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Die Neuerfindung des Blues: Drei der Gründungsmitglieder sprechen über die Geburt von Swans und das eindrucksvolle Debütalbum ‚Filth‘

„Es ging darum, so tief wie möglich zu sinken.“ Bier, Drogen und Erniedrigung im New York der 80er Jahre.

von Jordan N. Mamone
11 November 2014, 10:00am


Swans ungefähr 1983, Foto von Catherine Ceresole

Nur wenige wissen, dass die Anfänge der eindrucksvollsten Liveband auf Erden alles andere als verheißungsvoll waren. Swans entwickelten sich 1981 als härterer Nachfolger von Circus Mort, einem blassen Post-Punk-Quintett, bei dem Frontmann Michael Gira und Schlagzeug-Virtuose Jonathan Kane zu der Zeit spielten. Die neue Band brauchte etwa ein Jahr, geprägt von unzähligen Besetzungswechseln und der Aufnahme einer untypisch uptempolastigen EP, um Fuß zu fassen. Die stetige Metamorphose war allerdings auch sehr inspirierend: Zwei Bassisten hämmerten stumpf Akkorde runter und rohe Gewalt trat an die Stelle von Melodien. Ein zusätzlicher Percussionist ließ einen Metallriemen auf einen Metalltisch knallen, während Kane seinen rhythmischen Wirbelwind zu einem urgewaltigen Halbtempo-Trott verlangsamte. Gira perfektionierte sein Bariton-Gebrüll für seine Parolen über Sex, Macht und Unterwüfigkeit und mit Norman Westberg kamen letztendlich die durchdachten, körnigen Gitarrenklänge hinzu, die dem ohnehin schon gewaltigen Sound, der auch so die Bühne mit seinem unglaublichen Gewicht zum Einsturz zu bringen drohte, noch einiges an Last hinzufügte.

Filth, das 1983er Debütalbum der Swans, stellt eine tadellose Momentaufnahme dieser einzigartigen Herangehensweise dar. Mit seinen kakophonischen Schreien, den Schrottplatz-Rhythmen und fröhlichen Textzeilen wie „You're gonna murder somebody weak“ bewegt diese schwerfällige Masse Musik im wahrsten Sinne des Wortes. Die LP ist starr wie ein Schuppenpanzer und trotzdem dynamisch. Sie ist in ihrer Struktur primitiv und trotzdem bahnbrechend. Und trotz ihrer hochkonzeptionellen Hässlichkeit ist sie von dieser eigenartigen Katharsis erfüllt.

Das Album wurde gerade neu gemastert und ist die erste in einer Reihe von Re-Issues aus dem gewaltigen Swans-Katalog der 80er und 90er Jahre. Gira, dessen eigenes Label Young God Records die Platte auch veröffentlicht, sprach mit uns über dieses Stück Geschichte während der Swans-Europa-Tour, von der aus sich auch Westberg zu Wort meldete. Und, auch wenn er die Band schon vor Jahrzehnten verlassen hat und seine Zeit mittlerweile zwischen dem Drone-Blues-Projekt February und einem Duo mit dem Violinisten Dave Soldier aufteilt, war Kane so nett, sich von seinem Wohnsitz in New York aus mit uns zu unterhalten.

Wie sind Swans entstanden?
Michael Gira:
Circus Mort waren wirklich schlecht. Irgendwie habe ich [den Experimental-Komponisten] Rhys Chatham getroffen und er gab mir eine Bassgitarre. Über die Entwicklung dieser dissonanten Bass-Akkorde habe ich dann Swans ins Leben gerufen.
Jonathan Kane: Swans hatten mit Aufnahmen begonnen und dann ein Jahr lang keine Auftritte gespielt. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Musik schon drastisch verändert.

Viele Leute kamen und gingen vor Filth. Irgendjemand erwähnenswertes?
JK:
[Gitarristin] Sue Hanel. Punkt aus. Sie war—zusammen mit Michael und mir—die Architektin eines Sounds, der auch nach ihrem Ausstieg weiter bestehen blieb.
MG: Sue hatte einen großartigen Sound, aber erinnerte sich oft nicht mehr an das, was sie am Abend zuvor gespielt hatte. Es war immer irgendwie willkürlich. Sie war ein liebenswürdiger Mensch. Thurston Moore ist ein paar Mal als zweite Basserin eingesprungen.

Wie sehr hat der Blues die Musik beeinflusst?
JK:
Für mich geht immer alles auf den Blues zurück. Der Song „Evil“ von Howlin’ Wolf war eine große Inspiration. Ich hörte damals auch viel Trommelmusik aus Westafrika und Trance aus Nordafrika—außerdem Minimalismus und Avantgarde. Ich weigerte mich, Standard-Rock zu spielen, also spielte ich Halftime-Rhythmen. Michael kam mit diesen großartigen, pulsierenden Bass-Akkorden an. Im Endeffekt habe ich ihnen einen langsamen Blues-Beat auferlegt und so Swans den charakteristischen, schleppenden Rhythmus verliehen. Es war brutal, hatte aber noch einen gewissen Swing. Alles, was ich spiele, hat das.
MG: Jonathan spielte mir Howlin’ Wolf vor und ich fand diese Grooves einfach unglaublich. Howlin’ Wolf ist bis heute so etwas wie ein seelischer Begleiter. No-Wave wiederum hatte mich in der Weise beeinflusst, dass es nicht wichtig war, ob ich Musik, oder was man auch immer als solche bezeichnet, wirklich spielen konnte. Eigentlich gab es bei Swans keinen ästhetischen oder intellektuellen Standpunkt, von dem aus alles passierte. Es ging einfach nur darum, etwas zu machen.
Norman Westberg: Ich komme aus Detroit, dementsprechend waren die Stooges auch meine Lieblinge. Über einen Freund kam ich dann mit Delta Blues in Berührung. Ich mochte Robert Johnson und hörte Leadbelly und Son House—außerdem The Cramps, Public Image und die Village People—alles, was anders war, als das, was ich selber spielte. Als wir aber Filth aufnahmen, sagte ich zu Jonathan: „Ich kann hören, dass das hier Blues ist“. Ich war damals kein wirklicher Musiker und der Blues war etwas, das man sofort verstehen konnte.

Wo habt ihr das Material für die Percussions gefunden, das ihr teilweise beneutzt habt?
MG:
Als SoHo noch ein Industriegebiet war, habe ich dort Metallböden gekauft und diese Riemen, mit denen man sie zusammenbaut. Um ein Ende des Riemens habe ich dann ein paar Socken gemacht und das mit Gaffer-Tape umwickelt. Während Jonathan Schlagzeug spielte hat [Percussionist] Roli [Mosimann] dann den Tisch damit bearbeitet. Der Riemen ist nach einer Show immer hinüber gewesen.

Ihr habt auch Tapeloops benutzt.
MG:
Ich habe für jeden Song 30 Minuten Gebrüll oder Geklapper auf eine individuelle Kassette aufgenommen. [Bassist] Harry [Crosby] hat das dann über ein Tapedeck abgespielt und durch einen riesigen Amp immer lauter und wieder leiser gemacht—im Rhythmus der Musik.
JK: Es gab auch eine Aufnahme von einem Heizkörper, der auf einen Haufen Metallböden geworfen wird.
MG: Jemand hatte mir mal ein Sample mit einem Kätzchen gegeben, das dreimal langsamer war als die Originalquelle. Die zwei Bassisten und die Tapes, zusammen mit den zwei Drummern und, natürlich, dem geschätzten Norman waren ziemlich wichtig.

Wie kam Norman denn dazu?
JK:
Sue war mit den andauernden Streitereien, den ständigen Tiraden und dem überaus schroffen Umgangston, der die Anfangstage bestimmte, an ihre Grenzen gekommen.
MG: Ich will Sue gar nicht kritisieren, aber Norman war gebieterischer. Er hat Swans zu etwas gemacht, das mehr mit Rockmusik zu tun hat. Von allen Leuten in der Band muss ich ihm fast nie etwas sagen; er macht immer das Richtige.
NW: Ich spielte in einer Band namens Carnival Crash. Durch Harry bin ich dann zum Vorspielen gekommen. Ich hatte von Swans gehört, sie aber nie live gesehen. Ich hörte mir die EP an und fand, dass das Gitarrenspiel sehr frei war. Ich bekam aber den Eindruck, dass sie etwas mehr Zuverlässigkeit wollten—jemanden, der etwas spielen konnte, was man zuvor zusammen geprobt hatte.

Hat New York als Wohnort eure Musik beeinflusst?
MG:
Es war mehr das, was in meinem gequälten Schädel rumgeisterte und das, was in der Welt und den Medien so abging—also so ziemlich die gleichen Einflüsse wie heute auch.
NW: Es war nicht unbedingt angenehm. Ich habe jeden Tag gearbeitet und jeden Abend haben wir geprobt. Ich wohnte in einem winzigen Apartment. Ich hatte noch nicht mal genug Kohle, um zu Konzerten gehen zu können, weil ich Zigaretten kaufen musste. Ich versuche immer, mit Herzblut zu spielen, und so ist dann auch alles zustande gekommen.
JK: Michael und ich wohnten im Swans-Proberaum auf der Avenue B und Sixth Street. Mittlerweile ist das wahrscheinlich eine Bank oder ein Restaurant. Ich will das alles gar nicht zu sehr romantisieren. Das war eine Szene aus jungen, weißen Leuten mit College-Ausbildung, die pleite im Ghetto lebten. Natürlich war es dreckig und laut und irgendwie gefährlich. Aber es hat Spaß gemacht und war voll von interessanten und kreativen Leuten.
MG: Ich habe tagsüber auf dem Bau gearbeitet. Letztens habe ich mir ein paar Fotos aus der Zeit angesehen und ich kann nicht glauben, wie dünn ich damals war. Ich erinnere mich daran, literweise Bud [Bier] getrunken und nicht viel gegessen zu haben. Irgendwas gab mir Energie und ich schätze, du kannst dir denken, was das vielleicht gewesen sein könnte. Erniedrigung war eine meiner Hauptbeschäftigungen. Wenn wir im CBGB’s spielten, bin ich barfuß auf die Klos gegangen. Ich erinnere mich noch daran, wie ich einmal von der Bühne stieg und den verdammten Boden und irgendwelche Füße abgeleckt habe. Es ging darum, so tief wie möglich zu sinken. Es ging darum, so schlecht wie nur irgendwie möglich zu sein. Die Musik spornte dieses wundervolle Bestreben weiter an.
NW: Die ganze Band war irgendwie furchteinflößend. Durch die Sauferei und den wenigen Schlaf waren wir meistens total drauf. Jung und aggressiv, würde ich rückblickend sagen.

Michael, warum hast du auf eurer Tour mit Sonic Youth mal jemanden umgeschubst, als er getanzt hat?
MG:
Wir haben vor den üblichen zehn Leuten gespielt und da war dieser Typ in seinem hellgelben Devo-Overall. Er hat gepogt. Ich dachte nur: „Was für ein verschissener Idiot“. Er versaute den anderen Leuten und mir das Konzert, also sprang ich von der Bühne und warf ihn zu Boden. Ich hab ihm gesagt, dass er sich verpissen soll, und das hat er dann auch getan. Danach war die Show um einiges besser.

Irgendwelche anderen Konzerte, die besonders herausstechen?
MG:
Der SiN Club befand sich an der Third Street, Ecke Avenue C. Die Gegend war damals mehr oder weniger Kriegsgebiet. Das war ein schöner, kleiner Laden, bis die örtliche Polizei einbrach und die PA klaute.
JK: Normans erste Show mit uns war fantastisch. Wir haben in Philadelphia als Opener für The Birthday Party gespielt. Wir waren intensiv, fokussiert und natürlich verdammt laut. Ich glaube, wir haben den Headliner etwas eingeschüchtert. Irgendwann ist Norman eine Seite gerissen und er schien besorgt zu sein. Also bin ich ans Mikro und habe ihn öffentlich in der Band willkommen geheißen, wofür ich später von ein paar der neueren Leute in der Band getadelt wurde, weil sie es kitschig oder abgedroschen fanden. Was für ein Haufen Poser. Ich wusste, dass ich es nicht viel länger mit ihnen aushalten würde. Im Morgengrauen, als wir zurück nach NYC kamen, fuhren wir an einem Tatort vorbei. Das war ein paar Blocks von unserem Studio entfernt. Das schien mir eine Art Omen gewesen zu sein.
NW: Ich erinnere mich noch, wie wir im ausverkauften CBGB’s spielten. Ich bin durch die Eingangstür rein und weil es so überfüllt war, hatte ich keine Chance, zur Bühne zu gelangen. Ich habe mich dann aber durchgekämpt. Die Menge hob mich hoch und ich bin als Crowdsurfer zur Bühne, wo ich dann unspektakulär abgeladen wurde.

Erinnert ihr euch noch an die Aufnahmen zu Filth?
MG:
Die machten wir in diesem gigantischen, sehr berühmten Studio, das Teil von Vanguard Records [einem Folk-Label] war. Normalerweise wurden da Orchester und solche Sachen aufgenommen. Ja verdammt, Joan Baez war die einzige mir bekannte Künstlerin, die auch dort aufgenommen hatte. Ich erinnere mich auch noch daran, wie ich—das war damals so meine Art—den Studiotechniker angeschrien habe und versuchte, alles so laut wie nur irgendwie möglich zu machen.
NW: Unser Studiotechniker hatte so einen riesigen Cadillac oder Continental—irgendein tolles Auto, das er immer auf einer Brachfläche parkte. Ich konnte außerdem nicht fassen, wie Michael es schaffte, die ganzen Lyrics im Kopf zu behalten. Für mich war da keinerlei Struktur zu erkennen.
JK: Ich hatte mir an dem Morgen beim Equipmentschleppen den Rücken ausgerenkt und hatte den ersten Tag über unglaubliche Schmerzen. Der Raum war wunderschön—hohe Decken mit großartiger Akustik. Ansonsten gab es das Übliche: Rumgezicke, Gejammer und endlose Diskussionen.

Wessen Zähne sind das auf dem Cover?
MG:
Rolis Freundin war Zahnarzthelferin und hatte da einige [Röntgenaufnahmen] rumfliegen.

Warum ist Jonathan ausgestiegen?
MG:
Seine anderen Interessen bekamen bei ihm Vorrang und sein Schlagzeugstil passte nicht wirklich zu dem, was ich machen wollte. Ich hatte etwas Primitiveres und Archaischeres im Sinn.
NW: Jonathan und Michael gründeten Swans zusammen. Sie stritten sich immer ein wenig. Es kam aber von beiden Seiten. Vielleicht mochte Jonathan die Richtung nicht, in die sich die Band entwickelte. Sie war jetzt mehr zu diesem statischen Ding geworden—wie ein Uhrwerk. Von dem Swing war nichts mehr geblieben.
JK: Es war jetzt nichts Dramatisches. Swans waren für mich nur eins von vielen Projekten, die ich als Musiker verwirklichen wollte. Und es ging immer nur um den Sound. Die Message dahinter interessierte mich eher wenig. Als ich die Band verließ, spielte Roli weiter in dem Stil Schlagzeug, den ich etabliert hatte. Er tat das aber mit einer teutonischen Rigidität, die wahrscheinlich besser zu ihnen passte.

Was denkt ihr heute über das Album?
NW:
Ich mag es für das, was es ist. Wahrscheinlich sollte ich stolz darauf sein. Ich spiele immer noch mit genau der gleichen Gitarre. Als ich zu Swans fand, erlaubten sie mir, mit diesem Gefühl kontrollierter Anspannung zu spielen. Ich würde auch sagen, dass das in unseren besten Momenten noch immer zu hören ist.
JK: Ich weiß noch immer nicht, wie ich es anderen Leuten gegenüber beschreiben soll, und das ist, für mich jedenfalls, eine große Stärke. Ich habe mal aus reiner Neugier „Weakling“ in einen iTunes-Mix gepackt, aber ich überspringe es jedes Mal, um den Johnny Mathis Song zu hören, der danach kommt.
MG: Ich kann mir das Album nicht am Stück anhören. Es ist, wie auf ein Stück Klopapier zu schauen, nachdem man sich damit abgewischt hat.

Gibt es noch irgendwas, was ihr loswerden wollt?
MG:
Hiermit möchte ich mich bei allen entschuldigen.

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