„Das ist eine Förderplattform und nicht wirklich Pay To Play.“

Die Unsitte, dass sich Bands Konzerte erkaufen müssen, ist in der Schweiz angekommen.

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12 Oktober 2015, 4:00pm

Foto: Flickr | just grimes | CC BY 2.0


Das Prinzip ist so alt wie die Musik (und vielleicht sogar der Mensch) selber: Leute haben Bock auf Sound, wollen tanzen, mitsingen, feiern. Aber jemand muss diesen Sound erst machen und wenn möglich, dann sollte der auch noch ein wenig wissen, wie das so funktioniert. Also schliesst die Gesellschaft einen Deal ab: Du singst und klimperst und trommelst für uns, dafür geben wir dir was vom Mammut ab, das wir erlegt haben.

Ein Tauschhandel wie er im Buche steht und eigentlich läuft das heute immer noch so ab, einfach professionalisierter. Und damit komplizierter. Zwischen Musikant und Publikum haben sich Label, Booker, Veranstalter und Techniker geschaltet. Alle wollen sie eigentlich das Gleiche wie früher, wollen Musik-hungrige Menschen mit Musik machenden Menschen zusammenbringen. Und dafür ein bisschen was mitverdienen, vom Mammut-Steak abbekommen.

Was nun aber tun, wenn man von seinem Happen vielleicht nicht einmal mehr den wortwörtlichen Hunger stillen kann? Die wenigsten Musiker können von ihrer Kunst leben, genauso geht es allen anderen Beteiligten. Das war zwar schon immer so—das Bild vom Hungerkünstler kommt nicht von ungefähr—, doch scheint der Verteilkampf heute noch härter geworden zu sein. Und damit die Waffen, mit denen gekämpft wird. Auch in der Schweiz.

Bisher ging es auf unserer Insel der Glückseligen wie so oft etwas entspannter zu und her. Ähnlich wie beim Arbeitsmarkt sind die durchschnittlichen Gagen—auch für kleine Bands—höher, die Bedingungen (Catering, Unterkunft, Technik, Gratis-Schnaps) angenehmer. Natürlich ist auch das Leben hier teurer, aber gerade für ausländische Bands wirkte und wirkt die Schweiz wie eine Oase in der Wüste. Immer öfter finden aber auch im beschaulichen Bergparadies Methoden Anwendung, die bisher nur aus dem Ausland, den USA oder Deutschland, bekannt waren.

Auf Facebook posteten vor Kurzem gleich zwei meiner Freunde, die beide als Manager und Techniker mit Metalbands hier und rund um die Welt unterwegs sind, Rants, in welchen sie sich über das Phänomen Buy-in-Slots enervierten. Ein anderer Ausdruck dafür: Pay to Play—Zahlen fürs Spielen. Bands kaufen sich ihren Platz im Billing (als Support einer berühmten Band in einem renommierten Club oder an einem Festival). Oder in unserer Metapher formuliert: Du darfst Musik machen, wenn du mir vorher ein Mammut erlegst.

Screenshot: Facebook


Die Gründe, warum Veranstalter solche Deals machen, liegen auf der Hand: Risiko minimieren, Kosten abwälzen, Gewinn maximieren—jeder Betriebswirtschaftler wäre stolz auf sie. Doch warum machen Bands bei solchen Spielchen mit? Die Antwort: Hoffnung! Hoffnung, dass der Gig auf einem grossen Festival die Karriere befeuert. Hoffnung, dass einen die grossen Idole mit auf Tour nehmen werden, wenn man für sie den Support macht. Hoffnungen, die mittlerweile scheinbar auch in der Schweiz geschürt werden.

Klar sei es hierzulande noch eine Minderheit an Veranstaltern, aber es würden immer mehr, meint mein (Manager-) Kumpel, der anonym bleiben will („Wenn du sowas erwähnst, wirst du gleich geächtet"). Explizit geht es dabei um das Bridge Blast Festival in Herisau, ein zweitägiges Open Air mit internationalen Headlinern und an die 1000 Besucher. „Falls du Interesse für die Buy-ins hast, dürft ihr euch gerne via HP bewerben", zitiert er aus dem Antwort-Mail auf seine Konzertanfrage.

Auf der Festival-Homepage wird die Sache in einem Formular genauer ausgeführt:

Auszug der offiziellen Vereinbarung des Bridge Blast Festivals und den Bands

Ob das fair sei, frage ich Raouf Selmi, Hauptverantwortlicher vom Bridge Blast per Telefon. Er könne die ganze Aufregung überhaupt nicht verstehen: „Wenn die Bands ihre Tickets verkaufen, verdienen sie mehr, als sie an vielen Orten als Fix-Gage erhalten würden. Wir bieten kleinen Acts die Chance, vor grossem Publikum, mit namhaften Headlinern zusammen auf der Bühne zu stehen. Das ist eine Förderplattform und nicht wirklich Pay to Play."

Und wenn sie ihre Tickets nicht verkaufen? Dann karren sie ihr ganzes Equipment an, eröffnen das Festival vor leerem Platz und lassen sich das auch noch ordentlich was kosten. „Wir lassen keine Band im Regen stehen", meint Selmi dazu, „Bis zu einem bestimmten Termin können Bands ihre nicht verkauften Tickets wieder zurückbringen. Ich erlebe aber oft kleine Bands, die sich einfach nicht drum kümmern und auch sonst keine Promotion für sich machen. Das geht so halt auch nicht."

Machen es sich die Bands mit ihrer Forderungen nach fixen Gagen also zu einfach? Mein hatender Facebook-Kumpel sieht das anders: „Es ist nicht der Job einer Band, für finanziellen Ausgleich zu sorgen. Das Festival/Der Club/Der Organisator ist zu einem guten Händchen verpflichtet", meint er. Ausserdem bringe diese Tickets zu verkaufen auch den Bands nichts: „So Buy-in-Scheiss generiert eine künstliche Nachfrage, die es sonst nicht geben würde. Mami und Tante kommen nach dreissig Minuten Bequatschen vielleicht einmal mit, aber eben nur einmal. Das bringt langfristig nichts."

Diese Tickets würde man schnell los—Foto: Flickr | Patrick Subotkiewiez | CC BY 2.0


Raouf Selmi kann verstehen, dass nicht alle bei seinem Konzept mitmachen wollen, gibt den schwarzen Peter aber auch gleich weiter: „Wir kommunizieren unseren Deal transparent, im Gegensatz zu den grösseren Clubs in Deutschland oder grossen Festivals wie Greenfield oder Gampel. Dort wird Pay to Play schon seit Jahren praktiziert, um sich die überrissen teuren Headliner leisten zu können."

Kleine Schweizer Bands berappen ihre mässig geilen Slots am Mittag, wo eh das Gros der Festivalbesucher noch verkatert im Zelt schnarcht, damit dann am Abend alle zu Rammstein, abgehen können? Bei der Greenfield Festival AG verweist man mich an den deutschen Konzert-Riesen FKP Scorpio, der über 20 Festivals in halb Europa programmiert und ich kann mir das durchaus vorstellen. Als ob die irgendein Interesse daran haben würden, einen Newcomer-Act aus Zürich oder Langenthal zu supporten, denke ich mir.

Am Telefon werde ich abgewimmelt—Presse-Anfragen bitte per Mail, heisst es. Nur ein paar Minuten nachdem ich die Vorwürfe dann abgeschickt habe, klingelt schon mein Handy. Am anderen Ende sitzt Stephan Thanscheidt, Geschäftsführer des Giga-Veranstalters, und kann es kaum fassen: „Ungeheuerlich! Gerade das Greenfield Festival ist ein Vorbild in Sachen Newcomerförderung"; sagt er, „Von Anfang an war es dabei immer unser Konzept, neben etablierten Acts auch jungen Bands einen Platz zu geben. Mit der Greenfield Foundation haben wir sogar eigens eine Stiftung dafür gegründet."

Ob er von anderen Open Airs wisse, die Pay to Play anwendeten? Thanscheidt verneint. Seines Wissens täte das keines der grossen Schweizer Festivals, auch das Gampel nicht. Natürlich wisse er um die Existenz solcher Methoden, doch seien das meist eher „obskure Veranstaltungen". Und vor allem mittelgrosse Bands, die ihre Support-Acts zur Kasse beten würden.

Wahrscheinlich etwas günstiger als ein Nightliner—Foto: Flickr | Mickey | CC BY 2.0


Dass nicht nur Veranstalter, sondern auch Bands, die ihren Zenith bereits überschritten haben, auf dem Buckel der Jungspunde wirtschaften (ein Nightliner kostet rund 1000 Euro am Tag), bestätigen sowohl meine Tour erprobten Freunde als auch Raouf Selmi vom Bridge Blast. Letzterer hat sogar schon einmal erlebt, wie ein von ihm für eine Clubshow gebuchter Act auf eigene Faust nach lokalen Bands gesucht hat, um so noch etwas dazu zu verdienen.

Was das nun über die Verbreitung von Pay to Play in der Schweiz aussagt? Jeder kennt es, keiner macht es (wirklich). Und profitieren tut am Ende auch niemand davon. Die kleinen Bands nicht, die für etwas Geld ausgeben, wofür sie eigentlich welches bekommen sollten, die Veranstalter nicht, die so ein Programm finanzieren, das gar niemanden interessiert und das Publikum nicht, das eine Band nicht wegen ihrem Können, sondern wegem Cash vorgesetzt bekommt.

Der Grund jedenfalls ist klar und ist derselbe wie seit tausenden von Jahren: Das Mammutfleisch reicht nicht für alle. Weil die Gesellschaft ihren Musikern zu wenig gibt? Weil es falsch verteilt wird? Oder weil mittlerweile zu viele Musiker davon essen wollen?

Nachtrag:
Nachdem ich den Artikel zum Gegenlesen an die jeweiligen Gesprächspartner geschickt hatte, teilte mir Raouf Selmi mit, das sie nach der letzten, erfolgreichen Ausgabe des Bridge Blast beschlossen hätten, die Ticket-Deals mit den Bands in Zukunft nicht mehr zu machen. In einem Mail an die aufgetretenen Bands zeigen sich die Veranstalter enttäuscht über das mangelnde Engagement der Acts und dass diese zum Teil die von ihnen gekauften Tickets massiv unter Preis verschachert hätten. Der Unmut über die Verhältnisse scheint (auf beiden Seiten) zu wachsen.

Kissi philosophiert weiter über Musikgeschäft und Mammutfleisch auf Twitter.

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