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Können wir mal über Pharrells Verse in Missy Elliotts „WTF (Where They From)“ reden?

Von der ersten Zeile an will man einfach nur seine Hand auf Pharrells Schulter legen und sagen: „Passt schon, Bruder. Lass einfach gut sein.“
18.11.15

Mit „WTF (Where They From“) hat Missy Elliottt wieder ihren Anspruch auf den Titel der unangefochtenen Königin des Rap geltend gemacht—eine Frau, deren gutes Gehör für erstklassige Produktionen und Auge für visuelles Design viele beeinflusst hat, aber bislang nicht wirklich übertroffen werden konnte. Mit dabei war Pharrell Williams, ein Mann, der uns wahrscheinlich noch lange als der beste Beatschöpfer seiner Generation in Erinnerung bleiben wird. Klingt nach einer sicheren Bank, oder? Und, ja, ist es auch.

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Aber dann haut Pharrell—der nicht altern wollende Beat-Pimp, der Mann mit einer Stirn so glatt wie Glas und absoluter Vorreiter in Sachen waghalsiger Hutmoden—seinen ‚Guest-Rap’ raus und dieser ist, nun, einfach absolut grauenvoll. Damit meine ich die Art von „die Nähte deiner Jeans geben bei einem Referat vor der versammelten Klasse den Geist auf“-grauenvoll; die Art von „mit drei frisch duftenden Pizzen in der Hand auf der Treppe ausrutschen“-grauenvoll; einfach schmerzhaft grauenvoll; so grauenvoll, dass sich beim Zuhören die Eingeweide verkrampfen. Pharrells Beitrag ist in etwa so, als hätte jemand aus dem achten Stock eine fette Bleikugel auf den Missy-Track fallen lassen, wonach er es nur noch mit Mühe und Not schafft, das schwerbeschädigte Wrack noch ins Ziel zu bringen.

Offensichtlich hat Pharrell lange das bequeme Leben eines erfolgreichen Mannes gelebt, der sich nie die Worte „Nein“, „Sag so was nicht“ oder „Vielleicht solltest du auf dem Track besser nicht rappen“ anhören musste. Seine Tage als Rapper werden zunehmend dunkler wie das langsam erlöschende Batterielicht einer elektrischen Zahnbürste, der der Saft ausgeht. Wir haben es hier mit Bars zu tun, die so tief im Inneren der selbstgeschaffenen Blase geschrieben wurden, dass man die Duftnote des Schaumbades förmlich noch riechen kann.

Was ist nur mit dir passiert, P? Du warst doch mal der Typ. Du hast es sogar fast geschafft, Von Dutch zu einer irgendwie akzeptablen Modemarke zu machen. Du hast Leute dazu verleitet, den mehr als zweifelhaften Robin Thicke fast eine Minute lang zu mögen. Ja, du warst nie ein wirklich guter Rapper, aber immerhin wusstest du bislang sehr gut, wie du das vertuschen konntest. Du hast hier und da mal beiläufige Verses voll mit belanglosem Blabla rausgehauen—oft nur aus Eigennutzen, natürlich, aber harmlos und meistens mitreißend.

Von der ersten Zeile an—„I come in this bitch like a liquid“—will man einfach nur seine Hand auf Pharrells Schulter legen und sagen: „Passt schon, Bruder. Lass einfach gut sein.“ Er hat gerade erst mit Mühe und Not das Debakel mit „Blurred Lines“ überstanden: Auf der einen Seite Marvin Gayes rechtmäßig angepisste Verwandtschaft, auf der anderen Seite die ebenso rechtmäßig angepissten Menschenmassen, die sich an dieser unverhohlenen und tanzflächenkompatiblen Verherrlichung übergriffigen Verhaltens störten. Man könnte eigentlich davon ausgehen, dass er sich jetzt schlauer anstellen würde.

Sein Flow bedient sich beim Schlimmsten von Chuck D und filtert das Ganze dann durch sein eigenes, pharrellianisches Jaulen—die Augen weit aufgerissen, verzweifelt nach einem Ghostwriter flehend, der ihn vor sich selbst rettet. Irgendwann behauptet er in seinem Verse „Lyrically I’m Optimus Prime“ und es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich ein paar Fragen zu stellen. Die drängendste davon ist folgende: Wenn Opitmus Prime laut der unfehlbaren Wikipedia „konsistent als eine Figur mit starkem, moralischem Charakter, exzellenten Führungsqualitäten und besonnenen Entscheidungsfindungsfähigkeiten dargestellt wird und als jemand, der über ein erstklassiges Gespür für militärische Taktiken besitzt, Kampfkunst beherrscht und über fortschrittliche Alientechnologie verfügt“, ja, warum haut Pharrell SOFORT danach eine Line wie „Look how I drive, look at my ride/When I go by, smoke in your eyes/So open your eyes, the joke’s on you guys” raus? Optimus Prime würde nie und nimmer so eine Zeile vom Stapel lasse— eine Reimfolge, die derartig nach Rap-Baukasten klingt, dass sie jeder Amateur mit dem kleinsten Funken Selbstachtung ganz schnell wieder von seinen iPhone-Notizen gelöscht hätte.

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An diesem Punkt muss man sich wirklich fragen, was Pharrell dabei geritten hat, weiterhin Raps zu Tracks dieses Kalibers abzuliefern. Dass er bei dem fetten Beat seine Finger mit im Spiel hatte, hört man deutlich heraus: minimalistische Melodie, drückender Bass, dahinjagende Percussions und—da ist es am auffälligsten—seine eigene Stimme, die pausenlos „Yeah!“ und „Hey!“ ruft. Dort ist Pharrell wirklich in seinem Element—seine Stimme ist kratzig, prägnant und fügt sich überhaupt tadellos zwischen den Beats ein. Sobald es aber über ein kurzes, energisches „Ow!“ hinausgeht, bricht alles in sich zusammen.

Wenn sich jemand das Recht verdient hat, auf seinem eigenen Kram zu singen und sing-rappen, obwohl er darin nicht besonders gut ist, dann wohl Pharrell. Aber es gibt für alles den richtigen Ort und die richtige Zeit. Das hier ist keins von beidem. Wir sollten an dieser Stelle doch nicht darüber reden müssen, wie Pharrell den Track versaut. Wir sollten viel mehr die Rückkehr von Missy Elliott feiern—einer 44 Jahre alten Raplegende, die fünf Grammys gewonnen und 30 Millionen Platten verkauft hat—, die hier ihr Comeback mit einer erstklassigen Platte und einem genialem Video macht.

Vielleicht haben wir auch einfach mit dem zu tun, was wir von Gastbeiträgen von Künstlern zu erwarten haben, die so lange im Geschäft sind wie Pharrell. Eine Leistung, die derartig nachlässig, lustlos und routinemäßig runtergespult wird, dass sie wirklich nur noch von dem guten Ruf getragen wird, den ihr Schöpfer früher einmal hatte. Jemand, der seit 40 Jahren Tag ein Tag aus den gleichen Job gemacht hat, führt seine Arbeit auch nicht mehr mit dem gleichen Elan wie früher aus, oder?

Auf Missys „WTF (Where They From)“ ist Pharrell der ergraute Kneipenkoch—auch, wenn du Geschichten aus den 80ern über seine ruhmreiche Vergangenheit als Michelin-Sternekoch in Paris gehört hast, wird das trockene Würstchen und die labbrigen Pommes, die dich traurig und nicht besonders appetitlich von deinem Teller anstarren, auch nicht leckerer. In diesem Sinne: Mahlzeit.

Du kannst Sam Diss auf Twitter folgen—@SamDiss

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