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1000 Gründe, warum 2016 musikalisch großartig wird (1 - 10)

2015 war ein fantastisches Musikjahr—allerdings nur für HipHop. 2016 dürfte um einiges abwechslungsreicher werden.

von Ayke Süthoff
08 Januar 2016, 3:45pm

2015 war das Jahr des HipHop. Kendrick Lamar hat sein sehnlichst erwartetes To Pimp a Butterfly veröffentlicht, A$AP Rocky hat mit seinem LSD-Trip gewordenen At.Long.Last.A$AP überrascht und Drake hat mit If You’re Reading This… ein Instant Classic als Mixtape veröffentlicht. Not to mention Action Bronson, Mac Miller, Logic, Earl Sweatshirt, Tyler The Creator, Future und so weiter und so fort. Und in Deutschland? Setzte Deutschrap unbeeindruckt seinen Siegeszug durch, was Helene Fischers Verdrängung von Platz 1 der Charts durch Kollegah erst im Dezember eindrucksvoll zeigte.

Was das alles angeht, kann 2016 kaum besser werden. Aber vielleicht wird dieses Musikjahr gerade wegen der Dominanz des HipHop-Games im letzten Jahr erst richtig spannend. Hier sind ein paar Gründe, warum 2016 heiß wird.

1. Der Druck ist vom Kessel

Diese erste kleine Kategorie gönnen wir einzig und allein dem Held aller Literaturkritiker, Menschenrechtler und HipHop-Poeten: Kendrick Lamar. K.Dot macht schon sein mehreren hundert Jahren Musik, aber mit seinem Album Good Kid m.A.A.d. City wurde er 2012 plötzlich zum größten Star und zugleich Heilsbringer des Rap. Man kann sich gar nicht vorstellen, welcher Druck vor der Veröffentlichung des Nachfolgealbums To Pimp a Butterfly auf Kendrick lastete. Das galt für Innovationskraft, Songwriting, Lyrics, Live-Performance, gesellschaftlicher Verantwortung und vieles mehr. Dass er unter diesen Voraussetzungen nicht nur ein Album auf allerhöchstem Niveau veröffentlichte, sondern auch eine unglaubliche Live-Performances nach der anderen aneinander reihte, ist Kendrick nicht hoch genug anzurechnen.

Was bedeutet das für 2016? Nichts anderes als größtmögliche Befreiung. Der Druck ist vom Kessel, Kendrick hat allen gezeigt, dass er der größte, klügste und bestaussehende Rapper der Welt ist. Jetzt kann er befreit ein paar Tracks raushauen, die nicht von der Diskriminierung ethnischer Minderheiten handeln, er kann ein paar Freedownloads über Soundcloud droppen, die in kein Albumkonzept passen müssen und er kann ein paar Gastverse spitten, die ganz nebenbei das Game zerstören. Kann nur geil werden.

2. Die großen Alben werden nicht enttäuschen

Kanye West wird dieses Jahr ein neues Album namens Swish veröffentlichen. Rihanna wird dieses Jahr ein neues Album namens Anti veröffentlichen. Drake wird dieses Jahr ein Album namens Views from the 6 veröffentlichen. Drake und sein „really big team“ werden sich dabei redliche Mühe geben, nach dem Verkaufserfolg von If You’re Reading This… auf höchstem Niveau weiter zu machen und eventuell auch die Kritiker auf seine Seite zu ziehen, die sich 2015 eher beim Hören von To Pimp a Butterfly die Hosen vollgejizzt haben. Die Erfahrung lehrt uns, dass Drake und sein Team noch immer abgeliefert haben. Rihanna hat bisher auch immer abgeliefert, zuletzt mit ihren Off-Album-Tracks „Bitch Better Have My Money“ und „FourFiveSeconds“. Für Anti arbeitet sie offenbar gerade mit Woodkid zusammen, ob für ein Video oder musikalisch, wissen wir nicht. Kann aber nicht schlecht sein. Apropos „ForFiveSeconds“—dass Kanyes neues Album mal wieder Standards setzen wird, da sind wir uns doch einig, oder?

3. Deutsche Nachwuchsrapper werden zu Stars

Wer im letzten Jahr die Euphorie bei dem eigentlich nur auf einer Nebenbühne stattfindenden Konzert von Karate Andi auf dem Splash erlebt hat, dürfte einen sehr eindeutigen Eindruck davon bekommen haben, welche Erwartungshaltungen nach dem Selfmade-Deal nun auf Neuköllns Finest lasten. Klar kann er scheitern, aber wenn nicht, haben wir hier den nächsten Deutschrap-Superstar.

Das gilt auch für SSIO, der mit seinem Charme, viel Witz und dem Rückhalt des Mantel tragenden Xatar 2016 so richtig durchstarten dürfte. Die Vorabsingle „Nullkommaneun“ macht jedenfalls schon mal richtig Bock auf den 29.01. SSIO pisst auf das Mic und ist trotzdem im Takt, Nuttööö.

4. Lang erwartete Alben werden endlich erscheinen (hoffen wir)

Lieber Frank Ocean, what the fuck!? Ziemlich genau heute vor einem Jahr war sich die Musikwelt komplett einig, dass 2015 das zweite Album Boys Don’t Cry erscheinen wird, du selbst hast angekündigt, dass es im Juli passieren wird. Ist es bekanntlich dann aber nicht. 2016 muss es dann ja wohl endlich so weit sein, oder? Mmmh?

Aber Frank Ocean ist ja nicht der einzige, der uns warten lässt. Das letzte Album eines gewissen James Blake ist ja auch schon drei Jahre alt, da kann man sich ruhig mal fragen, was zur Hölle der Typ eigentlich die ganze Zeit macht? Gilt genauso für Mount Kimbie, deren Longplayer Cold Spring Fault Less Youth 2016 ebenfalls sein Dreijähriges feiert. Die Herren könnten sich auch gern zusammentun und sich die Arbeit teilen, damit haben wir kein Problem.

Es gibt da noch ein paar Musiker, die sich ziemlich viel Zeit für ihre neuen Alben nehmen, aber 2016 veröffentlichen wollen: Santigold (vier Jahre), Animal Collective (vier Jahre), M.I.A. (drei Jahre), um nur ein paar zu erwähnen.

5. Wahre Indie-Helden legen nach

Apropos lang erwartet: Die letzten Alben von Yeasayer und Grizzly Bear sind ebenfalls 2012, also vor bald vier Jahren, erschienen. Mag ja sein, dass diese beiden Indiebands eine vergleichsweise kleine Fanbase haben, aber die ist ihnen treu ergeben. Die letzten beiden Alben setzten definitiv Standards und dass sich beide Bands viel Zeit für die jeweiligen Nachfolger ließen, ist ausnahmsweise kein Grund zum Meckern. Denn es ist davon auszugehen, dass sie diese Zeit genutzt haben, um ihre Musik ernsthaft nach vorn zu bringen. Yeasayer haben mit dem gerade veröffentlichten ersten Song vom neuen Album, „I Am Chemistry“, bereit den Spagat zwischen eindeutigem Yeasayer-Sound und ebenso eindeutiger Weiterentwicklung geschafft.

6. Australiens musikalischer Siegeszug ist nicht vorbei

RÜFÜS’ 2014er Album Atlas ging in der allgemeinen Wahrnehmung noch einigermaßen unter, Anfang 2016 gibt es kaum eine „Ones to Watch“-Liste ohne das australische Trio. Flume ist noch einen Schritt weiter, der Teaser auf sein neues Album sorgte Anfang der Woche für kollektive Herzrhythmusstörungen bei Musikjournalisten und -fans auf der ganzen Welt. Sollte das Album halten, was der Teaser verspricht, dürfte Flume 2016 endgültig durchstarten.

7. Die Alten sind noch nicht fertig

Das Comeback von LCD Soundsystem wird heiß diskutiert—darf man nach so einem vollmundigen und groß angelegten Abschied und fünf Jahren Pause einfach wieder anfangen, Musik zu machen als wäre nichts gewesen? Sind LCD Soundsystem nicht viel zu sehr dem Sound ihrer Zeit verpflichtet, als dass ein Comeback 2016 wirklich gelingen könnte? Berechtigte Fragen, selbst wir waren—trotz großer Zuneigung zur Band—angesichts der Comeback-Enttäuschung eher enttäuscht. Aber ich lasse mich von einem genialen Album gern vom Gegenteil überzeugen. Möglich ist alles, Frontmann James Murphy behauptet, er hätte in seinem ganzen Leben noch nicht so viele Songs geschrieben wie im letzten Jahr und hätte daher gar keine andere Möglichkeit, als neues Material zu veröffentlichen. Hoffen wir, dass er sein Maul nicht zu voll genommen hat.

Jemand, der sein Maul niemals zu voll nehmen würde, ist Thom Yorke. Hihi, kleiner Scherz. Bei der Frage, ob ein neues Radiohead-Album ein Grund zum Feiern oder vollkommen irrelevant ist, verhält es sich wie mit Religion: Du bist entweder dafür oder dagegen. Diskussionen bringen dich dann auch nicht viel weiter, also kannst du es auch sein lassen. Und da es nur einen Gott gibt (Thom Yorke) werdet ihr Ungläubigen schon sehen, was ihr davon habt, wenn ihr nach dem Tod in der Hölle schmort.

8. Die Ami-Rap-Sensationen warten in der zweiten Reihe

Drake, Kanye, Missy Elliot und das angekündigte Comeback-Album von Puff Daddy aka P. Diddy aka Piff Duddy aka Sean Combs dürften nach dem Rap-Überjahr 2015 die Aufmerksamkeit der Massen binden. Im Schatten der ganz Großen warten aber die eigentlichen Sensationen. Chance The Rapper hat in den letzten Jahren eine beträchtliche Anzahl von Gastversen auf höchstem Niveau gedroppt, sein erwartetes neues Album könnte ihm den großen Durchbruch bringen. YG hatte seinen Durchbruch mit dem Hit „My Nigga“ und dem anschließenden Album My Krazy Life, sein Zweitwerk wird entscheiden, ob er der nächste großer Rapper aus Compton, Pardon, Bompton wird oder ebenso schnell verschwindet, wie er aufgetaucht ist. Ganz nebenbei werden dann noch Alben von Szenegrößen wie Pusha T, Travi$ Scott und Lupe Fiasco erwartet.

9. Deutschraps alte Hasen wollen ihren Thron verteidigen

Casper wird mit großer Wahrscheinlichkeit dieses Jahr ein neues Album veröffentlichen. Ob das ein Grund zur Euphorie ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Klar ist, dass sich seit dem letzten Release 2013 schon wieder Einiges in Rap-Schland getan hat. Casper wird seinen Status verteidigen wollen und dafür viel Arbeit und Zeit investieren. Allein das ist schon vielversprechend.

Ähnlich geht es Marteria, wobei hier nicht unbedingt noch in diesem Jahr mit einem Album zu rechnen ist. Aus der Vergangenheit wissen wir, dass schon mal ein paar Jährchen Arbeit in ein Marteria-Album fließen und nach den letzten zwei Jahren mit großen Festivalgigs, riesigen Open-Air-Konzerten, langen Tourneen, einem Marsi-Album und einem ernsthaften gesundheitlichen Warnschuss kann es durchaus sein, dass Marteria sich und seinem Körper erstmal etwas Erholung gönnt.

10. Die besten Alben veröffentlichen die nicht vorhersehbaren Newcomer

Viele Musiker, denen 2016 laut diverser Musikblogs der Durchbruch zugetraut wird, geistern schon eine ganze Weile durchs Netz. Mura Masa etwa, der schon vor zwei Jahren ein Album veröffentlichte, aber in der Tat so viel Potenzial hat, dass da durchaus auch ein echter Massenerfolg möglich ist. Oder Jack Garratt, der auch schon auf diversen Newcomer-2015-Listen stand, und mit seinem im März erscheinenden Debütalbum tatsächlich durchstarten könnte. Auch der Name Rat Boy fällt aktuell ziemlich häufig, ein 19-jähriges Wunderkind aus Essex, das diverse Instrumente selbst einspielt und daraus etwas macht, das der Guardian als Indie-Hip-Hop-Rock bezeichnet. Nun gut.

Auch im deutschsprachigen Raum gibt es Newcomer. Yung Hurn erntet spätestens mit seinem Krocha Tape so viel Fame, dass er dem Status Newcomer fast schon entkommen ist. Ganz zu schweigen von Leuten wie LGoony oder Crack Ignaz. Haiyti wiederum dürfte noch nicht jeder da draußen kennen, schade eigentlich, denn der Dame können wirklich nicht viele das Wasser reichen. Außerhalb vom HipHop gucken wir äußerst gespannt auf Isolation Berlin, GOLF und Wyoming.

Aber die besten Newcomer kommen ja eh erst im Laufe des Jahres, bleiben wir also aufmerksam!

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