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Zwischen Skepsis und Euphorie: Ein Track-by-Track zu Dr. Dres ,Compton‘

It’s Dre Day! ,Compton‘ zeigt, dass Dr. Dre noch lange nicht zum alten Eisen gehört.

von Sascha Ehlert
07 August 2015, 12:00pm

Mein Verhältnis zu diesem Album war in den Tagen seit seiner Ankündigung von einem Wechselspiel aus Vorfreude und Skepsis geprägt. Meistens überwog letzteres. Immerhin liegen zwischen 2001 und Compton fast 16 Jahre. Und Straight Outta Compton ist noch mal 11 Jahre länger her. Kennt ihr einen Populärmusiker, der nach beinahe 30 Jahren Karriere immer noch relevante Musik veröffentlicht? Dazu klangen Dres letzte Arbeiten, wie wir vor ein paar Tagen bereits in unserer Analyse der Feature-Gäste von Compton schrieben, arg uninspiriert.

Mit Compton straft Dr. Dre meinen inneren Schwarzseher zum Glück jedoch Lügen. Seit sieben Uhr morgens rotiert die LP nun. Die ersten Reviews sind schon jetzt im Netz. Das ist natürlich Quatsch mit Sauce, denn eine hieb- und stichfeste Review solllte eine fundierte Meinung abbilden und nicht erste Eindrücke (mehr ist 10 Stunden nach der Veröffentlichung nicht drin). Ist es wirklich ein „beeindruckendes Comeback“ (sagt der Guardian) und ein „fesselndes" Album (sagt der Rolling Stone)? Soweit ist mein Meinungsbildungsprozess noch nicht gediehen. Was Compton aber definitiv nicht ist: überraschungsarm und langweilig. Wer erwartete, dieser „Soundtrack“ würde ein auf Nummer sicher gespieltes Album, welches alte Stärken mittelprächtig recyclet, liegt falsch. Genauso im Übrigen wie der, der denkt, Andre Young würde nach seinen Jahren als Kopfhörer-Verkäufer nur noch glattgebügelte, seelenlose „Banger“ basteln. Viel mehr ist dieser Langspieler eine spannende Episode in der Lebensgeschichte des alten Westcoast-Dons und weit weniger Altherren-Style als alles, was beispielsweise RZA und sein Wu-Tang Clan uns in der jüngeren Vergangenheit vorgelegt haben.

Soweit, so vage. Damit ihr noch einen etwas genaueren Eindruck von der Platte bekommt, folgt an dieser Stelle eine Impressions-hafte Einordnung im Track-by-Track-Modus.

1. „Intro“
„Compton was the American Dream. Sunny California, with a palm tree in the frontyard, the camper, the boat. Temptingly close to the Los Angeles ghetto in the 50's and 60's, it became the black American Dream.“ Compton beginnt, einem „Soundtrack“ angemessen, so wie ein Hollywood-Film. Mit einem breit ausproduzierten Intro, das an die Vorfilm-Einspieler der großen Studios wie 20th Century Fox erinnert. Dazu erzählt ein Dokumentarfilm-Sprecher davon, wie die titelgebende 100.000-Einwohnerstadt binnen weniger Jahre von einer überwiegend von Afro-Amerikanern bewohnten Mittelklassegegend zum berüchtigsten Ghetto der Westküste wurde. Angemessener Einstieg für ein Album, das in der Folge die Comptoner Gang-Welt bebildert und ausgiebig die Legacy des Künstlers Dr. Dre reflektiert und rezitiert.

2. „Talk About It (feat. King Mez & Justus)“
Der erste „echte“ Song beginnt laut. „I don't give one fuck“ rappt King Mez über einen ziemlich nach 2015 klingenden Brecher. Insgesamt klingt das Stück vielleicht zu sehr nach Zeitgeist und zu wenig zeitlos. Hook und Beat hätten so zum Beispiel auch auf einem Drake- oder Travis Scott-Album landen können. Hat wahrscheinlich was damit zu tun, dass DJ Dahi als Co-Producer in den Credits geführt ist. Dre sagt derweil in seiner Strophe (King Mez rappt eine mehr): „The world ain't enough, I want it all!“

3. „Genocide (feat. Kendrick Lamar, Marsha Ambrosius & Candice Pillay)“
Näher dran am ursprünglichen Westcoast-Sound als Nummer Zwei. Der Beat wummert stoisch, die immer gute Marsha Ambrosius singt von eiskalten Killern. Danach rappt Candice Pillay mit karibischem Zungenschlag, dass ihr Daddy eine gekillt hat und Dr. Dre klingt kaum wie er selbst, macht aber Drive-By-Shootings und zielt dabei auf die Musikindustrie. Am Ende reißt King Kendrick den Song ab: „Fuck your hope, fuck your mama, fuck your daddy, fuck you dead homie, fuck the world up when we came up, that's Compton homie!“ Und zack, hat die Stadt 'ne neue Hymne.

4. „Its all on Me (feat. Justus & BJ The Chicago Kid)“
Im Intro erinnert BJ The Chicago Kid leicht an den zu früh verstorbenen Nate Dogg. Dre hat früher monotoner gerappt als hier. Auf „It's all on me“ wird er das erste Mal persönlicher und erinnert sich an seine bescheidenen Anfänge: „New apartment, no fridge, no mattress, no table, no cable (..) and this n**ga Eazy asking for his car back, homie“. Erster Song, der mich ein bisschen emotional berührt. Und: Dre rappt hier zum ersten Mal zwei Strophen. In letzterer erzählt er, wie er 1991 durch Snoop Dogg zum Kiffer wurde und wenig später Suge Knight kennenlernte.

5. „All in a Day's Work (feat. Anderson .Paak & Marsha Ambrosius)“
Das Intro spricht Interscope-Boss Jimmy Iovine. Der Geschäftsmann wird hier inszeniert wie ein Prediger, der davon erzählt, dass er immer härter arbeiten wollte als alle anderen. Spricht wohl auch Bände über das Lebensmodell, das Dr. Dre sich ausgesucht hat. Bevor er anfängt zu rappen, beklagt er sich kuz über all den Druck, der von Außen an ihn herangetragen wird. Im Anschluss reißt er kurz an, wie er dachte, nach N.W.A. sei die Zeit der brutalen Polizeigewalt gegenüber Schwarzen vorbei und schließlich das Gegenteil erkennen musste. Dann geht's wieder zurück an die Arbeit, weil's „the only type of livin' I know“ ist. Am Ende bekommt der bisher als Ode an die protestantische Arbeitsmoral interpretierbare Song noch eine zweite Ebene: Ein zusammengeketteter Sklaven-Chor schreitet langsam aber stetig voran und singt: „Gonna go to work, we gotta work“...

6. „Darkside/ Gone (feat. King Mez, Marsha Ambrosius & Kendrick Lamar)“
Den ersten Part gibt Dre hier mal wieder an King Mrez ab. Der ist zweifellos ein überdurchschnittlicher Rapper, weckt in mir aber so rein gar nichts. Das Spannendste am Song ist der Beatswitch nach zwei Minuten und natürlich der Kendrick-Part am Ende. Inhaltlich bleibt es aber eine altbekannte Erzählung vom wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg.

7. „Loose Cannons (feat. Xzibit, Cold 187um & Sly Paper)“
Triumphierend tönender, wundervoller Beat und zwei Westcoast-Veteranen (Xzibit, Cold 187um) mit am Mic. Einschüchternd, stressig, bedrohlich. Richtig starker Gangsta Rap-Song, bei der am Ende in einem auf unangenehme Art und Weise berührenden Interlude eine Frau erschossen und unter die Erde gebracht wird.


Foto: Imago

8. „Issues (feat. Ice Cube, Anderson .Paak & Dem Jointz)“
Erster Gedanke: Bisschen schludriger Übergang zwischen den Songs sieben und acht. Danach folgt ein starker Part von Ice Cube und eine schludrige Hook (von Producer/ Songwriter Dem Jointz), die ich spontan als semigelungen bezeichnen würde. Dre erinnert sich erneut an früher, diesmal an die Schule und seine Zeit als DJ.

9. „Deep Water (feat. Kendrick Lamar, Justus & Anderson .Paak)“
Den haben unter anderem Cardiak und DJ Dahi coproduziert—das merkt man. Klares Album-Highlight. Stark ist unter anderem Kendricks Überpart mit Zeilen wie: „I'm a C-O-M-P-T-O-innovator, energizer —inner-city bullet fly 'til that bithch on auto pilot“. Der Titel „Deep Water“ spielt darauf an, dass man selbstverständlich nicht mit Dre ficken sollte, wenn man nicht bei den Fischen landen möchte. Das Ganze ist in Sachen Sounddesign verdammt aufregend und endet damit, dass ein paar Trompeten immer langsamer, trauriger leiern und schließlich immer dumpfer klingen, während im Hintergrund einer unter viel Geschrei ertrinkt. Scheinbar.

10. „One Shot, One Kill (Jon Connor feat. Snoop Dogg & Craig Owens)“
Dieses Stück, auf dem Dre das Rappen ganz seinem Kumpel Snoop Doggy Dogg und Aftermath-Nachwuchstalent Jon Connor überlässt, beginnt wiederum mit jemandem, der offenbar nach langer Zeit unter Wasser auftaucht. Snoop klingt ungewohnt hungrig, ansonsten bewegt sich das Ganze inhaltlich eher im erwartbaren Bereich. Ein Gangsta-Rap-Representer der herkömmlichen Sorte.

11. „Just Another Day (The Game feat. Asia Bryant)“
Der zweite Song, auf dem Dre selbst nicht rappt. An seine Stelle tritt hier The Game, der in der jüngeren Vergangenheit bekanntermaßen wenig wirklich Erquickliches produziert hat, hier aber mit einem überlangen Stakkato-Vers das Beste daraus macht, dass er eigentlich nichts Neues mehr zu erzählen hat. „Just Another Day“ beschreibt den Inhalt des Songs perfekt. Nach exakt 2:22 Min ist es dann vorbei. Der Beat fügt dem Soundbild des Albums nichts Entscheidendes hinzu.

12. „For the Love of Money (feat. Jill Scott, Jon Connor & Anderson .Paak)“
Jetzt wird's wieder einen Tick spannender. Jon Connor und Dr. Dre rappen, Anderson .Paak und Jill Scott singen. Thema ist das liebe Geld, die perfekte Zusammenfassung liefert der Refrain: „Want that, need that. Root of all evil, mayne.“

13. „Satisfiction (feat. Snoop Dogg, Marsha Ambrosius & King Mez)“
Definitiv kein schlechter Song, trotzdem verliert das Album hier etwas an Tempo und Dringlichkeit. Liegt vor allem am Instrumental und der etwas uninspiriert wirkenden Hook. Immerhin liefert der Inhalt eine interessante Aussage. Den Songtitel fasst Dre wie folgt zusammen: „Your satisfaction is fictitious, your happiness is made up“ und stellt damit den, nur allzu oft auf unzähligen Leasing-Verträgen basierenden Materialismus der Rapper an den Pranger. Selbstverständlich aus der Perspektive eines Mannes, der sich selber ungefähr alles leisten kann (was Dre auch an der anderen Stelle dieses Albums stolz betont hat).

14. „Animals (feat. Anderson .Paak)“
Co-Produktion von DJ Premier und Dr. Dre. Für den hier gehen Anderson .Paak (wahrscheinlich die aufregendste Entdeckung des Albums) und der Doktor zurück ins Compton der Achtziger, als Dre Drogen-Utensilien und ein Klappmesser im Schul-Schließfach hatte. Dank subtiler Kritik an der Polizei und dem Bildungssystem von damals ist das hier noch mal ein kleines Highlight.

15. „Medicine Man (feat. Eminem, Candice Pillay & Anderson .Paak)“
Candice Pillay beginnt mit vielsagendem: „Fame and Fortune, it's not your forte“. Hier klingt Dre ab und zu mal tatsächlich wie ein älterer Herr, der die Welt nicht mehr versteht. Er gibt an, dass die Kids von heute Lean nehmen, enge Hosen tragen und mit dem Internet verheiratet sind—das ist natürlich kacke. Daneben widmet er sich zum Glück Wichtigerem: dem erneuten Agitieren gegen eine rassistische Polizei-Politik. Die Candice Pillay-Hook klingt wie von einem neueren Eminem-Album (kein Kompliment), die Slim Shady-Strophe ist natürlich hervorragend gerappt, der erhoffte magische Moment ist die Zusammenkunft der beiden HipHop-Giganten dennoch eher nicht.

16. „Talking to my Diary“
Guter Abschluss für ein spannendes Album ohne echte Tiefpunkte, von dem trotzdem nicht jeder Song auf Anhieb zündet. Die Hook von „Talking to my Diary“ ist vom Album die, die bei mir am ehesten Erinnerungen an 2001 wach ruft. Hier bekommt der Doktor noch mal die Chance seinen wahnwitzigen Weg aus dem Ghetto an die Spitze der Musikindustrie zu reflektieren: „I'm strong; financially, physically. Mentally I'm on a whole 'nother level, and don't forget that I came from the Ghetto.“ Und dann kommt auch noch der Moment, auf den alle N.W.A-Fans gewartet haben: „I know Eazy can see me now, looking down through the clouds. And regardless, I know my n**ga still proud. It's been a while since we spoke but you still my folks. We used to sit back, laugh and joke, now I remember when we used to do all-nighters. You in the booth and Cube in the corner writing. Where Ren at? Shout out to my n**ga Yella. Damn, I miss that. Shit, a n**a having flashbacks.“ Wenn das das endültige Ende der musikalischen Laufbahn von Dr. Dre ist, dann ist es ein Gutes.

Compton gibt es ab sofort auf iTunes.

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