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Songs, die uns durch die Liebe versaut wurden

Als wäre Liebe nicht schon schwierig genug.
25.3.16

Gewisse Songs spülen, klingen sie irgendwo aus den Lautsprechern, bei jeder und jedem von uns gewisse Erinnerungen ins Bewusstsein. Manche, vielleicht die meisten davon, sind ganz angenehm. Da wird man plötzlich melancholisch, nostalgisch oder fällt mitten im Supermarkt auf der Suche nach Wattestäbchen einem Lachanfall zum Opfer, weil man bei "My Heart Will Go On" zwangsweise an seinen Mitbewohner denkt, der den Song nicht nur inbrünstig, sondern auch im roten Samtkleid an einem Karaoke-Abend performt hat.

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Daneben existieren für alle von uns aber auch Songs, für welche wir uns ein ewiges Abspielverbot wünschen würden, die am Besten in den Untiefen der Musikgeschichte verschwinden sollten. Nicht selten haben solche Songs mit der Liebe zu schaffen. Und nicht selten sind die Gefühle, die dabei in uns hochkommen, nicht gerade die, die wir uns wünschen.

Deswegen haben wir hier mal einen bunten Reigen an Songs zusammengestellt, die uns durch die Liebe versaut wurden. War die Redaktion anfangs noch begeistert davon, in den dunklen Ecken ihrer verdrängten Vergangenheiten zu wühlen, mussten wir dann doch hoch und heilig versprechen, keine Namen zu nennen.

R. Kelly – "The Storm Is Over"

Mittlerweile gibt es einige Gründe, warum man R. Kelly eher nicht mehr hört, warum man quasi einen Piss auf seine Musik gibt. Im Jahr 2000 war das anders. Space Jam war noch nicht so lange her und als ich mit meiner ersten richtigen Freundin (zum Ärger ihrer Eltern) die schulfreien Nachmittage komplett auf ihrem Zimmer verknutschte, dachte auch ich, dass ich fliegen könnte. Und wie das so ist: Aus Knutschen wurde Fummeln, aus fummeln wurde Petting.

Petting war damals ziemlich krass. Cheesy R'n'B-Musik auch. "The Storm is over" lief in Endlosschlaufe. Eigentlich hat sich der Sturm, auch genannt Pubertät, aber eher zusammengebraut. Trotzdem haben wir uns irgendwie nicht getraut unseren Früh-Teenager-Instinkten einfach nachzugeben und endlich Sex zu haben. Noch heute kriege ich ein unangenehmes "Ab unter die kalte Dusche!"-Gefühl wenn der Song irgendwo läuft. Wie mein brünstiges, 12jähriges Ich muss ich mich aber echt nicht mehr fühlen.

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Ach ja: Sex hatten wir dann irgendwann doch. Im Wald, damit keine Eltern das mitkriegen. Die Decke war zu klein und wir hatten panische Angst vor Spaziergängern. R.Kelly haben wir dazu nicht gehört. Zum Glück.

Philipp Dittberner & Marv – "Wolke 4"

Den Song zeigte mir mein damaliger (und heutiger) Ex-Freund. Nach der ersten Trennung und drei qualvollen Monaten des Herzschmerz hatten wir wieder zueinander gefunden. "Lieber Wolke vier mit dir, als unten wieder ganz allein" eben. Wir tanzten eng umschlungen in meinem Zimmer, lachten laut und knutschten wild auf dem Bett herum (was Frischverliebte beziehungsweise Wiederverliebte halt so tun, wenn sie alleine sind).

Wir waren so glücklich – für ungefähr 24 Stunden. "Der Moment, der die Wirklichkeit maskiert." Danach holte uns der Alltag wieder ein und wir stritten wie gewohnt wegen jeder kleinen Eifersüchtelei. Aber ich bin schon Mal zu tief gefallen und überspielte wie gewohnt jedes Anzeichen des Scheiterns unseres neuen Anlaufs. Bis mein geliebter Ex dann – einen Monat später – wieder mit mir Schluss machte.

"Denn ich hab nicht gesehen, was da vielleicht noch kommt, was am Ende dann mein Leben und mein kleines Herz zerbombt". Und obwohl ich dachte, dass wir lieber auf Wolke vier zusammen sein würden, war ich am Ende wieder unten und ganz allein. Und wie das mit verhassten Liebesliedern halt so ist, werden sie genau dann, wenn du sie am wenigsten hören möchtest, in jedem Radio gespielt. Danke für gar nichts, Welt.

Muse – "Sing for Absolution"

Ich kannte sie noch nicht so gut, eigentlich überhaupt nicht. Dass sie für die nächsten fünf Jahre der wichtigste Mensch in meinem Leben werden würde, hätte nicht mal Mike Shiva vorausgesagt. Sie war die beste Freundin einer Schulkollegin von mir. Irgendwann, als wir gemeinsam trinken gingen, machten wir aus, uns gegenseitig den traurigsten Song zu zeigen,, den wir kannten. Eine Woche später standen wir vor einem Club. Ich zog das erste Led Zeppelin-Album aus meiner Tasche, wegen "Baby I'm gonna leave you", sie eine Kopie von "Absolution" von Muse.

Um ehrlich zu sein weiss ich nicht mehr, ob sie "Endlessly" oder "Sing for Absolution" als traurigsten Song vorschlug, aber wenn ich mir das Album für diesen Beitrag wieder anhöre, kommt alles hoch. Der jugendliche Übermut, der jugendliche Weltschmerz. Die ersten durchzechten Nächte in ranzigen Bars, die zu lange geöffnet hatten und in denen ich zu oft zu lange sitzen blieb, wegen ihr. Weil die Losung "Wir gegen den Rest der Welt" lautete.

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Und weil sie nie nach Hause wollte, zurück in den Alltag, den sie nicht wirklich auf die Reihe kriegte. So ging es von der zwielichtigen Bar in den zwielichtigen Club und dann zu ihr nach Hause, wo wir in ihrem Zimmer den Rest des Koks noch hochzogen und dazu Sound hörten, Muse oder Manson oder Nine Inch Nails und überzeugt waren davon, als Einzige die Welt wirklich verstanden zu haben. Das war intensiv und aufregend – aber eben auch verdammt traurig, vor allem nach einer Weile.

Tom Waits – "Alice"

Eigentlich gehört hier auch noch "Cheers Darlin'" von Damien Rice dazu. Bei beiden Songs bin ich mir nicht so sicher, ob die Liebe sie mir, sie mir die Liebe oder ich mir selbst beides versaut habe. Beiden Songs sind meiner Meinung nach auch heute noch das Schönst-Traurigste, was männliche Musiker je fabriziert haben. In einer sich recht ähnlichen Art sind diese Songs der Ort zwischen Unrast, Trauer und Hilflosigkeit. Hören kann ich sie nicht mehr. Wenn sie angehen ist Schluss mit Männlichkeit und eine einsame Träne kullert in beiden Fällen über meine Wange. Der Grund dafür ist eine Nacht, die man durchaus als Tiefpunkt meines Lebens bezeichnen darf.

Ich hatte zufälligerweise meine (seit sehr Kurzem) Ex-Freundin in einer Bar getroffen das war der Anfang vom Ende. Ich bin vor Frust volltrunken – aber unbemerkt – meiner Ex und ihrem Neuen durch die Stadt gefolgt. Als das frische Paar in ihre Wohnung verschwand, habe ich weitergetrunken – Rotwein aus der Flasche. Ich hab mich mit Fremden geprügelt, über meine Schuhe gekotzt, durch die Stadt geheult, mit einer Fremden geknutscht, mich selbst dafür verachtet und bin schliesslich mit einem zerrissenen Hemd, einem blauem und einem verweintem Auge und blutigen Händen auf einer Parkbank aufgewacht. All das mit diesen beiden Songs im Ohr.

Tracy Chapman – "Baby Can I Hold You"

Wir waren 17 und sehr verliebt, wie man halt immer sehr verliebt ist dann. Mein Freund stand total auf Tracy Chapman – ich nicht. Er fühlte diesen Schmuse-Sound so richtig. Und mein Freund stand voll auf Musik beim Sex – ich nicht. Aber natürlich war dann Tracy Chapman auch sein Favorit beim Schäferstündchen und ich hab es über mich ergehen lassen. Mochte ich den Song damals schon nicht wirklich, finde ich ihn jetzt nur noch lame und ertrag es kaum, wenn ich es höre. Nicht wegen ihm. Wir sind immer noch Freunde und auch sein Musikgeschmack ist mittlerweile besser geworden.

"Baby can I hold you" versetzt mich einfach in die Zeit, als ich mit naiven sweet 17 noch dachte, ich müsse für die grosse Liebe auch seinen Musikgeschmack gut finden. Oder wenigstens so tun. Wir hatten übrigens auch Konzerttickets für Tracy Chapman. Dahin musste er dann allerdings mit einem Kumpel.

M83 – "Wait"

Eine Band, die ich wohl für immer mit einer verflossenen Liebe und meinem Scheitern in Verbindung bringen werde, ist (leider) M83. Vor einigen Jahren lernte ich einmal mehr die spannendste Frau der Welt kennen. Sie war bildhübsch, unangepasst und frech – aber auch verdammt kaputt.

Die ersten Wochen gaben wir uns noch richtig Mühe miteinander, brachten uns gegenseitig dazu, unsere Comfort Zone zu verlassen und freuten uns, die Realität des Anderen zu entdecken. M83 war ein Teil dieser Realität und die einzige Band, bei der ich ihr wirklich glauben wollte, dass sie sie liebt. Und so dachte ich jedes Mal an sie, wenn die Zufallswiedergabe von Spotify wieder einmal bei einem der epischen Synthie-Songs Halt machte.

Nach einigen Monaten wurde ich aber mehr und mehr zum Typen, der sie mehrmals täglich entweder von ihren impulsiven Panikausbrüchen runterholte oder aus ihren depressiven Löchern wieder hochzog. Gleichzeitig suchte sie paradoxerweise immer mehr Distanz. Zuerst versuchte ich, irgendwie damit klarzukommen. Man muss jedoch kein diplomierter Paarpsychologe sein, um zu ahnen, dass das auf Dauer kaum gut gehen kann und so entschieden wir uns inmitten dutzender ungelöster Konflikte, den Kontakt zueinander komplett abzubrechen. Was ich leider vergass war, M83 aus meinem Spotify-Account zu löschen und so verdanke ich der Band einige emotionale Flashbacks. Gedankt sei an dieser Stelle übrigens auch allen Regisseuren – und von denen gibt es nicht wenige – , die die Songs der Franzosen für den perfekten Soundtrack halten.

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