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Diese 2003er MTV-Performance war der vielleicht größte Moment der modernen Popgeschichte

Das hier war mehr als ein pseudolesbischer Speichelaustausch zwischen Popstars. Dieser Auftritt hat eine ganze Generation geprägt.

von Daisy Jones
13 Juli 2016, 12:58pm

Die meisten von uns erinnern sich wahrscheinlich noch an den Kuss zwischen Madonna und Britney Spears, weil die Szene ständig in irgendwelchen einfallslosen Rückblickformaten auftaucht. Der Moment ihrer für einen Sekundenbruchteil vereinigten Zungen, ist mittlerweile so oft recycelt und widergekäut worden, dass man dabei fast vergisst, dass es sich damals wirklich so zu zugetragen hat—und dass Menschen anwesend waren, die diesen Moment live und in Echtzeit miterlebt haben. Aber ganz genau so ist es gewesen. Um die wahre Bedeutung dieses Moments wirklich zu erfassen, müssen wir 13 Jahre in der Zeit zurückreisen. Zurück zu diesen sublimen Moment der Dekadenz, als der billige Schick der Klatschmagazine und die Popikonographie zu etwas verschmolzen, das man nur einen der größten Momente der modernen Musikgeschichte bezeichnen kann. Ernsthaft, das war ganz großes Kino. Das war mindestens 10.000 Mal besser als dieser Augenblick bei den Billboard Awards, als Miguel zwei Zuschauerinnen auf den Kopf gesprungen ist.

Der Kuss allein hat eine ganze Generation geprägt, dabei hat der Auftritt selbst so viel mehr zu bieten als den pseudolesbischen Speichelaustausch zwischen Popstars. Ich würde tatsächlich so weit gehen, das Aufeinandertreffen der beiden Lippenpaare als den irrelevantesten Moment dieser großartigen fünf Minuten zu bezeichnen. Zuerst einmal ist das Medley, das Madonna, Britney Spears, Christina Aguilera und Missy Elliott zum Besten geben, so unfassbar gut, dass uns sofort eine Invasion Premium-Pop-hungriger Aliens ins Haus stehen würde, würden wir es als Signal ins All schicken. Es war ein Auftritt, der so bezeichnend für einen bestimmten Ort und eine bestimmte Zeit war, dass du beim Zuschauen fast wieder in SARS-Panik verfällst oder die Cargo-Hosen von damals an deinen Beinen spürst. Dieser Auftritt war ein durch und durch prägender Moment für 2003. Aber bevor ich hier Kopfüber in das Material eintauche, schau dir das formidable Spektakel doch bitte noch einmal selbst in seiner ganzen Glorie an:

Siehst du das? Ganz genau, das ist Glamour und Brillanz am laufenden Band. Erst rollen Britney Spears und Christina Aguilera in aufeinander abgestimmten Hochzeitskleidern Bouquet-schwingend über die Bühne. Dann fährt Madonna gekleidet wie eine okkulte Domina aus einer dreistöckigen Hochzeitstorte empor, zieht Christina das Strumpfband aus und küsst beide Stars nacheinander mit Zunge, bevor dann Missy Elliott rappend (ja, rappend!) mit „YO! YO! YO! WHO DA BEEEAT?!” einem Publikum vorgestellt wird, das entweder ekstatisch ausrastet oder einfach nur perplex und überwältigt ist. Ich weiß wirklich keinen heißeren Moment in der ganzen Popgeschichte. Aber fassen wir nicht bloß stumpf weiter die Ereignisse zusammen. Gehen wir lieber richtig tief ins Detail und unterziehen diese Perle der Popgeschichte einer eindeutigen Analyse—Szene für Szene.

Szene A) Avril Lavigne und Kelly Osbourne

Noch nie hat ein Bild unsere Teenagerjahre besser zusammengefasst, als Avril Lavigne und Kelly Osbourne nebeneinander im Publikum wie zwei Goths beim familiären Weihnachtsessen. Trotz ihrer Baggy-Jeans und den „Uäh, Pop ist so lahm, ich rupf mir Löcher in meinen Pulli“-Gesichter sollte man nicht vergessen, dass Kelly nur ein Jahr zuvor ihre eigene Interpretation von Madonnas „Papa Don’t Preach“ veröffentlicht hatte, und dass Avril Jahre später eine glänzenden Popkarriere einschlagen würde, deren Dreh- und Angelunkt der klägliche Versuch war, den Erfolg von Britney Spears und Christina Aguilera nachzueifern—bevor sie dann einen Mann mit dem Charisma eines ranzigen Joghurtlöffels heiratete und seitdem eigentlich nur noch mit höchst fragwürdigen Musikvideos auf sich aufmerksam macht.

Szene B) Mary J. Blige hat ein ernsthaftes Problem mit Christina Aguilera

Das ist das Gesicht, das Mary J. Blige macht, als Christina die Bühne betritt. In ihrem Blick liegt so viel Verachtung, wie man sie sonst nur einer Person zukommen lassen würde, die dir die Autoreifen zerstochen, mit deinem Mann gevögelt und dich generell wie Scheiße behandelt hat. Es ist ein Gesichtsausdruck, der eindeutig sagt: „Komm mir nicht in die Quere, Bitch, denn ich bin Mary J. Blige!“ Vielleicht ahnt sie hier schon den Streit voraus, der zwei Jahre später zwischen ihr und Christina ausbrechen würde, als Xtina ihr ihre Hand mit einer Aufforderung zu einem Handkuss hinstreckte, woraufhin Mary sie als „unhöflich“ bezeichnete (das ist wirklich so passiert). Oder vielleicht hasst sie auch einfach Hochzeiten. Wie auch immer, auch hier ist sie wieder extrem angepisst zu sehen. Jemand sollte unbedingt einen Angepisste-Mary-Tumblr starten.

Szene C) Justin Timberlakes Reaktion auf Britneys und Madonnas Kuss

Diese Reaktion sagt mehr als tausend Worte. Und ich weiß partout nicht, warum wir erst jetzt darüber sprechen. Für etwas Kontext: Der Auftritt war etwa ein Jahr, nachdem Britney Justin betrogen hatte und ein paar Monate nachdem er seinen Trostsong „Cry Me a River“ veröffentlicht hatte. Ich glaube allerdings nicht, dass Britney hier irgendwelche Flüsse heult. Sie ist viel zu sehr damit beschäftigt, Madonna ihre Zunge in den Hals zu schieben. Von irgendwelchen Flüsse wirklich keine Spur, außer vielleicht in der einen oder anderen Hose (sorry, der musste sein).

Szene D) Paris Hilton und Lindsay Lohan

Aaaawwww, hier ist die junge Lindsay Lohan zu sehen, bevor sie zu einer Schmuck klauenden Präsidentschaftsanwärterin wurden. Und hier ist die junge Paris Hilton, bevor sie nach Ibiza auszog, um eine der bestbezahlten DJs der Welt zu werden. Die beiden hier zusammen nebeneinander tanzen zu sehen, wie Statistinnen in der Abschlussballszene einer durchschnittlichen RomCom, löst in mir so viel Gefühle aus, dass ich sofort meinen Job kündigen und nach Beverly Hills ziehen will, um dort meine Lebensmitteleinkäufe in diesen großen, braunen Papiertüten nach Hause zu bringen und ein Affäre mit mindestens einem Gärtner anzufangen. Allerdings: Was zur Hölle trägt Lindsay hier bitte? Ich wiederhole: Was zur verdammten Hölle trägt Lindsay hier eigentlich? Ich weiß, es ist 2003 und man trägt seine Haare wie ungekochte Spaghetti, läuft in ausgeblichenen Jeans mit Bootcut rum und wirft wahllos und völlig ironiefrei mit dem Wort „Word“ um sich, aber ist das wirklich eine Entschuldigung für das da? Ich weiß ja nicht. Sie sieht aus, als hätte sie sich von den Outfits in The Sims: Hot Date inspirieren lassen und wäre dann in eine verfrühte Midlifecrisis verfallen.

Szene E) Snoop Dogg, der die ganze Zeit kichert, als würde er sich YouTube-Videos von träumenden Hunden anschauen

Ich würde ja gerne in dem Glauben bleiben, dass Snoop Doggs durchgehendes Gekicher einfach nur eine natürliche Reaktion auf die zunehmende Absurdität des ganzen Spektakels ist. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass er einfach unfassbar bekifft ist.

Szene F) Eminem und 50 Cent wissen nicht, was sie von all dem halten sollen

Ich auch nicht, ’nem und 50. Ich auch nicht.

Und endlich: Szene G) Können wir einfach mal anerkennen, wie unendlich heiß das alles ist?

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