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A Big Night Out.... bei den UK Twerking-Meisterschaften

Sagt das irgendetwas über unsere Kultur aus, oder sind das einfach nur ein paar Ärsche beim Kriegstanz?
29.11.13

Es gab mal eine Zeit in der Twerking nur eine absurde, hypersexuelle Tanzart war, von der man höchstens mal was in Dirty South Raps gehört hat. Twerken kam in unserem Wortschatz nicht häufiger vor als „Lean“ oder „Guap“. Nur die Wissenden—die Neu-Amerikanophilen, die immer auf der Suche nach Trel Freestyles und WorldStar-Videos waren—wussten wirklich Bescheid. Klar, JT hat Twerking in „Sexy Back“ erwähnt, und das war immerhin einer der größten Songs des ganzen Jahrzehnts. Aber diese Zeile war Müll, denn das Wort wurde meistens als „Work“ verstanden. Wenn man den Unterscheid zwischen Young Money und Cash Money nicht kannte, hätte man wahrscheinlich sowieso nicht verstanden, was ein „Twerk Team“ ist.

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Als später dann ein junger, weißer, amerikanischer Popstar seinen Disney-Club-Po am ziegenbärtigen Teufel der Feministinnen rieb, schaffte das Wort den Durchbruch im Wortgebrauch der Mittelschicht. Binnen Sekunden hatte es sich auf Twitter ausgebreitet, wie Bobby Thickes Hand auf dem Arsch eines Groupies. Selbst wenn du Twitter nur benutzt, um Fußballergebnisse zu checken, wirst du diesen Shitstorm postfeministischer Kritik, und all die Buzzfeed-Gif-Posts, die darauf folgten, bemerkt haben.

Journalisten haben sich endlose Meinungsartikel aus dem Arsch gezogen und die Leser fragten sich warum. Das Oxford Dictionary nahm das Wort in die aktuellste Ausgabe auf, und irgendwann im Jahre 2015 wird Jo Brand auf der Bühne ihrer Live At The Apollo twerken. Twerking wurde von etwas, das man auf Hauspartys in Atlanta machte, zum neuesten amerikanischen Exportschlager; es ist das neue Coca-Cola oder das neue „Bush ist Scheiße“.

Aber als ich hörte, dass zum ersten Mal Twerking Meisterschaften in Großbritannien stattfinden sollten, habe ich mich entschlossen, all den Bullshit zu vergessen und meine eigenen Erfahrungen mit dieser Kultur zu machen. Obwohl ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht sicher war, ob das Twerken überhaupt irgendeine Kultur repräsentiert, oder ob Großbritannien überhaupt so etwas wie Kultur, abgesehen von Menschen, die kulturelle Artikel in den sozialen Netzwerken teilen, besitzt.

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Highlights von der UK Twerking Meisterschaft

Das Event wurde von der „HipHop Media, Sports & Entertainment Destination“, die für ihre Rap Battles am gleichen Veranstaltungsort, das The Scala bei King’s Kross in London, bekannt sind. Vermutlich hatten sie die Nase voll von Typen die Caps im Partnerlook tragen und einander ihre Eltern niedermachen und haben deshalb beschlossen, einen Rahmen zu schaffen, in dem sich Leute mit ihren Ärschen bekriegen können.

Für alle, die noch nie in The Scala waren: Es handelt sich hier um eine von diesen mittelgroßen Vielzweckhallen im Zentrum Londons, die eine Sicherheitsschleuse mit Metalldetektoren haben und in denen aus Sicherheitsgründen Becks aus Plastikflaschen in Plastikbecher umgefüllt wird. Bevorstehende Veranstaltungen sind unter anderem Har Mar Superstar, The View und Ultimate Karaoke. Ich habe gehört, dass hier auch coole Events stattfinden sollen, aber trotzdem gehört The Scala nicht unbedingt zu den „supersexy“ Läden. Als ich ankam, erinnert mich die Szenerie, mit ihrer provisorischen Bestuhlung und der grellen Beleuchtung eher an Mastermind, als an ein Set von den Ying Yang Twins. Die Tatsache, dass ich, verglichen mit den Tänzern, angezogen war wie ein tragisches Überbleibsel aus einem 90er-Jahre-Infovideo, hat mir auch nicht dabei geholfen über das Unglück hinwegzukommen, dass der MC gerade verkündete: „Keiner von euch Idioten darf auf die Bühne.“ Aber was soll man denn als Mann schon auf eine Twerking Competion anziehen? Mein Häftlingsanzug war zu diesem Zeitpunkt in der Reinigung und ich war auch nicht gekommen, um neue Freunde zu finden.

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Glücklicherweise hat sich der Rest des Publikums mehr Mühe gegeben. Vor allem die Mädels haben sich in Post-Rihanna, Punk-meets-Dancehall-meets-Fantazia-Rave-Outfits geworfen. Bauchfreie Tops, schwarze High-Waist-Leggings, Stacheln, Nieten und Shirts mit Sprüchen waren an der Tagesordnung. Wenn ich Moderedakteur wäre, würde ich wahrscheinlich schreiben, dass ich in einer komischen Mad Max Todeskampfszene, mit einer Menge Andre-3000-Ghettofans und ihren Cyborg-Dominas gefangen bin. Aber so bin ich nicht. Ich schreibe einfach, dass es hier echt wie auf tumblr aussieht.

Zum Glück gab es aber diesen Typen hier. Jeder der hier in seiner Alltagskluft aufgetaucht ist und feststellen musste, dass er dringend seinen Swag aufdrehen muss, konnte sich bei ihm helfen lassen. Es ist gut zu wissen, dass es eine ganze Armee an Leuten gibt, die ihr Geld damit verdienen, die Teenie Tatler Erben, die ihre Perlen und Schätze gegen den „Society Debutantin-Cum-Model, das gerade Tupac für sich entdeckt hat“-Look eintauschen, auszunehmen.

Drinnen in der Arena wächst derweil die Anspannung. Die ersten Mädels bringen sich vor den Kameras in Stellung und dehnen sich wie Formel 1 Rennfahrer vor einem Rennen. Diese Aufwärmphase ist für das Publikum auch eine gute Chance, die Mädels mal in Ruhe anzuschauen, bevor alle im The Scala komplett hohl drehen.

Die Mädels recken ihre Hinterläufe- und Teile in die Menge, die aus gezückten iPhones besteht—bestimmt keine Situation, die auf Anerkennung in Feministinnen-Foren stoßen würde. Die Frauen sind aber voll dabei, und das Publikum besteht übrigens nicht nur aus Männern. Wenn ihr mich fragt, dann geht es hier mehr um physische Bestätigung, als um Versachlichung, aber trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack. Es ist einfach „problematisch“, wenn Teenie-Mädchen mit ihren Ärschen in Richtung Smartphone-Kameras wackeln.

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Das „Team Lengman“ machte sich auch gerade für den „Hood Zen“ bereit. Sie sagen, sie würden die Sturmmasken tragen, um sich selbst zu schützen (waren deren Mütter in der Halle?). So kamen sie unfreiwillig zu einem ziemlich guten Look: eine Art „High Street Paramilitär“-Swag, den sich RiRi und Johnny „Mad Dog“ Adair auf einem Inselbauernhof erträumt haben könnten. Eine Kollektion für alle, die gut aussehen wollen, während sie Dealer übers Knie legen.

Die Sturmmasken haben für das Team Lengman perfekt funktioniert. Wenn man es richtig macht, ist das Twerken ein sexuell aggressiver und anstößiger Tanz, mit dem es nur die selbstbewusstesten und virilsten unter den Männern aufnehmen würden. Es sieht nicht aus wie Miley Cyrus, die sich vor den Jonas Brothers räkelt wie ein sterbender Fisch. Dieser physische, unverhohlene Ansatz fehlt den neueren Versionen des Twerkings, die ungefähr so viel mit dem Twerking gemein haben, wie ein Typ, der sich beim Tanzen in die Hose geschissen hat, mit einem New Yorker B-Boy Original, oder Lionel Blair, der Gene Kelly mimt.

Wenn man sich das ganze Drumherum ansieht, stellt man sich automatisch die Frage, ob Twerking-Wettbewerbe den Grundstock hätten, internationale Sportevents zu werden. Vielleicht wird das Twerking den gleichen Weg einschlagen, wie Disco seiner Zeit: Aus dem Underground kommen, von Fashionistas adaptiert im Mainstream landen, und zu einem globalen Phänomen anwachsen, bis es letzten Endes in Mehrzweckräumen von Pubs stagniert, nur um Jahre später von nostalgischen Kids wiederbelebt zu werden, die plötzlich die Liebe zur Musik ihrer Eltern wiederentdeckt haben.

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Ich fragte mich, wo die Mädchen diese Moves gelernt haben, und wo sie diese trainiert haben. Ich kam nicht darum herum, mich zu fühlen, als wäre ich mitten im Höhepunkt einer dieser Tanzfilme gelandet, die am Sonntagnachmittag im Privatfernsehen laufen. War das, was ich gerade sah, der Gipfel jahrelanger Hoffnungen, Träume und unerbittlichem Training? Oder bin ich hier auf einem hastig organisierten Event, das die Welle des Twerking Hypes mit abreitet?

Die Menge war außer sich und riss ihre iPhones wie Fackeln in die Luft. Endlich kam das The Scala so nah an ein Christina-Aguilera-Video heran, wie ich es mir als Teenager immer erträumt hatte.

Die Jury bestand aus einer Gruppe von Leuten aus dem Musikbusiness und Tanzexperten. Die Namen habe ich wegen dem Lärm in der Halle nicht verstanden, aber die Choreographin von Lily Allens neuestem Twerking-Video, ein Typ der für Spearmint Rhino arbeitet und ein anderer Typ aus dem Musikbusiness, der schon „mit großen Namen“ gearbeitet hat, waren dabei.

Ich hatte den Eindruck, als ob es eher ihre Verfügbarkeit, als ihre Expertise waren, die sie in diese Jury brachten, aber die gab es ohnehin nur um die Protzigkeit zu feiern, ähnlich wie bei den Fake Jurys am Ende eines PlayStation Box Matches.

Als die Jury nach jeder Runde die Gewinner bekannt gab, begann auch das Publikum, den Ablauf zu verstehen. Ab und zu sprachen die MCs die Twerkenden direkt an. Diese waren alle möglichen Teenies aus ganz London, und außerdem ein Mädchen aus Manchester und eines aus Litauen. Die Menge offenbarte auch direkt ihre Vorlieben: Süd London bekam den größten Applaus, während Litauen am wenigsten bekam. Ich glaube, die guten Leute aus Vilnius haben nicht viel Liebe für das Twerk Game über…

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Die Konkurrenz aus Litauen hatte einen Twerking-Ansatz, der ein bisschen weniger Eier hatte als der von Sasha Go Hard. Aber aus irgendeinem Grund gefiel es den Leuten sehr gut, obwohl ihre Moves zum Großteil daraus bestanden, ihre Haare zu schütteln, wie ein Löwe, der gerade aus dem Pool kommt.

Interessanterweise, war die Musik des Abends nicht unbedingt aus dem traditionellen Twerking-Umfeld. Abgesehen davon, dass die DJs den Tänzerinnen die Wahl zwischen „Bashment und HipHop“ ließen, wählten fast alle Bashment. Vielleicht wohnte ich ja gerade einer sehr UK-lastigen Form bei und die Mädels hatten zu ihren Dutty Wining Skills, die sie vom Notting Hill Carnival her kennen, noch ein bisschen Twerk hinzugefügt.

Etwas, das für mich aussah wie der Versuch, auf einen Pick Up aufzuspringen, war eigentlich eine Art freie Interpretation, ähnlich wie das königliche Ballett, das sich manchmal an modernem Material versucht. Das war Twerking, aber mit britischem Akzent, und deshalb war es kulturell und musikalisch gesehen viel interessanter, als es ohne gewesen wäre.

Also, was habe ich gelernt? Wenn laute Musik in einer Club-Umgebung läuft, werden einige Leute ihren Arsch im Takt zu dieser Musik bewegen. Vieler dieser Leute werden Frauen sein, aber es wird auch Männer geben. Manchmal werden die Männer versuchen, mit den Frauen zu tanzen. Manche von ihnen werden getrunken haben.

Im Grunde habe ich nichts gelernt. Es ist nur ein verdammter Tanz. Was sollte ich lernen? Leute tanzen zu Musik in einem Club. Haben wir bei Macarena etwas über die Erfahrungen von Migranten in Clintons Amerika gelernt? Hat jemand etwas über das Leben in Spanien nach Franco von Las Ketchup gelernt? Natürlich nicht.

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Der Versuch, Antworten auf Gender- oder Rassismusfragen auf einer Twerking-Veranstaltung zu finden, ist wie auf einem Iron-Maiden-Konzert nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Du wirst einen Fick lernen. Genieß es einfach, als das was es ist: ein Tanz. Es ist das gleiche, was Joe Hart bei was-auch-immer-das-ist oder Abby Clancy beim Salsa Tanzen in Strictly macht.

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