Es ist nicht cool, die Freundin vom DJ zu sein, sondern scheiße

Wenn dein Freund DJ ist, dann hast du unser Mitleid.

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27 März 2015, 8:48am

Du legst Wert auf den Erhalt deiner Würde? Deine Leber soll deinen dreißigsten Geburtstag noch miterleben? Du willst nicht binnen weniger Wochen ein ganzes Arsenal von Songs auf den Tod hassen, zu denen du noch vor Kurzem ausgelassen tanzen konntest? Du hast nichts gegen einen normalen Schlafrhythmus? Dann komm nie, niemals, mit einem DJ zusammen!

Ich gebe ja zu, die Vorstellung lässt sich leicht romantisieren. Er, der Herrscher über die Nacht—oder wenigstens den Club, der ihn gerade gebucht hat—und du, seine Auserwählte, gemeinsam auf einem Podest, lasst den Pöbel tanzen, stoßt liebestrunken gemeinsam mit eurem Grey Goose an und torkelt anschließend in das zur Verfügung gestellte Hotelzimmer, um es dort erst richtig krachen zu lassen. Ich muss euch enttäuschen. Das ist absoluter Schwachsinn und vor allem: realitätsfremd. Als feste Freundin eines DJs hast du nämlich richtig gelitten, das können die paar Gästelistenplätze pro Wochenende nur wieder wettmachen, wenn du alle Augen zudrückst—und die Ohren auch.

Dein Blick auf Partys verändert sich. Schlagartig.

Abende, an denen andere Paare einen ruhigen Fernsehabend machen, sich mit Freunden in einer Bar treffen oder einfach nur ausgelassen Sex haben, finden bei euch grundsätzlich in Diskotheken statt. Er baut auf, du stehst da und tust genau nichts, außer wahnsinnig kaputt von der vorausgegangenen Woche zu sein. Da du einen echten Job hast, mit Lohnsteuerkarte und Urlaub und Mittagspause, bist du erstens todmüde und zweitens in der Regel extrem underdressed. Das passiert dir genau ein Mal, um beim nächsten Mal dann—aufgedonnert wie eine Hartgeldstrichnutte—festzustellen, dass du wiederum overdressed bist. Du lungerst also jeden Freitag- und Samstagabend am DJ Pult deines Freundes rum, weil ihr euch vorgenommen habt, mehr gemeinsam zu unternehmen, und wimmelst Leute mit Musikwünschen ab, indem du sie hasserfüllt anstarrst.

Im Allgemeinen bist du der nutzloseste Mensch der Welt, weil du weder etwas Produktives tun, noch dich in die Menge stürzen kannst, weil du a) nicht vor deinem Freund von Johnny Caliente angetanzt werden möchtest und b) die Playlist in- und auswendig kennst. Ja, selbstverständlich variiert ein DJ in seinem Set, aber spätestens ab dem dritten gemeinsamen Club-Abend wird dir klar, dass dieselben Songs immer und immer wieder kommen. Und du beginnst sie mehr zu hassen als deine Beziehung.

Socialising bei 100dB

Während du deine Wochenenden (und dein Leben) in Schnöselclubs und Teeniediscos verschwendest, hast du das Vergnügen, allerhand Menschen kennenzulernen: Clubbesitzer, Barchefs, Türsteher. All diese Leute werden dir das Gefühl geben, geduldet zu sein, während sie sich ganz ausgezeichnet mit deinem Freund verstehen. 99% dieser Menschen wirst du unsympathisch finden, es aber nicht zeigen dürfen weil: ist ja sein Job. Genauer gesagt sind es meist die arrogantesten Menschen, die dir in deinem Leben je über den Weg laufen werden. Du wirst eine ganze Weile damit verbringen, zu überlegen, worauf dieses enorme Selbstbewusstsein fußt. (Überraschung: auf nichts.) Um die Tatsache auch nur irgendwie zu ertragen, dass du deine Nächte mit diesen Unsympathen verbringen musst, beginnst du dich in einen angenehmen Zustand des Deliriums zu manövrieren. Das heißt, du luchst deinem Freund seine Getränkemarken ab und machst eine Großbestellung an der Bar. Dass der Barkeeper dich dort aufs Übelste angegraben hat, wird dein Freund später mit „Ach Quatsch, der war nur höflich" abtun.

Du stehst also vor einem besonders heiklen Scheideweg: Entweder du trinkst dich in eine wohlige Unzurechnungsfähigkeit und schreist den Wichtigtuern des Nachtlebens alle Beleidigungen ins Gesicht, die du je gelernt hast, oder du nimmst dir künftig eine Freundin mit. Das führt jedoch dazu, dass dein Freund in dieser Konstellation als lebende Jukebox, Garderobe, Getränkehalter und Entertainer fungieren muss. Da du Anstand und Respekt vor seiner Arbeit hast, bleibt Mission „Freundin mitnehmen" ein einmaliger Versuch und du wirst lernen, sehr betrunken zu sein und dich dennoch verbal zusammenzureißen.

Auch DJs haben Groupies

Apropos zusammenreißen: Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen haben DJs eine enorme Anziehungskraft auf das weibliche Club-Publikum. Ist er klein, bebaucht, bucklig und hat Haarausfall? Egal! Er ist DJ und somit automatisch begehrenswert. Frauen, die ihre geölte Haut mit so wenig Stoff wie möglich bedecken, werden Abend für Abend am DJ-Pult stehen, deinen Freund anschmachten und ihm ihre Nummer zustecken wollen. Aber die Demütigungsskala kennt kein Limit und du wirst auch nach Feierabend ständig „alte Freundinnen aus dem Club" treffen, die deinen Freund ungefragt antatschen, ihm um den Hals fallen und nach vier Jahren Beziehung Dinge sagen wie: „Ich wusste ja gar nicht, dass du eine Freundin hast!" Während sich all diese Unverschämtheiten Abend für Abend vor deinem paralysierten Gesicht abspielen, musst du dich in Zurückhaltung üben, weil: ist ja sein Job.

Spätestens wenn man dich an die Clubkasse setzen möchte, solltest du rennen!

Die Lösung all der genannten Probleme scheint gefunden worden zu sein, indem man dir anbietet, dich an die Clubkasse zu setzen und zu kassieren. Im ersten Moment willigst du dankbar ein, denn du hast jetzt eine Funktion! Du wirst aber nicht bezahlt, und im Alkoholrausch korrekt Wechselgeld rauszugeben, entpuppt sich als mindestens genauso knifflig wie dein Matheabitur. Du versauerst nun also im vorderen Bereich und stempelst allerlei Menschen Handgelenke, während die Ladies im Balzmodus das DJ-Pult stürmen. Weiterhin kannst du dir sicher sein, dass du in der Funktion der Kassenfrau mindestens ein Mal fast von einem besoffenen Clubgast angekotzt oder dir deine Kasse beinahe gestohlen wird (weil du sie im Suff aus Versehen hast runterfallen lassen).

Nach dem Club ist vor dem Club

Du wirst diese katastrophalen Nächte eine Zeit lang mitmachen, irgendwann wirst du dich aber auf deine Würde zurückbesinnen und dich dazu entschließen, deinen Freund nicht mehr zu seiner Arbeit zu begleiten. Wenn du glaubst, das löst das Problem, hast du dich gewaltig geschnitten. Sämtliche Leute, die du bereits in Location XY nicht leiden konntest, werden früher oder später in euren vier Wänden sitzen und wahnsinnig wichtige Dinge bereden. („Wir hätten mehr als 40.000 Leute auf Facebook zu der Veranstaltung einladen müssen. Wir müssen unsere Promo-Strategie überdenken.")

Facebook wird zur blauen Hölle

Kleiner Tipp: Versuche Facebook-Aktivitäten deines Freundes künftig auszublenden, weil dein Puls bei jedem „Dein Freund ist jetzt mit Anna-Lisa, Mona und Gogo-Gisela befreundet", das in deinem Newsfeed aufploppt, locker auf die 200 Schläge pro Minute steigen wird. Schau dir auch keine Party-Fotos vom vergangenen Wochenende an, auf denen fragwürdige Selfies in Zusammenarbeit mit deinem Liebsten stattfinden. Versuche dich einfach für ihn zu freuen, dass er mit seiner Leidenschaft (Musik, nicht Club-Weiber!) Geld verdienen kann. Gelingt es dir nicht, mit einem ebenso zufriedenen Lächeln, wie er es auf den Lippen trägt, jeden Sonntag um 16 Uhr aufzuwachen und kalte Burger von gestern Nacht zu frühstücken, solltest du dich vielleicht lieber doch nach einem Bankkaufmann umsehen.

Also bitte: Siehst du künftig eine Frau am DJ-Pult, denk zurück an meine Worte. Diesen Logenplatz muss sie teuer bezahlen—wenn sie nicht gerade an die Kasse verfrachtet wurde. Ihr Blick wird Bände sprechen: Die Freundin vom DJ zu sein, ist nicht cool, sondern scheiße.

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Dieser Artikel ist vorab auf THUMP erschienen.

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