Die Nerven tanzen Barfuß durch den deutschen Scherbenhaufen

Die Nerven machen das Private politisch und überlassen die Investoren den Goldenen Zitronen.

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29 September 2015, 1:24pm

Für eine relativ junge Band haben Die Nerven bereits einen langen Weg hinter sich. In nunmehr fünf Jahren Bandgeschichte entwuchsen die Stuttgarter dem dortigen Underground, wurden unfreiwillig Teil einer neuen Welle deutschsprachiger Rockmusik und dafür überschwänglich gelobt. Trotzdem verloren Max Rieger, Julian Knoth und Kevin Kuhn nie die Bodenhaftung. Stattdessen besannen sie sich auf das, wofür sie „den ganzen Scheiß machen“—die Liebe zur Musik. In unzähligen Nebenprojekten erweiterten sie ihren musikalischen Horizont, gingen jeweils neue Wege und spielten doch immer irgendwie zusammen. Ein Umstand, den man dem nun erscheinenden Drittwerk Out anhört. Darauf sind Die Nerven noch immer die klangliche Urgewalt, die die Feuilletons der Republik durchschüttelte. Aber erwachsener, dynamischer, bedachter—und einfach besser. Out könnte das werden, wofür Spiegel Online schon den Vorgänger Fun hielt: „Eine der wichtigsten deutschsprachigen Platten des Jahrzehnts.“

Noisey:All diese Gewalt, Wolf Mountain, mein Favorit Biblis A. Wie laufen eigentlich eure ganzen Nebenprojekte?
Kevin: Von Wolf Mountain gibt es etwas neues. Auf dem Backcover der neuen Platte ist ein Nacktfoto von mir, als Kaufanreiz quasi. Am Merchandise-Stand gab’s seit der Veröffentlichung ein paar nette Momente. Viele Leute haben sich das Booklet angeschaut und als sie das Foto gesehen haben, wanderte ihr Blick mit einem mitleidigen Lächeln zu mir. Die meisten haben sie zurück gelegt. (lacht)
Max: Nenn den Artikel bitte „Wolf Mountain sind noch schlimmer, als du es dir jemals vorgestellt hast.“

Seitdem wir zum letzten Mal gesprochen haben: Wie viele neue Bands habt ihr gegründet?
Kevin: Gar keine.
Max: Seit letzten September? Ich glaube keine.
Kevin: Okay, da gibt’s eine von der du glaube ich noch nichts weißt. Aidsregen. Aber die haben wir genau zwölf Tage vor dem Gespräch gegründet.
Max: Da gibt’s auch eine Platte. Aber die ist verschollen, die hat niemand jemals gehört.

Vor über einem Jahr sagte Max, dass ihr den Hype um Die Nerven für die nächste Platte komplett ausblenden wollt. Habt ihr das geschafft?
Julian: Ja und nein.
Max: Was passiert ist, ist passiert und ich glaube, dass das auf irgend eine Weise auch in Out drin steckt. Aber als es wirklich an die neuen Aufnahmen ging, hatten wir das Brimborium der vergangenen Monate schon hinter uns gelassen. Wir waren wieder entspannt.

Wie wird man so etwas denn los?
Max: Indem man sich auf das besinnt, für das man den Scheiß macht.

Und warum macht ihr den Scheiß?
Max: Einfach aus Spaß.
Kevin: Wir wollen auf keinen Fall durch diese ganze Aufmerksamkeit ein Album machen, das der Erwartungshaltung gerecht werden will. Oder sie auch nur rechtfertigt.
Julian: Indem man es einfach macht, ohne darüber nachzudenken.
Kevin: Ich glaube, es hat uns geholfen überhaupt wieder anzufangen, einen Plan zu haben und einfach Songs zu schreiben.

Eure Musik klingt ohnehin eigentlich so, als sei euch die Liveshow wichtiger als eure Alben.
Max: Live zu spielen erinnert einen auch jedes Mal daran, warum man Musik macht—aus Bock.

Trotzdem klingt ihr auf Out erwachsener, im besten Sinne kalkulierter.
Max: Wir haben natürlich reflektiert, was uns an Fun nicht gefallen hat. Für mich war es ein pures Brett von Sound. Da fehlte die Dynamik und auch die Eingängigkeit. Uns war klar, dass wir dieses Album tanzbarer machen wollen.

Was kann man im Kontext der Nerven unter „tanzbar“ verstehen?
Kevin: „Barfuß durch die Scherben“.

Das könnte man fast metaphorisch verstehen. Du meinst aber den Song?
Kevin: Ja, die Basslinie steht im Vordergrund. Das ist unser Dancefloor-Song.
Julian: Der Kevin und ich, also die Rhythm-Section, haben im letzten Jahr viele Bands wie !!! oder LCD Soundsystem gehört. Der Groove-Faktor färbt natürlich dann ab. Das wollten wir aber auch. Das brauchte auch ein Stück weit Mut.
Kevin: Obwohl man den eigentlich nicht brauchen sollte, finde ich.

Naja, man muss sich als Musiker schon vertrauen.
Kevin: Ja, das ist verdammt schwer. Den Rhythmus durchziehen zu können und ihn swingen zu lassen. Autsch.
Julian: Das ist aber auch ein Ergebnis der vielen Konzerte. Wir sind uns in unserer Sache sicher geworden. Gerade Kevin und ich in unserem Zusammenspiel.

Das hört man dem Album auch an.
Kevin: Das klingt zwar lame, aber der wichtigste Faktor für Out war, dass wir unser Handwerk heute besser beherrschen. Das schafft Raum für mehr bewusste Entscheidungen.

Welche bewussten Entscheidungen meint ihr konkret?
Max: Zum Beispiel, dass wir eben Dinge besser machen konnten, die wir vor ein paar Jahren technisch noch nicht beherrschten.

Gehört dazu auch das Texten?
Max: Man lernt vor allem, dass weniger zu sagen oft mehr ist.

„Unschuld in Person“ klingt textlich wie vertonte Flucht. Verarbeitet ihr da nicht doch das „Brimborium“ um euch, wie ihr es nennt?
Max: Ich weiß nicht, worum es in dem Song geht. Wirklich nicht. Das ist meistens so. Also: vielleicht ja, vielleicht aber auch nein.

Wie seht ihr denn die textliche Ebene im Vergleich zu früher?
Max: Weniger Frust, was mich betrifft.
Julian: Bei meinen Texten, also der Hälfte, würde ich sagen, dass es mehr Text geworden ist. Früher waren meine Texte sehr kurz, mit vielen Wiederholungen. Für Out habe ich versucht, mich so wenig wie möglich zu wiederholen.

Trotzdem fällt auf, dass ihr euch bewusst wiederholt. Es kommt mir vor, als wäre das euer Zugeständnis an das Popformat.
Max: Das gehört ja auch dazu, das macht Texte ja zugänglich. Aber wir wollten nicht mehr eine Textzeile bis zum Erbrechen wiederholen. Aber das war eigentlich keine bewusste Entscheidung, sondern liegt mehr am Gesamtkonzept.

Stehen die Texte auf Out mehr im Mittelpunkt?
Kevin: Nein, die sind ja ganz leise rein gemischt.
Julian: Klanglich vielleicht nicht. Aber wir setzen sie schon mehr in Szene. Gerade durch die Wechsel zwischen Laut und Leise.

Wolltet ihr den Fokus mehr auf den Ausdruck legen?
Max: Das war eher eine ästhetische Entscheidung. Ich persönlich mag es, wenn manche Stellen leise sind und der Stimme Platz gelassen wird. Überhaupt ist das Album ausgewogener. Wir hauen nicht nur alle drauf, sondern lassen jedem Instrument Platz. Auch dem Gesang.

Was ist das eigentlich auf dem Cover?
Max: Ein Stück Metall in Form eines iPhones.

Medienkritik?
Max: Quatsch, ich weiß nicht warum das da herumgereicht wird. Das war ein Bild, das vor unserem inneren Auge irgendwie passte. Aber ich bin da offen für jede Rezeption.

Ich habe mich im Vorfeld gefragt, ob das Album explizit auf politische Themen in Deutschland eingehen wird. Es gibt genug zu besprechen und zumindest Max kenne ich als politisch interessierten Menschen. Was hält euch davon ab?
Max: Dass das Album zeitlos sein soll. Tagespolitik ist in der Hinsicht problematisch. Man soll es auch noch in zehn Jahren hören können.
Julian: Es geht meiner Meinung nach um etwas politisches, aber eben um einen anderen Aspekt davon.
Kevin: Das Politische im Inneren.

Was ist das?
Julian: Wie du selbst auf gewisse Dinge reagierst. Du läufst durch die Stadt und alle Leute sind komisch. Du bist schlecht gelaunt. Warum? Das ist auch politisch. Aber dieses Gefühl kann sich auf die heutige Tagespolitik genau so beziehen, wie auf die in zehn Jahren.


Foto: Sander Baks

Das Private ist politisch?
Julian: Ja, schon. Wenn du das so sagst, klingt das aber echt bescheuert.
Max: Mir reicht es nicht, mich in Songs auf Realpolitik zu beziehen. Es geht mir darum zu zeigen, wie die politische Ebene auf den Menschen wirkt. Auch auf die Zwischenmenschlichkeit. Und darum geht es bei uns sehr wohl.

Wenn man Fun mit diesem Anspruch hört, war zu der Zeit alles ziemlich kacke.
Julian: Vielleicht schon. Aber ist es auch politisch, wenn ich angepisst bin, weil ich in Stuttgart keine günstige Wohnung finde? Ja, ist es. Aber im Moment, in dem ich einen Song schreibe eher nicht. Auf zweiter Ebene dann schon.

Aber ihr glaubt schon, dass Musik der richtige Ort für Politik ist?
Max: Ja, schon. Aber nicht, wenn sie allumfassende Ansichten vermitteln will. Der Julian wird mich jetzt hassen, aber mit so Schorsch-Kamerun-Texten kann man mich jagen.
Julian: Wieso? „Wenn ich ein Turnschuh wär“ oder „Das bißchen Totschlag“ sind doch der Wahnsinn.
Max: Das geht noch klar. Aber sein Soloalbum und die späteren Zitronen finde ich auf textlicher Ebene überhaupt nicht geil.
Julian: Ja, er ist dann irgendwann zu sehr ins persönliche Angepisst-Sein abgetriftet. Ich mag ihn, wenn er die großen Sachen anpackt.
Max: Wenn es darum geht, dass sie sich im Goldenen Pudel zerstritten haben und ihm jetzt ein Stockwerk fehlt, ist das nicht mein Fall.

Da kommt das Zeitlose wieder ins Spiel, oder?
Julian: Wenn es nur um Investoren in Hamburg geht, ist das okay. Er kann ja machen was er für richtig hält, aber das sind Texte für eine bestimmte Klientel. „Wenn ich ein Turnschuh wär“ hingegen ist zeitlos. Gerade zu dem Flüchtlingsthema zeigt sich das.
Max: Das Video das gerade herauskam finde ich super. Passt auch zu unserem Cover. (lacht)
Kevin: Die Musik sollte zuerst kommen. Dann kann alles in ihr stattfinden. Ich finde auch die Ansichten der Dead Kennedys sehr charismatisch. Aber heute merkt man, dass die in eine andere Zeit gehören. Mit Reaganomics haben wir nichts mehr zu tun. Wir wollen deshalb jetzt keine Merkelnomics-Platte machen.

Bezieht „Den Tag vergessen“ nicht auch Stellung?
Julian: Ja, ich glaube, dass der das Klima hier ganz gut trifft. Aber das läuft eher auf der Gefühlsebene ab, wie wir es eben beschrieben haben.

„Sie haben ein Problem mit Problemen“? Für mich der Satz, der vieles in Deutschland auf den Punkt beschreibt.
Kevin: Das nimmt Bezug auf die Wohlfühldeutschen, die nichts sehen und hören wollen, was sie aus ihrer Idylle aufschrecken könnte.
Julian: Aber jeder kann das anders wahrnehmen. Die Texte sind schon bewusst ambivalent gehalten.

Die Zeile „Manche haben sich was in die Ohren gesteckt“ fällt mir dazu noch ein. Selbes Thema?
Max: Mich erinnert das immer an den Blick von der Bühne, wie die Leute sich vor dem Klang schützen wollen. Etwas, das ich nicht verstehe. (lacht)
Julian: Ich habe den Text nicht aus der Perspektive geschrieben.
Max: Interessant, wir haben ja noch nie darüber gesprochen. Siehst du, sogar wir verstehen unsere Texte verschieden.
Julian: Mir ging es um eine Haltung. Draußen geht die Welt unter und drinnen läuft die Musik. Dabei ist dir alles egal.
Kevin: Ich dachte immer, in dem Song geht es um Autoritäten. Die gegen die Vernunft handeln, aber nun einmal so, wie man es ihnen aufgetragen hat.
Max: Niemand versteht’s. Am Ende kommt dann so ein Kritiker wie du und schon ist es ein politischer Song. (lacht)

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