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Kanal K, Radio Lora und Co. haben mir den Glauben an den Rundfunk wiedergegeben

Für Musik-Liebhaber sind die meisten Schweizer Radiosender eine Zumutung. Zum Glück gibt es aber auch andere.

von Daniel Kissling
13 August 2015, 12:00pm

Foto: Flickr | kumsval | CC BY 2.0


Radio hören, das ist etwas für Bünzlis, für Mainstream-Nasen, für die Musik bloss Gaudi ist und Hintergrund und eben nicht Kunst. Radio hören jene, die auf die Frage „Was hörst du für Musik?“ antworten mit „Ich mag eigentlich alles.“ Radio hören deine Eltern und deren Eltern und all jene, die ihre CD's im Ex Libris kaufen, wenn überhaupt. Auf jeden Fall aber nicht du. So dachte ich jedenfalls als Teenager, als 15-jähriger Heavy Metal-Fan.

Ich kannte die drei Schweizer Staatssender (DRS1 für meinen Vater, DRS2 für meine Grosseltern, DRS3 für meine jung gebliebene Mutter und meine Pop hörende Schwester) und ich kannte die privaten Radios lokaler Prägung, wovon einer mittlerweile das Argovia-Fäscht organisiert und das sagt ja eigentlich schon alles. Die selben 30 Songs den ganzen Tag lang, dazwischen aufdringliche Werbung, banale News und höchstens, wenn das Publikum Wünsche anbringen konnte, vielleicht einmal AC/DC oder, wenn sie ganz frech drauf sind, Rammstein.

So hörte ich meine Platten und der „FM/AM“-Knopf auf meiner Stereoanlage setzte Staub an. Eines Abends jedoch war mir nach Experimentieren. Ich stellte das Radio ein und liess die Sender-Suche laufen: das übliche, platte Gedudel, Rauschen, anderes plattes Gedudel, wieder Rauschen, wieder Gedudel, wieder Rauschen und dann: zwei verpeilte Typen, die irgendetwas laberten.

Foto: Flickr | laffy4k | CC BY 2.0


Ich kann mich nicht mehr erinnern, was da genau ablief, aber was ich unter dem Begriff Radio kannte, war meilenweit davon entfernt. Da plapperten zwei Jungs in Mundart drauf los, verhaspelten sich, lachten darüber, fluchten vielleicht sogar mal. Und erst als sie sich an die Hörerschaft wandten, von einem Wettbewerb sprachen, war ich überzeugt, nicht zufälligerweise auf einem fälschlich gesendeten, privaten Funksignal oder so gelandet zu sein. Kanal K, so hiess der Sender, den ich damals entdeckte und mit ihm die so skurrile, wie bunte Welt der freien Kultur- und Alternativ-Radios.

Wenn man einschaltete, konnte man nie wissen, was einen erwartete: eine Metal-Sendung (was ich hoffte)? Eine Live-Übertragung aus einem Konzertlokal der Region? Eine auf serbisch moderierte Sendung mit eben solcher Musik? Eine Diskussion zum Thema Umweltschutz? Oder eben doch einfach zwei Typen, die Promo-Preise an Frau oder Mann bringen wollen, das aber mangelnder Beteiligung nicht wirklich schaffen? Alles war möglich.

Und ist möglich, denn die freien Sender, dieses in allen möglichen Farben leuchtende Klang-Biotop, schillern heute kräftiger als ich dazumal hätte erwarten können. Und zwar nicht nur in Form von Kanal K: 18 Sender zählt UNIKOM, die Union nichtkommerzieller Lokalradios, heute und das trotz chronischer Geldknappheit, denn Werbung muss man sich auf diesen Kanälen praktisch keine anhören.

So zappe ich mich—dem Internet sei dank, denn die Ätherreichweite all dieser Radios ist regional beschränkt—, während ich diesen Artikel schreibe, durch die Sender und damit durch die halbe Schweiz. Und musikalisch durch die ganze Welt. Ich entdecke auf Kanal K (ich komme halt aus Olten) eine französische Garage-Psych-Band namens Destination Lonely, auf Radio 3fach aus Luzern den mir etwas zu gefälligen Soul von Leon Bridges und auf dem Winterthurer Radio Stadtfilter die düsterere, dringlichere Version von Joan As Police Woman.


Foto: Flickr | John Atherton | CC BY 2.0


Auf Radio X aus Basel wird mir „Cosmic Serpents“ der südafrikanisch-niederländischen Combo Skip&Die als Album des Monats angepriesen, dem ich nur zustimmen kann, und auf dem Zürcher Vorreiter Radio Lora—1981 als Piratenradio begonnen, seit 1983 mit Konzession am Senden und seit 1990 durchgehend—erklärt mir ein stockender Moderator, dass die „O-o-o-Obama-Administration“ Israel trotz Meinungsverschiedenheiten Munition geliefert habe, um den Gaza-Streifen zu bombardieren. Und als danach eine Ska-Punk-Nummer abgespielt wird, stoppt diese nach 20 Sekunden abrupt. Zu fröhlich für dieses ernste Thema, befindet der Moderator mit einem Seitenhieb auf seinen Kameraden in der Regie.

Es ist dieses Unperfekte, das Spontane, das die freien Radiosender neben einer liebevollen Soundauswahl von Musik-Nerds so sympathisch macht. Im Vergleich zur amateurhaften Naivität vor 10 Jahren, als ich diesen abseitigen Kosmos entdeckte, kommen die heutigen Radiomacherinnen und -macher zwar richtiggehend professionell daher, nicht zuletzt dank modernisierter Technik, internem und externem Schulungsangebot. Bei einem hauptsächlich auf Freiwilligenarbeit basierenden Konzept jedoch wird sich nicht jede leicht überforderte Schweigeminute ausmerzen lassen und das ist auch gut so.

Foto: Flickr | Fabrizio Sciami | CC BY 2.0


18 Sender sind wie erwähnt Teil von UNIKOM. Ich muss zugeben bei Weitem nicht alle zu kennen. Und mit ein paar Klicks stelle ich fest, dass ich auch nicht alle kennen muss. Vibration 108 bringt Mainstream wie die Privaten, das Walliser Iischers Radio gerade ein schmalziges Country Special. Auf Fréquence Banane aus Lausanne jedoch lassen die Australier Architecture in Helsinki gerade ihren elektronischen Indie Pop glitzern.

Wie wohl der Streit zwischen Moderator und Musikverantwortlichem auf Radio Lora ausgegangen ist? Eine Expertin spricht dort immer noch vom Nahost-Konflikt, darauf folgt Musik. Eine orientalische Flöte, eine Gitarre, treibendes Getrommel, Gesang in einer mir nicht geläufigen Sprache, möglicherweise türkisch. Dem Moderator scheint es besser zu passen, er unterbricht nicht. Und ich höre weiter, gespannt, was als nächstes kommt.

Weitere Informationen und Links zu allen freien Radios der Schweiz findest du auf der UNIKOM-Homepage.


Daniel Kissling zu seiner neuen Entdeckung Skip&Die gratulieren kannst du auf Twitter.


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