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Eine Typologie der YouTube-Kommentatoren

Eigentlich lesen wir gerne die Kommentare unter YouTube-Videos. Aber diese Typen machen uns das Leben echt schwer.

von Ben Park
19 November 2015, 12:00pm

Wann immer wir uns ein YouTube-Video anschauen, scrollen wir spätestens nach dreißig Sekunden nach unten, um uns die Kommentare zu dem Filmchen durchzulesen. Man will ja schließlich wissen, was die Fans von dem neuen Song, dem überlangen Interview oder dem verwirrenden Unboxing halten. Aber jedes verdammte Mal blicken wir dann in den asozialen Spiegel der Gesellschaft, den artikulierenden Bodensatz der Musikfans. Ernsthafte Diskussionen? Nicht auf YouTube. Respektvoller Umgang? Nicht auf YouTube. Wüste Beschimpfungen und beleidigende Witze? Nur auf YouTube! Nicht, weil sich jeder dazu berufen fühlt, eine Meinung zu haben und diese auch kundzutun, sondern weil jeder sich dazu berufen fühlt, irgendetwas ins Internet zu kotzen. YouTube-Kommentare lassen uns verstehen, warum sich manche Menschen freiwillig einweisen lassen, um nicht doch irgendwann mit einem Amboss bewaffnet blutrünstig durch die Stadt zu rennen.

Die Menschenhasser

Die Wissenschaft ist sich uneins, was genau Menschen dazu treibt, auf Videos von verhassten Musikern zu klicken, um diese und all ihre Fans dann zu beleidigen. Warum sollte man sich auch freiwillig in eine Kirche begeben, um den betenden Anwesenden zu sagen, dass Gott ein „dummer Spast“ ist? Welche Reaktion erwartet man sich davon—„Ach, stimmt ja, jetzt wo du’s sagst“? Trotzdem legen dieses nicht rational erklärbare Verhalten viel zu viele Kommentatoren an den Tag. So, als hätten sie das masochistische Bedürfnis, im Hass der anderen zu baden. Liebe Menschenhasser, bitte betrinkt euch bis zum Filmriss, ändert euer Google-und Mailpasswort und schaut nur noch die Videos, die euch wirklich interessieren: Fail-Compilations.

Die Fanboys

„Das geht Platin“, „Farid>Fler“ oder „Animus ist King“ sind gebräuchliche Floskeln die echte Fans unter absolut jedes Video ihrer Helden pappen—unabhängig davon, ob sie überhaupt gefragt wurden oder das Video länger als eine Minute gesehen haben. So macht man das halt als echter Fanboy, man supportet folgsam und blind. Erschwert natürlich allen, die sich ein Bild von der tatsächlichen Reaktion auf das Video machen wollen, das Leben extrem, ist aber Balsam in der Seele eines jeden unsicheren Musikers.

Die Hurensöhne

Eigentlich machen die Hurensöhne gar nichts falsch—außer, dass sie in all ihrer unbefleckten Gutmütigkeit naive Fragen stellen oder dem Künstler ein liebevolles Lob aussprechen. Eine solche Reinheit darf im Bordell und auch auf YouTube natürlich nicht existieren. Und so werfen sich alle anderen auf den verirrten Engel, um ihn unsanft zu entjungfern. Falls der auf diese Art Besudelte später selbst auf eine gute Seele trifft, wird er auch sie unsanft in die Gasse zerren. Ein Kreislauf der Hurensohnigkeit.

Die Musikfetischisten

In dem Video könnte gezeigt werden, wie Kollegah gegen Grim104 im Armdrücken verliert und trotzdem würden sich die Musikfetischisten nur darum scheren, wie der Song bei Sekunde 53 heißt. Als wüssten sie nicht, dass es in 99% der Fälle eh „Sandstorm“ von Darude ist.

Die Selbstverliebten

Eben die Leute, die ihre eigene Musik vermarkten wollen: „Cooler Track von Behemoth! Wenn ihr verträumte Singer/Songwriter-Musik mögt, guckt doch mal auf meinem Kanal vorbei und schaut euch meine Songs an. Abonniere auch zurück. xD“ Schon klar, in den unfassbaren Weiten von YouTube ist es schier unmöglich, die eigene Musik laut genug anklingen zu lassen. Immerhin hat doch jeder Star mal mit solchen Kommentaren angefangen. Nein? Na, dann machen das höchstwahrscheinlich nur Leute, wenn ihre Musik so richtig beschissen und überflüssig ist.

Die Hängengebliebenen

Jeder hat irgendwann einen schwachen Moment, in dem er sich nochmal das Video angucken will, das damals immer bei MTV lief. Einfach nochmal der alten Zeiten wegen. Ob das die jüngere Generation auch so geil findet, wie man selbst? Ein kurzer Blick in die Kommentare verrät, dass sich hier nur hoffnungslose Nostalgiker gegenseitig ins Gesicht wichsen: „Daumen hoch, wenn du diesen Song 2015 immer noch hörst“—wieso sollte man denn sonst auf das Video geklickt haben? Geht aber noch schmutziger: „Früher gab es eben noch gute Musik.“ Klar, eure Großeltern erzählen euch ja auch, dass in der DDR nicht alles schlecht war. Aber die sitzen auch mit gerunzelter Stirn vor dem Smartphone ihrer Enkel und raffen nichts—so wie ihr heute vor Spotify.

Die Tränendrüsendrücker

Manchmal können Songs zu Tränen rühren. Vor allem, wenn es tieftraurige Lieder über verflossene Liebschaften sind, und man selbst gerade in dieser kritischen Phase ist, in der es völlig ausgeschlossen erscheint, auch nur einen weiteren Atemzug ohne die angebetete Ex-Person zumachen. Dann identifiziert man sich mit dem scheinbaren Schmerz einer völlig fremden Person und salzt sich die Wangen ein. Warum man das aber unter einem Video mit „Dieser Song hat mich in einer sehr schweren Phase begleitet <3“ allen="" mitteilen="" muss?="" weil="" irgendwer="" ja="" schließlich="" das="" internet="" mit="" bedeutungslosem="" müll="" zuschütten="" muss—vor="" allem,="" wenn="" der="" song="" taylor="" swifts="" „i="" know="" you="" were="" trouble“="" ist. <="" p="">

Die Lemminge

„Daumen hoch, wenn du wegen Robin Schulz/Lena/Liont hier bist!“ Ach komm, kriecht doch bitte dahin zurück, wo ihr hergekommen seid. Niemand will wissen, wen ihr in eure Masturbationsfantasien einbindet und alles macht und anklickt, was eure Werbe-Helden euch vorgeben.