Die 5 Typen von Musikkennern

Du giltst in deinem Freundeskreis als jemand, der Ahnung hat von Musik, soso!? Und welcher Typ Musikkenner bist du? Jede Wette, du bist der „Der neueste, heiße Scheiß“-Typ.

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07 Januar 2015, 12:00pm


Foto: icanteachyouhowtodoit | Flickr | CC by 2.0

„Ich habe Ahnung von Musik.“ Dieser aus gerade einmal fünf Wörtern bestehende Satz ist nur grammatikalisch und semantisch gesehen eindeutig, praktisch gesehen ist er es nicht. Denn zwei Variablen—das Subjekt „Ich“ und das Objekt „Musik“—schalten und walten hier auf engstem Raum. Variable Nr. 1 reiht die musikalischen Genre nebeneinander auf: Rock, Pop, HipHop, Elektro usw. Variable Nr. 2—und um die soll es im Folgenden gehen—lenkt die Aufmerksamkeit auf das Subjekt, den Sprechenden. Dieses „Ich“ ist ein kein „lyrisches Ich“, wie man es aus Gedichten kennt. Dieses „Ich“ ist diejenige, der sich aus welchem Grund auch immer anmaßt, sich mit Musik auszukennen—und dies auch öffentlich zu äußern. Dieses „Ich“ ist einer der Typen von Musikkennern. Die neue Variable lautet: „aus welchem Grund auch immer“. Ursachenforschung!

Der Gitarrenmusik-Nostalgiker

Er ist schon ein paar Jahre älter, betreibt seit Anfang der 90er einen „geht so“-laufenden Plattenladen und leidet vermutlich gerade deshalb mittlerweile chronisch an der „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“-Krankheit. Oder er besucht mehrmals wöchentlich als Kunde eben diesen Plattenladen und hat sich dort versehentlich angesteckt. Als kognitiver Rückzugs-, Verdrängungs-, Entspannungs- und Genesungsort kommt nun die musikalische Nostalgie ins Spiel: Nur in Gedanken an die „heiligen“ 60er, 70er, teils auch 80er lässt sich die „unechte“, „falsche“, weil halt stets auf's Neue billig kopierende musikalische Gegenwart ertragen. Diese verkommene Gegenwart komplementiert der Nostalgiker mit Dauerbeschallung der „echten“, „handgemachten“ Gitarrenmusik Dylans, der Beatles und der Stones. Mit der 70er-Mucke von Led Zeppelin und Thin Lizzy. Oder auch mit dem „wahren“ 80er-Sound von Joy Division, The Jesus And Mary Chain und den Smiths.

Für den Gitarrenmusik-Nostalgiker ist eins klar: Früher war alles besser! Wir befinden uns auf einem längst gesunkenen Schiff. Und über dieses alles andere als vage „Früher“, als der Titanic gleiche Dampfer noch stolz über die Weltmeere schiffte, lässt sich stunden-/ tage-/ wochen-/ jahrelang fachsimpeln und/oder philosophieren. Reicht es für ein Gespräch auf Augenhöhe nicht aus, wird gepredigt. Warum 1966 ein verdammt nochmal magisches Jahr war? Weil halt Blonde on Blonde, Pet Sounds und Revolver raus kamen! Warum weißt du das nicht?? Ist er auf sich alleine gestellt, haust der beziehungsunfähigste der Musikkenner in seiner 1-2 Zimmerwohnung, hauptsächlich bestehend aus Pizzakartons/-krümeln und alten, teils defekten Vintage-Musikanlagen. Dort nimmt er in verstörender Euphorie Kassetten auf oder gleicht seine monströse Plattensammlung akribisch mit den Bestenlisten des Rolling Stone ab.

Der historische Musikwissenschaftler aka Archäologe

Aufgrund fehlenden Talents hat er die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule versemmelt und ist nun frisch in das Studienfach Musikwissenschaft (mit Fokus Historie) eingeschrieben. Gefrustet und verbittert darüber, dass sein innig geliebtes Instrument nun doch nicht Objekt des täglichen, praktischen Studiums geworden ist, stürzt sich der historische Musikwissenschaftler—Typ graue bis hässliche Maus—in die rein theoretische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand Musik. Gelingt dies, steht nach 10-12 Semestern ein Typ Musikkenner vor dir, der nicht wahrhaben möchte, dass nach Gustav Mahler oder Arnold Schönberg noch „richtige“ Musik geschrieben wurde. Der—basierend auf der von ihm wärmstens empfohlenen Trennung von E- und U-Musik—alle Arten von Popmusik arrogant belächelt. Der es fertig bringt, beim Hören eines stinknormalen Popsongs („Let it be“ von den Beatles zum Beispiel) von „Rondoform“ zu sprechen. Den mehrfach wiederkehrenden Refrain kommentiert er jedes Mal aufs Neue mit: „Ah! Das ,Themaʻ (A), ,Repriseʻ“. Zu den drei Strophen fällt ihm klugscheißerisch ein: „Ganz klar: die ,Coupletsʻ B-D“.

Dass niemand sein ans Absurde grenzende Fach-Chinesisch versteht, kümmert ihn wenig. Denn genau das ist seine einzige Waffe: Da fast niemand so doof ist, Musikwissenschaft zu studieren, spielt der historische Musikwissenschaftler—der Archäologe unter den Musikkennern—in seiner eigenen Liga.

Der „Der neueste, heiße Scheiß“-Typ

Er ist dauergestresst! Der „Der neueste, heiße Scheiß“-Typ hat er sich zum verbitterten Ziel gesetzt, immer den dicksten, frischesten Fisch, was musikalische Newcomer angeht, an Land zu ziehen. Er ist der Columbus, der unermüdliche Entdecker unter den Musikkennern. Wie ein nervöser Nerd treibt er sich im Netz rum, landet früher oder später immer wieder bei Pitchfork, Hypetrak und Co. versackt dort und hämmert—erst im Minuten-, später im Sekundentakt—die F5-Taste, als zocke er „Wintergames“-Langlauf auf seinem alten C64. Mit dem Gitarrenmusik-Nostalgiker teilt er sich die Bestimmung zum Predigen, schließlich muss verkündet werden, dass der „Heiland in puncto geilste Musik ever“ mal wieder (!) geboren wurde. Denn der „Heiland in puncto geilste Musik ever“ ist immer nur für ein bestimmtes Zeitfenster—ein paar Wochen oder einen Monat—der „Heiland in puncto geilste Musik ever“. Dann verliert er diesen Status und ein neuer „Heiland in puncto geilste Musik ever“ wird geboren. Der „Der neueste, heiße Scheiß“-Typ ist also immer auf der Hut, muss oftmals haarscharfe, knifflige Entscheidungen treffen, ob ein Newcomer „tighter Scheiß“ oder „geht gar nicht“ ist. Dazwischen gibt es meistens nicht viel. Nicht selten tritt der „Der neueste, heiße Scheiß“-Typ mit seinen Neuentdeckungen an die Öffentlichkeit oder macht sein Hobby zum Beruf. Je nach Quantität und Qualität der Predigten wird er Blogger (kein Geld), Autor (bisschen Geld) oder Redakteur (etwas mehr Geld).

Der „Kenne ich nur vom Namen“-Typ aka Faker

Der Hipster unter den Musikkennern tummelt sich unauffällig-schlacksig zwischen jüngeren Gitarrenmusik-Nostalgikern und den „Der neueste, heiße Scheiß“-Typen. Ganz im Sinne eines Hipsters hat er generell, aber natürlich auch musikalisch von nichts so wirklich Ahnung, treibt sich aber immer an Hotspots rum. Sei es der erste Deutschland-Gig von Lana Del Rey, ein nirgendwo angekündigtes SOHN-Radiokonzert, eine Reunion-Show von den Libertines oder ein Bob Dylan-Stadiongig.

Kommt man mit ihm ins Gespräch, merkt man schnell, dass man nicht mit ihm ins Gespräch kommt. Denn Der „Kenne ich nur vom Namen“-Typ macht seinem Namen alle Ehre. „Wie findest du Ariel Pink?“—„(nervös) Kenne ich, ehrlich gesagt, nur vom Namen.“ „Ist Blonde On Blonde deine Lieblings-Dylan-Platte?“—„(verlegen) Welche? Habe ich immer noch nicht gehört, kenne aber das Cover.“ „Wie findet du die Cârl Barat-Solosachen?“—„(erschrocken) Solosachen? Habe ich nur drüber gelesen.“ Ja sicher, nur drüber gelesen! Das macht er gerne, der „Kenne ich nur vom Namen“-Typ. Er schmückt sich mit fremden Federn. Gibt aus, er sei mindestens genauso busy wie der „Der neueste, heiße Scheiß“-Typ. Als ob er im Recherchewahn, im Wälzen von Pitchfork gar nicht mehr zum Musik hören kommen würde. Den Faker unter den Musikkennern schlägt man am besten mit seinen eigenen Waffen: dem Faken. „Kennst du The Young Costellos?“—„Klar! Geilste Band ever“.

Der Handwerker aka Sound-Nerd

Er ist eine seltene, höchst interessante Spezie, denn in seinem musikalischen Bewusstsein sind die ästhetischen Phantasien einen Tontechnikers, Studiomusikers und Gitarrenliebhabers verzwickt miteinander verwoben. Dem Handwerker geht es ums Handwerk, um die spielerische Technik, und um Sound—er ist mit Abstand der audiophilste unter den Musikkennern. Beruflich steht er entweder im Kellertheater nebenan hinter dem Soundboard oder hockt als Studiomusiker mit seiner E-Gitarre oder dem störrischen Viersaiter in müffelnden Aufnahmeräumen. Hat er Feierabend, frönt der Mucker im schallisolierten Wohnzimmer oder dem darunter gelegenen Hobbyraum seiner Hi-Fi-Passion. Seine 25.000€-High-End-Anlage—die er am Wochenende in mühevoller Kleinarbeit gerne auseinander- und wieder zusammenschraubt—füttert er mit den frickeligsten bis unfassbar grässlichsten Platten. Wehe dem, der vom Mucker zum Musikhören eingeladen wird! Hat man Glück, wird einer der 60 Scheiben von Zappa, die der Mucker selbstverständlich alle im Regal stehen hat, auf den Plattenteller geschmissen. Hat man Pech, läuft stundenlang Pan Sonic oder Autechre. Wer sich für derartige Qualen am Mucker rächen möchte, der legt im am besten eine frühe, übelst scheppernde Lo-Fi-Platte von Daniel Johnston unter den Weihnachtsbaum.

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