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Auch DJs werden für seltsame Jobs gebucht

Österreichische DJs erzählen von Bookings, die sie eher nicht vergessen werden.

von Fredi Ferkova
25 März 2015, 9:31am

DJs genießen ja nicht gerade den besten Ruf. Ihnen wird vorgehalten, dass sie in Wirklichkeit nicht arbeiten, dass sie sowieso nur chillen und in Saus und Braus leben. Der steigende Konkurrenzdruck, die – zumindest am Anfang – mickrige Bezahlung und vor allem die Notwendigkeit, JEDEN Job anzunehmen, wird oft vergessen. Nun ja, big suprise: DJ zu sein ist überhaupt nicht so geil wie man denkt. Schon alleine wegen der gesellschaftlichen Reputation nicht. Aber gut, bevor ich mich hier auf eine Seite schlage: Ja, es war ihre Entscheidung. Ja, sie haben dafür andere Vorteile, die wir nicht haben. Ja, ihr Job ist kreativ und der Stundenlohn im Gegensatz zu anderen kreativen Berufen abgespaced. Doch "wo Licht, da auch Schatten", sage ich mit einer tiefen, buddhistischen Stimme und präsentiere euch die Schattenseiten.

Ich habe verschiedene DJs, von PsyTrance bis zu HipHop, gefragt, was ihr bisher schrägstes Booking war. Manche sind so schräg, dass sie schon wieder irgendwie leiwand sind. Manche sind einfach arm. Und andere sind einfach echt schräg. Danke nochmal an die DJs, dass sie ihre Story mit mir – und somit auch mit euch – teilen. Ich hab euch lieb. Und Veranstalter – bitte hört auf, falsch zu buchen. Gibt eh so viel Auswahl. Hier die Storys:

Fullip (Orion Club /Deeprog Rec.)

Anfang des Jahres hatte ich das seltsamste Booking bis jetzt. Und das obwohl man als aktiver Goa-DJ viel weirdes Zeug erlebt. Stichwort Pampa, Stichwort kein Benzin. Aber es gibt eine Story, die besser ist als die, die tendenziell im Sommer passieren. Ich wurde von einem Gymnasiumslehrer für einen Schulball gebucht. Der Professor ist 50 Jahre alt, hat mir erzählt, dass er gerne ab und an auf Goas geht und hat mich gebeten, die ganze Nacht für die Schüler Psy aufzulegen. Ich war wirklich verwundert, weil er mit seiner Brille und seinen adretten grauen Haaren eher spießig und nicht wie ein Goa-Head ausgesehen hat. Also habe ich das gemacht. Weil es einfach auch wirklich lustig ist, einen Schulball mit PsyTrance und Progressive zu bespielen. Die Schüler nahmen die Musik schon an, aber er ist mit seiner gleichaltrigen Freundin mit Abstand am meisten abgegangen. Und wie süß sie geknutscht haben! Würde ich bestimmt wieder machen.

Joanish (Musical Collective)

Einmal wurde ich für eine private Geburtstagsfeier gebucht bzw. gefragt, ob ich so lieb bin, aufzulegen. Ich habe dem Geburtstagskind alle Links geschickt und ihm gesagt, dass ich eher nur meine Musik auflege – andere Tracks habe ich nicht und ich mag nun mal, wenn es schneller und härter ist. Das Geburtstagskind ist irgendetwas mit Mitte 30 geworden und war mit meinem Sound zufrieden. So weit so gut. Die Party war im vollen Gange, die Gäste waren älter als das Geburtstagskind – so um die 40. Nun ja, ich fing mit meinem Set an und schon kamen die Gäste mit den verschiedensten Wünschen auf mich zu. Meine Lieblingswünsche? "Bitte kannst du Helene Fischer spielen?" oder "Hast du Heavy Metal?". Natürlich wurden auch HipHop und Pop angefragt, aber die zwei blieben mir in Erinnerung. Ich habe mich dann schlecht gefühlt, aber die Tracks habe ich einfach nicht. Naja, bei einer privaten Geburtstagsfeier werde ich wohl nicht mehr auflegen. Das macht weder die Gäste, noch den DJ glücklich.

David Jerina ((VIENNAs FIRST) 90ies Club / 2000s Club)

Ich habe ja laufend wirklich schräge Bookings, aber mein schrägstes passierte mir Mitte der 00er Jahre. Ich wurde angefragt um bei einer Beachvolleyball-Afterparty in Niederösterreich zu spielen. Es hätte mir schon eine Warnung sein müssen. Aber Beachvolleyball! Meine Vorstellung davon war schon ziemlich cool. Also bin ich hingefahren – es hat geschüttet wie aus Eimern. Der Veranstalter versicherte mir, dass der DJ-Platz überdacht ist und ich trotzdem kommen soll. Es stellte sich heraus, dass die gesamte Party überdacht war. Und es sich um ein ortsübliches Zeltfest handelte. Und dieses Zelt war auch noch ziemlich zugig – keine Bikinis. Jedenfalls wurde ich für Indie Rock gebucht. Der Veranstalter führte mich vor Ort zu einem Pult mit miesem Equipment und verlangte nach Disco (habe ich) und Schlager (habe ich nicht). Offensichtlich lag da eine Verwechslung vor. Und was macht man als Profi-DJ in dieser Situation? Jägermeister und Gummibärli ordern, was mir auch widerwillig gebracht wurde. Ebenfalls widerwillig waren die Tanzversuche der in Winterjacken eingehüllten (ich hatte natürlich nur ein Hawaiihemd an – Jägermeister) spärlichen Besucher. Wurde im Laufe des Abends auch nicht besser. Aber irgendwann – trotz Kälte und Oida-die-komische-Musik-kennt-kana – war die Party dann doch vorbei, wobei es nicht nur gefühlt ewig dauerte.

Bevor ich mich in das 5 Sterne-Hotel (= die Couch im Wohnzimmer des Veranstalters) begab, spielte sich aber noch diese Szene ab (von der ich echt gerne ein Foto hätte):
DJ David steht auf wackligen Beinen (Jägermeister) auf der wackligen Bühne, ist vollkommen betrunken, suhlt sich in Selbstmitleid und weint, weil er grade das schönste Lied aller Zeiten auflegt. Und zeitgleich, vollkommen unberührt von der schönen Musik, halten die ortsansässigen 15-jährigen Skinheads auf der Tanzfläche die traditionelle Saturday-Night-Massenschlägerei ab.

ETEPETETE

Den wunderbaren Mädels von Etepetete seid ihr mit großer Wahrscheinlichkeit schon einmal in der Pratersauna begegnet, oder habt schon hier und da von ihnen gehört. Sie sind eine der (viel zu) wenigen weiblichen DJs in Österreich, die sich mit ihrer Energie auf der Bühne und ihren schrillen und bunten DJ-Sets schon in die Herzen ihres Publikums gespielt haben. Anyway, bei einem Treffen haben mir die Mädels einmal von einem Booking erzählt, dass mehr als fragwürdig war (Ich schreibe das hier in ihren Namen, weil die Guten derzeit viel Stress haben, aber das ändert ja nix am Inhalt, nicht wahr?). Man wollte die Mädels einmal für eine Party buchen, bei der nur Frauen auflegen sollten – was ja ein schöner Gedanke ist. Leider hätten sie im Bikini auflegen sollen und Frauen, die im Bikini gekommen wären, hätten gratis Eintritt bekommen. Ja, das ist weniger weird, als einfach nur sehr, sehr dumm. Da Etepetete sich für ein starkes Frauenbild einsetzen und diesen Schritt nach hinten nicht unterstützen, haben sie das Booking auch abgesagt.

Oliver Gruen (35 Grad)

Ich helfe sehr gerne Freunden und lege auch so zum Spaß ur gerne auf. Jedenfalls wurde ich einmal gebucht, um eines der letzten Sets zu machen. Das ist grundsätzlich ziemlich cool, da es die Maintime ist und natürlich mehr Leute um 03:00 tanzen als um 01:00. Sehr erfreut über die späte Uhrzeit ging ich also samt Equipment zu der Party. Als ich ankam, war noch der DJ vor mir dran. Er hat Hardtekk gespielt. Die Gäste? Tekk-Hörer. Das ist einige BPM über der Musik die ich auflege. Und man hat mir einfach nicht Bescheid gegeben! Ich habe dann den Veranstalter gesagt, dass ich leider befürchte, nicht die richtige Musik für die Gäste zu haben. Hardtekk-Hörer werden mit mir einfach wirklich nicht glücklich. Der Veranstalter hat darauf bestanden, dass ich auflege – trotz meiner Einwände. Nun, so habe ich fast zwei Stunden Musik für Tekkheads gemacht. Natürlich hat sich die Tanzfläche geleert, aber ich habe es durchgezogen. Ein paar der Gäste haben echt versucht, sich mit meinem Sound anzufreunden und haben ihre Gabbatänze dazu aufgeführt. Irgendwie lustig, vor allem aber seltsam.

Aleks Fardel

In der Zeit wo ich noch DnB aufgelegt habe, war ich oft im Osten. Mit Osten meine ich Bratislava und so. Einmal wurde ich zu einer Party in der Ostslowakei gerufen. Ich sollte mit einem Kumpel eine Party in Poprad bespielen. Das war eine Zugreise. Der Club war abgefucked, aber was soll’s, wir sind ja nicht aus Zucker. Der Veranstalter war nur nirgendwo auffindbar und niemand konnte Englisch oder Deutsch. Nach der Party sind wir also in der Ostslowakei gestanden und wussten nicht, wo wir sind und wo wir übernachten sollten. Hostel-Style. Der Kassamensch hat uns ausbezahlt und uns eine Adresse auf einem Zettel gegeben. Keine Taxinummer. Wir sind dann ca. eine Stunde durch die dunkle Stadt gelaufen, bis wir ein Taxi gefunden haben. Das Taxi hat uns dann 1h herumgefahren – der Taxifahrer hat auch nur slowakisch gesprochen. Die Stunde Taxifahren hat übrigens ganze fünf Euro gekostet. Dann hat er uns vor einem privaten Haus rausgelassen. In der Dunkelheit – Gott sei Dank waren wir betrunken. Aufgemacht hat uns eine ca. 90-jährige Oma und wir merkten, wir waren richtig. Wir haben ein super großes Frühstück bekommen. Der Weg von dem Hostel zum Bahnhof und dann mit dem Zug nach Bratislava und dann Wien – das gesamte Booking war ein weirdes Abenteuer.

Marvimoto (Green Wien) und Julian Joy (Wiener Adel)

Letztes Jahr im Juni waren wir in Tokio, um im Le Baron de Paris aufzulegen. Einige Nächte zuvor haben wir einen Sohn eines Scheiches kennengelernt. Der war in Tokio, um einem jungen Japaner Englischunterricht zu geben. Die Story wird noch ärger. Die haben uns dann von einer zwielichtigen Bar in die nächste geschleppt. Na gut, wir haben uns jetzt nicht mit Händen und Füßen gewehrt. Jedenfalls sind wir dann, im Stadtteil Roppongi gelandet. Dort war in einem ganz normalen Wohnhaus im vierten Stock eine Bar namens "Odeon". Die hat einem Ägypter gehört, der uns sofort auf sehr viele Ei-Schnäpse eingeladen hat und uns umsorgt hat, als wären wir die Rolling Stones. Am selben Abend hat er uns – HipHop-DJs – für ein Deep-House-Set gebucht. Wir haben, schon alleine der Story wegen, dankend angenommen. Stagetime war von 8 Uhr bis 10 Uhr vormittags an einem Samstag. Die Bar fasste maximal 50 Leute, aber das Equipment dort war sauteuer und sehr neuwertig. Besser als in jedem Wiener Club. Seitdem lieben wir Japan nur noch mehr. Das war eine wirklich verrückte Nacht.

Arne Spremberg (Gassen aus Zucker)

Die gesamte Partycrew eines Kumpels ist vom Land in die Hauptstadt gezogen und sie haben angefangen, hier Partys zu veranstalten. Ich wurde dann auch direkt gefragt, ob ich nicht auflegen möchte. Natürlich habe ich das Booking angenommen, er ist ein cooler Typ, er mag gute Musik – warum also nicht. Ich musste vorher noch woanders auflegen und bin deshalb ganz kurz vorher angekommen. Es war ein ziemlicher Indie-Laden, aber gut, es ist ja eine neue Veranstaltungsreihe. Beim Reingehen habe ich schon HipHop-Beats gehört und ein mulmiges Gefühl bekommen. Die Gäste waren bunt durchmischt und voll war es auch. Es ist dann, kurz bevor ich auflegen sollte, auch noch Pop zu dem ganzen HipHop dazugekommen. Oh Mann. Schnell noch einen Shot gekippt und ran an die Decks. Bereit für den harten musikalischen Übergang. Ich konnte noch zwei, drei Tracks mit HipHop-artigen Vocals finden. Die sind auch nicht so schlecht angekommen, aber danach leerte sich die Tanzfläche immer weiter. Ich habe versucht, so poppig zu spielen, wie es nur ging. Nach einer halben Stunde hat mich der Veranstalter erlöst und mit seinem Sound weitergemacht. Die halbe Party habe ich wohl trotzdem leergespielt.

Alex Kolodziej (Tanz durch den Tag/ Ochsenfrosch)

Ich glaube, ich habe nur schräge Bookings. Einmal war ich in Berlin und hatte dort einen Gig. Jedenfalls bin ich dann noch zur Klangkost-Afterparty gefahren, um mich zu entspannen und Freunde zu treffen. Die Afterparty war zum Teil draußen, also Open-Air und es war November. Als ich dann gechillt habe, kam ein Kumpel zu mir und fragte mich: " Hey, Alex, du hast doch Platten da oder?" Es hat sich herausgestellt, dass der Open-Air Floor nur Plattenspieler hatte und keiner der anwesenden DJs Platten mithatte. Also habe ich im November Open-Air im Kosmonaut aufgelegt. Kurz vor vereinbartem Ende, kam der Barchef auf mich zu und fragte, ob ich noch ein bisschen länger spielen könnte, da der DJ nach mir sich verspäten würde. So habe ich meinen längsten Gig bis jetzt gespielt – 14 Stunden draußen im November. Und keinen Track doppelt gespielt, was mich bis heute stolz macht.

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