Mensa hat es auch ohne Warnschüsse aus Chiraq geschafft

Das bedeutet nicht, dass er keine Eier hat—Vic möchte einer hoffnungslosen Stadt nur etwas Optimismus vermitteln.
30.7.14

Wer sich in letzter Zeit mit Chicagos HipHop-Szene auseinandergesetzt hat, weiß, dass sich Pioniere wie Kanye West oder Lupe Fiasco schon längst von ihrer Heimatstadt gelöst haben. Längst machen sie außerhalb von Illinois Lärm und überlassen somit einer regelrechten Rap-Guerilla die Stadt, die mittlerweile nicht mehr Chi-Town, sondern Chiraq genannt wird. Anführer dieser Guerilla sind unter anderem Jungs wie Chief Keef, Lil’ Durk und Young Chop, die mit ihrem Drill-Movement eine Welle in Bewegung gesetzt haben, die seit einigen Jahren nicht mehr zu stoppen ist. Harter Street-Rap, geprägt von den Gewalttaten einer Stadt, dessen Mordrate so schnell in die Höhe steigt, wie die Warnschüsse, die Chief Keef und seine Crew in Musikvideos spaßeshalber in die Luft feuern. Dass die Jungs nicht nur vor der Kamera, sondern auch privat ein paar Shooter um sich herum haben, weiß man, wenn man ihre Songs gehört oder ein paar ihrer Videos gesehen hat.

Vic Mensa kommt auch aus Chiraq. Allerdings steht er nicht auf Waffen, sondern auf Limonade—Orange Soda, um genauer zu sein. Vor einem Jahr widmete der Rapper seinem Lieblingsgetränk sogar einen Song, mit dem er sich schnell in die Herzen vieler HipHop-Freunde rappte. Die oft eintönigen Trap-Beats gepaart mit den sich immer wiederholenden Sounds von Schusswaffen überließ Vic den Gangster-Rappern, während er begann mit lässigen Flows und Popartigen Hooks zu zeigen, dass Chicago auch anders kann, als nur Chiraq zu sein.

Dabei hatte Vic in seiner frühen Kindheit überhaupt nichts mit Rap am Hut und verbrachte seine Zeit viel lieber damit, Rock-Musik zu hören. Denn als Vic noch in Hyde Park, einem Viertel im Süden Chicagos, bei seiner Mutter, einer Physiotherapeutin, und seinem Vater, einem ehemaligen Wirtschaftsprofessor der Universität von Chicago, aufwuchs, bouncte er viel lieber zu Bands wie Nirvana, Guns N’ Roses und AC/DC. Seine Liebe für harte Gitarrenriffs, gesellschaftskritische, melodische Songtexte lebte in der fünften Klasse weiter, auch als ein Mitschüler krampfhaft versuchte, Vic von einem talentierten Rapper namens Eminem zu überzeugen. Keine Chance. Kurt Cobain war Vics Held, nicht etwa Eminem, der zu der Zeit als weißer Rapper mit Blond gefärbten Haaren im Sturm das HipHop-Universum eroberte. Doch Vics Einstellung zur Welt des Sprechgesangs sollte sich schnell ändern. Spätestens dann, als er zusammen mit einem Freund ein Skateboard-Video sah, in dem KRS-One’s Song [„Step Into A World“](http:// https://www.youtube.com/watch?v=3vZca1L-_z8) gespielt wurde. Darauf folgten tägliche Besuche in einem HipHop-Shop, Break-Dance-Sessions, Graffiti und Freestyling. Plötzlich wurde aus Vic Mensa, dem krassen Rock-Fan, ein Repräsentant des HipHops.

Doch wo beginnt man, wenn aus Rap eine Karriere, aus Hobby ein Job werden soll? Vic wollte erst mal Vitamin B sammeln, seiner Umgebung zeigen, was er am Mikrofon kann und sich dadurch ein Netzwerk aufbauen, wohl hoffend, groß herauszukommen. Sein erster Song war ein Freestyle über Young Jeezys Song „Bury Me a G“. Doch erst als er sich später mit seinem Homie Vic Spencer zusammensetzte, um im Studio den Song „Goodmorning, Goodnight“ aufzunehmen, wurde man auf Vic Mensa aufmerksam. Erst verschaffte er sich Respekt vom Rapper Naledge, der bei dem Rap-Kollektiv Kidz In the Hall aktiv war. Darauf folgten ein paar Features auf Songs von Chicagos Underground-Größen bis Vic sich dazu entschloss, wieder auf die Straßen Chicagos zurückzukehren, um sich mit dem Verkauf von Marihuana seine Studio-Sessions finanzieren und somit zusammen mit den Produzenten Nez & Rio sein erstes Mixtape Straight Up aufnehmen zu können.

Doch Vic wollte mehr. Nicht nur seine eigene Solo-Karriere, sondern auch Mitglied einer Band sein, in der verschiedenste kreative Impulse vereint werden, um somit etwas Größeres zu schaffen. Das Projekt bekam einen Namen: Kids These Days. Es hätte nicht besser kommen können, dass Vics Kindheitsfreund Nico Segal sich bereits mit ein paar Jazz-Musikern zusammengetan hatte, die noch auf der Suche nach einem Rapper waren, der ihre funkige Jazz Slash Rap-Crew ergänzen sollte. Dann ging es bergauf: Vic und seine sechs Band-Kollegen spielten erste Shows auf ihrer High-School-Bühne, zwei Jahre später rockten sie die Crowds bei South By Southwest und ein Jahr darauf waren sie live im Chicago Theater zu sehen, wo sie ihren Song „Spottie“ bei Conan, einer der führenden US-Talkshows, performten.

Könnte es für eine Band, dessen Anfänge nur wenige Jahre zurückliegen und auf der Bühne einer Schule begann, besser laufen? Kaum. Und obwohl der Ruhm weiter anhielt und Kids These Days ihr Debüt Traphouse Rock lieferten, das von Kritikern hoch gelobt wurde, war für Vic schnell klar, dass dieses ganze Rap-Crew-Ding anders ablief, als er es sich anfangs vorgestellt hatte. Schnell kam es zu Auseinandersetzungen und Unstimmigkeiten zwischen den Bandmitgliedern, vor allem zwischen Vic und Liam, dem Gitarristen der Band. Vic beschloss, Kids These Days im Mai 2013 den Rücken zu kehren und sich wieder auf seine Solo-Karriere zu konzentrieren.

Vier Monate später veröffentlichte er sein zweites Mixtape Innanettape. Dass sein zweites Mixtape so ein solides Werk geworden ist, welches man kaum von einem richtigen Album unterscheiden kann, mag für den einen oder anderen verwunderlich sein—als Vic mit den Aufnahmen zu Innanettape begann, war er auf einem Mushroom-Trip und dachte, er sei das Internet. Auf diesem Trip scheint er übrigens hängen geblieben zu sein—auch heute denkt Vic noch, er sei das Internet. So verrückt das auch klingen mag, an Vics Fähigkeiten kann kaum einer zweifeln. Auch mit Songs wie „Down On My Luck“, der Single zu seiner neuen EP Street Lights, die noch in diesem Jahr erscheinen soll, gibt er einer Stadt, in der Hoffnung klein geschrieben wird, Optimismus. Denn Vic Mensa will zeigen, dass Chicago nicht unbedingt Chiraq sein muss, um HipHop-Fans zu faszinieren.

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