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Ein Interview mit einer Wiener Stripperin

Du liegst vor ihnen, spreizt die Beine und sie lassen den coolen Macker raushängen und schauen abschätzig, auf die Art: „Und? Mehr hast du nicht zu bieten?“

von Fredi Ferkova
02 September 2015, 9:50am

Ja, sowas kann sie. Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Stella

Strippen ist etwas, was der durchschnittliche Mensch höchstens heimlich macht. Poledance hingegen hat gesellschaftlich schon mehr an Relevanz bekommen, aber hey—das ist natürlich nicht sexy, das ist Sport. Wir alle wissen, dass es Stripperinnen gibt, aber kaum jemand kennt sie privat. Stella tanzt seit zehn Jahren in ganz Österreich. Angefangen hat sie als GoGo-Tänzerin, mittlerweile strippt sie auch. Was der Unterschied ist, erklärt sie später im Gespräch. Ihr Job ist ihre Leidenschaft, weshalb sie vor vier Jahren ihre Agentur Stella von Sydney gegründet hat. Im privaten Leben genießt sie Zeit mit der Familie, studiert und macht gerne Sport. Wir haben uns mit ihr getroffen, um über den Job, die seltsamsten Wünsche, den typischen Kunden und den Einfluss auf ihr Privatleben zu besprechen. Entstanden ist ein langes und offenes Gespräch über die Branche und das ganze Drum-Herum.

Noisey: Wie kann man sich eine Tänzerin privat vorstellen?
Stella: Die meisten, die ich kenne, einschließlich mir, sind privat gerne ungeschminkt und tragen flache Schuhe. Ganz normale Mädels halt, die sich auch eine normale Beziehung zu einem Mann wünschen. Viele Tänzerinnen sind auch Single und es ist auch Grundkonsens, dass es ohne Freund einfacher ist. Mein Ex zum Beispiel, wollte immer nur Tänzerinnen haben. Sie für sein Ego vom Podest holen. Und dann weiter erobern—ich durfte nicht mehr tanzen. Da hat man mit vielen Männern zu tun, die so und ähnlich sind.

Wie hast du mit dem Strippen angefangen?
Ich habe meine erste Tanzeinlage mit 13 in der Disco gesehen. Ich habe davor schon total gerne getanzt, ab da wusste ich, ich möchte das machen. Mit 21 habe angefangen als GoGo-Tänzerin zu arbeiten. Und dann war ich da irgendwie drinnen. Es erzeugt ja eine gewisse Sucht—du bist da oben auf der Bühne, alle jubeln und schreien dir zu—dein Ego gewöhnt sich an die Arbeit. Als Single war ich nie unglücklich, ich vermisste nichts. Die Kunden waren sehr nett und lieb zu mir. Diese Bestätigungen meiner Kunden reichten mir vollkommen. Ich bin eine ganz normale Frau an den meisten Tagen im Monat. Aber wenn ich tanzen kann, das ist meine Möglichkeit meinen inneren Freak auszulassen. Ich war schon immer eine Extremistin, es ist in mir drinnen. Ich würde es nicht missen wollen. Einmal habe ich für einen Mann aufgehört zu tanzen—das würde ich nie wieder tun. Denn ein Mann sollte eine Frau so akzeptieren wie sie ist.

Welche Lokale oder Veranstalter buchen dich meistens?
Meistens sind das Discotheken, in denen wir GoGo- und Pole-Dance tanzen—reines Animationsgetanze also. Viele andere Kunden buchen uns auch für ihre Polterabende und Geburtstage, da machen wir dann die klassische 15-minütige Striptease-Show. In letzter Zeit ist es auch so, dass viele aus Deutschland nach Österreich zum Poltern kommen, da in ein Hotel einchecken und dort eine Stripperin haben wollen. Die Stripteaseshow „Housekeeping“ ist da sehr beliebt. Oder sie wollen die Stripperin in einer Limousine tanzen lassen. Hier ist die „per Anhalter Show“ sehr beliebt. Hierfür macht die Limousine, die schon etwa 20 Minuten mit den Gästen durch Wien fährt, eine Zigarettenpause. In dieser Zeit steigt dann die Stripperin, getarnt als zufällig dort stehende Passantin, dazu.

Unten geht´s weiter...

Und welches Kostüm ist das meist gebrauchte?
Das Polizei-Kostüm. Ganz klassisch. Bei den Älteren ist es lustigerweise das Krankenschwesterkostüm. Also für die 60- bis 70-Jährigen wird gerne die Krankenschwestern gebucht. In dem Alter fangen die ersten Wehwehchen an und das empfinden die Freunde des Betanzten lustig. Einmal war ich bei einem Polterabend, die waren so an die 40, die wollten von mir, dass ich einen Schlauch mit einem Sack oben zur Show mitnehme. Ich wusste nicht, was das ist. Er erklärte mir, dass das ein Gerät für einen Einlauf ist und ich musste so tun, als würde ich dem Bräutigam anal einen Einlauf verpassen. Das war deren Inside-Joke. Natürlich habe ich keinen wirklichen Einlauf gemacht.

Es ist ja dann meistens eine Überraschung für den Betanzten. Wie sind da die Reaktionen?
Es ist eine Mischung aus Angst und Aufregung. Ich weiß halt, dass die, die am Sessel sitzen, in einer Ausnahmesituation sind. Der Sessel auf dem sie sitzen ist zu ihren Freunden gedreht und alle ihre Freunde schauen sie an. Viele wollen die Stripperin nicht angreifen. Doch oft rufen die Freunde während der Show hinein „Los, greif sie an, das ist deine letzte Chance!“. Ich gehe dann meistens am Anfang der Show, ganz nah ran und flüstere ihnen ins Ohr: „Alles OK, das machst du gut, keine Angst, ich führe dich.“ Damit breche ich ein bisschen das Eis und somit können sie die Show genießen.

Gibts eigentlich Stammkunden? Also Menschen, die dich immer wieder buchen?
Ja, habe ich. Viele Kunden, die bei meiner Agentur gebucht haben und mich einmal tanzen und in Aktion gesehen haben, buchen immer wieder bei mir. Ich mache das Ganze mit Herz und Hirn und das meine Kunden. Sie sind jedes Mal aufs Neue sehr zufrieden. Nördlich von Wien gibt es ein paar Dörfer, in denen viel gepoltert wird. Ich werde in diesen Dörfern seit zehn Jahren immer wieder gebucht. Da kann man schon sagen, dass ich eine kleine Freundschaft entwickelt hat.

Und wurdest du schon von Mädchen gebucht, wenn wir jetzt bei den privaten Buchungen sind?
Ja, ja. Von Mädchen genauso. Das ärgste was ich da erlebt habe: Ein Mädchen hat mich angerufen und wollte eine Show für einen Freund. Sie meinte sie sind nur zu dritt und machen eine Feier. Und sie wollte eine Tänzerin, die nachher mit ihrem Freund ins Nebenzimmer geht und ihm einen bläst. Um sehr wenig Geld. Ich habe dann herumtelefoniert und ein Mädel gefunden, die das macht. Hat dann gut geklappt. Das hat eigentlich nichts mit unserem Business zu tun, da wir ja reine Tänzerinnen sind. Es war ne echte Ausnahme und ich habe den Leuten trotzdem gerne geholfen.

Wenn du privat gebucht wirst, dann wirst du von den Leuten ja erwartet. Wie sind die Reaktionen der Partygäste in einer Diskothek, die jetzt nicht genau wissen, dass eine Tänzerin auftreten wird?
Es ist immer schwieriger, wenn Männer und Frauen im Publikum sind. Wenn Männer zum Beispiel poltern, dann trauen sie sich zu zeigen, dass es ihnen gefällt. Kaum sind Frauen anwesend, gehen Männer einen Schritt zurück, weil die Frauen eifersüchtig reagieren könnten. Und in Diskotheken ist es ja auch so, dass da eher jüngere sind. Also Männer, die in der Pubertät sind—gemischt mit Alkohol tut das oft auch nicht so gut. Es ist dann auch so, dass wir beim Gehen den Hintern und die Mumu mit der Hand bedecken müssen, weil sonst manche Gäste mit ihren Händen hingreifen würden. Und blöde Anmachsprüche sind auch normal. Es gibt dann schon vereinzelt Burschen, die unten stehen und uns anhimmeln, aber es sind mehr die Frauen, die uns anschauen. Beim GoGo-Tanzen muss man top aussehen. Beim Striptease kann man noch ein kleines Bäuchlein haben. Da wird das verziehen. Beim GoGo-Tanzen wird Makellosigkeit erwartet. Sonst kann es schon sein, dass man mit Eiswürfeln abgeschossen wird—das kommt aber auch ganz selten vor.

Was? Wenn die Tänzerin nicht gefällt, wird sie mit Eiswürfeln abgeschossen?
Ja schon. Also speziell im Praterdome, war das so an einem Donnerstag—da waren auch arge Leute dort—da wurden wir sorgar beschimpft, angespuckt und so. Eine handfeste Auseinandersetzung zwischen Tänzerin und Gast gab es leider auch. Diese endete vor Gericht. In Discotheken passiert leider mehr als auf privaten Feiern.

Wie ist die Stimmung, wenn du mit der Show fertig bist? Bleibst du dann noch dort?
Also meistens ist die Party noch verhalten, bevor ich anfange. Nach einer Show stoßen alle an, alle sind lockerer, die Stimmung ist feierwütiger. Es ist ja auch meistens so, dass alle neugierig auf mich sind. Wie ist die Stripperin so, woher ist sie, was macht sie. Ich bin ein sehr offener Mensch, habe mir aber ehrliche Antworten abgewöhnt. Man sieht so richtig, wie die Illusionen der Männer zerstört werden, wenn ich über mein Studium oder mein Leben, meine Familie spreche. Also sie gehen dann einen Schritt zurück, wenn ich mal sage, dass ich studiere. Sie wollen das nicht hören. Ich verkaufe ja doch auch eine Illusion und obwohl sie mich fragen, wollen sie das nicht wirklich hören. Und diese Illusion möchte ich bis zur letzten Minute bewahren. Lügen möchte ich auch nicht, also gebe ich auch gerne zweideutige Antworten.

Und du hast ja gemeint, dass es selten aber doch vorkommt, dass eine Stripeinlage in der Diskothek gebucht wird. Wie reagieren dann die Gäste? Wenn es ein Stück nackter wird?
Hm, also einmal hat mich ein neues Lokal gebucht hat und die wollten einen Strip. Und im Publikum waren Frauen und Männer. Die waren zutiefst geschockt.

Macht man da weiter?
Ja sicher. Also man versucht sich nach dem Publikum zu richten, aber eigentlich geht man dann am Ende zur Chefin oder Chef des Lokals und sagt auch, dass Striptease vielleicht zu viel war—und empfiehlt dann zum Beispiel „Sexy Service“. Da sind die Tänzerinnen unter den Gästen, stoßen mit ihnen an und beleben die Stimmung so. So verlieren die Kunden die Angst vor den attraktiven Tänzerinnen und man kann dann auch bei späteren Buchungen das Programm heißer gestalten. Ich habe auch Lokale, die buchen nur „Sexy Service“, weil architektonisch kein Platz für eine Tänzerin ist. Ich schaue mir schon jedes Lokal einzeln an und versuche das Beste für den Inhaber oder Besitzer des Lokals zu finden sonst. Eine gute und individuelle Beratung ist mir sehr wichtig.

Und welchen Musikrichtungen begegnet man, wenn man zum Tanzen gebucht wird?
Bei Privatfeiern kann sich jede Tänzerin ihre Lieder für den Stripteaseauftritt zusammenstellen. Ich empfehle den Girls oft das Lieblingslied, da man sich da am wohlsten fühlt. In Diskotheken ist es meistens House zur dem man tanzen muss. Einmal wurde ich in einen Weinkeller gebucht, dort haben sie Schranz gespielt. Das Tanzen fällt dazu sehr schwer. In so einem Fall sollte man sich einfach sexy bewegen und posen.

Also es wird jede Musikrichtung angenommen?
Als Profi-Tänzerin muss man sich zu jeder Musik bewegen können. So ist der Job. Ich habe auch Auftritte gehabt wo es Aprés-Ski Musik gespielt hat. Da kann es schon mal passieren, dass wir von dem Podest runter hüpfen und das rote Gummiboot mit den Gästen tanzen.

Also rotes Gummiboot nachmachen ist schon hart. Kommen auch so spezielle Wünsche von Kunden? Also ganz spezielle?
Einmal wurde ich von einem total lieben Typen gebucht. Er meinte, dass er und seine Freunde keine Stripperinnen gewöhnt sind. Deshalb haben die sich überlegt, dass sie ihren Polterabend in einem Lokal verbringen, in dem man Rittersessen kann. Dort sollte ich mich wie ein Burgfräulein anziehen und den Bräutigam mit der Hand füttern soll. Sein Polterabend-Spiel war, dass er essen und trinken muss, aber seine Hände nicht benutzen darf. Also habe ich ihn gefüttert. Es war aber ein total cooler Job, weil die Partie so nerdig war. Das Beste war dann, dass der Bräutigam nach einer Stunde poltern von seiner Braut angerufen worden ist, dass die Katze einen eptileptischen Anfall hat. Daraufhin ist er gegangen und ich bin mit seinen Freunden sitzen geblieben.

Ist es schon mal passiert, dass jemand zu besoffen war?
Ja, ja. Da fällt mir der nächste skurille Job ein. Ich wurde in den 22. Bezirk gebucht, zu einer Geburtstagsparty. Das waren Zwillinge, die ihren 18. Geburtstag gefeiert haben—das habe ich nicht gewusst. Ich habe schon beim Ankommen gemerkt, dass das Geburtstagskind schlimm nach Kotze roch. Ich war mich dann im Keller umziehen—dann stand ein 17-jähriges Mädchen neben mir, das mir betrunken angefangen hat zu erklären, dass Kokosöl am besten für Analsex ist. Ihre Schambehaarung hat sie mir auch gezeigt. Dann hat sie gefragt, ob sie auch strippen kann—sie war ein bisschen stärker—ich habe ihr erklärt, dass sie für Burlesque ideal wäre.

Oh shit. Also man geht schon davon aus, dass du als Stripperin komplett offen für solche Gespräche bist.
Ja, das auf jeden Fall. Ich bin da ja auch total offen. Sie hat mir dann erzählt, dass sie ein Problem mit dem Kommen hat. Und als sie ihre Mutter diesbezüglich gefragt hat, hat die zu ihr gesagt: „Oh scheiße, das ist vererbbar.“ Also ja auch sowas erlebt man. Und dann habe ich oben den angekotzen Typen betanzt.

Wie geht man damit um?
Je weniger die Leute hingreifen, desto näher kommen wir. Wenn ein Typ so nach Kotze riecht, dann bleib ich einfach so weit weg wie möglich. Aber die 18-jährigen Betrunkenen sind mir lieber wie die 70-Jährigen. Die sind schlimm.

Wieso?
Also man kann es so zusammenfassen: Die 18-jährigen sind komplett aufgeregt, die zittern teilweise. Bei den 30-jährigen—also da muss man schon mit mehr kommen. Die haben einiges gesehen. 60-70-jährige—nicht alle aber doch einige—können schnell ungut werden. Die wollen hingreifen, sind abwertend. Du liegst vor ihnen, spreizt die Beine und sie lassen den coolen Macker raushängen und schauen abschätzig, auf die Art: „Und? Mehr hast du nicht zu bieten?“

Wie reagiert man auf deinen Beruf im „normalen“ Leben?
Ich muss sagen, je gebildeter die Menschen sind, desto eher können sie damit umgehen. Junge Mädels sind zum Beispiel oft extrem eifersüchtig. Ich vergewissere mich vor jedem Auftrag, ob der Betanzte eine Freundin hat und ob diese anwesend ist.

Danke für das Gespräch!

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