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Adolar kratzen an der Oberflächlichkeit

Adolar kämpfen mit ihrer Musik und ihren Texten gegen langweiligen Smalltalk und die widerlichen Bands von heute.
9.9.13

Bei deutschsprachigen Bands spielen Texte seit jeher eine entscheidende Rolle, wenn es um die Frage nach dem Erfolg einer Gruppe geht. Dass dieser im kommerziellen Bereich mit einer Tendenz zu textlicher Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit einhergeht, ist für Adolar eine Entwicklung, der sie gegensteuern möchten. Die Gruppe, die Sachsen-Anhalt 2013 beim Bundesvision Song Contest vertritt, hält auch in ihrem dritten Album Die Kälte der neuen Biederkeit der Gesellschaft einen Spiegel vor, und verpackt darin ihre Form des Protests. Wir haben die Band zum Interview getroffen und genauer nachgefragt, was es damit auf sich hat.

Ihr habt euch auf dem kommenden Album ganz dem Thema Biederkeit verschrieben. Wie definiert ihr den Begriff?
Jan: Im klassischen Sinne war mit Biedermeier der Rückzug ins Private gemeint, und letztlich haben wir gegenwärtig die gleiche Situation. Die Leute bleiben mehr für sich, und es herrscht eine gewisse Kälte, wenn man jetzt nicht gerade ein Familienmitglied oder der beste Kumpel ist. Somit ist man schnell mit sich alleine oder unterhält sich nur über Plattitüden miteinander.
Tom: Wenn die Leute ihre Smalltalk-Fragen wie so ein Polizist gestellt haben, schlendern sie weiter oder rauchen noch einen Joint mit dir, aber mehr passiert nicht. Sie sagen, dass sie es cool finden, wenn man macht, worauf man Lust hat, aber in Wirklichkeit ist das nicht so, und nur der Wettbewerbsgedanke zählt. Das war vor ein paar Jahren noch lockerer. Wenn man aus seiner eigenen Gruppe raus kommt und neue Leute kennenlernen möchte, prallt dieser Versuch meistens daran ab. Die können nichts anderes, als einfach nur zu fragen, was du machst, was du damit später anfangen willst, und wie weit du noch von allem entfernt bist.
Frank: Es scheint so, als wäre alles total modern, bunt und offen, aber ich glaube, dass sich die ganze Gesellschaft wieder zurückentwickelt und alle konservativer werden. Das merkt man vor allem an der politischen Stimmung im Land. Daran, dass sich viele wieder zu irgendwelchen Traditionen zurückwenden. Auch an der Stärke der rechten Parteien und deren Gedankenguts wird das ersichtlich.

Das sind deutliche Worte. Habt ihr eine Idee, woher diese Entwicklung kommt?
Tom: Probleme sollen ausgeblendet werden, damit alles eine tolle Grillparty ist, auf der vielleicht noch gestrickt wird. Bei vielen Studentinnen fällt mir diese Oberflächlichkeit auf. Es geht nur noch um die Klamotten und Frisuren. Die Leute langweilen mich so. Ehrlichkeit wird vorgegaukelt. Sie behaupten, sie wären offen, und finden alles toll, was man macht, aber in Wirklichkeit wollen sie es nur mit sich selbst vergleichen. Die Information, die sie quasi aus einem Gespräch einholen, gebrauchen sie so in einem ganz anderen Kontext.

Habt ihr persönlich auch ein paar biedere Eigenschaften an euch? Jetzt wäre die Möglichkeit, die Karten offenzulegen.
Micha: Jan trägt gerne Jogginghose und Pantoffeln.
Jan: Aber nur Privat! Micha: ...und auf Tour.
Jan: Es geht nicht darum, jemanden zu verurteilen. Wenn eine Band wie Kraftklub singt: „Unsere Eltern kiffen mehr als wir" und die Eltern krasser drauf waren als die jetzige Generation, dann geht es nicht mehr darum, die Welt zu verändern. Die Leute beschäftigen sich nur mit sich selbst und das Einzige, was zählt, ist seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Das möchte ich auch niemandem absprechen. Aber Leute, die sich erst darüber erheben und meinen, sie wären besser als irgendwer vom Dorf, sind genauso spießig, nur tun sie so, als wäre es anders.
Tom: Man wird pragmatischer. Ich singe auf dem Album aber nicht, dass die scheiße sind, sondern dass ich mich unter ihnen unwohl und einsam fühle. Das ist diese beschriebene Kälte. Eine biedere Eigenschaft an mir wäre vielleicht noch die Tatsache, dass ich momentan Geschlechtsverkehr ablehne. Aber ob Biederkeit die absolute Bezeichnung ist, weiß ich nicht. Wir haben einfach etwas gefühlt, und versucht, dem einen Namen zu geben.

Gibt es denn deutschsprachige Bands, die mit ihren Texten aus dieser Belanglosigkeit herausragen oder das thematisieren?
Fast alle Bands passen super zu der Regierung und der ganzen Gesellschaft hier. Die fordern, dass wir im Jetzt mal kurz die Augen zumachen sollen, und danach ist alles gut. Da singen manche, dass Liebe eine Rebellion wäre, einfach nur um das Jetzt zu überbrücken und uns zu vertrösten. Tocotronic fallen mir als Gegenbeispiel ein. Musikalisch mag ich das neue Zeug nicht so, aber textlich sind die immer noch eine Klasse für sich. In der Hinsicht ist der Großteil der Bands gegenwärtig einfach nur widerlich. Klar, haben wir auch Lieder, wo ich singe, dass ich mal irgendeinen Menschen vermisse oder behandle Themen, die unpolitisch sind.
Micha: Das sind überwiegend Bands, die in der breiten Öffentlichkeit stehen. Wir kennen natürlich auch welche, die da herausstechen würden. Etwa The Hirsch Effekt, Captain Planet oder Turbostaat. Das sind aber eher Szenebands. Die Problematik kann man auch in diversen Artikeln nachlesen. Langsam wird erkannt, dass wir aktuell in einer Hochphase dieser Hoffnungsmusik stecken, aber in dem Stadium ist es noch nicht soweit, dass es Impulse dagegen gibt.

Eigentlich müsstet ihr mit eurer Einstellung doch rotzigen Deutschpunk machen, oder?
Tom: Es gibt immer noch Punkbands, die sich auch heute noch neu gründen und ziemlich rotzig sind. Aber das Thema ist auch ein bisschen ausgenudelt. Wir machen jedenfalls keinen Punkrock, aber mein Lebensstil ist ziemlich Punk. Ich lehne viel Luxus für mich ab und mache einiges anders, um hinsichtlich Besitztümern zurückzustecken.
Micha: Das ist auch so eine persönliche Freiheit. Man zieht das irgendwelchen Luxusgütern vor, für die man sich in die Sklaverei einer krassen Arbeit begeben muss. Manche Leute denken, mit wenig Geld kann man nur schlecht leben und nagt ständig am Hungertuch. Das stimmt aber nicht. Wenn man alternative Lebensformen durchprobiert, dann kommt man da super hin, und man muss sich nicht so verknechten.
Tom: Ich mache zum Beispiel gerne Musik. Wenn ich im Proberaum war oder Konzerte gespielt habe, bin ich gut drauf. Da wir eben mit der Band so viel machen, habe ich auch noch kein Studium beendet, habe keinen festen Job und wohne in einem eigentlich total vermüllten Haus, was alles andere als der bekannte Standard ist. Micha und ich haben beide unser Leben so gestaltet. Da kamen dann irgendwelche Freundinnen aus der Heimatregion zu Besuch und meinten: „Boah, wie könnt ihr nur so leben? Das ist ja total asozial." Wir sind also mehr im eigenen Leben als in der Musik Punk. Vielleicht ist mit Punk auch nur etwas gemeint, dass sich abgrenzt.
Frank: Das ist ein Wort, dass mittlerweile so überstrapaziert ist und mit so vielen Bedeutungen versehen wird, dass ich das gar nicht mehr differenzieren kann. Früher war das ein eher dilettantischer Gegenentwurf, der sich selbst limitiert hat. Heutzutage ist es so, dass man selbst nicht mehr macht, wenn man könnte, sondern bewusst nur das, was den Code darstellt, den man erfüllen muss, um Punk zu sein. Solchen Kategorien haben wir uns während des Musikmachens nie gebeugt und da haben wir auch nie drüber nachgedacht.
Tom: Meine Frisur fällt mir noch ein. Ich bin nach Amsterdam getrampt, und hab mir da auf einem Pilztrip die Haare blond gefärbt. Nebenbei habe ich noch demonstriert. Ist das nicht Punk?
Frank: Ich glaube nicht! (lacht)
Tom: Na kuck doch mal. Ich war im No-Border Camp, habe mich für Flüchtlinge eingesetzt und mit meinen auf einem Trip gefärbten Haaren versucht, ins Casino zu kommen.

Eure Uneinigkeit ist eine gute Überleitung zur nächsten Frage. „Menschen, die sich hinter hohen Mauern aus Harmonie verschanzen" ist in eurem Promo-Text zu lesen. Innerhalb einer Band gibt es auch Konfliktpotential. Wo liegt das bei euch am offensichtlichsten, und wie geht ihr damit um?
Frank mag zum Beispiel nicht, wenn wir anderen zu laut rülpsen. Ich glaube, das ist ein großer Konflikt, weil die teilweise so eklig sind, dass er davon Blasen an der Lippe kriegt.
Frank: Es gibt natürlich ständig Streitereien. Wir kennen uns schon so lange, dass wir ein bisschen wie Geschwister sind. Oft geht es um musikalisches, oder wenn wer eine Macke hat, die wir anderen total nervig finden. Tom kommt immer zu spät, ich muss immer Recht haben, um Beispiele zu nennen. Normalerweise sind wir kurz bockig, werfen uns schlimme Dinge an den Kopf, aber dann ist schnell wieder alles gut.

Tom, in Verbindung mit deinem Namen liest man im Netz immer wieder die Bezeichnung Misanthrop. Ist das so eine Macke?
Ich glaube, ich habe das zweimal gelesen. Einmal bei einer Live-Rezension von Britta Helm von der Visions. Da hat sie aber einen völlig falschen Eindruck gehabt (lacht). Also Britta, falls du das liest: Ich liiieeeebe Menschen! Oder bin ich ein Misanthrop?
Rest: Manchmal.
Tom: Ok, frag lieber die anderen.
Jan: Tom ist relativ wechselhaft. Man kann sich da nicht richtig einstellen. Manchmal ist er ein totaler Hippie und total piecig und im nächsten Moment rauft er sich die Haare und hasst alle. Da gewöhnt man sich aber dran.
Tom: Ich glaube einfach nur an das Gute. Wenn das aber noch so weit entfernt ist, hasse ich in dem Moment ja nicht die Menschen. Ich hasse nur den Zustand, den sie hervorgerufen haben.

Wenn du an das Gute glaubst, denkst du, dass ihr mit eurer Musik etwas Positives bewirken könnt?
Beim letzten Album und dem Song „TanzenKotzen" kamen schon Leute auf mich zu, die meinten, dass endlich mal was gegen diese Smalltalk-Generation gesagt wird. Gegen den Ausgehzwang und die ganze Sinnlosigkeit. Total viele Leute haben sich gefreut, dass der Neoliberalismus und das Konservative endlich mehr zum Thema werden. Natürlich gibt es auch so Liebeslieder, wo Leute einem schon sonstwas erzählt haben. Oder der Song „Welt sehen", da sagen auch manche, dass sie nochmal ein bisschen was machen müssen, bevor sie sich für ewig in Fesseln legen. Ich bin auch schon einige Male nach dem Konzert aus dem Club gegangen und habe gesehen, dass Leute auf dem Bordstein sitzen und aufgrund unserer Texte und der Musik heulen. Der Sache muss ich in Zukunft vielleicht etwas mehr auf den Grund gehen, weil ich noch nicht so genau weiß, wie ich das wirklich finde. Aber letztlich ist das auch ein Öffnen, da kommen Emotionen raus, und wenn man sich den neuen Albumtitel anschaut, bewirkt unsere Musik möglicherweise wirklich was. So wie ich's mir wünsche, dass Leute mal wieder ehrlich sind mit den Emotionen.

Seid ihr Optimisten? Mit welcher Einstellung geht ihr durchs Leben?
Frank: Ich ja. Ich lasse mich immer ein bisschen treiben und glaube fest daran, dass insgesamt alles gut wird.
Jan: Ich bin eher der Zyniker. Irgendwie wird sich alles fügen, aber ich weiß nicht, ob es sich zum Besseren oder zum Schlechteren wendet.
Micha: Bei mir schwankt das je nach Tagesform. Manchmal denke ich mir, wie geil das Leben ist, habe übelst Bock, und andererseits gibt es auch das Gegenteil.
Tom: Bei mir schwankt das ebenfalls. Teilweise sogar im Stundentakt. Das reicht von „Ich bin froh, hier auf der Erde zu sein und wir können eine geile Zeit haben", bis zum Selbstmord und „alles muss in Flammen stehen". Mir fällt da wieder das Erlebnis in Holland ein. Dort ist der rechte politische Flügel sehr aktiv und versucht eine Kopftuchsteuer durchzusetzen. Wir haben in diesem Lager gemeinsam gekocht, Flüchtlinge konnten dort übernachten und es gab jeden Tag Aktionen und Vorträge. Das macht mich in dem Moment glücklich. Trotzdem sieht man auch innerhalb dieser Struktur wieder Menschen, die extrem autoritär sind. In so einem Moment kann ich mir eine Axt über den Schädel hauen.

Habt ihr eine Vorstellung vom Idealzustand des Lebens im Alter?
Die anderen kennen die Geschichte schon. Ich möchte so ein alter Typ mit langen Haaren, Bart und weißem Gewand sein, der irgendwo in den Bergen sein eigenes Gemüse anpflanzt und sich selbst versorgt. Eine Ziege muss auch sein. Alle fünf Jahre will ich dann wieder in irgendeine Großstadt fahren, mich komplett mit Drogen zuballern und ausrasten, um danach alles scheiße zu finden und abzuhauen.

Das Album Die Kälte der neuen Biederkeit von Adolar bekommt ihr bei Amazon oder iTunes.

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