Im Deutschrap und auch sonst herrscht gerade vor allem eins: Langeweile—Ein Kommentar von Staiger

„Zwar müsste die Bewährung von Fler ja so langsam vorbei sein, aber wie zu erwarten war: Es passiert trotzdem nichts und wie im Rap, so ist es auch im Rest der Gesellschaft“

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13 Mai 2016, 10:43am

Nix los in der Musikwelt. Zwar müsste die Bewährung von Fler ja so langsam vorbei sein, aber wie zu erwarten war: Es passiert trotzdem nichts und wie im Rap, so ist es auch im Rest der Gesellschaft.

Nach den Aufregern der letzten Wochen, scheint die Welt den Atem anzuhalten. Die Flüchtlingskrise wurde dank Grenzzäunen und Tränengaseinsatz entlang der Balkanroute und dank des EU-Türkei Abkommens erfolgreich ausgelagert. Die panisch errichteten Erstaufnahmelager leeren sich langsam und Seehofer und Merkel streiten sich öffentlich darüber, wer denn nun die besseren Abschottungstricks auf Lager hatte. Der Bundestag erklärt mit den Stimmen von CDU/CSU und SPD Algerien, Tunesien und vor allem auch Marokko zu sicheren Herkunftsländern und alle Beteiligten sind erstmal froh, dass man die Hungerleider aus dem Süden, erstmal wieder auf Abstand halten konnte. Hauptsache man sieht das Elend nicht.

Nach einer unfreiwilligen Pause kehrt der der Schutzheilige der Meinungsfreiheit Jan Böhmermann wieder zurück ins ZDF und der „Spiegel“ beschwert sich über den langen Montechristo-Bart, den der Moderator sich in seiner gefühlt vierjährigen Medienpausen-Gefangenschaft auf einer Gefängnisinsel hat wachsen lassen.

Unterdessen verwechselt die AfD Hamburg in ihrem Kommentar zum Hamburger Hafenfest, auf dem sie von mehreren #Linksradikalen beschimpft wurde, den Rapper Swiss mit der Band slime. Offensichtlich stark erregt, beschwert sich die neue völkische Volkspartei darüber, dass Antidemokraten vom Hamburger Senat finanziert werden, was ihr aber schon längst bekannt sein dürfte, schließlich erhält die Antifa, wie jeder Pegida-Teilnehmer schon immer wusste, doch ohnehin eine monatliche finanzielle Zuwendung vom Staat—und zwar von Sigmar Gabriel persönlich. Auf jeden Fall tut sich die Alternative aus Hamburg ein wenig schwer mit ihrer Beschwerde und konnte sich offensichtlich nicht auf ein einheitliches Wording innerhalb ihres Postings einigen, wobei sie zwischen beleidigt sein und der Verteidigung der Meinungsfreiheit schwankte. Nachzulesen ist diese Posse auf der Seite von Michel Abdollahi, der aus purer Langeweile eine kleine Chronik darüber abgefasst hat.

Trotz aller Häme sollte man allerdings nicht vergessen, dass sich die AfD in dieser Zeit des Stillstands in den Umfragewerten ganz solide stabilisiert und dass leider bei den kommenden Wahlen im Herbst mit ihr zu rechnen sein wird. Die Taktik, die Alternative für Deutschland lediglich als dämlich und Partei der Idioten darzustellen, verfängt hier genauso wenig wie in Amerika, wo es den Anhängern von Donald Trump offensichtlich vollkommen egal ist, dass dieser den Terroranschlag von 9-Eleven mit der Supermarktkette 7-Eleven verwechselt. „I was down there on 7-Eleven“ erklärte er während einer Rede, worüber sich dann zwar das Feuilleton lustig macht und auch darüber, dass er sich in seiner ersten außenpolitischen Rede nicht klar darüber werden konnte, ob die USA in Zukunft „unberechenbarer“ werden müssten oder „verlässlicher“ in Sachen Weltpolitik.

Trump, mit seinen konservativen Werten und der reaktionären Rhetorik hat trotzdem Zulauf, weil die Leute eben glauben, dass wenn sie wieder politisch unkorrekt wie in den 50er und 60er Jahren sein dürfen, sie dann auch wieder Beschäftigungsverhältnisse wie damals haben werden. Denn genau das ist das Versprechen von „Make America great again“, ganz genauso, wie wenn sich die AfD gegen Frauenquote und aggressive Emanzipation ausspricht, weil dann alle glauben, dass man wieder von einem einzigen Gehalt eine Familie ernähren können wird, wenn die Frauen wieder zurück in die Küche geschickt werden. Ein Irrtum.

Das Land macht also gerade mal Pause. Germany's Next Topmodel ist gelaufen und der Eurovision Song Contest noch nicht gestartet. Im Internet kursiert ein Video von Xavier Naidoo, in dem er einen alten Samy-Deluxe-Song neu interpretiert und darüber haben die Truther, die das Ding online stellen, die dramatischen Worte „Xavier Naidoo-Weck mich auf—UNZENSIERT“ geschrieben.

Wie die Behauptung in die Welt kam, der Sender Vox hätte das Video nur in zensierter Form ins Netz gestellt, weil er zu viel „Wahrheit“ beinhalte, lässt sich heute nicht mehr genau sagen, aber die Internetgemeinde sprang sofort darauf an und teilte das Video wie wild, aus Angst der Staatsschutz könnte eingreifen und das Lied wegen seiner Sprengkraft aus dem Netz nehmen. Dabei ist es inhaltlich voll auf Regierungslinie, denn schließlich wollen beide Künstler, der Xavier und der Samy in der dritten Strophe erstmal im Bundeskanzleramt anrufen, damit dieses die Probleme klärt. Damals als der Song geschrieben wurde, regierte Gerhard Schröder und das ist dann auch die einzige textliche Änderung, die Xavier Naidoo in seiner neuen Version vorgenommen hat, nämlich, dass er in diesem Fall eben mit Frau Merkel sprechen möchte.

In der Fernsehaufzeichnung sieht man, wie tief die anderen anwesenden Künstlerinnen und Künstler, von Nena über Boss Hoss, bis hin zu Samy Deluxe himself, tief beeindruckt sind. „Gänsehaut“ ist dann auch der Kommentar, der am öftesten unter dem Video zu lesen ist. Das gefällt den Leuten, wenn man mal so richtig betroffen sein kann und denen da oben sagt, was sie alles besser machen müssten. Auf die Idee, Frau Merkel anzurufen und ihr mal auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: „Jetzt reicht‘s aber auch mal mit dem Regieren. Wir kriegen das jetzt auch alleine hin. Vielen Dank“, kommt keiner. Auf die Idee, sich wirklich mal politisch zu organisieren, um nicht nur die da oben abzusägen, um andere da oben einzusetzen, sondern das Ganze „da oben“ mal abzuschaffen, kommt ebenfalls keiner. Darüber nachzudenken, die Dinge in die eigenen Hände zu nehmen, indem man sich auf lokaler Ebene zusammenschließt und erstmal darüber bestimmt, was vor der eigenen Haustür passiert und wie man seine Nachbarschaft jenseits von Staat, Macht und Nation organisiert, darauf kommen noch nicht einmal die Freiesten unter den Künstlern.

Aber genau das könnte man doch mal machen in so einer Zeit, in der ansonsten nicht viel passiert.