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Punks dieser Welt: Hasst die Polizei!

In Amerika ist alles so beschissen wie eh und je, warum geht die dortige Punkszene nicht mehr auf die Barrikaden?

von Alan Hanson
20 August 2014, 9:00am

Eine kleine Geschichte vorab: Ein offen homosexueller Mann ist Bandleader einer gesellschaftskritischen Punkband in Austin, Texas. Das könnte 2014 auf ungefähr 50 verschiedene Bands zutreffen. 1979 aber, lange vor „Keep Austin Weird“, konntest du Rockbands mit geouteten Musikern noch an einer Hand abzählen. Gray Floyd und seine Dicks waren bei diesem Wandel ganz vorne mit dabei.

Einer der Höhepunkte im Schaffenszyklus der Dicks war ihre erste Single „Hate The Police“—eine geballte Faust von einem Song, voller Wut auf rassistische und schießfreudige Cops. Es ist unglaublich deprimierend, dass dieser Song auch 34 Jahre später noch so aktuell ist. Der Text schildert die Perspektive eines vorurteilsbeladenen Polizisten wie dieser seinem Hass freien Lauf lässt und seine Macht missbraucht:

„Mommy, mommy, mommy / look at your son / you might have loved me / but now I’ve got a gun. / You better stay out of the way / I think I’ve had a bad day / … Daddy, daddy, daddy / proud of his son / he’s got him a good job / killing ni—ers and Mexicans / I’ll tell you something / and it’s true: / You can’t find justice / it’ll find you.“

Ist es nur ein Punksong oder doch eine Mitschrift von George Zimmermans innerem Monolog? Das ist wirklich eine der ersten Sachen, die mir in den Sinn kam, als Trayvon Martin ermordet wurde; und das ist es auch, woran ich wieder denken muss, als zweieinhalb Jahre später durch das Ferguson Police Departement Mike Brown—ebenfalls ein junger Afroamerikaner—umgebracht wurde.

Ja, in den Straßen fließt definitiv Blut, aber wo zeigen unsere Punkbands ihre Stacheln?

Ohne jetzt alle Einzelheiten aufzuzählen, die Punkbands heutzutage ausmachen, kann man doch mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass der Großteil „der Szene“ mit in sich gekehrtem Slackertum überschwemmt worden ist. Diese Haltung fühlt sich, vor allem wenn man bedenkt, was gerade abgeht, einfach nur verdammt inhaltslos an. Das soll nicht heißen, dass diese Richtung nicht auch ihre Berechtigung hat. Seit der Gründung der Replacements hat es definitiv einige gute Gründe gegeben, um den Tag mit einem Bierfrühstück zu beginnen. Braucht es aber wirklich einen weiteren FIDLAR-Song, der vom Koksen im Cha Cha handelt? Braucht es einen weiteren Aufruf zu den Waffen bzw. zum Saufen, nur um sich mit Deer Tick an der Bar zu verabreden? Es ist jetzt nicht so, dass jede Punkband politisch sein müsste oder alle Politpunker ausschließlich politische Songs schreiben dürften, aber, verdammt noch mal, können wir uns vielleicht ein bisschen mehr damit beschäftigen, was da draußen in der Welt passiert—bitte?

Als die Dicks in Austin noch grün hinter den Ohren waren, bekamen Rollins und MacKaye ihre erste Ramones-Platte in die Hände und die Reagan-Ära fing an, ihre furchtbaren Blüten zu treiben. Für die nächsten acht Jahre sollte Punk diesen Mann und seine Politik mit allen Mitteln bekämpfen. Die Minutemen sangen gegen die Iran-Contra-Affäre. Fast jede Band des Genres stürzte sich auf ihn, wobei die Dead Kennedys zweifelsohne mit der lautesten Stimme den Protestzug anführten. Einer der besten späten Ramones-Songs, das großartige „Bonzo Goes To Bitburg“, entstand aus der Abscheu über Reagans Besuch eines Nazifriedhofs.

Auch die Frauen zeigten einem System, das durchzogen war von Rape-Culture, Misogynie, Homophobie und Gewalt, unverhohlen ihre Meinung. Anfang der 90er Jahre fand diese Bewegung mit Bikini Kill ihren Höhepunkt. Riot Grrrl, eine Bezeichnung, gegen die sich so manche Band sträuben würde, war eine laute und lebendige Szene, in der für Veränderungen und Gleichberechtigung gekämpft wurde. Auch Bands, die sich eher an der softeren Seite des Spektrums befanden, griffen die Themen auf, wie zum Beispiel die Tweecore Champions Heavenly mit ihrem von brutaler Lieblichkeit strotzenden „Atta Girl“.

Dann kam die Bush-Regierung und mit ihr ein Ansturm freiheitsliebender Anti-Republikaner, der in großen Teilen von Billie Joe Armstrong angeführt wurde—jemandem, der nicht gerade für tiefgründige politische Analysen bekannt ist. Wenn man sich das Line-Up für Rock Against Bush heute noch einmal anschaut, wird man allerdings schnell von einem ausgeprägten Schamgefühl erfüllt. Auch wenn Fat Mikes PunkVoter-Aktion die Beteiligung bei den Jungwählern um zehn Prozent anhob, handelte es sich technisch gesehen um einen Fehlschlag und ein Paradebeispiel für Kurzsichtigkeit. Anstatt Bush als Hauptziel zu erklären und zu versuchen, die größte Wahl des Landes zu kippen, hätten sie mit einer konzentrierteren Strategie und einer besseren Einbindung der DIY-Punkszene wahrscheinlich einen richtigen Wechsel herbeiführen können. Sie versuchten jedoch, den Krieg zu gewinnen, ohne sich in eine Schlacht zu stürzen. Der Krieg im Irak hingegen ging weiter und die Szene verlief sich wieder. Inzwischen ist Propagandhi die wohl bekannteste Politpunkband und es lässt sich sagen, dass sie sich ihre Position an der Spitze durch reine Hartnäckigkeit verdient haben: Die Band gibt es seit 1986 und kämpft seitdem unablässig gegen Ungerechtigkeiten aller Art.

Da sind wir nun, in Amerika rumort es und das Land ist verdorben wie eh und je. Von uns ist aber nichts zu hören. Ich weiß schon, ich spreche darüber aus der Perspektive des thematischen Überbaus, der die einzelnen Aspekte des Genres und seine unterschiedlichen Strömungen zusammenhält. Es wird immer Ausnahmen geben, Ausreißer und Unbekannte. Wir leben in Amerika aber weiterhin in einer Gesellschaft mit einem riesigen Rassismusproblem, einer grotesken Rape-Culture, untolerierbarer Polizeibrutalität und Polizeimorden, einem Arsch voll geleakter Dokumente, massiven Einkommensunterschieden, einem ernsthaften Problem mit Obdachlosigkeit, unzureichender Gesundheitsversorgung, einem zweifelhaftem Verhältnis zu psychischen Krankheiten, einem lächerlichen Mindestlohn und in der pausenlos um Menschenrechte gerungen werden muss—um nur ein paar Dinge aufzuzählen.

Mittwochnacht letzter Woche gingen die Proteste in Ferguson weiter, während militarisierte Polizeikräfte sich bemühten, die Medienberichterstattung einzudämmen, friedliche Bürger und Journalisten mit Tränengas eindeckten und einer trauernden Stadt, die Gerechtigkeit und Rechenschaft einfordert, den Krieg erklärten. Ist es nötig, darauf hinzuweisen, wie ungeheuer wichtig diese Vorkommnisse sind? Ist es nötig, zu sagen, warum Punkbands an diesen Tagen umso mehr ihr politisches und gesellschaftliches Bewusstsein zur Schau stellen sollten?

Wenn der Aktivismus im Punk mit Reagan tatsächlich seinen Höhepunkt erreicht haben sollte, dann haben die Punks des HipHop an diesem Punkt den Staffelstab übernommen. Public Enemy, N.W.A., Tupac, Ice-T—Angesichts der Polizeibrutalität und der weißen Angst vor einer schwarzen Vorherrschaft brüllten sie sich die Seele aus dem Leib und brachten außerdem Themen ans Tageslicht, vor denen Mainstream-Amerika damals nur zu gerne die Augen verschloss. Unglaublich talentierte Männer und Frauen, die wirklich etwas Wichtiges zu sagen hatten, führten diese Tradition die 90er und 00er Jahre hindurch weiter fort und unzählige Künstler—im Mainstream und im Underground gleichermaßen—schrieben vernichtende Tracks darüber, was es bedeutet, in einem angeblich „post-rassistischen“ Amerika schwarz zu sein. Der Ruf nach einem wirklich freien Land hält an bis zum heutigen Tage. Killer Mike und Tef Poe haben sich beide öffentlich zu den Vorkommnissen in Ferguson ausgelassen und wer könnte Questloves herzzerreißenden Essay „Trayvon Martin and I Ain’t Shit“ vergessen? Verdammt, Kanye Wests „Black Skinhead“ ist vielleicht sogar der beste Punksong der letzten zehn Jahre und Killer Mikes R.A.P. Music seines Zeichens das beste Punkalbum. (Kleines Geheimnis: Für Punkrock hat es noch nie Rock gebraucht.)

Schon seit langer Zeit ist HipHop die Stimme der Straße. Das Genre spricht diejenigen an, denen der beschriebene Lebensstil bekannt ist, andere nehmen ihn jedoch als fehlgeleitete Wut und unnötig detaillierte Beschreibung von Gewalt wahr. Aber um wessen Gewalt geht es da eigentlich? In „Hate The Police“-Manier hat Ghostface Killah vor zehn Jahren die Single „Run“ veröffentlicht, bei der er, Jadakiss und Comp die einzige Alternative diskutieren, die einem bleibt, wenn man sich einer korrupten und voreingenommenen Schutzmacht gegenübersieht. Bei seiner Veröffentlichung wurde das Wort „gun“ allerdings aus den Radio- und Videoversionen des Songs entfernt. Komischerweise passiert derartiges nicht mit Country-Songs. Dort werden Textzeilen über Jagdgewehre und Revolver nicht zensiert und dabei ist in „Run“ die Platzierung des Wortes „gun“ elementar:

“Run! / If you ain’t do shit, you it / That next felony, ni—a, is like three zip / So run! / Hop fences, jump over benches / when you see me comin’ get the fuck out the entrance / Run! / Fuck that! / Run! / Cops got guns!”

Es gab natürlich auch schwarze Punks, die seit den 70ern ihren eigenen, nicht unerheblichen Teil zur Szene beitrugen—Bad Brains, DEATH, Living Colour—aber in den letzten Jahren, gerade wenn es um Bekanntheit und Reichweite geht, hat man seine Mühen, einflussreiche schwarze Stimmen in dem Genre zu finden. Das auf eine Serviette gekritzelte Statement zur Auflösung von Death Grips hat es auch nicht einfacher gemacht.

Die Punkbands, die es in eine Position mit großer Weichreite schaffen, werden allzu oft von Mr. Checkbook ausgewählt—und Mr. Checkbook wird niemals aufhören, uns vier weiße Hungerhaken zu verkaufen, deren größtes Problem darin besteht, angestrengt über banalen Scheiß nachdenken zu müssen. Die meisten von ihnen werden garantiert noch nie in einer Situation gewesen sein, in der sie vor Bullen wegrennen mussten, und garantiert wurde auf niemanden von ihnen geschossen, weil er nicht gerannt ist und nur unschuldig und unbewaffnet mit erhobenen Händen dastand. Das heißt aber nicht, dass sie nicht darüber reden könnten. Die Probleme der Schwarzen sollten die Probleme aller Amerikaner sein. Es ist immer noch ein Kampf um Menschenrechte und es betrifft ihre Landsleute. Als man Malcolm X einmal fragte, warum er dagegen sei, dass Weiße sich den Black Panthers anschließen, erklärte er, dass dies nicht der richtige Ort für sie sei, um eine Veränderung herbeizuführen. Wenn Weiße den Schwarzen im Land wirklich helfen wollten, sollten sie lieber versuchen, diejenigen umzustimmen, auf die sie einen direkten Einfluss haben und auf die die Panther durch ihren mangelnden Bezug zur weißen Kultur nie einen Einfluss haben werden. Aus diesem Grund ist es auch wichtig für Punkbands mit Einfluss, MTV-Spots, Werbeverträgen und Auftritten bei Letterman ihre Sichtbarkeit einzusetzen, um eine Kultur zu beeinflussen, die vielleicht selber nicht so akut von den Problemen betroffen ist oder der das Verständnis für die Problematik fehlt.

Dies ist also meine Bitte: Wenn du Punk bist und so angepisst bist, wie du es sein solltest, dann befass dich nicht nur mit deinem Innenleben. Ja, wir wissen alle, dass das bloße Dasein schon hart genug ist, und wir wissen auch, dass es unglaublich viel Spaß macht, dies zu kompensieren, indem man ordentlich einen draufmacht, aber hier werden Menschen in aller Öffentlichkeit erschossen, Ferguson hat sich in ein verdammtes Kriegsgebiet verwandelt und dem Polizeistaat fehlt es nicht an Munition—vielleicht solltest du deine Musik einfach mal dazu verwenden, zurückzuschießen.

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