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Der Sänger ist tot, lang lebe der Sänger!

Knast, Selbstmord, Überdosis oder einfach nur kein Bock mehr, ein Frontmann ist nicht für immer da. Aber wie gehen Bands mit dem Abgang ihres Sängers um?

von Julius Wußmann
22 Juli 2014, 11:00am


Foto: Flickr | Luis Blanco | CC BY 2.0

In den meisten Fällen ist der Sänger einer Band mehr als die bloße Stimme. Er ist die Identifikationsfigur auf Konzerten, der Mensch, der dir beim Hören unweigerlich vor dem geistigen Auge auftaucht, der verständnisvolle Poet, dessen Texte du mitsingst. Doch was, wenn die Band plötzlich gesichtslos auf der Bühne steht, weil ihr Sänger sie verlassen hat? Wenn er sich zum ersten Mal eine Kugel in den Kopf gejagt und zum letzten Mal zu viel Heroin in die Adern gepumpt hat oder wegen einer Zwangspause-verursachenden Straftat in den Knast muss? Entweder ziehen die hinterlassenen Bandmitglieder den Stecker und löschen das Leben der Band aus oder sie führen eine Organtransplantation durch und machen weiter. Keine leichte Entscheidung. Es sei denn, sie sehen die Band als Unternehmen, bei dem nur die schwarzen Zahlen stimmen müssen. Ohne Zweifel, es gibt gute, schlechte und hässliche Wege, mit der unerwarteten Personalfrage umzugehen.


The Good

As I Lay Dying

Im Mai 2014 wurde Tim Lambesis, Sänger der christlichen Metalcore-Band As I Lay Dying zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der Typ wollte seine Frau umbringen, konnte den Gedanken aber nicht ertragen, dass an seinen zarten Hantelstemmerhänden Blut kleben sollte und bot daher einem Killer 20.000 Dollar an. Das Ganze ist glücklicherweise vor der finalen Ausführung gescheitert, da der vermeintliche Auftragsmörder in Wirklichkeit ein Undercover-Agent war. Zunächst leugnete Lambesis die Tat, sah schließlich aber doch ein, dass ihm keine Flügel wachsen würden, wenn er nur ganz fest daran glaubt und plädierte auf schuldig. Dann kam er in Plauderlaune und ließ verlauten, dass er schon lange kein Christ mehr sei und zwei andere Bandkollegen auch nicht. Das Label „christlich“ hätten sie nur aus Marketinggründen weitergepflegt. Alles ziemlich blöd gelaufen für Tim und seine Jungs. Die Idee, As I Lay Dying trotzdem weiter zu betreiben, war für die anderen folglich keine Option. Es fühle sich nicht richtig an, ohne ihren Frontmann weiterzumachen. Stattdessen konzentrieren sie jetzt all ihre unheilige Energie in das neue Projekt Wovenwar. Heil Satan.

Joy Division und Nirvana

Joy Division und Nirvana haben eine ganz offensichtliche Sache gemeinsam: Plötzlich standen sie ohne einen Sänger da, weil der sich eine Schrotpatrone ins Hirn geballert beziehungsweise eine Wäscheleine um den Hals geschnürt hatte. Durch ihre Tode haben Ian Curtis und Kurt Cobain gleichzeitig auch den ersten Spatenstich für die Beerdigung der Bands gesetzt. Schließlich waren sich die verbliebenen Mitglieder absolut bewusst, dass ihre Frontmänner durch niemanden zu ersetzen war. Eine einfache Gleichung, die durch den terminierenden Faktor Selbstmord gelöst wurde. Genau dank dieser treuen Konsequenz werden die beiden Bands immer einen Ehrenplatz im Musikolymp einnehmen (und als Shirtmotiv für Modeketten herhalten müssen). Zumal diese Entscheidung das Karmakonto der Hinterbliebenen scheinbar bis in alle Ewigkeit gefüllt hat. Mit den Foo Fighters und New Order sind Teile von ihnen unglaublich erfolgreich aus dem Schatten getreten, den ihre Sänger geworfen haben.


GWAR

Im März diesen Jahres wurde Dave Brocki tot in seiner Wohnung in Richmond, Virginia aufgefunden. Todesursache: Heroinüberdosis. Brocki war Sänger der Kostüm-affinen Heavy Metal-Band Gwar. Mit seinem Tod spielte keines der ursprünglichen Gründungsmitglieder mehr in der Band. Seit 1984 konnten sich schon 26 Musiker als Teil von Gwar zählen. Die letzten Drei gründeten Brocki zu Ehren eine Stiftung, aus deren Erlös ein Denkmal errichtet und junge Musik-Talente gefördert werden sollten. Als Sänger wurde der ehemalige Bassist Mike Bishop engagiert. Das Ziel ist klar vom Drummer und Mastermind Brad Roberts vordefiniert: „You can’t write off Gwar. Gwar is gonna last a thousand years with or without its past or current members.“ Wenn sich eine Band als Institution versteht, die Mitglieder sich bis zu totalen Unkenntlichkeit maskieren und es eh schon unzählige Besetzungswechsel gab, ist stures Weitermachen keine Alternative, sondern Teil des Plan A's. Hinter der Maske von Michael Myers haben immerhin auch bereits acht verschiedene Personen gemordet. Du kannst vergessen, dass sich Myers oder Gwar aufgrund von Besetzungswechseln von ihrer Mission abhalten lassen.

The Bad

Suicide Silence

Die Meldung erschütterte die Metalgemeinde: Am 01. November 2012 verstarb Mitch Lucker, Sänger der Vorzeige-Deathcore-Band Suicide Silence. Nachdem er ein paar Drinks gekippt hatte, wollte der 28-Jährige noch eine Runde mit seinem Motorrad drehen. Obwohl ihn seine Frau anflehte, dies sein zu lassen, verlies er das Haus. Später streifte seine Harley einen Lichtmast, Lucker wurde von der Machine geschleudert. Er verstarb wenige Stunden später im Krankenhaus. Seine umsichtigen Bandkollegen organisierten recht zügig einen Charity-Fond für seine junge Tochter. Fans spendeten großzügig, um ihr später einen Collegebesuch zu ermöglichen. Einige Zeit blieb unklar, wie es mit Suicide Silence weitergehen sollte. Schließlich teilte die Band ihren Fans ein Jahr später mit, dass Eddie Hermida, seines Zeichens Sänger von All Shall Perish, künftig ins Mic keifen und grunzen sollte. Kurze Erklärung, warum gerade diese Entscheidung ungefähr so viel Sinn macht, wie Limp Bizkit mit Jonathan Davis am Gesang: Es gibt wenige Sänger im Deathcore-Genre, die wirklich durch eine markante Stimme herausragen. Wenn die Stimmbänder derart extrem verzerrt werden, ist eine personelle Zuordnung naturgemäß schwierig. Mitch und Eddie gehören zu der Handvoll Schreihälse, die du sofort erkennst, sebst wenn du nur an einem Auto vorbeiläufst, aus dem gerade laut Metal ballert. Zumal Mitch Lucker als Frontman Deathcore personifiziert hat. Unzählige Teenies fanden ihren Weg in dieses Genre, weil sie eben genauso sein wollten wie er, sich mit ihm identifizierten, seine Texte auswendig lernten und auf ihre Haut stechen ließen. Ihn zu ersetzen macht sicher finanziell, musikalisch und in gewisser Hinsicht sogar moralisch Sinn. Suicide Silence zu begraben und mit Eddie unter einem anderen Namen etwas Neues zu starten, wäre aber vielleicht eine bessere Entscheidung gewesen.

Black Flag

Wie viele alte Hardcore-Bands hat auch Black Flag unzählige Musiker kommen und gehen sehen. Als Keith Morris und Greg Ginn die Band 1976 gründeten, schwang Morris solange das Mikro, bis ihn seine guten Freunde Kokain und Speed sowie persönliche Differenzen mit Ginn dazu veranlassten, der schwarzen Flagge den Rücken zu kehren und die Circle Jerks zu gründen. Ron Reyes stieg als neuer Sänger ein, stellte aber recht bald während eines Konzertes fest, dass ihm das gewalttätige Tanzen gegen den Strich ging und verließ nicht nur die Bühne, sondern auch die Band. Es folgte Dez Cadena, der sich engagiert in seine Rolle warf. Nachdem seine Stimmbänder immer mehr Schaden erlitten, wechselte er an die Gitarre und Henry Fucking Rollins wurde der bis dato letzte Sänger der Hardcore-Legenden, die sich 1986 schließlich auflösten. Die Geschichte könnte hier enden und Black Flag dürften sich zufrieden für die nächsten 1000 Jahre von der gesamten Hardcore-Szene feiern lassen. Aber nein, das Reunion-Virus wütet unerbittlich. Erst befällt es Greg Ginn, der zusammen mit Ron Reyes am Gesang im Jahr 2013 Black Flag wieder aus der reichverzierten Krypta zerrt. Kurze Zeit später wird auch Keith Morris infiziert, der zusammen mit Cadena FLAG gründet. Es gibt also wirklich zwei Bands, die sich auf dem Friedhof versammelt haben, um einen gesalbten Korpus bis zur Unkenntlichkeit zu schänden. Noch perfider wurde es auf einer Show von Ginns Black Flag in Australien: Während des Konzertes stürmte Profiskater und Hobby-Proll Mike Vallely die Bühne, zerrte Reyes das Mikro aus der Hand und beendete das Set als neuer Sänger. Währenddessen rennen tausende HC-Kids ins nächste Tattoostudio, um sich die vier verdammten schwarzen Balken auf ihrer Wade überstechen zu lassen.


The Ugly

Mayhem

Die umstrittenen Black Metal-Pioniere Mayhem werden ihrem Ruf mehr als gerecht. 1984 in Norwegen gegründet, übernahm erst 1988 der Schwede Per Yngve Ohlin als fester Sänger die Rolle als Frontman. Per wählte den Künstlernamen „Dead“ nicht ohne Grund, er war besessen von der Idee, bereits tot zu sein. So schminkte er sich von Beginn an eine Corpse Paint-Fratze und vergrub die Klamotten, die er Tage später auf der Bühne tragen würde, um sie kurz vor der Show wieder auszubuddeln. Nachdem die komplette Band in ein altes Haus nahe Oslo zog, wurden die Spannungen zwischen Gründungsmitglied und Gitarristen Øystein Aarseth („Euronymous“) und Dead immer stärker. Am 08. April 1991 fand Euronymous Deads Leiche in dem Haus. Er hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten und dann mit einer Schrotflinte in den Kopf geschossen. Ein Satz seiner letzten Worte auf einem Abschiedszettel: „Excuse all the blood, cheers.“ Und was tat Bandmitglied und „Freund“ Euronymous? Er verließ das Haus, kaufte im nächstgelegenen Laden eine Einwegkamera, bewegte ein paar Gegenstände in die gewünschte Position und knipste Fotos (NSFW!) von der Leiche. Als sei das nicht schon abgefuckt genug, bastelte er sich aus den Schädelsplittern eine Kette. Um das Debütalbum aufzunehmen, engagierte Mayhem dann Attila Csihar als Sänger und Varg Vikernes als Bassisten. Vikernes ist der Kopf hinter dem nationalistisch-völkischen Black Metal-Ein-Mann-Projekt Burzum. Er tötete 1993 Euronymous mit 23 Messerstichen. Der Drummer Hellhammer belebte die nun arg dezimierte Band Jahre später wieder, indem er sich immer wieder neue Musiker suchte. Bis heute tourt Mayhem durch die Welt und veröffentlicht Alben. Doch nichts definierte das Image von Mayhem so sehr wie die selbstzerstörerischen Performances und der schlussendliche Selbstmord des ersten Sängers Dead.

Als Band musst du also verdammt gute Gründe haben, wenn du nach dem Abgang des Sängers weitermachen willst. Sei es die Mission, bis in alle Ewigkeit zu touren oder weil es der letzte Wille des verstorbenen Sängers war. Einfach auf Prinzipien zu pfeifen und des Geldes wegen weiterzumachen ist sicher nicht true, aber nachvollziehbar. Das Vermächtnis eines Toten für Promozwecke zu missbrauchen, zeugt allerdings von unbestreitbar großer menschlicher Hässlichkeit.

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