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Wie es ist, im Waldviertel als Wirtshauskind aufzuwachsen

Nein, es gab nicht jeden Tag Spaghetti Bolognese oder Pizza.

von Lisa Schneider
20 Juli 2016, 8:50am

In Amerika sagen sie "Bar Babies" zu uns. Foto via Flickr | Dan4th Nicholas | CC BY 2.0

Wirtshauskind klingt wie eine Bezeichnung aus dem vorigen Jahrhundert. Ich muss außerdem dazusagen, dass meine Eltern ein Kaffeehaus inklusive eines kleinen Hotels im nördlichen Waldviertel betreiben, kein richtiges Gasthaus. Ich hätte meinen Papa interviewen können, der noch so richtig als Wirtshauskind groß geworden ist, er hat mit beziehungsweise in einer Bierkiste gehen gelernt, kein Witz. Aber hey, der Spirit ist derselbe. Außerdem: Sonntagsschnitzel gab es eh trotzdem.

Als ich drei Jahr alt war, hat mein Papa den Betrieb von seinem Vater übernommen—und dass das auch räumlich Privat- und Arbeitsbereich vereint, hat meine Kindheit ziemlich stark geprägt. Es ist schon sehr cool, wenn man am Wochenende nach dem Aufwachen mal in die Küche streift und so ziemlich alles vorfindet, was ein gutes Frühstücksbuffet eben so hergeben sollte. Ich bin sozusagen zum Gourmet erzogen worden.

Die blöde Frage, ob wir uns immer eines der Gerichte aussuchen durften, die auf der Speisekarte stehen, ist mir aber oft genug gestellt worden. Ein für alle Mal: Meine Mama ist genauso sauer, wenn sie den Wünschen dreier Kinder entsprechen soll, die sie im Trubel eines Sonntagmittagsgeschäfts einfach nur gehörig nerven. Auch Wirtshauskinder gehen ihren Eltern auf den Wecker. Surprise.

Schnitzel! Für viele auch ein Symbol für Familie und Liebe. Foto via Flickr | RaSeLaSeD - Il Pinguino | CC BY-SA 2.0

Abgesehen also vom Schlaraffenland, was das Essen angeht, hat es auch noch weitere Vorteile, einen Gastronomiebetrieb sein Zuhause zu nennen. Man hat irgendwie nie den Stress, den andere Mitschüler am Land haben, einen Ferienjob zu suchen. Ich musste nie im Lagerhaus als Erntehelfer dienen (als ob ich das überlebt hätte), nicht im örtlichen Supermarkt Regale einräumen. Gut, einmal hab ich im Freibad Kassadienst gehabt, sprich, alle Freunde eingeladen und den ganzen Tag in der Sonne gesessen. Knochenjob also.

So sieht es im Wirtshaus meiner Eltern aus.

Das Privileg, mit der eigenen Familie zusammenarbeiten zu dürfen, hat man als Wirtshauskind also schon mal save. Auch das hat mein Denken über Menschen im Allgemeinen geprägt. Dass ich mich jetzt eher in die misanthropische Kategorie Mensch einordnen würde, hat aber eher mehr mit den Gästen als mit meinem Papa zu tun, der eben Chief war und nach wie vor ist. Papa ist eh der lockere Typ, mit dem es eigentlich immer Spaß gemacht hat. Außer, wenn man dann Teenie wird und es nichts Schlimmeres gibt, als wenn jemand aus der eigenen Schule plötzlich auf der Terrasse sitzt und ein Eis bestellt—und man genau denjenigen bedienen soll. Was habe ich für Tränen des Schmerzes und der Erniedrigung geweint.

Je älter man wird und je mehr Sommerferien man auf Schicht ist, wie ich das professionellerweise nenne, desto dicker wird die Haut. Die Stammgäste kennen einen, als Mädchen bzw. junge Frau, das oder die nicht total entstellt durchs Leben geht, ist es auch interessant, die veränderte Umgangsformen vor allem männlicher Gäste zu beobachten. Das geht auf einer Skala von unangenehm bis supergrindig. Zwei goldene, eh logische Regeln in diesem Fall: keine kurzen Röcke, keine tiefen Ausschnitte. Ah, an dieser Stelle: ich habe jedem von euch in den Kaffee, das Bier oder das Schlagobers neben der Mohntorte gespuckt oder gerotzt (je nach Verkühlungsgrad), ihr widerwärtigen Lustmolche.

So hat es vor 100 Jahren ausgesehen.

Was vor allem als Kind halt einigermaßen zach ist: Die Eltern haben natürlich wochenends—sowie an den Feiertagen und gerade im Sommer nicht frei. Das Wochenende wäre nicht das Hauptproblem, ich hatte nicht vor, gemeinsam mit meinen Eltern den ersten Klopferrausch zu erleben oder mit ihnen gemeinsam am Dorffest den Macarena zu tanzen. Wie gesagt, unser Papa war eh sehr cool drauf und hat uns auch mitten in der Nacht aus der Pampa abgeholt– nur wir drei waren ja auch nicht komplett egoistisch und verzogen.

Wenn man merkt, dass Papa eh schon fertig vom Arbeiten ist und am nächsten Tag nicht bis Mittag ausschlafen kann, fragt man ihn nur jede zweite Woche, ob er vielleicht den Chaffeur spielt. Mama hat sich da interessanterweise aus dem Business gezogen. Ich glaube, sie wollte lieber die sein, die dann früher als alle anderen aufsteht, um zu zeigen, dass Ausgehen etwas Böses ist—ich vergebe dir, Mum.

Wenn deine Eltern im Sommer arbeiten, heißt das für dich, dass du nicht auf Urlaub fährst. Meine Eltern waren halbwegs streng—und ich wäre ehrlich gesagt in meinen Teens auch nicht auf die Idee gekommen, jetzt mit Freundinnen oder dem derzeitigen Gspusi, mal so auf Urlaub zu fahren. Auf Instagram hätte es damals von mir also traurige Selfies gegeben, die mich beim Geschirrspülereinräumen oder Kaffeemaschinebedienen zeigen, während die anderen sich am Strand vergnügen.

Zach ist das halt auch an Feiertagen. Ich steh nicht auf große Familienfeste, weil ich—und jetzt kommt die Altersweisheit, ähem—nach wie vor daran festhalte: Familie sind die Leute, die ich mag und die ich mir aussuche. Aber die meisten von diesen Großevents davon zu verpassen, ähnlich wie Hochzeiten oder sonstige Feiern, die eben am Wochenende stattfinden, hat unseren familiären Zusammenhalt vielleicht ein bisschen limitiert. Im großen Kreis. Im kleinen ist er umso enger geworden. Das hat sich auch erst im Laufe der Zeit herauskristallisiert, und dafür bin ich sehr dankbar.

Unterm Strich ist es natürlich nicht immer wahnsinnig lustig, in einem Gastronomiebetrieb aufzuwachsen. Man lernt aber von früh an viel übers Daily Life, wenn die Eltern einfach selbstständig sind und keinen Beamtenjob haben, der sie eh immer absichert. Man lernt, sich greifbare Ziele zu setzen und umso stolzer auf etwas zu sein, das man selbst erschaffen hat. Und das ist auch, was ich von meinen Eltern gelernt habe—und wieso ich mich nicht als Wirtshauskind, sondern als selbstständig erzogenen jungen Menschen bezeichnen würde.

Meinen Eltern war es nicht wichtig, mir mitzugeben, dass die Gastronomie das Tollste auf der Welt ist. Ist sie nämlich definitiv nicht. Viel Heuchlerei, viel Arschkriecherei gehört hier dazu. Ich bin sehr stolz auf meine Eltern und die Individualität, die sie mit ihrem Betrieb im Waldviertel aufgezogen haben, die einzigartig und so gut wie sonst nicht zu finden ist. Weil ich eben weiß, mit welchen Arschlöchern man sich teilweise herumschlagen muss und dass man oft—persönlich und finanziell—mehr einstecken muss, als man zurückbekommt.

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