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"Ich brauch den ganzen Scheiß nicht" – Alexander Hacke von Einstürzende Neubauten im Interview

Alexander Hacke spricht mit uns über Gentrifizierung, das Ende des Undergrounds und die Zukunft der Online-Nomaden.
22.5.16

Das legendäre Mitglied der Einstürzenden Neubauten hat seit sechs Jahren mit seiner Frau, die US-amerikanische Musikerin und Multimediakünstlerin, Danielle de Picciotto ein ganz neues Leben begonnen: Sie haben ihr Haus in Berlin verkauft, seitdem reisen sie als Nomaden rund um die Welt. Das Paar hat ihr erstes Album Hitman's Heel schon vor fünf Jahren herausgebracht, mit ihrer aktuellen Platte Perseverantia (Standhaftigkeit) möchten sie eine neue Richtung für enttäuschte Künstler vorgeben. Sie spielen am Sonntag Abend in Wien, unter dem Motto "Um wirkliche Euphorie zu erleben, muss man früher oder später alles loslassen".

Noisey: Die Idee der kulturellen Revolte in Europa hat sich in den vergangenen zwei Jahren drastisch verändert. Was ist passiert? Danielle de Picciotto: An erster Stelle die Gentrifizierung, was ich schon in den Neunzigerjahren gemerkt habe. Davor war es ganz anders, im Moment scheint es mir so, als ob der Profit fast wichtiger als der Inhalt geworden ist. Wenn man Sachen nur nach Profit beurteilt, dann verendet die Kultur komplett, die Priorität liegt auf dem Geld. Ich bin eine Amerikanerin, ich habe das Ergebnis in Amerika selbst erfahren. Und man sieht heute, was für ein Land Amerika geworden ist. Erschreckend.

Alexander Hacke: Ich glaube das Internet war der Wendepunkt. Es ist großartig, dass wir über Kontinente Ideen miteinander kommunizieren und an Projekten arbeiten können. Es ist aber auch ein niemals endender Sturm, nicht nur von Information sondern auch von Ablenkung. Die Menschen bekommen gleichzeitig zu viele Informationen und können sich nicht mehr auf eine Sache konzentrieren. Sie sind in Gedanken immer woanders.

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Wie kann man gesund Online zu sein?

D.P.: Durch das Internet ist es möglich, dass Leute ohne Geld ihre eigene Stimme haben, nicht so wie früher. Online zu sein bedeutet freier zu sein. Man kann ganze Platten aufnehmen, seine eigene Werbung machen, man kann sich um internationale Verbindungen kümmern, man kann politisch sein. Die Schattenseite ist, dass man im Internet etwa gar kein Geld verdienen könnte, wenn der die Anforderungen von Massen ignoriert. Aber neue, merkwürdige Kunst ist immer gegen die Massen.

A.H.: Die generelle Stimmung hat sich in der Szene verändert. Früher waren wir die Generation von Individualismus und Nonkomformität und es war unheimlich wichtig gegen das System und gegen Kommerzialisierung zu sein. Heute ist es viel wichtiger zu einer bestimmten Gruppe zu gehören und geliebt zu werden. Die meisten Künstler heutzutage kämpfen für eine ganz andere Art von Erfolg, ihre Ambitionen sind sich nicht ähnlich. Ich glaube, es ist immer schwieriger, gegen den Strom zu schwimmen.

Ist es ein Muss als Künstler immer gegen etwas zu sein?

A.H.: Kunst darf nicht wegen Profit gemacht werden. Kunst muss wegen Kunst gemacht werden. Wenn man eine Vision hat, dann kann man gültige Kunst erstellen und wenn dieser Kunst verkauft wird, ist es ja gut. Man soll aber auf keinen Fall etwas nur darum machen, um zu verkaufen oder wenigstens, das Ergebnis Kunst zu nennen. Es gibt ein extremen Unterschied. Die finanziellen Umstände sind dramatisch: In Berlin geht's noch, aber London, Paris, New York und Los Angeles sind so teuer, dass es keine Option für jemanden ist da Künstler zu sein, wenn man seine Miete bezahlen möchte.

Viele der Berliner Generation haben nicht nur die Stadt sondern auch Europa—so wie ihr—verlassen. Warum?

D.P.: Vor dem Mauerfall konnte es ja vorkommen, dass man sein Leben durch Kultur bezahlt. Heutzutage geht alles um den Profit. In den achtziger Jahren habe ich eine Wohnung mit dreihundert Quadratmeter in Berlin für 50 Mark pro Monat gemietet. Dafür musste ich einmal pro Woche in einem Café arbeiten, sonst konnte ich mich mit meinen Kunstwerken beschäftigen. Das macht einen Unterschied. Obwohl, ich würde nicht sagen, dass Berlin schon kaputt ist. Berlin bleibt immer noch auf der Liste der Städte, wo man als Künstler, ohne mindestens vier Nebenjobs überleben kann.

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A.H.: Berlin ist immernoch auf alle Fälle die billigste und künstlerfreundlichste westeuropäische Haupstadt. Da kannst du immer noch als freibeschäftiger Musiker oder Künstler leben, das kann man so festhalten. Aber die Idee der Stadt ist leider verschwunden. Solche Worte, wie Solidarität oder kommunales Denken sind negative Worte geworden. Deswegen ist es doch wichtig, dass man sich noch daran erinnert, was der Unterschied zwischen Berlin vor dem Mauerfall und nach der Wende ist. Es gab da ein Netzwerk von Solidarität, wo man sich untereinander geholfen hat, untereinander unterstützte. Diese Gemeinsamkeit ist schon verschollen.

Was für eine Lebensanschauung soll man in dem neuem Sound von euch bemerken?

A.H.: Mit diesen Sound haben wir tatsachlich die Methode gefunden, wie wir unsere Nomadenleben am besten beschreiben kann. Seit 2010, sind wir immer unterwegs. Wir schreiben, spielen und nehme manchmal Musik unter freiem Himmel auf. Wir spielen draußen, wie Straßenmusiker und das beeinflusst unseren Sound. Die Stücke auf der neuer Platte klingen jetzig sehr traditionell und sehr konventionell. Das Projekt baut auf dem freiem Spiel zwischen Danielle und mir. Das funktioniert sehr gut.

D.P.: Die Platte geht um die Verwandlung, das kann man merken. Diese Musik ist wie der Soundtrack unseres Lebens.

Wie soll man eure Nachricht interpretieren?

A.H.: Wir haben vor sechs Jahren angefangen, mit diesem Lebensstil uns loszulösen. Wir haben uns schon von vielen materiellen Dingen getrennt, die waren Ballast für uns. Du verbringst einen großen Teil deiner Lebenzeit damit, Geld anzuschaffen, das du dann benutzt, um Dinge anzuschaffen, für die du dann verantwortlich bist. Du steckst voller Energie Verantwortlichkeit für dich herzustellen. Von vielen Dinge haben wir uns gelöst und dann kann man mir euphorischer Stimme sagen: Ich brauch den ganzen Scheiß nicht! Dieses Gefühl von Loslassen, von Freiheit ist etwas, wonach ich seit einer langen Zeit in meiner Musik gesucht habe.

Danielle de Picciotto und Alexander Hacke werden am 22. Mai in B72 auftreten.

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