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Warum die Guns N´Roses-Reunion das Unnötigste überhaupt ist

Hier steht, was unser Autor von der Guns N´Roses-Reunion hält. Nämlich nichts. Gar nichts.
5.1.16

Foto via Flickr | Ed Vill | CC BY 2.0

Hier steht, warum die Reunion von Guns N'Roses eher scheiße ist. Welche angekündigte Reunion dafür super ist: Die hier.

Marktwirtschaft bedeutet: Wenn Kunden bereit sind mehr zu bezahlen, musst du mehr verlangen. Dass sich Rock and Roll von einer Rebellion zu einer Nostalgiemaschinerie verwandelt hat, ist auch der Ticketmafia nicht entgangen. Zuerst Led Zeppelin, dann Black Sabbath und jetzt das Main Event, auf welches wir schon seit 21 Jahren warten: Guns N´Roses haben sich wiedervereinigt.

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Nicht wirklich wiedervereinigt, denn die Band hat sich ja nie aufgelöst, aber wieder doch, weil alle zuvor Zerstrittenen durch den Heiland Kapital zur Nächstenliebe bekehrt wurden. Natürlich waren Guns N´Roses eine wichtige Band. Natürlich haben sie das beste Hard-Rock-Album der Menschheitsgeschichte veröffentlicht, das Image einer Ära der Musikgeschichte geprägt und die Selbstdemontage neu definiert. Die Geschichte wurde dann leider fortgesetzt mit abgesagten Shows, Memes über Axls Körperfülle, den Social-Media-Stunt einer anderen Firma) und der fast schon trotzigen doch noch Veröffentlichung des teuersten Albums überhaupt.

Jetzt stellt sich die Frage: Mit was für einem Biest an Reunion haben wir es hier also zu tun? Willkommen beim Geschäftsmodell „Rentner-Rock“.

Heute ist der typische Neuwagenkäufer über 50, da er als einziger noch dem wahren Mittelstand angehört und genug Geld für etwas mehr Komfort als einen alten 2er hat. Schaltpanele in neuen Autos sind groß, einfach, konservativ, und eigentlich gleich seit 20 Jahren. Wie die Headliner von Rockfestivals.

Besagte Post-50er haben auch keine Hemmungen, absurde Summen für Bands zu bezahlen, welche von Journalisten mit Wörtern wie „landmark“,„era-defining“ oder gar dem gefürchteten „amazing“ gebrandmarkt werden. Bonuspunkte, wenn in den 80ern die Eltern die CD nicht kaufen wollten. Es sind dieselben Musiker, dieselben Songs, dieselben visuellen Gimmicks, aber ist das noch Rock? Wann hat das letzte Mal die Musikpresse kollektiv ihren Verstand verloren, als jemand seine Altersvorsorge in einen besonders profitablen Fond transferiert hat? Das ganze „Rentner-Rock“-Modell ist nämlich nichts anderes: Rentenkasse füllen für 80er-Rebellen.

Wir glorifizieren hier den baldigen lauwarmen Aufwärm des Mediums einer alten Rebellion. Rock mockt sich selbst und wir spenden tosenden Beifall. Wir lesen Nachrichten darüber und eifern dem Termin entgegen, an welchem endlich die Privatschule inklusive College für die Band-Kinder finanziert ist. Wir gaffen sensationsgeil, ob sich Axl auf der Bühne die Blöße gibt und warten bis abstinente, finanziell abgesicherte Familienväter uns Songs übers Herumhuren und Drogennehmen vorspielen.

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Alle Nachrichtenportale berichten über jede noch so vage Information zum wirtschaftlich durchkalkuliertesten Ereignis der Rebellionsgeschichte des Rocks, garantiert inklusive einer „Axl hat doch keine Lust“-Versicherung. Ich will niemandem eine gesunde monetäre Ambition schlechtreden, denn in der Musikindustrie liegt das Geld wirklich nicht mehr auf der Straße, jedoch ist das ganze Aufbauschen der nüchternen Tatsachen nichts anderes als ein logischer Kreisschluss des „wir finden es wichtig, weil wir es wichtig finden“. Hier wird alles, wogegen Rock rebelliert hat, zum wichtigsten aktuellen Großereignis der Musikgeschichte forciert.

Was wir wissen: Guns N´Roses werden auf dem Coachella 2016 in einer fast klassischen Konstellation spielen. Guns N´ 2016 Roses bestehen aus den Haupthünen Slash und Axl, den für die Fans wichtigen Zusätzen Duff und Dizzy, und ein paar nicht relevanten Überresten von Axl N´ The Previous Roses. Es scheint, als wäre eine 4/6-Reunion des klassischen Line Ups genug, um die Geldtaschen der Zielgruppe zur Schnappatmung zu versetzen. Was wird passieren? Guns N´Roses werden eine durchgeprobte Show ohne große Überraschungen und vielen Hits spielen. Die Urteile werden von desaströs bis respektabel für das Durchschnittsalter der Band ausfallen, Twitter wird sich kollektiv fragen, wer zur Hölle dieser Guns N´Rose ist. Nothing to see here, please move along.

Nach all dem Hate sei gesagt: Ich will Reunions nicht per se schlechtreden. Das Led Zeppelin one off-Konzert wurde durch die Bank als taktvolle Hommage der Band an ihre eigene Geschichte gewürdigt und 2011 war das Coachella die Bühne für die von mir persönlich lange erwartete Wiedervereinigung von Death From Above 1979. Warum hacke ich dann hier so auf Axl herum? Weil das Coachella von Männern geheadlinet wird, welche nur noch eine lukrative Ehrenrunde drehen. Weil hier krampfhaft versucht wird, einer unfreiwilligen Parodie künstlerische Relevanz zuzusprechen.

Es gibt höchstens monetäre Relevanz. Es stellt sich die Frage, warum du diesen Artikel liest, anstatt den Business Insider. Ich plädiere dafür, dass wir unser Live-Interesse an „Era Defining“-Acts in besagter Ära belassen. Es gibt Bands (New Order, Sonic Youth), welche es geschafft haben, sich durch die Jahrzehnte taktvoll zu modernisieren, ohne eine Parodie ihrer selbst zu werden, leider blieb Guns N´Roses dieser Feat verwehrt. Das Ganze ist keine Rock-Rebellion, sondern teure Repetition. Meiner Meinung nach sollte G'n'R einfach als komplettes Hologramm ihres jungen Selbst auftreten, zusammengeschnipselt aus Tonspuren und Amateurvideos alter Live-Auftritte, produziert von ein paar findigen New Media-Informatikern, als Meta-Kommentar des heutigen Zeitgeists. Denn genau das ist es was alle wirklich wollen: Ein era-defining piece of art, ausgestellt in seiner alten Glorie, ungetrübt vom Zahn der Zeit und der Geschichte.

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