Interviews

In diesem Roman schläft ein heroinabhängiges Mädchen mit der Reinkarnation Kurt Cobains

Wir haben uns mit der Autorin des Buches ‚Where Did You Sleep Last Night‘ darüber unterhalten, was zur Hölle sie sich dabei gedacht hat.

von Mish Way
07 Mai 2015, 11:00am

Vor ein paar Monaten fand ich in meinem Briefkasten ein Buch: Eine Vorabkopie von Where Did You Sleep Last Night, dem neuen Roman der Englischprofessorin Lynn Crosbie. Die aus Montreal stammende Schriftstellerin hat schon viele Kurzgeschichten und Gedichte veröffentlicht—Pearl, Queen Rat, Dorothy L’Armour, Life Is About Losing Everything und nicht zuletzt auch die kontroverse Mördergeschichte Paul’s Case, um nur einige zu nennen—aber das Cover (und der Titel) ihres neusten Werkes machte mich sofort neugierig. Darauf ist eine Illustration von Cobain bekleidet mit einer Damen-Sonnenbrille und einer Jägermütze abgebildet—die Sachen, die Cobain auch bei seinem letzten offiziellen Fotoshooting trug (unser Interview mit dem Fotografen Jesse Frohman kannst du hier lesen). Unweigerlich fragte ich mich: Hat Crosbie hier den Lauf der Geschichte umgeschrieben? Was zur Hölle soll das sein?

Wie sich herausstellte, erzählt Where Did You Sleep Last Night die Geschichte von Evelyn Gray, einer einsamen, heroinabhängigen Highschool-Schülerin, die in einem Krankenhaus landet und dort eine von Co-Abhängigkeit geprägte Liebesbeziehung mit einem wunderschönen Mann namens Celine Black anfängt, der sich als Reinkarnation Kurt Cobains herausstellt. Crosbie sagt, dass das Buch als Jugendroman begann, aber schon ziemlich schnell eine andere Gestalt annahm und sich in eine Geschichte verwandelte, die auf dem Hole Song „Malibu“ basiert. Sich vor allem auf die Textzeile „Oh, come on be alive again / Don't lay down and die“ konzentrierend schrieb Crosbie dann 400 Seiten imaginierter Romantik und luzider Träume, für die das berühmteste Rock’n’Roll Pärchen der 90er Jahre als Inspiration herhielt.

„Dieses Buch“, schreibt Crosbie, „ist für all die Mädchen und Frauen, die Geschichten wie die meine geschrieben haben—alle sehr unterschiedlich und alle doch sehr gleich darin, dass sie nie die Frage stellen, warum er plötzlich wieder lebt oder wie.“

Der Veröffentlichungstermin von Crosbies Roman ist dabei schon fast unheimlich passend gewählt: Das Buch erscheint in der gleichen Woche, in der auch die langersehnte Dokumentation Kurt Cobain: A Montage of Heck bei HBO ausgestrahlt wird. Ich habe Crosbie angerufen, um mit ihr über das Buch, den Sinn dahinter, Cobains ungebrochenen Einfluss auf unsere Kultur und die Briefe zu sprechen, die sie und Courtney 1992 miteinander ausgetauscht haben.

Noisey: Was hat dich dazu gebracht, Where Did You Sleep Last Night zu schreiben? Und wie bist du damit durchgekommen?
Lynn Crosbie: Bin ich damit denn durchgekommen? Das ist ja die Sache, ich weiß es nicht. Noch ist es nicht erschienen. Ich wollte einen coolen Jugendroman über ein suizidales Mädchen schreiben, das Kurt liebt. Aber es gab da schon einen Jugendroman, der in Portland spielt, in dem Eddie Vedder als eine Art buddhistische Gottheit auftaucht. Außerdem dachte ich schon auf der dritten Seite an Heroin und Ficken, also war die Richtung schon recht schnell vorgegeben. Ich bin ja auch Professorin. Seit vielen Jahren lehre ich kreatives Schreiben, und ich sage immer: „Das Mutigste, was man machen kann, ist ehrlich zu sein, anstatt zynisch und sarkastisch.“ Ich habe mir geschworen, wirklich ehrlich zu sein. Und das passt auch zu dieser Form der jungen, schmerzhaften Sucht, die Liebe nun mal ist. Ich habe mich also dafür entschieden, das Buch zu schreiben und das Risiko einzugehen, deswegen Probleme zu kriegen und als kitschig kritisiert zu werden.

Für mich fühlt sich das Buch wie ein luzider Traum an.
Das ist das Buch auch irgendwie. Es ist wie ein luzider Traum oder Magischer Realismus. Ich bin keine große Liebhaberin von Schubladen. Das hat mich auch immer mehr zu einer Kultautorin als zu einer konventionellen Autorin gemacht hat, aber das macht mir nichts aus. Du kannst es Poesie, Prosa, Memoiren oder sonst was nennen. Ich habe keine Ahnung, nenn es, wie du willst.

Dein Buch kommt schon zu einer interessanten Zeit raus—die Nirvana-Dokumentation wird in der gleichen Woche bei HBO zu sehen sein.
Ja, das ist schon alles etwas komisch. Ich wusste, dass sie dieses Jahr erscheinen wird, aber ich hatte keine Ahnung, dass das Timing so perfekt sein würde. Ich bin etwas hin -und hergerissen, wann ich den Film sehen soll! [lacht] Sie haben auch das gleiche Bild von ihm verwendet, wie auch dieses große schöne Buch mit Fotografien von ihm, das letztes Jahr erschienen ist. Irgendwie scheint jeder von diesem Bild wie ein Traktorstrahl angezogen zu werden. Ich glaube, das liegt daran, dass er auf diesem Bild so gejagt aussieht. Er hat sich sogar einen Bart wachsen lassen, um sein Gesicht zu verstecken—er wollte einfach nicht, dass noch irgendetwas von ihm übrig bleibt. Es ist ein so eindringliches Bild. Aber doch, ich finde das Timinig ziemlich gut. Ich erinnere mich daran, wie Frances Cobain gesagt hat: „Die Leute glauben anscheinend, dass mein Vater fanatisch war“, oder so etwas in der Art. Das ist interessant, weil er in meinem Buch auch nicht dieser süß-chaotische Heiland ist. Er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, hat seine Launen und ist sehr sexuell—natürlich.

Glaubst du, dass die ganze Besessenheit um Kurt Cobain irgendwann mal aufhören wird?
Nein, glaube ich nicht. [lacht] Deswegen gibt es ja auch immer noch diese ganzen Verschwörungstheorien zu einem eventuellen Mord. Die Leute können einfach nicht loslassen. Allein, dass so ein schöner Mensch plötzlich nicht mehr da war, war heftig und dazu kam natürlich noch der Verlust seiner Kunst und der ganzen Kunst, die noch hätte von ihm kommen können—außerdem ließ er Courtney und seine Tochter zurück. Das Bild des jungen und perfekten Cobains hat sich bei uns allen eingebrannt. Jim Morrisons Schönheit wird auch noch immer hervorgehoben. Ich habe gerade erst eine nagelneue Dokumentation über ihn auf YouTube gesehen. Ich glaube, Jim wäre heute 72 Jahre alt.

Ich glaube, was den Geist von Kurt Cobain am Leben hält, ist die Tatsache, dass das Internet die Möglichkeit bietet, einen neuen Blick in seine Vergangenheit zu werfen. Nimm zum Beispiel die Bilder von Kurt und Courtneys Wohnung in Farifax, die vor nicht allzu langer Zeit aufgetaucht sind. Wenn so etwas passiert, ist die Faszination wieder entfacht.
Kurt ist nun mal ein Gitarrengott, er wird in der digitalen Welt also nur realer und lebendiger, als er das zu Lebzeiten je war. Er war ein Einsiedler. Er wurde zwar recht häufig fotografiert, aber lebte trotzdem zurückgezogen und mochte den ganzen Trubel um ihn nicht. Aber diese Schönheit, er war die Manifestierung einer Idee, eines Gefühls. Lord Byron zum Beispiel lebte zu einer Zeit, in der die Fotografie noch nicht erfunden war. Es gibt zwar einige Gemälde von ihm, aber seine Schönheit und sein Charisma waren so legendär, dass die Mädchen in ganz Europa in ihn verleibt waren. Die Mütter warfen ihm fast schon ihre Töchter zu, damit er sie heiratet—und ich glaube, dass auch Kurt über diese Qualität verfügt. Ein unnachahmliches Charisma, das den menschlichen Körper überlebt. Und dazu kommen noch die ganzen anderen Byron-esquen Qualitäten: Die Schönheit, die Noblesse, die Genialität—am Ende hast du dann diesen perfekten Sturm.

Beide Charaktere sind das ganze Buch hindurch auf Heroin, was du meiner Meinung nach auch wunderbar in deinem Schreibstil umgesetzt hast.
Man fragt sich pausenlos: „Ist das gerade wirklich passiert?“ Es ist aber nicht beunruhigend, man macht sich keine Sorgen. Wenn man Halluzinogene nimmt, passiert alles in einem anderen Zustand, es ist manischer—auf Heroin tangiert einen aber nichts wirklich.

Ich habe gehört, dass du als Teenager mit Courtney Briefe geschrieben hast.
Ja, das muss so 1992 gewesen sein, als der Artikel in Vanity Fair erschien. Ich war großer Fan von Pretty on the Inside und eine Freundin rief mich an und sagte: „Oh, du musst diese Sache über diese Schlampe Courtney Love lesen“. Ich meinte nur: „Was? Nein, ich mag sie.“ Ich las also den Vanity Fair-Artikel und mochte sie danach nur noch mehr. Ich war damals ziemlich naiv und schrieb ihr einen Brief, in dem ich ihr sagte, wie sehr ich sie nach dem Lesen des Artikels lieben würde. Sie antwortete mir dann natürlich, dass ich dem Vanity Fair-Artikel nicht zu sehr als korrekte Darstellung ihrer Persönlichkeit vertrauen sollte. Der legendäre Shitstorm zwischen Kurt, Courtney und der Journalistin Lynn Hirschberg ging danach erst los. Ich bewunderte Courtney einfach nur, weil sie so intelligent war und die gleichen Autoren mochte, die ich mochte. Sie war in dem Artikel so intelligent: Sie war belesen und politisch. Ich schickte ihr meine Gedichte und sie schickte mir Briefe. Das war unglaublich aufregend für mein damaliges Teenager-Ich. Ich gehe davon aus, dass diese Briefe geschrieben wurden, während sie mit Kurt in diesem berüchtigten Fairfax-Apartment lebte—wahrscheinlich im Bett.

Glaubst du, dass Courtney oder Frances das Buch lesen werden? Machst du dir Gedanken darüber?
Nun, Frances war mir schon sehr wichtig, weil ich sie auf keinen Fall mit in diese Sache hineinziehen wollte—das wäre auch nicht sehr rücksichtsvoll gewesen. Ich hätte es aber auch lächerlich gefunden, sie einfach gar nicht zu erwähnen. Es gibt also schon eine Szene, in der auf sie angespielt wird, aber die ist sehr vage. Ich wollte ihre Privatsphäre auf keinen Fall verletzen, also gibt es nur diese eine Stelle, in der er verschwindet und dieses Mädchen trifft, dessen Augen wie seine aussehen. Ich wollte es dann auch dabei belassen. Was Courtney anging, dachte ich mir, „Ich weiß ja nicht, sie darf am Ende ja schon die Königin des Himmelreiches sein ...“, außerdem manifestieren sich alle positiven Aspekte ihrer Persönlichkeit, die mir eingefallen sind, in dem Charakter der Evelyn Gray: Sie ist tough, angsteinflößend, wunderschön und sie weiß was sie will. Sie will, dass er erfolgreich ist, und ist dementsprechend auch die treibende Kraft in diesem Buch. Ich weiß nicht, ob Courtney es überhaupt lesen würde. Sie scheint sich standhaft zu weigern, sich in diese Zeit ihres Lebens zurückversetzen zu wollen.

Mish ist die Sängerin von White Lung. Du kannst ihr bei Twitter folgen—@myszkaway

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